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Inkontinenz nach Geburt: Ein paar Tröpfchen sind doch normal, oder nicht?

Inkontinenz nach der Geburt ist immer noch ein Tabuthema. Unsere Expertin Iris Lehner will, dass über die Tröpfchen in der Unterhose gesprochen wird. Und dass Frauen wissen, dass sie etwas dagegen unternehmen können. Die Schwangerschafts- und Postpartum-Trainerin erklärt, wie Sie der Inkontinenz den Kampf ansagen. 

Frau hält sich die Hände vor die Nase Hose - was tun gegen Inkontinenz nach der Geburt

Inkontinenz gehört halt zum Mami-sein dazu? Expertin und Postpartum Coach Iris Lehner hat Tipps gegen die Tröpfchen in der Hose. Bild: GettyImages Plus, andriano_cz

Wieso rennen die alle aufs Klo? Eine Frage, die mich schon vor meiner Ausbildung zum Pregnancy und Postpartum Coach beschäftigt hat. Seit Jahren mache Crossfit. In diesen Gruppenklassen muss man oft Seilspringen. Vor meiner ersten Geburt wunderte ich mich, wieso vor einem Training mit Seilspringen fast alle Frauen noch unbedingt schnell auf die Toilette mussten. Nach meiner ersten Geburt wusste ich wieso! Nach ein paar Sprüngen tröpfelte ein wenig Urin in die Unterhose, egal wie fest ich den Beckenboden anspannte. Da es offensichtlich vielen so geht, dachte ich, es sei halt normal, ein wenig Urin zu verlieren. Das gehört halt zum Leben als Mami dazu.

Jede dritte Frau leidet nach der Geburt an Inkontinenz - die wenigsten machen etwas dagegen.

Als ich mich anfing genauer mit der Thematik auseinander zu setzten, kam ich häufig mit anderen Mütter darüber ins Gespräch. Nicht nur ihre Aussagen, sondern auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass Inkontinenz je nach Befragung bei jeder dritten bis vierten Frau vorliegt, jedoch nur wenige etwas dagegen unternehmen.

Der WC-Besuch 
Ja, auch beim WC-Gang kann man einiges falsch machen! Die Tipps der Expertin: Gehen Sie nur aufs Klo, wenn Sie wirklich müssen. Sie sollten die Blase im besten Fall nicht "vorsorglich" entleeren. Achten Sie auf eine aufrechte Sitzposition, nicht pressen! Entleeren Sie die Blase komplett und spannen Sie dann den Beckenboden bewusst an.

Die meisten Betroffenen finden sich einfach damit ab und sprechen nicht darüber. Manchmal wird über Google oder in sozialen Medien gesucht, was dagegen hilft. Der Grossteil der Antworten beinhaltet Hinweise auf Binden oder ähnliche Hilfsmittel. Immerhin zeigen die Fragen, dass zumindest online und ganz langsam darüber gesprochen wird. Dennoch ist es immer noch ein grosses Tabuthema. Das will ich ändern!

Was hilft denn wirklich gegen Inkontinenz? Häufig reichen bereits gezielte Beckenbodenübungen, welche nicht nur Kräftigung, sondern auch Entspannung beinhalten, in Kombination mit optimierten Atem- und Verhaltensstrategien, vor allem im Alltag. Gerade das WC-Verhalten ist eine entscheidende Komponente.

Wichtig ist, das Thema beim Arzt oder Frauenarzt anzusprechen. Im Idealfall wird dann Physiotherapie verordnet. Leider habe ich schon erlebt, dass die Inkontinenz vom Arzt mit dem Kommentar: „Ist halt nach einer Schwangerschaft so!“ abgetan wurde. Lass dich bitte davon nicht entmutigen und suche dir einen Arzt, der dich und deine Probleme ernst nimmt und bestehe auf Physiotherapie.

Nur weil viele davon betroffen sind, muss man Inkontinenz nicht hinnehmen. 

Zusätzlich zu den Übungen und Strategieanpassungen gibt es bei Bedarf weitere Hilfsmittel wie etwa Pessare. Ein Pessar ist aus Gummi oder Silikon und in unterschiedlichen Formen und Grössen erhältlich. Er wird in die Scheide eingeführt und soll den Organen Halt geben. Also eine Art Sport BH für den Beckenboden. Wenn alle konservativen Methoden keine oder keine vollständige Besserung bringen, gibt es auch noch diverse operative Möglichkeiten.

Das sollten Sie als Betroffene machen

💧Sprechen Sie Ihren Arzt oder Frauenarzt an auf das Problem.

💧Lassen Sie sich Physiotherapie verschreiben.

💧Machen Sie gezielte Beckenbodenübungen zur Kräftigung und Entspannung.

💧Optimieren Sie Ihr Verhalten im Alltag: korrekte Haltung, vor und während einer Belastung ausatmen und den Beckenboden aktivieren.

💧Wenn keine Verbesserung eintritt, gibt es Hilfsmittel oder operative Möglichkeiten.

Ein paar Tröpfchen sind also tatsächlich normal. Aber nur im Sinn von: Viele sind davon betroffen. Nicht aber im Sinn von: Ich muss es einfach so hinnehmen und kann nichts dagegen unternehmen.

Mein Rat: Holen Sie sich eine  Physio-Verordnung und schauen Sie das ganze mit einem auf Beckenboden spezialisierten Physiotherapeuten an. Und wenn Sie gleichzeitig nicht nur sich, sondern auch noch vielen anderen Frauen helfen wollen, sprechen Sie darüber. Es ist nichts, wofür man sich schämen muss und je mehr Frauen wissen, dass man etwas dagegen unternehmen kann, umso mehr kann geholfen werden.

Iris Lehner Training

Iris Lehner will der Coach sein, den sie vor dem ersten Kind selbst gerne gehabt hätte. Darum hat sie sich mit Iris Lehner Training selbstständig gemacht. Die Pregnancy- und Postpartum-Trainerin berät Frauen rund ums Training mit Babybauch und nach der Geburt und bietet Online-Coachings und -Beratungen an. Mit Trainings wie den MomFit-Kursen will sie die Freude an Bewegung wecken, die für Mamas so wichtig ist. Die zweifache Mutter und begeisterte Crossfitterin weiss das aus Erfahrung.