«Erziehung ist ein Kampf mit sich selbst»

Sie wurde als Tiger Mom berühmt: Die US-Autorin Amy Chua vertritt die These, dass im Leben nur Erfolg hat, wer mit Disziplin erzogen wurde. Die Ärztin und Unternehmerin Andrea Degen, die chinesischen Wurzeln hat, erklärt im Interview, welche Erziehungsphilosophie wir anstreben sollten.

Fördern durch Beobachten: Eine Mutter spielt mit ihrer Tochter mit Bauklötzen

Damit Eltern die Stärken ihrer Kinder erkennen, sollten sie es viel selber machen lassen und beobachten. (Bild: Lordn/iStock, Thinkstock)

Im Buch «Die Mutter des Erfolgs – Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte» beschreibt Amy Chua ihre strengen chinesischen Erziehungsmethoden: In der Schule sind nur Bestnoten erlaubt, bei Freunden darf nicht übernachtet werden, Fernsehen und Computerspiele sind verboten und als Musikinstrument kommt nur Klavier oder Geige in Frage. Was halten Sie davon, Frau Degen?

Andrea Degen: Das Buch wird mit diesen Schlagwörtern verkauft, die den Inhalt überhaupt nicht wiedergeben. Wenn das Buch dadurch aber gekauft wird, finde ich das auch toll. Beim Lesen merken die Leute dann, um was es wirklich geht: Sie erkennen sich im erbarmungslosen Kampf mit sich selbst wieder, welcher Erziehung bedeutet. Erziehung ist ein fortlaufender Kampf mit seinen eigenen Wertvorstellungen und der Frage, wie lange man diese durchzieht oder sie über den Haufen wirft.

Sie sind selbst Mutter von drei Kindern. Wie erleben Sie persönlich diesen Konflikt mit sich selbst?

Mein zehnjähriger Sohn ist sehr extrovertiert und stark theatralisch. Mittlerweile ist er etwa zwanzig Mal vor mehr als dreihunderten Leuten auf der Bühne gestanden. Er fühlt sich in diesem Umfeld sehr wohl und es spornt ihn an seine Wirkung in anderen Rollen zu entfalten. Und das gefällt mir selbst nicht wirklich. Ich finde es problematisch, wenn man sich sein Leben im kulturellen Bereich finanzieren muss. Das ist eigentlich das Letzte, was ich meinem Kind wünsche. Mein Konflikt besteht jetzt darin, dass ich lerne über etwas, das ich eigentlich verabscheue, hinweg zu sehen. Trotz allen Höhen und Tiefen hat dies auch Amy Chua in ihrer Erziehung gemacht und darum ist ihre Erziehung schlussendlich eine erfolgreiche Erziehung.

Erziehen ist also auch ein fortlaufender Lernprozess für die Eltern?

Ja, in einer guten Erziehung muss ich mich vorbehaltlos auf ein junges Wesen einlassen und meine eigenen Werthaltungen eventuell zurückstellen. Das heisst, wenn mein Kind zur Welt kommt, muss ich es zuerst mit seinen Stärken und Schwächen kennenlernen und dann dessen Stärken fördern, auch wenn mir diese vielleicht nicht so gefallen.

Besteht da nicht die Gefahr, dass viele Eltern ihre persönlichen Träume und Wertvorstellungen auf ihre Kinder projizieren und als deren Stärken erkennen?

Das ist ein Fehler, den wohl viele Eltern machen und den auch Amy Chua gemacht hat. Sie wollte, dass ihre Töchter eine Musikkarriere im Klavier- und Geigenspiel absolvieren. Doch die Stärken seines Kindes zu erkennen, bedeutet Beobachtungen zu machen: Ist es bewegungsstark? Wie geht es um mit sozialen Kontakten? Hat es gern, wenn man es berührt? Kann es gut mit Sprache umgehen? Schon bei Kleinkindern können wir spezifisch erkennen, wo dessen Stärken liegen. Dabei helfen auch Bücher oder beispielsweise die Forschung von Remo Largo mit seinen Langzeitbeobachtungen bei Kindern. So können dann Stärken gezielt gefördert werden und das bedeutet gleichzeitig auch Spass und Freude für das Kind. Das ist nicht Drill in Kleinkinderförderung. Damit wird ein junger Mensch auf das zugeführt, was er eigentlich ist.

Remo Largo

Der Schweizer Remo Largo (*1943) war bis 2005 im Kinderspital Zürich als Arzt tätig und leitete die Abteilung «Wachstum und Entwicklung». Während über 30 Jahren hat er 800 Kinder in ihrer Entwicklung vom Baby bis ins Erwachsenenalter begleitet. Aus den Langzeitbeobachtungen resultieren unter anderem seine Bücher «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Schülerjahre». Darin betont Largo die unterschiedliche Entwicklung jedes Kindes aufgrund der biologischen Gegebenheiten und warnt vor einem Förderwahn in Schule und Erziehung: «Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.»

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