Beste Freunde: Beziehungen fürs Leben?

Eltern wünschen sich für ihre Kinder beste Freunde. Treue Spielgefährten, mit denen sie über Jahre hinweg «ein Herz und eine Seele» sind und auf die in Notlagen jederzeit Verlass ist. Kinder sind pragmatischer: Der beste Freund ist für sie derjenige, mit dem sich am besten spielen lässt.

Beste Freunde: Beziehung fürs Leben?

Einmal Freunde, immer Freunde? Dass das nicht immer so ist, ist kein Grund zur Sorge. Foto: SerrNovik, iStock, Thinkstock

Marla hat viele Freundinnen. Besonders vertraut ist ihr die Klassenkameradin Kathi. Kathi spielt aber noch lieber mit Astrid als mit Marla. Manchmal macht sich Marlas Mutter Sorgen. «Brauchen Kinder nicht beste Freunde, für die sie selbst auch die Nummer eins sind?» fragt sie sich. Doch Marla hat mit der Freundinnen-Konstellation kein Problem: Die beste Freundin ist für sie schlichtweg diejenige, mit der sie sich am meisten verbunden fühlt – auch wenn die Freundin diese Freundschaft vielleicht anders werten würde.

Was beste Freunde verbindet

Kinder haben oft eine andere Vorstellung als Erwachsene davon, was beste Freunde sind. Während viele Erwachsene verklärt an eine Beziehung denken, in der zwei Kinder über Monate in grosser Harmonie miteinander spielen, fassen Kinder den Begriff weiter. «Beste Freunde sind diejenigen, mit denen das Kind die gleichen Interessen teilt und die meiste Zeit verbringt», so Dr. Marion Pothmann, leitende Psychologin in der Klinik Hochried in Murnau, einem Zentrum für Kinder, Jugendliche und Familien, und Autorin des Buches «Kinder brauchen Freunde». Und wer an dem einen Tag der beste Freund sei, müsse das am nächsten Tag nicht mehr zwingend sein.

«Bis zum Alter von zehn Jahren ist Freundschaft für Kinder eine einseitige, zweckorientierte Beziehung. Sie wünschen sich einen Freund, der möglichst das spielt oder tut, was sie möchten, und der verträglich ist», so auch die Berliner Pädagogin Professor Renate Valtin. Erst danach werden die Erwartungen höher. Je weiter Kinder der Pubertät entgegenschreiten, umso mehr Wert legen sie darauf, dass der Freund nicht nur hilfsbereit, sondern auch verschwiegen ist: Er muss Geheimnisse gut bewahren können.

Was Kinder von besten Freunden lernen

In unserer Gesellschaft haben lang anhaltende enge Freundschaften einen hohen Stellenwert. Eltern sind stolz auf Kinder, die jahrelang eine feste beste Freundin oder einen besten Freund haben. Doch Eltern sollten von ihren Kindern nicht erwarten, schon früh Zweierbeziehungen zu pflegen. Jungen und Mädchen lernen oft mehr fürs Leben, wenn sie immer wieder frei und ungebunden auf bislang fremde Spielkameraden zugehen können. Kinder, die sich aufgeschlossen auf andere einlassen, sammeln eine Menge sozialer Erfahrung. Gleichzeitig erhalten sie Einblicke in viele verschiedene Familienwelten.

Doch auch zwei Kinder, die sehr eng miteinander über Jahre befreundet sind und dementsprechend weniger neue Kontakte aufbauen, profitieren voneinander. Sie geben sich vor allem gegenseitig Halt. Zu zweit ist man nicht allein und gemeinsam lassen sich Interessen besser durchsetzen. Das macht stark. «Freunde sind für Kinder gleichwertige Partner. Sie spüren Vertrautheit, üben aber auch Konflikte», sagte Jürg Frick, Psychologe an der Pädagogischen Hochschule Zürich, jüngst dem «Beobachter».

So funktionieren enge Freundschaften

Olli will sich immer durchsetzen? Tamara möchte auf keinen Fall ihre Süssigkeiten teilen? Beste Freunde müssen eigene Bedürfnisse auch mal zurückstellen können. «Doch genau das haben viele Kinder nicht gelernt», weiss Verena Eschweiler, Erziehungsberaterin bei der Stadt Kiel. Wenn Eltern ihren Kindern das Leben zu leicht machen wollen, wird es den Kindern zu schwer: «Kinder, denen zu viele Wünsche erfüllt werden, können nicht den Frust ertragen, den das Leben, auch eine Freundschaft, nun mal mit sich bringt.» Sie können nicht mit Auseinandersetzungen umgehen, die zu jeder Freundschaft gehören wie die Kälte zum Schnee. Die Folge: Sie ziehen sich zurück.

«Wichtig ist, dass Eltern Kindern Grenzen setzen», so Verena Eschweiler. Sie rät Eltern, sich in Ruhe zu überlegen und zu beraten: Welche entscheidenden Regeln in unserem Zusammenleben sind sinnvoll? Was ist mir wichtig? Dann gilt es, diese Regeln durchzusetzen, auch auf die Gefahr hin, dass das Kind zunächst mit Widerstand reagiert.

Beste Freunde – Verbindung zur Welt

Mit engen Freundschaften beginnen Kinder, sich vorsichtig und altersgerecht vom Elternhaus ein Stückchen abzunabeln. Sie setzen von nun an nicht nur auf die Familie, sondern auch auf andere Menschen ausserhalb des vertrauten Kreises. Manche Spiele machen mit anderen Kindern einfach viel mehr Spass als mit Mama oder Papa. Und manches Geheimnis ist bei Gleichaltrigen nun mal besser aufgehoben, merken sie.

Besonders wichtig werden enge Freunde in der Pubertät. Jetzt verlassen die heranwachsenden ihre Kindheit und begeben sich auf neues, unbekanntes Terrain. Gleichaltrige befinden sich alle in derselben Situation: Sind sie miteinander befreundet, können sie sich gegenseitig am besten verstehen und helfen.

Beste Freunde – aber wie lange?

Wer hat als Kind seiner besten Freundin oder seinem besten Freund nicht ewige Treue geschworen? Manche, die in der Kindheit oder Jugend eng verbandelt waren, halten auch als Erwachsene noch Kontakt. Andere Freundschaften entpuppen sich dagegen als loderndes Feuer, das schnell niederbrennt.

Manchmal zerbrechen Freundschaften. Und manchmal verlieren sich einst gute Freunde einfach aus den Augen. Dann werden neue Freundschaften geschlossen, mal mehr, mal weniger intensive. Das ist so im Leben – und Kinder lernen das leichter, wenn sie nicht nur einen besten Freunde, sondern gleich mehrere beste Freunde haben. Jeder Freund ist anders, und mit jedem teilt man andere Gemeinsamkeiten und Geheimnisse. Wer der Freund fürs Leben wird, entscheidet das Leben selbst.

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