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Wie Kinder lernen, auf Mamas und Papas Aufmerksamkeit zu warten

Haben Sie sich schon gefragt, ob Sie Ihrem Kind zu viel Aufmerksamkeit schenken und es dadurch verwöhnen? Ein «zuviel» gibt es nicht, sagt Erziehungsexpertin Maya Risch. Trotzdem müssen Kinder lernen, auf die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu warten. Die Expertin erklärt, wie das gelingt.  

Aufmerksamkeit von Mama: Kleines Mädchen zupft Mutter im Homeoffice am Arm.

«Mami lueg mal!»: Kleine Kinder müssen lernen auf die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu warten. GettyImages Plus, ozgurcankaya

Hören Sie ständig «Mami, schau was ich gemacht habe» oder «Papi komm, spiel mit mir!»? Fragen Sie sich auch ab und zu: Kann mein Kind nicht auch mal kurz warten? Ist das normal, dass es dauernd etwas von mir will? Gebe ich meinem Kind zu viel Aufmerksamkeit, habe ich es verwöhnt?

Solche und ähnliche Gedanken kennen wohl die meisten Eltern kleiner Kinder. Ja, unser Kind will unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung – am liebsten während 24 Stunden am Tag. Zum Glück braucht es diese aber nicht andauernd! Natürlich benötigt es unsere Präsenz und Anerkennung, um gesund aufzuwachsen, aber nicht rund um die Uhr.

Wichtiger als die Dauer der Aufmerksamkeit ist deren Qualität.

Wie ist das eigentlich: Können wir unseren Kindern auch zu viel Aufmerksamkeit geben und sie dadurch verwöhnen? Nein, Aufmerksamkeit im Sinn von Kontakt und Präsenz können wir nie zu viel geben, solange diese echt ist und wir sie ihm nicht aufdrängen. Wichtiger als die Dauer der Aufmerksamkeit ist aber deren Qualität. Dazu später noch ein paar Gedanken.

Vielmehr ist es so, dass wenn wir uns fragen, ob wir unserem Kind zu viel Aufmerksamkeit geben, wir ihm diese Aufmerksamkeit in diesem Moment eigentlich nicht geben wollen… Dabei aber ein schlechtes Gewissen haben.

Kinder wollen für Eltern wertvoll sein

Kinder wollen so oft im Kontakt mit ihren engsten Bezugspersonen sein, weil sie abhängig sind von unserer Fürsorge und sich bei uns Eltern sicher fühlen. Sie wollen wertvoll für uns sein und sich geliebt, gesehen und gehört fühlen – als ganze Persönlichkeit.

Wenn das Kind ruft: «Mama guck mal, Papa komm mal her», will es, dass wir Anteil nehmen und uns ihm zuwenden. Es will, dass wir sehen, was es macht, was es schon kann, was ihm gerade gelingt oder Spass macht oder wo es Hilfe braucht. Oft reichen dann ein paar Momente Augenkontakt, begleitet von einem Nicken und einem interessierten «Aha» oder «Oh, so gross» oder «Ja, ich sehe, dass du Spass hast.»

Weil kleine Kinder unsere Aufmerksamkeit am liebsten rund um die Uhr suchen, ist es völlig normal, dass uns dies immer mal wieder zu viel wird. Wir haben ja auch noch andere Bedürfnisse Interessen und Aufgaben und wir haben auch unsere Grenzen.

Auf Mama oder Papa warten, ist ein Lernprozess

Dürfen wir vom Kind verlangen, zu warten, wenn wir ungestört mit unserer Freundin telefonieren, die Zeitung lesen oder uns mit unserem Nachbarn in Ruhe unterhalten wollen? Selbstverständlich! Wir dürfen dies nicht nur verlangen, wir sollen das auch. Es ist nicht nur für unser Wohlbefinden, sondern auch für die Entwicklung unseres Kindes wichtig, dass wir unsere Bedürfnisse und Grenzen klar zum Ausdruck bringen. Wenn wir Kindern klar sagen, was wir wollen und brauchen, lernen sie, dass nicht nur sie Bedürfnisse haben, sondern auch wir.

Für kleine Kinder ist es ein Lernprozess, ein paar Minuten zu warten und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Viele Kinder können das nicht beim ersten Versuch, sie können es allerdings lernen, wenn wir ihnen Gelegenheit dazu bieten.

Damit Kinder dies lernen können, ist es sinnvoll, dass wir mit einer wirklich kurzen Zeitspanne anfangen. Zu Beginn können das zwei oder drei Minuten sein. So werden erste Erfolgserlebnisse ermöglicht. Danach kann die Dauer auf fünf Minuten und mehr verlängert werden. Einige Kinder können je nach Tageszeit und Tagesform schon als Vierjährige ohne Probleme etwas länger warten. Das ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich.

Kinder aufs Warten vorbereiten

Wenn wir vorausschauend handeln und dem Kind im Voraus mitteilen, was wir von ihm wollen, erleichtern wir es uns und dem Kind, sich auf die folgende Situation einzulassen. Will ich also in Ruhe ein Telefongespräch führen, kann ich sagen: «Ich rufe jetzt meine Freundin an. Das dauert solange, bis der Küchenwecker klingelt. Du kannst gerne Hallo sagen, wenn du willst. Danach will ich alleine mit ihr reden und ich will, dass du ein Buch anschaust oder sonst etwas machst, wofür du mich nicht brauchst. Hast du eine Idee? Brauchst du gerade noch etwas von mir, bevor ich anfange?»

Kommt das Kind trotz guter Vorbereitung während dem Telefonat zu uns, können wir uns ihm kurz zuwenden und sagen: «Ich höre, dass du etwas willst von mir. Jetzt will ich in Ruhe telefonieren. Nachher höre ich dir zu.»

Etwas schwieriger ist es, wenn wir keine Gelegenheit haben, das Kind vorzubereiten, zum Beispiel, wenn uns jemand anruft. Kommt das Kind nun zu uns, sollten wir das Telefonat kurz unterbrechen, um ihm liebevoll mitzuteilen, dass wir uns im Moment gerade nicht mit ihm beschäftigen können. Am besten sagen wir ihm, wann wir uns ihm wieder zuwenden können: «Ich sehe, dass du mir etwas zeigen willst. Ich kann jetzt nicht schauen. Bitte hol dir etwas, das du ohne mich machen kannst. Nach diesem Telefon bin ich wieder für dich da, ich weiss aber noch nicht genau, wie lange es dauern wird.»

An Abmachungen halten, ist wichtig

Wichtig ist, dass wir Erwachsenen uns immer wieder bewusstmachen, dass unser Kind in einem Lernprozess ist. Das bedeutet, dass es Übung braucht, und es darum ganz normal ist, wenn das Warten oder Bedürfnisse aufschieben nicht von Anfang an klappt.

Für diesen Lernprozess besonders wichtig ist es, dass wir auch verlässlich wieder da sind, sobald die vereinbarte Zeitspanne vergangen ist, und zwar auch dann, wenn sich das Kind vielleicht noch weiterhin selbst beschäftigt.

Da kleine Kinder noch kein Zeitgefühl haben, kann eine Sanduhr helfen, die Zeit sichtbar zu machen. «Komm mal her, hier ist eine Sanduhr. Siehst du wie der Sand hinunterrieselt. Sobald der gesamte Sand durch die enge Stelle gefallen ist, bin ich wieder bei dir», können wir zu unserem Kind sagen. Auch hilfreich ist ein TimeTimer. Dieser macht die Zeit sichtbar für die Kinder.

Worauf es sich lohnt, zu achten

Wenn Kinder regelmässig echte Präsenz und ungeteilte Zuwendung erhalten, fällt es ihnen meistens mit etwas Übung leichter, hin und wieder mal zu warten. Gelingt dies trotz aller Hilfestellungen nicht, sollten wir uns fragen, ob wir ihm wirklich jeweils unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Legen wir zum Beispiel das Handy weg, wenn es zu uns kommt? Sind wir mit den Gedanken vielleicht irgendwo ganz anders, überlegen wir gerade was auf die Einkaufsliste kommen soll oder was im Büro noch unbedingt erledigt werden muss? Dann geht unsere Präsenz weg vom Kind. Dem Kind kommt es vor, als ob wir verschwinden, obwohl wir physisch anwesend sind. Es fühlt sich alleine und tut alles, um uns wieder zurückzuholen.

Wir können noch etwas tun, um das Kind in seinem Lernprozess zu unterstützen und die Beziehung zu ihm zu stärken. Wenden wir uns nach der vereinbarten Zeitspanne, die das Kind gewartet hat, dem Kind zu, können wir seine Bemühung würdigen. Auch wenn es nur ein Teil der vereinbarten Zeit geklappt hat. «Ich merke, du hast wirklich versucht, zu warten! Das hat ja schon etwas geklappt. Bald üben wir das nochmals.» Und wenn das Kind es geschafft hat, sich eine Weile allein zu beschäftigen, können wir uns bei ihm bedanken: «Danke, dass ich in Ruhe telefonieren konnte und du solange allein gespielt hast. Das war wirklich eine Hilfe für mich. Komm, jetzt spielen wir zusammen. Jetzt habe ich Zeit.»

Erwachsene, die sehen, wahrnehmen und ausdrücken, dass ihr Kind mit ihnen zusammenarbeitet und wertvoll für sie sein will, sind sehr wichtig für die Kinder und bestärken sie darin, weiterhin mit uns kooperieren.

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Wann: Mittwoch, 18. November und 9. Dezember 2020, 20.15 bis 22.15 Uhr 
Wie: via Zoom

Infos und Anmeldung.

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Erziehungsberaterin Maya Risch.

Praxis für Beziehungskompetenz

Die Familienberaterin, Familylab Seminarleiterin und Waldkindergärtnerin Maya Risch lebt mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Zürich-Oerlikon. In einer individuellen Eltern- bzw. Familienberatung oder in Gruppentreffen bietet sie Eltern die Möglichkeit, zu erfahren, wie sie mit Unsicherheiten, Wut und Konflikten umgehen können und zeigt neue Perspektiven im Umgang mit Stolpersteinen im Familienalltag auf. 

Mehr zum Angebot von Maya Risch: www.mayarisch.ch

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