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Alternierende Obhut: Heute hier, morgen dort …

Eine Woche Mama, eine Woche Papa – viele Kinder kommen mit der alternierenden Obhut gut zurecht. Aber nicht alle. Experten warnen vor den Nachteilen des Wechselmodells.

Alternierende Obhut: Wie sinnvoll ist das Wechselmodell wirklich?

Alternierende Obhut: Wenn das Kind bei beiden Elternteilen im Wechsel lebt. Foto: AlexLinch, iStock, Getty Images Plus

«Heute hier, morgen dort», so beginnt ein bekanntes Lied des Musikers Hannes Wader. Doch wie erlebt ein Kind seine Kindheit, wenn es regelmässig seinen Wohnsitz wechselt, sein Umfeld, die Regeln?

Die rechtliche Grunlage der alternierenden Obhut

Seit Anfang 2017 müssen Gerichte den Antrag auf alternierende Obhut prüfen, wenn der Vater oder die Mutter das bei einer Trennung oder Scheidung wünscht. Dieses Wechselmodell sieht vor, dass das Kind abwechslungsweise mal beim Vater, mal bei der Mutter lebt. In der Regel sind es Väter, die diesen Antrag auf Alternierende Obhut stellen. Sie wollen mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen und auch den Alltag mit ihm teilen. Voraussetzung ist das gemeinsame Sorgerecht.

Experten sind kritisch

Vielen gilt die alternierende Obhut auch im Sinne des Kindeswohls als Idealmodell nach der Scheidung. Doch manche Psychologen und Experten stehen dem Wechselmodell kritisch gegenüber. Zum Beispiel der Schweizer Kinderarzt und Autor von Erziehungsbüchern Remo Largo. «Entscheidend für das Kind ist, dass es sich immer geborgen fühlt. Da können ja auch dritte Personen dazu beitragen. Aber was viele Kinder nicht gut vertragen, das sind die Wechsel. Also dass ihre Umgebung ständig wechselt. Das kennen wir ja selbst auch. Wir haben das auch nicht gern», sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur.

Skeptisch ist auch der Psychologe Stefan Rücker. Er leitet im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Studie, die der Frage nachgeht: Wie wirken sich die unterschiedlichen Betreuungsmodelle nach der elterlichen Trennung auf das Wohl des Kindes aus? Zwar ist die Studie noch nicht fertig, doch schon jetzt ist klar: Eine generelle Empfehlung wird es nicht geben. Denn es kommt auf den Einzelfall an. Eltern können sich das Modell noch so sehr wünschen – oft ist es erst gar nicht umsetzbar.

Alternierende Obhut: Nicht immer realistisch

Damit alternierende Obhut funktioniert, müssen in der Regel verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein.

Zwei Standorte – nah beieinander:

Zum einen ist es wichtig, dass die Eltern nicht allzu weit auseinander leben. Schliesslich müssen Tagesmutter, Kita oder Schule von beiden Standorten aus gut erreichbar sein. Fußball, Ballettunterricht, Chorprobe – natürlich möchte das Kind auch sein Freizeitprogramm kontinuierlich aufrecht erhalten – egal ob es bei der Mutter oder beim Vater ist.

Guter finanzieller Background:

Die alternierende Obhut hat ihren Preis. Soll das Kind in beiden Wohnungen, also sowohl bei Mama als auch bei Papa, ein Zimmer haben, brauchen beide Elternteile eine relativ grosse Wohnung. Für die Mutter, die möglicherweise ihre Karriereplanung zugunsten der Kindererziehung vernachlässigt hat, kann es aber schwer sein, schnell im Beruf Fuss zu fassen und genug Geld zu verdienen. «Aus der Praxis wissen wir, dass sich viele Eltern das Wechselmodell nicht leisten können», sagte Stefan Rücker der Wochenzeitung «Die Zeit». Generell sei die alternierende Obhut bisher ein Modell für die Besserverdienenden und Gebildeten.

Wechselmodell braucht Eltern, die miteinander reden

Alternierende Obhut braucht aber nicht nur gutes Einkommen. Noch viel wichtiger ist die Fähigkeit der Eltern, ihre Konflikte gut lösen zu können. Denn Absprachen sind eine wichtige Grundlage dafür, dass das Wechselmodell im Alltag funktionieren kann. Doch gerade nach einer Trennung brechen negative Gefühle – Wut und Enttäuschung – immer wieder auf. «Was die Beziehungen zwischen den Eltern betrifft, muss festgestellt werden, dass nach einer Trennung die gemeinsame Elternschaft mit beträchtlichen Schwierigkeiten verbunden ist», heisst es in einer Interdisziplinäre Studie zur Alternierenden Obhut aus dem März 2017. Die alternierende Obhut könne die Spannungen zwischen den Eltern verstärken. Denn ihr Koordinationsbedarf ist immens. Remo Largo rät deshalb Eltern immer wieder, professionelle Trennungsbegleitung in Anspruch zu nehmen.

Alternierende Obhut: Nicht immer erste Wahl

Die alternierende Obhut kann ein Modell sein, mit dem das Kind sich rundum wohl fühlt. In vielen Fällen ist es aber nicht die erste Wahl.  «Aufgrund der Forschungsresultate in den Sozialwissenschaften kann nicht behauptet werden, dass es ein bestimmtes Modell der Obhut und Kinderbetreuung gibt, das für sämtliche familiäre und soziale Situationen ideal wäre», resümiert Interdisziplinäre Studie zur Alternierenden Obhut aus dem März 2017.

Am wichtigsten sei, dass das Kind sich geborgen fühlt, wird Remo Largo nicht müde zu erklären: «Kinder leiden nicht unter der Scheidung ihrer Eltern, sondern unter schlechten Beziehungen.»

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