Thomy Truttmann: «Kinder leben Theaterstücke mit»

Thomy Truttmann macht seit Jahrzehnten Kindertheater mit Leib und Seele: als Schauspieler, als Theaterpädagoge und Regisseur für Laientheater. Im Interview mit familienleben erzählt er, was Ministranten mit Schauspieler zu tun haben und weshalb man Kindern im Theater mehr zumuten kann, als so mancher Erwachsene denkt.

Thomy Truttmann spricht im Interview über Kindertheater.

Thomy Truttmann wusste schon als Kind, dass er später auf der Bühne stehen würde. Foto: Photodisc, Richard Lewisohn, Thinkstock

Der Luzerner macht seit beinahe dreissig Jahren Kindertheater. Das sieht man ihm im besten Sinne auch an: Zwar furchen sich die Falten in seinem ausdrucksstarken Gesicht, doch seine Augen lachen immer, kindlich verspielt. «Wir wollen unseren jungen Zuschauern mit dem Stück Mut machen. Es geht darum, etwas immer wieder zu probieren und nie aufzugeben», erzählt Thomy Truttmann im Interview.  Er bezieht sich auf das Stück «Örjan», das den Untertitel «Ein Höhenflug für Menschen ab fünf Jahren» trägt. Wenn der Schauspieler, Theaterpädagoge und Regisseur von «wir» spricht, meint er sich und seinen langjährigen Kollegen Adrian Meyer. Seit Beginn seiner Karriere habe er selten ohne ihn gearbeitet, so Truttmann.

Im Theaterstück «Örjan» begeistert Thomy Truttmann jedoch seit bereits elf Jahren im Alleingang. Örjan ist ein Königsadler, der Flugangst hat. Seine Furcht ist so riesig, dass er bis jetzt seinen Traum vom Fliegen nie verwirklicht hat und sich deshalb davon zu überzeugen versuchte, dass das Festland seine natürliche Umgebung ist. Mit ganz schön viel Mut, der Hilfe seines Freundes, Zaunkönig Edi, und einer Menge Sturzflüge überwindet sich Örjan dann doch und schwingt sich sich in die hohen Lüfte. Als Erzähler zieht Thomy die kleinen Zuschauer in seinen Bann, überzeugt im Handumdrehen als Eigenbrötler Örjan und legt nach nur wenigen Augenblicken einen Rap hin, in der Rolle des coolen Zaunkönigs Edi. Seine Wandelbarkeit verblüfft und erscheint doch ganz natürlich.

Herr Truttmann, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Theater zu machen? 

(lange Pause). Ich könnte Ihnen jetzt eine ellenlange Geschichte erzählen! Ich versuche, hie und da ein wenig zu kürzen. Ich wusste eigentlich schon als Kind, dass ich in Richtung Bewegungstheater gehen wollte. Dennoch besuchte ich zunächst das Lehrerseminar und übte drei Jahre lang den Primarlehrerberuf aus, hatte aber das Ziel Bewegungstheater immer noch vor Augen. So meldete ich mich für die Mimenschule Ilg in Zürich an. Ich lernte viele neue Leute kennen und traf meinen alten Militärkameraden Adrian Meyer wieder, mit dem ich nun bereits seit 25 Jahren zusammenarbeite.
Aber eigentlich war der ausschlaggebende Punkt meine Tätigkeit als Ministrant in der Kirche! Ich lache jetzt, aber ernsthaft, dort habe ich gelernt, mich kontrolliert und choreographiert zu bewegen, Kostüme zu tragen, oder lateinische Phrasen von mir zu geben, obwohl ich doch gar kein Latein spreche. Das war mal ein Anfang.

Warum ist Kindertheater für die Entwicklung der Kinder wichtig?

Bruno Bettelheim, ein österreichischer Psychoanalytiker, sagte einst: «Kinder brauchen Märchen». Ich sehe das auch so. Kinder, genau wie Jugendliche und wir Erwachsene auch, brauchen Geschichten. Geschichten, die wir durch das Medium Theater erzählen. Kinder aber leben Erzählungen ganz besonders mit. Sie identifizieren sich mit den Helden, bestehen die Gefahren mit ihnen – das gibt ihnen Mut und Selbstbewusstsein.

Einige Ihrer Figuren sind schon sehr alt, Örjan beispielsweise gibt es seit über einem Jahrzehnt. Wie schaffen Sie es, sie immer wieder zum Leben zu erwecken?

Da wir unsere Figuren meist selber erfinden oder ihnen bei bereits bestehenden Stücken gewisse Eigenschaften geben, habe ich das Glück, Rollen spielen zu dürfen, die meinem Naturell entsprechen. Ich spiele beispielsweise gerne Tierfiguren wie Löwen, Papageien oder Hähne. Es sind immer sehr lebendige Charaktere, es kann einem dabei nicht langweilig werden. Ich spiele aber in einem Kinderstück auch den Tod.

Thomy Truttmann in seinem Stück «Schlangenei».

In «Schlangenei» spielt Thomy Truttmann alle möglichen Tierfiguren. Foto: privat

Den Tod? In einem Kindertheaterstück?

Klar! Eine überaus spannende Rolle. Es gibt tausend Arten den Tod auf der Bühne darzustellen. Unser Stück heisst «Salto & Mortale» und darin wünscht sich ein Clown (gespielt von Clo Bisaz, Anm. d. Red.) inmitten seines Kummers, er wäre tot. So lockt er ungewollt den Tod zu sich, vor dem er sich nur retten kann, wenn er ihn zum Lachen bringt.

Kinder werden von Erwachsenen möglichst nicht mit dem Thema Tod konfrontiert, sie werden vielmehr davor bewahrt.

Das ist so. Ob es aber die Erwachsenen wollen oder nicht, Kinder kommen oft sehr früh mit dem Thema in Berührung. Zum Beispiel, wenn ein Haustier stirbt, oder jemand in der Verwandtschaft. Kinder setzen sich meist ganz unkompliziert damit auseinander. Wie passiert das, wie fühlt sich das an, was geschieht danach?
Einmal haben wir nach der Aufführung von «Salto & Mortale» ein philosophisches Gespräch zum Thema Tod mit Eltern und Kindern geführt. Die Eltern verfolgten dabei einen eher intellektuellen, beschönigenden Ansatz, Kinder hingegen sprachen klipp und klar darüber. Ein Kind sagte im Bezug auf das Theaterstück ganz direkt: «Mit dem Tod kann man nicht verhandeln». Die Erwachsenen schmunzelten, waren vielleicht etwas peinlich berührt, aber das Kind hatte völlig Recht und redete nicht um den heissen Brei herum.
Uns ist bewusst, dass es ein sehr heikles Thema ist. Das Medium Theater ist aber zur Reflektion da. Da gibt es wenige Dinge, die man nicht thematisieren kann. Klar, wenn ein Dreijähriger in ein Puppentheater gebracht wird und dort eine Figur dem Kasperli die Hand absägt, ist es vielleicht nicht sehr angebracht. Wir würden sehr junge Zuschauer auch nie zur Gewalt aufrufen. Klar, ältere auch nicht. Aber bereits für Teenager kann die Thematik etwas subtiler und differenzierter dargestellt werden. Ich glaube dennoch, dass wir Erwachsene Kindern mehr zumuten können, als wir meinen.

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