«Kinder brauchen zum Schlafen vor allem Nähe und Geborgenheit»

Ab wann kann ein Baby durchschlafen? Wird es unselbstständig, wenn es zu den Eltern ins Bett darf? Und wie klappt der Auszug ins eigene Kinderzimmer? Schlafberaterin Sibylle Lüpold beantwortet die wichtigsten Fragen für entspannte Familiennächte.

Wie Babys besser schlafen, weiss Schlafberaterin Sibylle Lüpold

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Man könnte sagen, die Schlafberaterin Sibylle Lüpold von 1001Kindernacht entkräftet hauptberuflich falsche Annahmen über das kindliche Schlafverhalten. Zum Beispiel versichert sie Eltern, dass sie grundsätzlich nichts falsch machen, wenn ihr Kind noch nicht von acht Uhr abends bis morgens um sieben durchschläft. Tatsächlich ist es normal. Denn das Schlafverhalten eines Babys entwickelt sich nicht kontinuierlich, sondern hat Höhen und Tiefen.

Im Interview mit Familienleben erklärt die Berner Schlafberaterin, warum Kinder nicht verwöhnt werden, wenn sie lange nahe bei den Eltern schlafen und wie der Auszug ins eigene Zimmer häufig am besten klappt.

Zur Person

Schlafberaterin Sibylle Lüpold erklärt im Interview mit Familienleben wie Kinder durchschlafen und Familien entspanntere Nächte verbringen.

Sibylle Lüpold ist Mutter von drei Söhnen, ausgebildete Stillberaterin und Schlafberaterin. Auf 1001kindernacht® bietet sie ganzheitliche Schlafberatungen an, bei der individuelle Familienbedürfnisse, die Entwicklung des Kindes und die Eltern-Kind-Beziehung im Zentrum stehen.

Frau Lüpold, was sind die typischen Probleme, mit denen sich Eltern an Sie als Schlafberaterin wenden?

Oft sind es Eltern von acht, neun und zehn Monate alten Babys, die Rat suchen. Meist haben sie sich schon über eine Phase recht ruhiger Nächte gefreut, aber plötzlich kann das Kind nicht mehr einschlafen oder meldet sich nachts wieder häufiger. 

Was können Eltern tun, damit Babys und Kleinkinder gut schlafen können – und sie selbst damit auch?

Kinder brauchen vor allem Nähe und Geborgenheit. Schweizer Kinderärzte empfehlen, im ersten Lebensjahr allein aus Sicherheitsgründen gemeinsam mit dem Baby in einem Raum zu schlafen. Je näher das Kind ist, umso einfacher ist es zudem für die Mutter, es nachts zu stillen. Eltern haben es dann auch leichter, ihr Kind nachts zu beruhigen.

Heisst das, Kinder sollten im Elternbett schlafen?

Ein Babybalkon ist eine sichere Schlafvariante, kann aber für stillende Mütter bereits zu unkomfortabel sein. Idealer ist eine grosse, sichere Schlaffläche für die Mutter und das Baby. Am liebsten ist mir, wenn Mütter sagen: «Ich weiss gar nicht, wie oft ich diese Nacht gestillt habe, denn ich habe einfach weiter geschlafen.» Dieses sogenannte «Bedsharing» (häufig auch Co-Sleeping oder gemeinsames Schlafen im Familienbett genannt, Anm. d. Red.) ist zwar unter Fachleuten wegen des plötzlichen Kindstods umstritten. Sieht man sich aber die entsprechenden Studien genauer an, werden Todesfälle meist durch Risikofaktoren wie Alkohol, Rauchen oder Schlafen auf dem Sofa verursacht. Das Kind sollte wenn möglich in Rückenlage liegen und nicht zu sehr zugedeckt sein. Wir finden, Bedsharing ist eine gute Option, wenn alle Risikofaktoren ausgeschlossen sind.

Bedsharing und plötzlicher Kindstod

Eine Arbeitsgruppe um PD Dr. med. Oskar Jenni vom Kinderspital Zürich hat aktuelle Empfehlungen zum Thema Bedsharing und Prävention des plötzlichen Kindstods erarbeitet. Die Empfehlungen werden von der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie und Neonatologie unterstützt.

Demnach ist für einen Säugling der sicherste Schlafort immer noch das eigene Kinderbett im Schlafzimmer der Eltern. Eine sinnvolle Alternative können Beistellbetten sein. Bedsharing, das gemeinsame Schlafen im Elternbett, stellt zusätzlich folgende Sicherheitsanforderungen: 

  • Das Bett sollte gross genug sein, die Matratze sollte fest sein.
  • Auf Kissen und Unterlagen sollte verzichtet werden.
  • Bedsharing sollte vermieden werden, wenn die Eltern rauchen, Alkohol, Tabletten oder Drogen konsumiert haben sowie, wenn sie erkrankt oder übermüdet sind.

Ab welchem Alter können Babys denn durchschlafen?

Eltern wünschen sich, dass ihr Kind abends um 19 Uhr einschläft und um 7 Uhr am Morgen aufwacht. Fachleute verstehen unter Durchschlafen aber etwas anderes, nämlich fünf Stunden nicht zu rufen. Wir stellen immer wieder fest, dass diese Entwicklung nicht linear, sondern wellenförmig verläuft. In den ersten Lebensjahren gibt es Phasen, in denen Kindern das Durchschlafen leicht fällt, und Phasen, in denen sie sich häufiger melden. Das ist ganz normal.

Viele Eltern möchten, dass ihr Kind früh lernt, im eigenen Kinderzimmer zu schlafen. Wann raten Sie zum Umzug?

Nach dem ersten Geburtstag kann der Umzug ins eigene Zimmer klappen, wenn das Kind dort anfangs von einer Bindungsperson begleitet wird. Am besten stellen die Eltern im Kinderzimmer ein grosses Bett auf, denn ganz alleine kann das Kind noch nicht einschlafen. Das grosse Bett bietet den Eltern die Möglichkeit, sich beim Einschlafen zum Kind zu legen, und sich, wenn es tief schläft, zurückzuziehen. Sollte es nachts rufen, kann ein Elternteil das Kind beruhigen und dort weiterschlafen. Doch auch im zweiten und besonders im dritten Lebensjahr plagen Kinder Trennungsängste. Wir empfehlen deshalb, mit dem Ausquartieren bis etwa zum dritten Geburtstag zu warten. Kinder, die bis zu diesem Zeitpunkt mit den Eltern kuscheln durften, haben das Schlafen positiv mit Geborgen- und Sicherheit verknüpft und schlafen langfristig gut.

6 Stunden hintereinander zu schlafen, gilt nach dem Schweizer Kinderarzt Dr. Remo Largo als Durchschlafen.

90 Prozent aller Kinder sind bis zum fünften Lebensmonat körperlich so weit entwickelt, durchschlafen zu können.

78 Prozent der Kinder wachen nach einer Umfrage von Forsa im ersten Lebensjahr bis zu viermal nachts auf. Im zweiten und dritten Lebensjahr sind es 57 Prozent.

Warum wünschen sich Eltern, dass Kinder alleine schlafen, obwohl es dem kindlichen Bedürfnis häufig nicht entspricht?

Viele Eltern plagt eine grosse Angst: Sie befürchten, ihr Kind zu verwöhnen und in seiner Selbständigkeit zu behindern, wenn sie es in ihrem Bett schlafen lassen. Ohne diese unbegründete Angst wären die meisten Familien entspannt und würden viel besser schlafen.

Der Wunsch, Kinder früh zum Durschlafen zu bringen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass viele Eltern berufstätig, mehrere Kinder zu versorgen haben und den Schlaf brauchen, um allen Anforderungen des Alltags gerecht zu werden.

Unsere Gesellschaft ist stark auf Leistung ausgerichtet. Vielen Eltern ist bewusst, dass sie nachts dringend Schlaf brauchen, um den Alltag zu bewältigen. Doch vom Kind zu erzwingen, nachts ruhig zu sein, bringt Eltern nur kurzfristig Verbesserung. Denn ein Kind schreien zu lassen, kann sich negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung und die kindliche Entwicklung auswirken. Als Schlafberaterin versuche ich Möglichkeiten zu finden, die sowohl zu entspannten Nächten führen als auch die Eltern-Kind-Bindung stärken. Ich suche nach individuell passenden Lösungen, sodass möglichst alle zu viel Schlaf kommen. Das kann zum Beispiel bedeuten, Mama schläft mit Baby und Papa woanders, oder umgekehrt.

Entwicklung des Schlafverhaltens im ersten Lebensjahr

Das Schlafverhalten eines Kindes entwickelt sich nicht geradlinig, sondern häufig wechseln sich Phasen, in denen das Kind nahezu durchschläft, mit Phasen ab, in denen das Kind häufig aufwacht und von seinen Eltern Hilfe beim Einschlafen braucht. 

Wie sich das Schlafverhalten im ersten Lebensjahr eines Babys entwickelt.

Bild: E+

0 bis 3 Monate

Neugeborene haben noch keinen Tag-Nacht-Rhythmus oder feste Schlafzeiten. Sie müssen erst lernen, am Tag über längere Phasen wach zu sein und nachts über längere Phasen zu schlafen. Eltern können die Entwicklung fördern, indem sie einen geregelten Tagesablauf und Einschlafrituale einführen. (Lesen Sie auch: Wie Einschlafrituale Ängste vor dem Zubettgehen nehmen)
Gestillte Kinder wachen in der Regel häufiger auf. In den ersten Monaten verlangen gestillte Babys nicht selten etwa alle zwei Stunden und häufiger nach Milch, um ihren Kalorienbedarf zu decken, aber auch um ihr Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen. 

3 bis 6 Monate

In diesem Lebensalter schlafen manche Babys schon fünf Stunden am Stück, ohne die Eltern zu wecken. Jene sind erleichtert: «Geschafft», denken sie.

6 bis 12 Monate

Aber jetzt melden sich Babys nachts wieder öfter. Das ist kein Wunder, denn das Kind ist jetzt in der «Fremdel-Phase». Seine geistige Entwicklung hat einen Schub gemacht, sodass es Gesichter erkennen und unterscheiden kann. Auch nachts will es sich vergewissern, dass Mama oder Papa noch da ist. Auch die motorische Entwicklung kann für nächtliche Unruhe sorgen. So üben Babys selbst im Schlaf noch Lernschritte, das heisst, sie zappeln in der Leichtschlafphase oft herum. Auch wachsende Zähne und Eindrücke des Tages können eine Rolle spielen, wenn die Kleinen sich nachts häufig aufwachen. Darüber hinaus kommen viele Kinder in diesem Alter in der Kita erstmals mit Keimen in Berührung, die für Unwohlsein sorgen.

Ab dem 2. Lebensjahr

Jetzt wird es nachts entspannter. Das Kind kann – wenn nötig – lernen, ohne Brust, Schoppen oder Tragen ein - und weiterzuschlafen. Dadurch schläft es gefühlt durch, weil es kleine Wachphasen ruhig bewältigt, solange jemand in der Nähe ist. Wenn die Mutter nachts noch stillen möchte, ist das aber völlig in Ordnung.

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