8 Erziehungsfehler, die Sie wahrscheinlich auch machen

Kinder müssen nicht perfekt sein. Eltern aber auch nicht. Und diese acht Erziehungsfehler kommen sogar bei den besten Eltern vor.

Erziehungsirrtümer: Müssen Eltern immer konsequent sein?

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1. Kinder müssen oft gelobt werden

Kinder sind gleichwürdig, ihre Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse verdienen denselben Respekt wie unsere. Wer lobt, stellt sich aber über den anderen, beurteilt ihn, spricht ein Urteil über ihn aus. Beim Lob handelt es sich um eine Belohnung, durch die Eltern dem Kind zeigen, dass sie es wegen seiner Leistung schätzen, besonders dann, wenn sie besser als bei anderen ausfällt. «Belohnung ist die postmoderne Version der Bestrafung», sagt der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul.

Pädagogen raten statt zum Lob zur Ermutigung. Kinder sollten sich kein Lob verdienen müssen, sondern durch Ermutigung wissen, dass sie geliebt werden, wie sie sind. Kinder, die gelobt werden wollen, orientieren sich an denen, die das Lob aussprechen. Kinder die ermutigt werden, orientieren sich an sich selbst. Ein Lob kann die Botschaft enthalten: «Du bist nur etwas wert, wenn du deine Sache so machst, wie ich es erwarte.» Ermutigung enthält die Botschaft: «Du bist viel wert – so wie du bist.» «Kein Fehler im Vokabeltest – das hast du toll gemacht!» so lautet ein Lob. «Du hast mehr Vokabeln gewusst als letztes Mal – Du hast Fortschritte gemacht!», so lautet Ermutigung.

2. Kinder brauchen immer Konsequenz

Sicher, Regeln geben dem Alltag Struktur und damit Kindern Sicherheit. Dennoch brauchen Kinder kein Regelwerk, an dem Eltern unerschütterlich festhalten. Ständige Konsequenz passt nicht zum Leben, denn Leben ist nicht statisch. Stattdessen gilt es, Regeln ständig wieder an neue Situationen anzupassen, damit sie Sinn machen. Schliesslich müssen auch Kinder lernen, angemessen auf neue Umstände reagieren zu können. Der Däne Jesper Juul, einer der bekanntesten Familientherapeuten Europas, rät deshalb weniger zur Konsequenz als zur Konsistenz: «Damit meine ich, dass alles, was Eltern machen, mit deren Wertvorstellungen übereinstimmen sollte», sagte er in einem Interview mit einer österreichischen Nachrichtenseite. «Wenn man also um 9 Uhr sagt, es gibt kein Eis, darf man um 12 Uhr trotzdem sagen: Jetzt darfst du ein Eis essen.»

3. Einzelkinder müssen lernen weniger egoistisch zu sein

Einzelkinder haben es schwerer als Geschwisterkinder? Vergessen Sie es! Die Wissenschaftsjournalistin Brigitte Blöchlinger hat die Forschungen der letzten Jahrzehnte zum Thema «Einzelkind» zusammengefasst und weiss: «Einzelkindern sagt man nach, sie seien egozentrisch, einsam, verschlossen, schüchtern, verwöhnt und sozial wenig kompetent. Doch tatsächlich sind Einzelkinder in keinem dieser Punkte verschieden von Geschwisterkindern.»

Ein Interview mit Britgitte Blöchinger finden Sie in Beitrag «Einzelkinder sind viel besser als ihr Ruf»

4. Kinder müssen immer höflich sein

«Bitte» und «danke», «Guten Tag», «auf Wiedersehen», «entschuldige bitte» – zum Leidwesen ihrer Eltern machen Kinder sich nicht viel aus diesen Worten. Viele Eltern wollen aber, dass ihre Kinder als höflich gelten. Doch Höflichkeit macht sich nicht an Floskeln fest. Wer sein Kind drängt, sich bei einem Kind auf dem Spielplatz zu entschuldigen, drängt es unter Umständen zu einer leeren Worthülse. Tut es dem Kind denn wirklich leid, wofür es sich entschuldigen soll? Dann wird es eigene Worte finden, gemachten Schaden wieder gut zu machen. Höflichkeit soll Respekt vor der Würde anderer Menschen zum Ausdruck bringen. Solche Anerkennung zeigen Kinder lieber spontan und dafür ehrlich – durch das Anvertrauen eines Geheimnisses, ein strahlendes Lächeln, ein kleines Geschenk.

Kinder müssen immer ehrlich sein? Ehrlichkeit ist zwar oft wichtig – aber manchmal dürfen Kinder auch lügen. Denn Lügen ist ein wesentlicher Bestandteil unserer sozialen Intelligenz. «In vielen Fällen darf man lügen. Oft sind Lügen nicht nur nützlich, sondern auch sinnvoll», erklärt Prof. Robert Hettlage, Soziologie an der Universität Regensburg. Er warnt sogar vor zu viel Ehrlichkeit: «Wer stets ehrlich ist, kommt nicht durchs Leben.» Niemand muss und kann immer ehrlich sein.

Weitere Informationen zum Thema gibt es im Beitrag Kinder dürfen lügen.

6. Eltern sind die besten Freunde der Kinder

Eltern sind Eltern. Als Eltern führen sie ihre Kinder ins Leben. Sie sind Leuchttürme, an denen sich Kinder im besten Fall orientieren können. Freunde sind sie nicht. Freunde suchen sich Kinder selbst aus – Gleichaltrige in der gleichen Entwicklungsstufe, die sich untereinander am besten verstehen können. Zum Trost: Wenn auch Eltern keine Freunde sind, so sind sie doch ausserordentlich wichtige Bezugspersonen. Freunde kommen und gehen, Eltern bleiben Eltern.

7. Trennungen wirken sich schlecht auf Kinder aus

Wenn Eltern sich trennen, verlieren Kinder den Boden unter den Füssen. Ein Schock, der sich überwinden lässt. Viele wissenschaftliche Studien belegen, dass Scheidungskinder eine ebenso glückliche Kindheit und Jugend wie ihre Altersgenossen aus nicht geschiedenen Familien haben können. Voraussetzung dafür ist, dass die Eltern Eltern bleiben, die sich engagiert um ihre Kinder kümmern. Kinder müssen sich geborgen fühlen – gleichgültig, ob Papa und Mama zusammen leben oder nicht.

8. Der Teller muss aufgegessen werden

«Du bleibst da sitzen, bis der Spinat alle ist!» Zwang ist keine gute Gesellschaft am Essenstisch. Werden Kinder gegen Ihren Willen gezwungen etwas aufzuessen, kann das sogar traumatisch erlebt werden und später zu Essstörungen führen. Besser und erfolgreicher ist die Kombination aus mehreren Erziehungssstrategien: eine gesunde Ernährung vorzuleben, das Kind zum Probieren ermutigen und es zu loben - sogar zu belohnen sagen britische Wissenschaftler. Und eine letzte Zutat ist entscheidend: Geduld. Das Kinder bis zu einem gewissen Alter Gemüse nicht mögen, ist nämlich vollkommen normal.

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