Kinder aus der Patchwork-Familie

Kinder aus Patchwork-Familien sind besonders häufig in leichte oder schwere Straftaten verwickelt, zeigt eine Studie des Lausanner Kriminologen Marcelo Aebi. Als Grund wird eine schwache Bindung zu den Eltern angegeben. Warum das in Patchwork-Familien oft so ist, und was Eltern dagegen tun können, erfahren Sie hier.

Kinder aus Patchwork-Familien stehen vor einigen Herausforderungen.

Kinder aus Patchwork-Familien sind häufiger in Straftaten verwickelt. Kann Beziehungsarbeit rebellisches Fehlverhalten verhindern? Foto: iStock, Thinkstock

Patchwork-Familien sind die heutigen Grossfamilien: Während die überwiegende Mehrzahl der Kinder in Haushalten mit höchstens einer Schwester oder einem Bruder aufwachsen, kommen Patchwork-Familien rasch auf eine Haushaltsgrösse von sechs bis acht Personen. Diese Familienform birgt für alle Beteiligten Chancen und Risiken.

Patchwork-Familien sind gross und oft ziemlich kompliziert: Mutter, Vater, Stiefmutter, Stiefvater, Geschwister, Halbgeschwister, vier Grosseltern und jede Menge Tante, Onkel, Cousinen und Cousins wollen irgendwie miteinander in Beziehung gebracht werden. Hier liegt jede Menge Konfliktstoff. („Seraina ist doch mein Enkelkind! Weshalb bringst du es immer zu den Grosseltern deines neuen Partners?“)

Patchwork-Familien sind organisatorisch anspruchsvoll: Leben die Woche über die Mutter mit ihren zwei eigenen Kindern, ihr neuer Partner und das gemeinsame Kind zusammen, stossen übers Wochenende noch die zwei  älteren Kinder des Partners dazu. Die Familie wird zur Grossfamilie. Familienferien, Weihnachten, Geburtstage müssen in vielen Familien minutiös durchorganisiert werden.  („Du kannst dir Weihnachten gleich an den Hut stecken, wenn Papa nicht dabei sein darf.“)

Patchwork-Familien sind eine Realität: Paare lassen sich scheiden und gründen neue Partnerschaften.  An dieser Tatsache gibt es nichts zu rütteln. Sie ist zu akzeptieren. Allerdings ist zu beachten, dass dabei  das Leben der Kinder oft sehr durcheinander kommt. Besonders gravierend ist es, wenn sie zusätzlich aus ihrem bisherigen Lebensumfeld herausgerissen werden.  Der Kontakt zu Freundinnen und Freunden oder zu den Grosseltern, die Freizeitaktivitäten, die Träume auf Erfolge im Sportclub („Nächste Saison darf ich mit Kevin in der selben Mannschaft spielen.“) sind aus Sicht der Kinder ebenfalls in Frage gestellt.

Patchwork-Familien haben eine Geschichte. Und auf diese kommt es an. Dort, wo sich Eltern vor und während der Trennung weh tun, leiden auch die Kinder. Sie verlieren das Vertrauen und fühlen sich allein gelassen.  Die neue Partnerin oder den neue Partner wird oft als Ursache für die Probleme gesehen. Sie oder er zerstört die Familie. („Wäre Papa Marianne nie begegnet, wären wir jetzt noch als Familie glücklich zusammen.“)

Was zu tun ist

  • Kinder brauchen während der Trennungsphase der Eltern besondere Aufmerksamkeit und häufig auch Unterstützung. Hier sind alle gefordert, die mit den betroffenen Kindern zu tun haben: die Eltern selber, aber auch die Grosseltern, die Krippenleiter, die Lehrkräfte und die Sporttrainer.
  • Spüren die Eltern, dass das Kind mit der neuen Situation nicht klar kommt, müssen sie bereit sein, rechtzeitig eine Familienberatung aufzusuchen. Wichtig ist, dass keine Kontakte in Frage gestellt werden oder abbrechen, die für das Kind von Bedeutung sind. Das heisst in erster Linie, dass auch getrennte Eltern sich intensiv um die Beziehung zu ihren Kindern kümmern  müssen. Weil das viel Zeit braucht, kann das auch Auswirkungen auf die Berufskarriere haben. Daneben sind für viele Kinder die Kontakte zu den Grosseltern oder anderen Verwandten zentral.
  • Kinder müssen im Trennungsprozess und bei der nachfolgenden Neuorganisation der Familie angehört und miteinbezogen werden. Dabei muss ihnen als erstes von allen Beteiligten klar gemacht werden, dass sie an der Trennung keine Schuld tragen.  Zweitens müssen sie ihre Meinung zu den vorgeschlagenen Lösungen über die neue Familienorganisation äussern und alternative Vorschläge einbringen können. Und drittens müssen die Eltern glaubhaft in Aussicht stellen, dass diese Diskussion weitergeführt wird und es zu einem späteren Zeitpunkt auch neue Lösungen geben kann.
  • Kindern muss das Recht auf ihre eigenen Gefühle zugestanden werden. Wenn Kinder wütend auf neuen Partner sind, steckt dahinter oft eine tiefe Trauer um den „verlorenen“ Vater. Für die neuen Partnerinnen und Partner braucht es viel Feingefühl und Verständnis. Dasselbe gilt, wenn Kinder neu als „Halbgeschwister“ von einem Tag auf den anderen unter demselben Dach leben. Es ist genauso normal, dass es im einen Fall zu Ablehnung und Konflikten kommt, wie es im anderen Fall zu neuen Freundschaften und einer positiven Familiendynamik kommen kann.
  • Bei allen Respekt vor den Bedürfnissen der Eltern: Die Bedürfnisse der Kinder gehen vor. Dies gilt solange, bis diese trittfest im Leben stehen.  Im Unterschied zu Kindern können Eltern Bedürfnisse aufschieben und zeitlich etappieren. Das kann auch mal heissen, dass ein neues Paar nicht zusammenzieht, solange die Kinder dazu nicht bereit sind.

 

Patchwork-Familien sind kompliziert

Die Studie macht etwas sichtbar, was der gesunde Menschenverstand längst weiss. Eine Patchwork-Familie ist kompliziert und birgt viel Konfliktstoff. Damit erhöht sich das Risiko für die Kinder, dass bei einer solchen Neuorganisation der Familie ihren Platz nicht finden und dagegen mit allerlei Fehlverhalten rebellieren. Eine Patchwork-Familie ist aber wie alle anderen Lebensgemeinschaften so gut oder so schlecht für ein Kind, wie die gegenseitigen Beziehungen gestaltet werden. Auch hier gilt: Nicht die Lebensform ist entscheidend, sondern die Art und Weise, wie sie von den Beteiligten gelebt wird. Und auch hier gilt: Familien müssen sich helfen lassen, wenn sie Probleme haben. Es ist keine Schande, eine Beratungsstelle aufzusuchen, weil der Sohn des Partners partout keine Anweisungen seiner Stiefmutter befolgt.

Die Politik soll nicht direkt in die Entscheidungsprozesse der Familien eingreifen. Hingegen ist sie verantwortlich dafür, dass die Familien stabile Rahmenbedingungen haben.  Noch mehr als Kleinfamilien sind Patchwork-Familien darauf angewiesen, dass die Schule verlässliche Angebote macht (keine kurzfristigen Programmänderungen oder Stundenausfälle)  und dass auch die Freizeitaktivitäten der Kinder planbar sind. Geeignete Angebote wie Jugend- und Familienberatungsstellen können ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung der Familien leisten. Patchwork-Familien brauchen zudem flexibel nutzbaren Wohnraum und wie alle Familien ein gesellschaftliches Klima der Toleranz.

Machen wir die Kinder der Patchwork-Familien nicht zu den neuen Aschenputteln der Gesellschaft.

Text: Jacqueline Fehr

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