«Männer sollten sich wehren»

Viele Männer fühlen sich im Scheidungskampf allein gelassen. Für von Gewalt betroffene Männer gibt es in der Schweiz nur 2 Männerhäuser, für Frauen dagegen 18 Frauenhäuser. Warum Männer selbst für ihre Rechte kämpfen sollten und warum Frauenhäuser parteilich sind, erklärt Susan A. Peter, Geschäftsleiterin der Stiftung Frauenhaus Zürich, im Interview.

In Frauenhäusern erhalten Frauen Schutz.

Von Gewalt betroffene Frauen finden im Frauenhaus Hilfe. Foto: iStock, Artem Furman, Thinkstock

Die Stiftung Frauenhaus Zürich feiert in diesem Jahr den 30. Geburtstag. Können Sie auf eine erfolgreiche Arbeit zurückblicken?

Susan Peter: Das kommt ganz darauf an. Vor allem im Gesetzesbereich hat die NGO-Arbeit, zu denen private Stiftungen gehören, einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass das tabuisierte Thema häusliche Gewalt an Frauen nicht mehr gleich tabuisiert ist. Wenn ich mir aber die gesamte Situation in der Schweiz anschaue, muss ich sagen, gibt es noch ganz viel zu tun. Wir haben noch keine gesamtschweizerische Strategie bei Gewalt gegen Frauen. Das finde ich, ist ein politischer Skandal.

Wo bestehen denn Unterschiede?

Es stört mich, dass es nicht in allen Kantonen Frauenhäuser gibt. Sie sind in Ergänzung zu den Gesetzen ein ganz wichtiges Schutzangebot, was zu wenig respektiert oder unterstützt wird. Das Opferhilfegesetz ist beispielsweise im Kanton Zürich anders als im Aargau. Das bedeutet, wenn wir eine betroffene Frau aus dem Kanton Aargau aufnehmen, müssen unsere Mitarbeiterinnen mit dem Kanton Aargau verhandeln. Das Gleiche ist beim Gewaltschutzgesetz. Das müsste in der ganzen Schweiz koordiniert werden.

Erhalten von Gewalt betroffene Frauen heute ausreichend Unterstützung?

Die Themen sind alle erkannt und werden seit Jahrzehnten kommuniziert. Dennoch ist häusliche Gewalt nach wie vor mit Klischees behaftet, was die Arbeit behindert. Das müsste sich ändern. Es braucht viel Kraft, um darauf hinzuweisen: Nein, die Frauen sind nicht selber schuld. Nein, es ist kein Migrationsproblem. Das sind Klischees, die im schlimmsten Fall zu einem Fehlentscheid führen können. Ein Fehlentscheid wäre, dass man das Problem nicht ernst nimmt, den Frauen oder den Kindern nicht glaubt. Dann könnte man unserer Meinung nach sehr viel mehr im Bildungsbereich machen, zum Beispiel Präventionsarbeit. Kinder müssten genauso wie in der Verkehrserziehung geschult werden: Wie geht man mit Konflikten um? Was darf man mit meinem Körper nicht machen? Dann würden meiner Meinung nach Buben und Mädchen ein Selbstwertgefühl entwickeln und später als Erwachsene nicht das Gefühl haben, dass sie absolut hilflos sind.

Was haben Frauen beispielsweise erlebt, die bei Ihnen Zuflucht suchen?

Letzte Woche gab es einen Fall, bei dem eine Frau, eine Schweizerin mit einem Schweizer Mann, sich in relativ kurzer Zeit selbst hat mobilisieren können, wegzugehen. Sie hat aus der Telefonkabine angerufen und gesagt, sie stehe hier mit Koffer und mit den zwei Kindern und brauche Hilfe. Ihr Mann hat sie mit Beschimpfungen und Demütigungen drangsaliert, ist gewalttätig geworden, hat ihre Sachen kaputt gemacht. Er hat immer wieder versprochen sich zu verbessern. Das ging über zwei Jahre so, was die Frau psychisch sehr instabil gemacht hat. Sie hat Selbstmordgedanken entwickelt. Als er dann auch auf die Kinder losgegangen ist, das Kind am Ohr gerissen hat, sodass es blutete, da hat es bei ihr Klick gemacht. Sie ist zu ihrer Schwester gegangen, die meinte, du musst ins Frauenhaus gehen. Häufiger als solche Fälle haben wir aber Migrantinnen, die ins Frauenhaus kommen. Es sind Frauen, die eine umfassende Hilfe brauchen und einen erhöhten Schutzbedarf haben. Sie haben meist wenig Sprachkenntnisse, nur wenig Wissen über ihre Rechte und sind sehr abhängig. Sie kommen zum Teil aus konservativen und patriarchalen Familien. Sie brauchen sehr viel Unterstützung, weil sie es nicht gewohnt sind, dass sie Hilfe holen dürfen.

Das Frauenhaus ist aber nur eine kurzfristige Lösung.

Die häusliche Gewalt ist eine so komplexe Sache, weil so viele Gesetze involviert sein können und weil es ganz intensive und oft über Jahre dauernde Prozesse sind. Der durchschnittliche Aufenthalt von 24 Tagen im Frauenhaus kann tatsächlich nichts bewirken. Und doch, jede Frau, die ins Frauenhaus kommt, macht einen wahnsinnig grossen Schritt. Es ist ein Schritt aus der Tabugrenze. Wir können etwas anstossen, wir können unterstützen und informieren. Wir versuchen die Frauen zu vernetzen. Wir versuchen Verknüpfungen herzustellen, die ihnen langfristig eine Perspektive geben, wie zum Beispiel Arbeit. Wir schauen auch auf die Kinder. Was brauchen die? Wir wären froh, wenn wir die Frauen länger behalten könnten, zwei, drei Monate. In diesem Sinne sind wir nur eine Durchlaufstation. Aufgrund der Finanzierungsstruktur ist das leider nicht länger möglich. Was noch wichtig ist: Wir glauben den Frauen. Das ist ganz wichtig, dass sie hören, hier glaubt mir jemand. Sie machen oft die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird.

Kritiker werfen den Frauenhäusern vor, dass sie auch Frauen glauben, die nur vortäuschen von häuslicher Gewalt betroffen zu sein, um den Partner zu schädigen. Wie können Sie sicher gehen, dass die Frauen Ihr Frauenhaus nicht missbrauchen?

Das ist der Vorwurf der Parteilichkeit, der anwaltschaftlichen Vertretung. Heute ist es anerkannt, dass es sinnvoll ist, die Unterstützung für Frauen und Männer bei häuslicher Gewalt zu trennen. Das schliesst von unserer Haltung her ein, dass auch die Männer eine parteiliche Unterstützung brauchen. Wir können und wollen das jedoch nicht abdecken. Denn es ist unglaublich schwierig, im Kontext von häuslicher Gewalt alle Familienmitglieder in den Fokus zu nehmen. Wir glauben, dass das Männerbüro sehr gute Arbeit macht. Wir arbeiten mit ihnen auch zusammen. Es ist wichtig, dass in diesem Bereich gute professionelle Arbeit geleistet wird. Wir überprüfen bei jedem Telefongespräch, ob die Frau ins Frauenhaus gehört. Sollte es doch einmal zu einer Fehleinschätzung kommen, merkt man das innerhalb der ersten zwei Tage. Wenn wir merken, dass eine Frau etwas ganz anderes will, muss sie innerhalb ein paar Stunden wieder gehen. Wir geben ihr eine Adresse, wo sie adäquate Unterstützung bekommt. Ausserdem sind wir über das Opferhilfegesetz an gesetzliche Grundlagen gebunden.

Demnach sprechen Sie auch nicht mit dem Mann, um die andere Seite der Geschichte zu hören.

Ja, das ist eben die parteiliche Abgrenzung. Wenn wir einen Mann am Telefon haben, vermitteln wir ihn weiter. Wir vermitteln auf Wunsch auch Therapeuten. Wir führen aber kein Gespräch mit ihm. Dazu haben wir auch schlichtweg nicht die Ressourcen. Uns ist bewusst, dass wir mit der subjektiven Wahrnehmung der Frau arbeiten. Wir gehen nicht auf die Suche nach dem «wer hat Recht»? Wir hören die Geschichte der Frau. Oft sieht man ihr die Gewalt ja auch an. Bei psychischer Gewalt, bei der keine Stichwunde oder kein blauer Fleck zu sehen ist, ist das tatsächlich schwieriger. Das ist letztendlich Sache von Anwälten und Richtern. Übrigens begleiten wir auch die Kinder parteilich. Denn die Interessen der Kinder sind nicht immer die der Mutter. Vielleicht will das Kind zum Papi heim, die Mutter aber nicht. Dann können wir beispielsweise einen begleiteten Besuch des Kindes beim Vater arrangieren. Wir wollen nicht, dass die Kinder instrumentalisiert werden. Wir fahren grundsätzlich sehr gut damit, dass man diese Abgrenzung macht.

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