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Rektusdiastase: Wie schlimm ist die Lücke zwischen den Bauchmuskeln?

Kaum eine Schwangerschaft ohne Rektusdiastase: Wenn der Babybauch wächst, verschieben sich die Bauchmuskeln. Von einer Diastasis recti sind aber nicht nur Schwangere betroffen. Was du über die Diagnose wissen musst und wie du deinen Bauch wieder stärkst, erklärt Postpartum-Trainerin Iris Lehner. Ergänzt haben wir, wie du die Lücke nach der Geburt selbst ertastest, wann du sie abklären lassen solltest und wann eine Operation infrage kommt.

Nach der Schwangerschaft müssen die Bauchmuskeln gestärkt werden: Gezieltes Training stabilisiert den Rumpf wieder. Bild: GettyImages Plus, Kerkez

Wenn du in den letzten Jahren schwanger warst, bist du dem Schlagwort bestimmt auch schon begegnet: Denn kein Thema wird mehr gehypt, wenn es um Veränderungen in der Schwangerschaft geht, als die Rektusdiastase. Nur: Wer sich genauer damit beschäftigen will, merkt schnell, dass zwar viele Informationen kursieren rund um den Spalt zwischen den Bauchmuskeln, diese sich aber häufig widersprechen.

Ich versuche hier darum Klarheit zu schaffen und Antworten zu liefern auf die Fragen: Was ist eine Rektusdiastase denn überhaupt? Wie kommt es dazu? Kann man verhindern, dass sich die geraden Bauchmuskeln spalten? Und: Ist es wirklich so schlimm, wenn man eine Rektusdiastase hat? Natürlich zeige ich dir auch, worauf man bei der Rückbildung und beim Training achten sollte.

Was ist eine Rektusdiastase?

Rektusdiastase
Unter einer Rektusdiastase versteht man das Auseinanderweichen der geraden Bauchmuskulatur: Die Verschiebung führt dazu, dass das dazwischen liegende Bindegewebe der Bauchdecke dünner wird. Zwischen den Muskelsträngen entsteht ein tast- oder sogar sichtbarer Spalt von mehreren Zentimetern.

Ein ganz normaler Prozess während der Schwangerschaft

Keine Sorge, wenn du selbst davon betroffen bist: In der Schwangerschaft ist eine solche Diastasis recti eine ganz normale Anpassung des Körpers. Die Bauchwand macht so Platz fürs wachsende Kind. Gegen Ende der Schwangerschaft haben fast alle Frauen eine Rektusdiastase.[1]

Und die Diagnose ist meist auch nicht für den Rest des Lebens. Bei vielen Frauen wird die Lücke im ersten Jahr nach der Geburt von selbst kleiner. In einer Studie mit Frauen, die ihr erstes Kind bekamen, hatten sechs Wochen nach der Geburt 60 Prozent eine Rektusdiastase, nach sechs Monaten 45 Prozent und nach einem Jahr noch rund ein Drittel. Meist war die Lücke nur leicht, und Frauen mit und ohne Rektusdiastase hatten ein Jahr nach der Geburt gleich oft Schmerzen im unteren Rücken oder im Becken.[1]

Behandelt werden muss eine Rektusdiastase allein deshalb nicht, sondern erst, wenn sie dir Beschwerden macht.[2] Rückbildung und gezielte Übungen stärken den Rumpf wieder. Ob sie die Lücke zusätzlich verkleinern, ist dagegen noch nicht gut belegt.[3]

Rektusdiastase trifft nicht nur Schwangere

Von einer Verschiebung der Bauchmuskulatur sind übrigens nicht nur Schwangere betroffen: Es können durchaus auch Männer und Frauen ohne Kinder eine entsprechende Diagnose erhalten. Die gängige Definition lautet, dass eine Spaltung der Bauchmuskeln von mehr als zwei Zentimetern als Rektusdiastase gilt.[4] Dies vernachlässigt jedoch zwei wichtige Punkte: Erstens trägt die Spannung des Bindegewebes zwischen den Bauchmuskeln viel zur Funktion des Rumpfes bei, und zweitens kann man sich darüber streiten, ob es tatsächlich eine Dysfunktion ist. Einige der sich widersprechenden Informationen kommen daher, dass man früher sehr auf den Spalt und dessen Schliessung fokussiert war, während man heute zusätzlich auf die Spannung des Bindegewebes und die Gesamtfunktion der Rumpfmuskulatur achtet.

Achte auf den Druck im Bauch

Ob sich der Spalt zwischen den geraden Bauchmuskeln nach der Schwangerschaft wieder zurückbildet, ist von vielen Faktoren abhängig, und nur einige davon können beeinflusst werden. Sehr wichtig ist, dass du weisst: Wenn du eine Rektusdiastase hast, heisst das nicht, dass du etwas falsch gemacht hast oder gar schuld daran bist. Was aber helfen kann während der Schwangerschaft, ist, die Auswirkungen des Bauchinnendrucks zu kontrollieren. Wenn sich bei einer Rektusdiastase der Druck im Bauch erhöht, kann es zu einem sogenannten Doming kommen. Dies ist eine Wölbung zwischen den geraden Bauchmuskeln nach aussen (siehe Bild), im Training oft auch Coning genannt.

Doming: Rektusdiastase

In der Schwangerschaft sollte dieses Doming nach Möglichkeit vermieden werden. Aber nicht jede Schwangere geht mit dem Bauchinnendruck gleich um. Deshalb sind auch die Übungen und Bewegungen, welche in der Schwangerschaft nicht optimal sind, von Frau zu Frau unterschiedlich, und es gibt keine Pauschalempfehlungen.

Wie sieht es nach der Geburt aus?

Wenn der Babybauch weg ist, sollte das Doming etwas differenzierter betrachtet werden. Zwar möchte man nicht zu viel Druck auf das Bindegewebe ausüben. Eine gewisse Belastung ist jedoch notwendig, um einen Trainingseffekt, also eine Anpassung der Spannung, zu erzielen. Um eine weitere übermässige Dehnung des Bindegewebes zu vermeiden, sollte das Doming (also diese Wölbung nach aussen) nicht hart sein, wenn man dagegen drückt. Zu starkes Pressen ist also kontraproduktiv, ganz ohne Druck entsteht aber auch kein Trainingsreiz. Zum Prüfen drückst du mit den Fingern auf die Wölbung: Lässt sie sich gut eindrücken, ist die Spannung noch nicht übermässig hoch.

In den ersten sechs bis acht Wochen nach der Geburt gilt noch Schonzeit für die geraden Bauchmuskeln, damit sich die Lücke zurückbilden kann. Verzichte auf Bauchmuskelübungen und schweres Heben. Steh über die Seite auf, statt dich aus der Rückenlage hochzuziehen: So arbeiten die queren Bauchmuskeln, die du von Anfang an belasten darfst. Mit dem Rückbildungskurs startest du frühestens sechs Wochen nach einer vaginalen Geburt, nach einem Kaiserschnitt ab acht Wochen und nach der ärztlichen Nachkontrolle.[5]

Rektusdiastase-Selbsttest: So ertastest du die Lücke

Ist die Schonzeit vorbei, kannst du selbst prüfen, wie weit deine Bauchmuskeln noch auseinanderstehen. Der Test dauert nur eine Minute:

  1. Leg dich auf den Rücken und stell die Beine an.
  2. Leg die Fingerkuppen einer Hand quer zur Mittellinie des Bauches, auf Höhe des Bauchnabels.
  3. Heb Kopf und Schultern langsam an, bis die Schulterblätter knapp vom Boden abheben, und zieh dabei das Kinn Richtung Brust. So spannen sich die geraden Bauchmuskeln an, und ihre Ränder werden tastbar.
  4. Tast, wie viele Finger zwischen die beiden Muskelstränge passen.
  5. Wiederhol das etwa viereinhalb Zentimeter oberhalb und unterhalb des Nabels. Am Nabel ist die Lücke am häufigsten.[1]

Einen einheitlichen Grenzwert für eine Rektusdiastase gibt es nicht.[3] Oft gilt ein Abstand von mehr als zwei Zentimetern als Rektusdiastase.[4] Wird mit den Fingern getastet, zählt in Studien ein Spalt ab zwei Fingerbreiten. Unter drei Fingern gilt er als leicht, ab drei als mittel und ab vier als ausgeprägt.[1]

Achte aber nicht nur auf die Breite. Wölbt sich beim Anheben des Kopfes ein länglicher Wulst in der Bauchmitte hervor, spricht das ebenfalls für eine Rektusdiastase, auch wenn weniger als zwei Finger in die Lücke passen.[1] Wie fest das Bindegewebe zwischen den Muskeln ist, zählt für Iris Lehner ebenso wie die Breite. Das selbst zu beurteilen braucht allerdings Übung.

Lass die geraden Bauchmuskeln deshalb zusätzlich von deiner Hebamme oder bei der Nachkontrolle von deiner Ärztin kontrollieren.

Wann du die Rektusdiastase abklären lassen solltest

Lass dich genauer untersuchen, wenn einer dieser Punkte auf dich zutrifft. Nicht jede dieser Beschwerden kommt von der Lücke, eine Abklärung lohnt sich trotzdem:

  • Die Wölbung in der Bauchmitte ist beim Anspannen hart, oder die Lücke wird über Monate nicht kleiner.
  • Du hast Schmerzen im Rücken, im Kreuz oder am Schambein, oder du fühlst dich im Rumpf instabil.
  • Am Bauchnabel zeigt sich eine Vorwölbung. Dahinter kann ein Nabelbruch stecken, der oft zusammen mit einer Rektusdiastase auftritt.[2]
  • Du verlierst beim Lachen, Husten oder Niesen Urin.

Verfärbt sich eine Vorwölbung am Nabel oder kommen Übelkeit und Erbrechen dazu, geh sofort auf eine Notfallstation: Dann kann Darm im Bruch eingeklemmt sein.

Urinverlust sprichst du am besten bei der Nachkontrolle an. Bei Beschwerden am Beckenboden oder bei Inkontinenz lernst du die Beckenbodenmuskeln zuerst in Einzelsitzungen bei einer Physiotherapeutin wahrzunehmen, bevor du in einen Rückbildungskurs in der Gruppe einsteigst.[5]

Physiotherapie ist eine Leistung der Grundversicherung, wenn eine Ärztin oder ein Arzt sie verordnet, zum Beispiel deine Frauenärztin bei der Nachkontrolle. Eine Verordnung gilt für höchstens neun Sitzungen, und die erste muss innert fünf Wochen stattfinden. Für weitere Sitzungen braucht es eine neue Verordnung.[6] Eine Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Beckenboden in deiner Nähe findest du über die Therapeutinnen-Suche von pelvisuisse, zum Beispiel im Fachgebiet «Schwangerschaft und Geburt».

Welches Training bei einer Rektusdiastase hilft

Die Aktivierung der tiefen Bauchmuskulatur spielt beim Training eine wichtige Rolle und sollte unbedingt geübt werden. Eine Rektusdiastase bedeutet nicht, dass du einen schwachen Rumpf hast und sie mit ein paar Bauchübungen loswirst. Die Bauchmuskulatur muss unbedingt als Ganzes trainiert werden. Auch solltest du gewisse Belastungen nicht einfach ganz weglassen.

Es gibt keine Liste von Übungen, welche mit einer Rektusdiastase ausgeübt werden dürfen und welche nicht. Es kommt vielmehr darauf an, wie die Übung ausgeführt wird und ob man ohne zu viel Spannung auf das Bindegewebe den intraabdominalen Druck bewältigen kann.

Wichtig ist dabei ein Trainingsprogramm zu haben, welches fordert, ohne zu überfordern, und über die Zeit die Schwierigkeit der Übungen steigert. Dabei kann ein auf Rektusdiastase spezialisierter Trainer oder Physiotherapeut helfen.

Rektusdiastase-Übungen: So baut sich das Training auf

Ein Übungsprogramm, das die Lücke bei allen Frauen schliesst, gibt es nicht. Die Studien zu Rektusdiastase-Übungen sind klein und uneinheitlich. In einzelnen Studien verkleinerte Bauchmuskeltraining den Abstand um einige Millimeter, die Beweislage ist aber sehr schwach. Am häufigsten empfehlen Physiotherapeutinnen Übungen für den queren Bauchmuskel und den Beckenboden.[3] Sinnvoll ist ein Training, das in Stufen aufbaut und sich nach deinem Befund richtet.

Diese drei Grundübungen eignen sich schon in den ersten Wochen nach der Geburt:

  1. Beckenboden spüren: Leg dich auf den Rücken und stell die Beine an. Heb den Beckenboden sanft nach innen und oben Richtung Bauchnabel, ohne Gesäss und Bauch anzuspannen, und atme ruhig weiter. Halte die Spannung zuerst zwei bis sechs Sekunden, später zehn, jeweils mit zehn Sekunden Pause. Fünf bis zehn Wiederholungen, mehrmals am Tag.
  2. Unterbauch aktivieren: Heb beim Ausatmen den Beckenboden Richtung Bauchnabel und zieh den Bauchnabel nach innen. Zweimal am Tag zehn Wiederholungen.
  3. Brücke: Zieh beim Ausatmen den Beckenboden sanft nach oben und heb dann das Gesäss von der Unterlage ab. Zweimal am Tag zehn Wiederholungen.[5]

Beckenbodentraining darfst du trotz Rektusdiastase machen: Beim Anspannen weitet sich die Lücke zwar kurz, aber nur um Millimeter. Beim Einziehen des Bauchnabels weichen die Bauchmuskeln im Moment der Übung dagegen etwas auseinander, und ob das Training des queren Bauchmuskels die Lücke über die Zeit verkleinert, ist fraglich.[3]

Klappt das im Liegen und im Alltag, wird es schwieriger: im Vierfüsslerstand, im Stehen, mit Gewicht. Auch Übungen mit angehobenem Kopf wie der Curl-up sind nicht grundsätzlich tabu. Im Moment der Übung verkleinern sie den Abstand der Bauchmuskeln sogar eher, wie sie über Monate wirken, ist allerdings noch offen.[3] Als Richtschnur für jede Übung gilt, was Iris Lehner zum Doming beschreibt: Wölbt sich die Mitte hart hervor, ist die Übung im Moment zu schwer.

Rektusdiastase-OP: Wann kommt sie infrage?

Eine Operation ist die Ausnahme. Infrage kommt sie, wenn die Rektusdiastase Beschwerden macht. Bleibt nach der Schwangerschaft viel überschüssige Haut, wird die Bauchwand oft zusammen mit der plastischen Chirurgie wiederhergestellt und die Haut im selben Eingriff gestrafft. Wie bei jedem Eingriff an der Bauchwand sind Blutungen, Flüssigkeitsansammlungen, Infektionen, ein Bruch oder anhaltende Schmerzen möglich.[2]

Vor einer Operation kann eine Physiotherapie sinnvoll sein. Beim Eingriff wird die Lücke zwischen den geraden Bauchmuskeln vernäht. Besteht zusätzlich ein Nabel- oder Bauchwandbruch, wird die Bauchwand meist mit einem Kunststoffnetz verstärkt.[4]

Planst du noch ein Kind, sprich das bei der Beratung an: Eine weitere Schwangerschaft dehnt die Bauchwand erneut. Kläre ausserdem vor dem Eingriff mit deiner Krankenkasse, ob sie die Kosten übernimmt, und lass dir die Zusage schriftlich geben.

Quellen

  1. Sperstad JB, Tennfjord MK, Hilde G, Ellström-Engh M, Bø K: Diastasis recti abdominis during pregnancy and 12 months after childbirth: prevalence, risk factors and report of lumbopelvic pain. British Journal of Sports Medicine, 2016. pmc.ncbi.nlm.nih.gov (abgerufen am 28.09.2026)
  2. Universitätsspital Zürich: Rektusdiastase Behandlung. Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie. usz.ch (abgerufen am 28.09.2026)
  3. Gluppe S, Engh ME, Bø K: What is the evidence for abdominal and pelvic floor muscle training to treat diastasis recti abdominis postpartum? A systematic review with meta-analysis. Brazilian Journal of Physical Therapy, 2021. pmc.ncbi.nlm.nih.gov (abgerufen am 28.09.2026)
  4. Hernández-Granados P, Henriksen NA, Berrevoet F et al.: European Hernia Society guidelines on management of rectus diastasis. British Journal of Surgery, 2021. pmc.ncbi.nlm.nih.gov (abgerufen am 28.09.2026)
  5. Universitätsspital Basel: Rückbildungsgymnastik. Informationen und Empfehlungen für die ersten 6 bis 8 Wochen nach der Geburt. Broschüre, 2021. unispital-basel.ch (abgerufen am 28.09.2026)
  6. Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV), SR 832.112.31, Art. 5 Abs. 1 bis 3, Stand 1. August 2026. fedlex.admin.ch (abgerufen am 28.09.2026)

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