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Pflegekinder brauchen besondere Aufmerksamkeit

Pflegekinder sind verletzte Kinder. Die meisten haben in ihrer Familie Schlimmes erlebt. Manche wurden vernachlässigt, andere mussten körperliche Gewalt ertragen. Wenn diese Kinder in eine Pflegefamilie kommen, ist besondere Aufmerksamkeit gefragt. Darüber waren sich Experten an einer Fachtagung schnell einig.

Pflegekinder brauchen viel Aufmerksamkeit.

Pflegeeltern müssen ihrem Pflegekind viel Aufmerksamkeit schenken und ihm zeigen, dass es bei ihnen sicher aufgehoben ist. Foto: iStock, Thinkstock

In der Schweiz leben nach Schätzungen der Pflegekinder-Aktion Schweiz etwa 15.000 Pflegekinder. Die Mehrheit ist bei ihren Verwandten untergebracht. Weil die Eltern nicht mehr für sie sorgen können, müssen die Kinder zu einer Pflegefamilie. Ihre Eltern haben sie vernachlässigt, seelisch oder körperlich missbraucht oder waren wegen der eigenen Suchterkrankung oder psychischer Probleme nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern. Das hinterlässt Spuren. Etwa zwei Drittel der Pflegekinder sind traumatisiert.

Wie wichtig es ist, dass diesen Pflegekindern besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, betonten Experten an der Fachtagung «Pflegekinder – verletzte Kinder?» der Pflegekinder-Aktion Schweiz im Dezember in Zürich. «Wir müssen die traumatisierende Geschichte der Pflegekinder anschauen», sagte Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm.  Pflegeeltern sollten wissen, was das Pflegekind erlebt hat, bevor es zu ihnen kommt.

Pflegekinder leiden an Entwicklungsstörungen und psychischen Störungen

Viele Pflegefamilien wissen zwar, dass ihr Pflegkind aus schwierigen Familienverhältnissen kommt. Was aber genau passiert ist, ist vielen unklar. Manche glauben, dass die Geborgenheit in der neuen Familie den Kindern von selbst helfen wird, die schlimmen Erinnerungen zu vergessen. Das ist aber leider nicht so. Entwicklungs- und psychische Störungen sind bei Pflegekindern verbreitet. Manchmal zeigen sich die Folgestörungen auch erst viel später.

«Pflegeeltern sollten geplant in das Pflegeverhältnis gehen», erklärte Jörg Fegert. So sollten sie beispielsweise wissen, dass viele Kinder unsichere Bindungserfahrungen gemacht haben. Es ist daher nicht ungewöhnlich, wenn die Pflegekinder Angst vor einer Bindung zu den Pflegeeltern haben. «Es braucht Zeit, bis die Pflegekinder Vertrauen zu den Pflegeeltern fassen können», so der Psychiater.

Pflegeeltern müssen sich in das Pflegekind hineindenken

Die deutsche Ärztin Bettina Bonus, die seit über 20 Jahren mit frühtraumatisierten Adoptiv- und Pflegekindern und deren Familien arbeitet, forderte die Pflegeeltern sogar auf, mit den Augen des Kindes zu sehen. Die Pflegeeltern sollten symbolisch in das Kind hinein schlüpfen. «Dafür müssen sich Eltern von all ihrem Wissen über Psychologie oder Erziehung befreien», sagte sie. Nur so, könnten sie nachvollziehen, wie sich das Kind fühlt.

Pflegekinder sind oft von ihren leiblichen Eltern verletzt worden. Es ist wichtig, dass sie wieder Selbstvertrauen bekommen. Das geht nach Ansicht von Bettina Bonus nur, indem die Pflegeeltern ihnen das Gefühl der Sicherheit geben und ihre Liebe zum Kind auch zeigen. «Es reicht nicht, dass Kind im Herzen zu lieben. Man muss die Liebe zeigen.» Pflegekinder brauchen also besondere Aufmerksamkeit, sie brauchen einen strukturierten Alltag, sie müssen immer wieder gelobt und in den Arm genommen werden. Bis diese Mühe der Pflegeeltern Früchte trägt, kann es Jahre dauern. Aus ihrer Erfahrung weiss die Ärztin, dass viele Pflegekinder erst mit rund 24 Jahren gesund sind.

Das kann auch der Psychiater Jörg Fegert bestätigen: «Mann kann nicht erwarten, dass stark traumatisierte Pflegekinder normale Kinder werden, wenn sie in die Pflegefamilie kommen. Aber die Pflegefamilie kann sehr viel helfen.»

Viele Pflegekinder sind traumatisiert.

Viele Pflegekinder haben Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt und sind traumatisiert. Foto: © Eléonore H - Fotolia.com

Aber nicht nur die Pflegeeltern müssen sich Mühe geben. Auch die Experten sind gefordert. «Die Voraussetzung für die Überwindung einer Traumatisierung ist eine stabile Betreuungssituation und weil das nicht ausreicht, ist auch eine Psychotraumatherapie für Kinder nötig», erklärte der Fachpsychologe für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie Ulrich Zingg aus Bolligen.  Zu einer Therapie gehört die psychische Stabilisierung der Kinder, die Beratung der Pflegeeltern und die Traumakonfrontation. Ohne gute Betreuung und fachgerechte Therapie sei die ganze Gesundheit des Kindes gefährdet, sagte Ulrich Zingg.

Der Psychiater Jörg Fegert formulierte zudem die Forderung, dass Profis, wie Ärzte und Therapeuten, die Lebensgeschichte der Kinder aufbereiten sollten. Nur so könnten Pflegekinder ihre eigene Biografie nachvollziehen. Das sei enorm wichtig.

Mehr Ressourcen für das Pflegkinderwesen

Die SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr sprach davon, dass sich auch die Politik mehr dem Thema Pflegekinder widmen sollte. Wichtig sei die Familienplatzierungsorganisation, welche die Pflegefamilien vermitteln, zu regeln, die Weiterbildung der zuweisenden Behörden zu gewährleisten, zusätzliche Plätze, insbesondere für Jugendliche, zu schaffen und die Traumaarbeit sowie die fachliche Begleitung der Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. «Jeder Einzelfall verdient mehr Zeit», sagte Jacqueline Fehr. «Die Politik müsste vielmehr Ressourcen zur Verfügung stellen.»

Die Politikerin hatte bereits im Jahr 2002 in ihrem Postulat «Pflegekinderwesen in der Schweiz» eine Professionalisierung im Pflegekinderwesen angemahnt. Sie forderte auch, die Pflegkinder besser zu schützen. Eine Revision der Pflegekinderverordnung steht aber nach wie vor aus. Neu soll die Pflegekinderverordnung Kinderbetreuungsverordnung heissen und auch die familienergänzende Betreuung in Kitas regeln.

Weitere Details zum Stand der Kinderbetreuungsverordnung erhalten Sie unter www.ejpd.admin.ch

Mehr Informationen zum Thema Pflegekinder gibt es auf den Seiten der Pflegekinder-Aktion Schweiz unter pflegekinder.ch

Pflegekinder sind ein aktuelles Thema: Probleme mit privaten Vermittlern

Der «Beobachter» berichtete Ende November in einem Beitrag von unseriösen Pflegekinder-Vermittlungsfirmen. Eine private Organisation hatte eine Mutter und deren Kinder in eine Pflegefamilie einer evangelikalen Gemeinschaft platziert. Die Pflegeeltern zwangen die Kinder dazu, spezielle Kindergottesdienste zu besuchen und gaben den Kindern die Bibel der Zeugen Jehovas in die Hand. Mittlerweile gibt es rund 80 private Pflegekinder-Vermittler. Seriöse von unseriösen Organisationen zu unterscheiden, sei heute kaum möglich, sagte Andrea Keller vom Fachverband Integras der Zeitschrift. Bis heute gebe es keine gesamtschweizerisch verbindlichen Richtlinien, an denen Platzierungsorganisationen gemessen würden, sagte André Woodtli, Amtschef der Jugend- und Berufsberatung des Kantons Zürich. Das sei ein gravierender Missstand. SP-Politikern Jacqueline Fehr sagte dem «Beobachter»: «Es fehlt schlicht der politische Wille». Bei der ausserfamiliären Betreuung habe man vor denselben Probleme gestanden. Da war es aber möglich, eine Regelung zu finden. Heute brauchen Krippen und Horte eine Bewilligung. Wer die nicht erhält, bekommt keine öffentlichen Mittel.

 

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