Leben > PartnerschaftGuter Sex und sein Geheimnis: Warum es aufs Reden ankommt Sigrid Schulze Zu gutem gehört auch schlechter Sex, findet die Paar- und Sextherapeutin Dr. Ines Schweizer aus Luzern, Mit-Autorin des Buches «Guter Sex». Sie lüftet für uns das Geheimnis des Glücks im Bett. Das Interview erschien erstmals 2015; im Anschluss ordnen wir es redaktionell ein. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Guter Sex ist Sex, der glücklich macht. Foto: Digital Vision, Photodisc, Thinkstock Im Gespräch mit Sexualtherapeutin Ines Schweizer Frau Dr. Schweizer, warum wollen wir Sex? Sex gehört ebenso zu den Grundbedürfnissen wie Essen und Trinken. Ohne Sexualität hätte sich die Menschheit nicht fortgepflanzt. Die individuellen Gründe, miteinander Sex zu haben, sind dagegen so vielseitig wie die Menschen selbst. Sex kann zum Beispiel rein triebgesteuert oder emotional sein. Sex kann aber ebenso materielle Ziele verfolgen, nicht nur in der Prostitution, auch in Partnerschaften. Manchmal haben Menschen Sex, damit der Partner seine unausstehlich schlechte Laune verliert. Umgekehrt lässt sich mit Sex Stress abbauen. Doch nicht jeder Sex ist guter Sex … Guter Sex ist Sex, der glücklich macht. Er geschieht ohne Absicht – allein um der Sache willen. Bei gutem Sex geht es um etwas Gemeinsames, um ein Zusammenspiel, das die sexuellen Wünsche beider Partner berücksichtigt. Wie lässt sich in diesem Sinne guter Sex praktisch umsetzen? Um guten Sex zu haben, muss man auch schlechten Sex haben und gehabt haben. Ich meine damit, dass es wichtig ist, Erfahrungen zu sammeln. Nur mit einer gewissen Neugierde und Offenheit lässt sich herausfinden, was sich gut anfühlt – und was nicht. Gute Sexpraktiken sollen sicher auch nicht stets die gleichen Sexpraktiken sein. Immer Steaks zu essen, wäre auch langweilig. Sind also Neugierde und Offenheit das Geheimnis von gutem Sex? Nein, ich würde sagen: Das Geheimnis von gutem Sex ist Kommunikation. Damit Sex als erfüllend erlebt wird, müssen sich Partner darüber austauschen können, was gefällt und was weniger gefällt. Ist Kommunikation sogar wichtiger als Liebe? Um die Liebe zu erhalten, ist Kommunikation notwendig. Am Anfang der Beziehung, in der Verliebtheitsphase, lässt sich vieles häufig einfach so klären. Doch wenn der Alltag mit seinen Anforderungen eintritt, muss man miteinander reden. Über Sex zu reden, fällt vielen Paaren schwer. Absolut! Paaren fällt es nicht nur schwer, über Sex zu reden, sondern auch, sich über andere Themen konstruktiv miteinander auszutauschen. Mit zunehmender Beziehungsdauer werden langsam auch negative Seiten des Partners sichtbar. Darüber hinaus häufen sich unter Stress Missverständnisse. Wer nicht aufpasst, kommuniziert bald mal destruktiv und verletzend. Dazu gehört, den Partner nicht ausreden zu lassen, nicht zuzuhören, einander Vorwürfe zu machen. Doch es ist grundsätzlich wichtig, gut zu kommunizieren – im Alltag genauso wie in der Sexualität. Wer im Alltag nicht kommunizieren kann, tut sich auch im Sexleben schwer. «Licht aus – und ich bin ein anderer Mensch» – das funktioniert so nicht. Was lässt sich in diesem Sinne konkret für eine gute Sexualität tun? Es gilt, eine gute Kommunikation zu lernen. Ich-Botschaften statt Du-Botschaften formulieren, offene Fragen stellen, aktiv zuhören, eigene Gefühle ausdrücken – das sind die Stichworte. «Wir haben seit einem Monat keinen Sex mehr gehabt. Das macht mich traurig, weil ich die Nähe vermisse, die Sex schafft», «Du bist heute zum Höhepunkt gekommen, bevor ich in Fahrt gekommen bin. Das frustriert mich. Lass uns überlegen, wie wir zu einem Zusammenspiel kommen können …» Sex-Probleme können aber auch rein körperlicher Art sein … Dann lassen sie sich mit Hilfe konstruktiver Kommunikation besprechen. So finden sich Wege, um mit ihnen umzugehen. Wo und wie lässt sich konstruktives Kommunizieren lernen? Bücher wie «Was Paare stark macht» von Guy Bodenmann helfen weiter. Konstruktive Kommunikation lässt sich darüber hinaus in Paarkursen lernen und üben. Auch Paartherapeuten vermitteln diese Techniken. Was lässt sich tun, wenn ein Partner in die Beziehung investieren will, der andere aber nicht mitzieht? Als Paar- und Sextherapeutin erlebe ich oft, dass zunächst einer der Partner – häufig die Frau – die Initiative ergreift. Erzählen und Reflektieren in der Therapie haben bereits dann viele gute Effekte auf die Partnerschaft, wenn nur ein Partner beteiligt ist. Doch wenn der Kommunikationsstil schlecht ist, genügt es langfristig nicht, dass einer gut reden kann. Früher oder später muss der Partner mitziehen. Therapie lässt sich nur bis zu gewissem Punkt ohne Partner machen. Einvernehmlich: die Voraussetzung, die im Gespräch mitschwingt Die Kommunikation, von der Ines Schweizer spricht, ruht auf einer Grundlage, die im Interview nicht eigens zur Sprache kommt: Guter Sex setzt voraus, dass beide ihn wollen. Es ist ein Grundrecht jedes Menschen, selbst über die eigene Sexualität zu bestimmen. Von sexualisierter Gewalt spricht man, wenn eine Person ohne ihr ausdrückliches Einverständnis gezwungen wird, sexuelle Handlungen über sich ergehen zu lassen oder auszuführen – und das gilt unabhängig davon, ob die Beteiligten verheiratet oder unverheiratet sind [1]. Für den Alltag einer Partnerschaft heisst das: Ein Ja von gestern ist kein Ja für heute, und ein Nein braucht keine Begründung. Wer über Sex reden lernt, lernt damit auch, ein Nein zu hören, ohne es als Absage an die ganze Beziehung zu lesen. Wenn ihr unterschiedlich viel Lust habt «Guter Sex» klingt nach einem Ziel, das man erreichen oder verfehlen kann. Eine Zahl, wie oft ein Paar miteinander schlafen sollte, gibt es aber nicht: Die Bandbreite dessen, was als normale Sexualität gilt, ist gross. Vorübergehende Phasen ohne Lust treten bei vielen Frauen auf; als Auslöser gelten Anspannung, Angst, Müdigkeit, Stress, Unsicherheit, körperliche Erkrankungen und Probleme in der Partnerschaft. Keine Lust auf Sex ist nicht automatisch ein Anzeichen dafür, dass in der Paarbeziehung etwas nicht stimmt [2]. Unterschiedlich starkes Verlangen ist deshalb weniger ein Problem, das eine Seite «hat», als eine Differenz, die beide angeht. Das Werkzeug dafür ist dasselbe, das Ines Schweizer für den Alltag beschreibt – Ich-Botschaften statt Vorwürfe, offene Fragen, zuhören – und es hilft ebenso, wenn ihr konstruktiv streiten wollt. Wann du das nicht allein lösen musst: Wenn dich die Lustlosigkeit emotional belastet oder du unsicher bist, ob eine körperliche Ursache dahintersteckt, sprich mit deiner Haus- oder Frauenärztin [2]. Sexualität als Eltern: Was sich nach der Geburt verändert Für viele Paare stellt sich die Frage nach gutem Sex neu, sobald ein Kind da ist. Schwangerschaft und Mutterschaft sind vielschichtige Lebensereignisse, die mit ausgeprägten körperlichen und psychischen Veränderungen einhergehen; neue Lebensrollen und ein neues Gleichgewicht in Partnerschaft und Sexualität zu finden, gehört zu diesem Anpassungsprozess [3]. Das heisst vor allem: Eine Zeit lang läuft wenig, und das ist kein Befund. Hilfreicher als ein Termin im Kalender ist, das Thema überhaupt anzusprechen – auch wenn die Antwort vorerst «noch nicht» lautet. Wie der Wiedereinstieg konkret aussehen kann, liest du in unserem Beitrag Sex nach der Geburt; wie ihr daneben ein Paar bleibt, in Eltern werden und ein Liebespaar bleiben. Wo du in der Schweiz Unterstützung findest Fachstellen sexuelle Gesundheit: Fachpersonen beraten dich vertraulich zu allen Fragen rund um Sexualität und sexuelle Gesundheit; über die Suche nach Wohnort findest du die Stelle in deiner Nähe [4]. Haus- oder Frauenärztin: die erste Adresse, wenn dich Lustlosigkeit belastet oder Schmerzen im Spiel sind [2]. Paar- und Sexualtherapie: was Ines Schweizer im Interview beschreibt – Kommunikation üben, Muster erkennen – ist genau das, was in einer Paar- oder Sexualberatung angeleitet wird. Nach einem Übergriff: Die Opferberatungsstellen und die Fachstellen für sexuelle Gesundheit beraten kostenlos und vertraulich [1]. Zur Person (Angaben aus dem Jahr 2015): Ines Schweizer ist in der Nähe von Luzern aufgewachsen. Nach ihrem Psychologie-Studium in Fribourg und Erlangen hat sie der Forschergeist an die Medizinische Hochschule Hannover geführt, wo sie zum Thema «Sexuelle Phantasien» von Frauen promoviert hat. Neben vielen Fort- und Weiterbildungen im Bereich der Sexualtherapie verfügt sie über eine Ausbildung in kognitiver Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin. Seit mehr als zehn Jahren verhilft Ines Schweizer in ihrer Praxis Menschen zu einer lust- und genussvollen Sexualität: www.therapie-luzern.ch Buchtipp: Guter Sex - Ein Ratgeber, der Lust macht Zufriedenheit in der Sexualität ist keine Selbstverständlichkeit. Eine Überzeichnung der Sexualität in der Öffentlichkeit, Unsicherheiten, überhöhte Erwartungen oder auch einfach Routine können wahre Lustkiller sein. Dieser Ratgeber macht Mut, offen über Sex zu sprechen und mit Lust Neues auszuprobieren. Von: Caroline Fux und Ines Schweizer. Quellen SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz: Sexualisierte Gewalt. Abgerufen am 11.08.2026. UniversitätsSpital Zürich: Sexuelle Funktionsstörungen der Frau. Abgerufen am 11.08.2026. Inselspital Bern, Universitätsklinik für Frauenheilkunde: Psychosomatik Geburtshilfe. Abgerufen am 11.08.2026. SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz: Verzeichnis der Fachstellen sexuelle Gesundheit. Abgerufen am 11.08.2026.