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Scheidung und Trennung: Wie Kinder glücklich werden

Glückliche Scheidungskinder! Nein, kein Widerspruch, wie die Autorin Monika Czernin des gleichnamigen Ratgebers weiss. Im Interview erzählt sie, dass es anspruchsvoll, aber durchaus möglich ist, aus einer schlecht gehenden Ehe eine gut funktionierende Scheidungsfamilie zu machen.

Unter einer Scheidung müssen Kinder nicht leiden, wenn sich die Eltern nicht streiten.

Streitende Eltern machen Scheidungskinder unglücklich. Foto: Pixland, Thinkstock

Ist der Titel Ihres Buches «Glückliche Scheidungskinder» nicht provozierend?

Monika Czernin: Ich denke, der Titel soll zeigen, dass Kinder aus geschiedenen Familien ebenso glücklich sein können wie Kinder aus sogenannten intakten Familien. Nicht die Familienform entscheidet, ob Kinder glücklich sind.

Die Pädagogik-Professorin Helge-Ulrike Hyams sagt in einem GEO-Wissen Interview: «Eltern sollten alles tun, um eine Trennung zu vermeiden.» Ihr Mitautor Remo H. Largo, Professor für Kinderheilkunde, ist der Ansicht, dass Kinder bei einer Scheidung nicht leiden müssen, sofern die Betreuung nicht nachlässt. Zwei Experten finden keinen gemeinsamen Konsens. Wem also sollen Eltern Glauben schenken?

Unser Buch lässt sich auf eine Grundformel bringen: Wenn die Bedürfnisse des Kindes erfüllt sind und seine Beziehungen zu den Eltern nicht durch deren Streit belastet werden, wird aus einem Scheidungskind ein normal glücklicher Mensch. Unser Ansatz befreit einerseits von Schuldgefühlen, andererseits nimmt er die Eltern sehr stark in die Pflicht. Immerhin erklären wir ein ganzes Buch lang die Lebenswelt der Kinder und welches ihre Grundbedürfnisse sind.

Haben Scheidungskinder mehr Probleme als Kinder aus Zweielternfamilien?

Im Grunde nicht. Oft sind sie sogar besonders kompetent, verantwortungsbewusst und reif. Das Leben ist schliesslich auch dazu da um Konflikte zu meistern und mit Schwierigkeiten fertig zu werden. Wenn eine Scheidung gut verläuft, besteht dazu die Möglichkeit und alle können gestärkt aus dem Prozess hervorgehen..

Sie selbst sind auch geschieden. Sind ihre Kinder letztendlich glücklich aus der Scheidungsgeschichte raus gegangen?

Als meine Tochter dreieinhalb Jahre alt war, haben mein Mann und ich uns getrennt. Gott sei Dank ist es uns gelungen, eine gute Scheidungsfamilie und später dann Patchworkfamilie zu werden. Meine heute 13 Jahre alte Tochter bezeichnete sich selbst immer als glückliches Scheidungskind.

Die Eltern sind sich einig, dass eine Trennung unumgänglich ist. Wie bringen sie die Tatsache ihrem fünfjährigen Kind oder dem ohnehin schon pubertätsgeplagten Nachwuchs am besten bei?

Gerade bei kleineren Kindern gilt, wichtiger als alle Erklärungen ist das Handeln. Eltern sollten sich fragen, was die Trennung, auf das Kind bezogen, für Veränderungen bringen wird. Und dann, wenn möglich, auf Kontinuität achten. Wenn also der Vater mit seinem fünfjährigen Sohn immer am Mittwochnachmittag Fussball gespielt hat und das nach seinem Auszug auch weiter praktiziert, wird das Kind mit seiner Angst, ihn zu verlieren, leichter fertig werden. Als wenn er einfach nur auszieht und erklärt, dass er weiter für sein Kind da sein wird, ohne diesen Satz auch im Alltag umzusetzen. In der Pubertät können Eltern den Kindern wenig vormachen. Da sich die Jugendlichen in dieser Zeit sowieso von ihnen lösen, kann eine Scheidung zu dieser Zeit die Schwierigkeiten während der Ablösungsphase noch verschärfen. Hier gilt es, glaubwürdig und ehrlich seinen Weg als Eltern zu gehen - und wenn es denn die Trennung und Scheidung vom Partner ist - und darauf zu achten, die Jugendlichen nicht in Loyalitätskonflikte hinein zu ziehen.

Übertragen sich die negativen Empfindungen der getrennten Paare automatisch auf die Kinder?

Ja, davon bin ich überzeugt. Um das zu vermeiden, muss man über kurz oder lang die Beziehung zum getrennten Partner für sich aufarbeiten und die partnerschaftlichen Konflikte soweit bereinigen, dass Mutter und Vater ihre Pflichten als Eltern wahrnehmen können.

Streitereien vor dem Kind sind alltäglich und manchmal auch unvermeidbar. Wie erleben Kinder diese Situation?

Kinder können sich vom Streit der Eltern nicht abgrenzen. Sie glauben, sie seien schuld, mit ihnen ist etwas nicht richtig. Sie erleben den Streit der Eltern als Ablehnung ihrer eigenen Person. Aber nicht nur unter dem Streit sich trennender Eltern, auch unter dem ständigen Kleinkrieg in einer schlecht funktionierenden Partnerschaft leiden die Kinder. Wenn nach der Trennung und Scheidung die Streitereien aufhören, ist das ein Gewinn für die Kinder. Wenn sich der Streit auch hinterher fortsetzt, dann wird es besonders schlimm für den Nachwuchs, dieser ist oft Streitkapital zwischen den Parteien.

Glückliche Scheidungskinder, so heisst das Buch von Monika Czernin und Remo H. Largo.

Glückliche Scheidungskinder, so heisst das Buch von Monika Czernin und Remo H. Largo.

Wie können sich im Clinch liegende Eltern trotzdem zusammenraufen und ihrer Fürsorgepflicht nachkommen?

Man sollte sich nicht scheuen, Hilfe von Mediatoren, Psychologen, manchmal vielleicht auch von einem guten Freund anzunehmen. Scheidungskonflikte erfolgreich zu lösen, ist kein Kinderspiel und aus einer schlecht gehenden Ehe eine gut funktionierende Scheidungsfamilie zu fabrizieren, ist anspruchsvoll. Aber mit Engagement, Ehrlichkeit, Disziplin - und eben Hilfe - kann es gelingen. Der Lohn hinterher ist für alle gross.

Gibt es Verhaltensweisen von Kindern, die sich unmittelbar nach der Trennung einstellen, aber in dieser Situation völlig normal und typisch sind?

Vor allem leiden Kinder unmittelbar nach der Trennung unter Verlustängsten. Das kann bei kleineren Kindern z. B. dazu führen, dass sie in der Nacht wieder ins Bett machen oder sehr anhänglich sind, nicht mehr in den Kindergarten gehen oder nur noch bei der Mutter im Bett schlafen wollen. Bei grösseren Kindern gibt es oftmals Einbrüche bei den Schulleistungen, sie sind unkonzentriert oder unmotiviert und traurig. Wichtig ist, dass man sich die Lebensbedingungen des Kindes nach der Scheidung ansieht und sich fragt, wo seine Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind. Oft entstehen hier die Probleme und nicht unmittelbar durch die Scheidung.

Bei welchem Verhalten sollte eine professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden?

Bei psychosomatischen Beschwerden zum Beispiel und immer dann, wenn man selbst unsicher ist. Lieber einmal zu viel fragen, als die Dinge schleifen zu lassen.

Rund 90 Prozent der Scheidungskinder leben bei der Mutter. Nach ein bis zwei Jahren hat sich bereits die Hälfte der dazugehörenden Väter fast vollständig aus dem Leben der Kinder verabschiedet. Sind es die Mütter, welche die Väter von ihren Kindern wegtreiben oder gehen die Väter freiwillig?

Es gibt wohl alle Kombinationen. Wichtig ist aber vor allem eines: Wie gut die Beziehung des Vaters nach der Scheidung zu seinen Kindern ist, hängt wesentlich davon ab, wie gut sie davor war. Ein präsenter Vater, der schon vor der Scheidung beispielsweise an den Wochenenden alleine mit seinen Kindern etwas unternommen hat, wird sich erstens nicht so leichtfertig aus ihrem Leben verabschieden, und - noch wichtiger - zweitens kann so ein Vater auch nicht von der Mutter aus dem Leben der Kinder gedrängt werden. Zumindest langfristig geht das nicht.

Was ist für das Kind am besten - Kontakt zum Elternteil, welcher sich schlecht kümmert oder der vollständige Verzicht auf diese Person?

«Schlecht kümmern» ist ein weites Feld. Alleinerziehende Mütter können schnell zum Schluss kommen, dass der Vater sich nicht gut um das Kind kümmert, wenn es bei ihm ist. Vielleicht sorgt er aber nur anders für das Kind, hier ist Toleranz für unterschiedliche Erziehungsstile nötig. Wenn sich ein Partner wirklich schlecht, sprich nicht kümmert, sollte man trotzdem versuchen, ihn in die Erziehung des Kindes einzubinden und den Kontakt nicht ganz abreissen zu lassen.

Wann ist die Toleranzgrenze überschritten?

Wenn das Kind Schaden nimmt, es unbeaufsichtigt bleibt, seine Grundbedürfnisse gar nicht erfüllt werden oder wenn es Anzeichen von Missbrauch gibt. Auf jeden Fall sollte man sich da professionelle Hilfe holen.

Alleinerziehende achten oft besonders darauf, dass es ihrem Kind gut geht und stellen ihre Bedürfnisse hinten an. Ist dies der richtige Weg?

Oft ist es eben DER Weg. Ohne die eigenen Bedürfnisse ein Stück weit hinten anzustellen, ist das Leben als Alleinerziehende/r nicht zu haben, man sollte sich dies vor der Trennung bewusst machen. Ganz allgemein gilt: Kinder aufzuziehen bedeutet neben allem Glück und aller Freude, die sie einem bringen, immer auch die eigenen Bedürfnisse ein Stück weit hinten anzustellen. Stattdessen die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen, ihnen Lebensbedingungen zu verschaffen, die sie brauchen, um sich gut entwickeln zu können. Das bedeutet vor allem, sich viel Zeit für sie zu nehmen, egal in welcher Familienkonstellation.

Zum Schluss ganz konkret – wie sollte eine Trennung ablaufen, damit weder Vater, Mutter und die Kinder unnötig emotional belastet werden?

Eltern, die sich trennen wollen, sollten möglichst frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und sich vor, während und nach der Trennung begleiten lassen. Eltern unterschätzen all die Hürden, die sie nehmen müssen. Mit professioneller Hilfe sind sie viel weniger gestresst und können planvoller vorgehen, was sich auf ihre Kinder sehr positiv auswirken wird.

Monika Czernin ist freie Journalistin und Buchautorin. Sie lebt mit ihrer Tochter in München.

 

Buch-Tipp zum Thema Scheidung und Kinder

Glückliche Scheidungskinder. Trennungen und wie Kinder damit fertig werden. Von Remo Largo, Monika Czernin. Pieper-Verlag