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Eigenverantwortliche Kinder – verflixt schwierig auszuhalten

Eltern wollen eigenverantwortliche Kinder – und doch ist es für Mütter und Väter manchmal schwer, den Kindern wirklich Verantwortung zu übertragen. Familienberaterin Maya Risch spricht aus Erfahrung und gibt Tipps.

Kinder wünschen sich Eigenverantwortung.

Lassen wir unsere Kinder ein Stück des Wegs selbst gehen. Es lohnt sich. Foto: LIsa5201, iStock, Getty Images Plus

Jugendliche sollen eigenverantwortlich handeln. Das wünschen sich die meisten Eltern. Aber wie erreichen wir dieses Ziel? Es gilt, schon kleineren Kindern Stück für Stück Eigenverantwortung zu überlassen und ihnen so Gelegenheit zu bieten, sich darin zu üben. Die Initiative hierfür kann sowohl vom Kind als auch von den Eltern ausgehen.

Wenn ich zum Beispiel nicht mehr dafür verantwortlich sein will, dass mein 7-jähriger Sohn seine Turnsachen bereitmacht und diese mit in die Schule nimmt, kann ich die Initiative ergreifen, mit meinem Sohn das Gespräch suchen und zu ihm sagen: «Lieber Tim, ich will gerne, dass Du ab jetzt selber daran denkst, deine Turnsachen zu packen und in die Schule mitzunehmen. Wenn Du Hilfe brauchst, kannst Du diese jederzeit von mir bekommen, Du brauchst mich nur zu fragen.»

Fehler gehören zum Lernprozess

Kinder können Vieles bereits selbständig machen, sind jedoch noch häufig auf Begleitung angewiesen. Vielleicht will Tim durchaus selbständig seine Turnsachen packen und wird es trotzdem nicht jedes Mal schaffen, alles am richtigen Tag dabei zu haben. Das macht nichts, denn er darf üben und Erfahrungen mit dem Übernehmen von Verantwortung sammeln.

Dabei lernt er mit Fehlern und mit Frustration umzugehen. Zum Beispiel kann es durchaus geschehen, dass er mal die Turnschuhe vergisst und deshalb nicht mitturnen darf.

Sollte es so sein, dass Tim seine Sachen öfter vergisst, kann es sein, dass er sich als Hilfe wünscht, jeweils am Abend vor dem Turntag ein Mal daran erinnert zu werden. Vielleicht will er ein Schild «Turnsack mitnehmen» gestalten, das er sich selber hinlegt oder das zu Beginn sogar die Eltern für ihn hinlegen können.

Möglicherweise braucht er anfangs, dass Mutter oder Vater noch dabei sind, während er packt. So lernt Tim, Eigenverantwortung zu übernehmen, wird dabei aber nicht alleingelassen. Schritt für Schritt übernimmt er so bald das Ganze und wächst daran.

Das Übernehmen von Eigenverantwortung stärkt das Selbstwertgefühl unserer Kinder. Wenn die Eltern Verantwortung abgeben und die Kinder Eigenverantwortung übernehmen braucht dies einen Lernprozess auf beiden Seiten, der den Horizont für beide Seiten erweitert.

Wenn das Kind von sich aus mehr Eigenverantwortung fordert

Geht die Initiative vom Kind aus, kann es sein, dass das Kind sagt: «Ich will jetzt alleine in den Kindergarten laufen.» Oder «Mischt Euch nicht mehr in meine Hausaufgaben ein, das ist meine Sache.»

Da viele Kinder sich nicht so klar und konkret ausdrücken können, wenn es an der Zeit ist, ihnen Verantwortung zu überlassen, kann auch ein Dauerkonflikt zum Beispiel beim Erledigen der Hausaufgaben oder beim Thema «sich bereit machen für den Kindergarten», ein Anzeichen dafür sein, dass das Kind bereit ist, Eigenverantwortung hierfür zu übernehmen und es Zeit für diesen Schritt ist.

Er wurde bockiger, je mehr ich redete

Mein Sohn war im 2. Kindergartenjahr, als ein solcher Dauerkonflikt mich sehr viel Energie kostete. Jeder Morgen endete im Streit. Ich gab dauernd Anweisungen, sagte gefühlte hundertmal «Mach vorwärts. Zieh dich an, etc.» Ich redete viel, ohne etwas zu bewirken, im Gegenteil. Mir kam es so vor, als würde mein Sohn langsamer und bockiger, je mehr ich redete.

Ich las damals zufällig, dass es in Situationen, die zu einem Dauerkonflikt führen, hilfreich sein kann, dem Kind mehr Eigenverantwortung zu überlassen. Für mich hiess das, ihm die Verantwortung zu überlassen, sich für den Kindergarten selbständig bereit zu machen. Das wollte ich sehr gern ausprobieren.

Deshalb sagte ich zu ihm: «Hör mal, ich rede jeden Morgen soo viel und sage dir soo oft immer dasselbe und merke, dass das gar nichts nützt und wir jedes Mal Streit bekommen. Das gefällt mir nicht, lass uns etwas Anderes ausprobieren.»

Dann fragte ich ihn: «Kannst Du Dir vorstellen, Dich ab jetzt selbständig bereit zu machen und rechtzeitig loszugehen mit all Deinen Sachen? Ich wecke Dich rechtzeitig, mache Frühstück und rede nicht mehr so viel. Was meinst Du dazu?»

Ich musste lernen, meinem Sohn die Eigenverantwortung zu überlassen

Ich war sehr überrascht, als er sofort sagte: «Ja, das will ich.» Meine Freude darüber war gross. Die nächsten 10 Tage waren für mich dann aber sehr anstrengend und keine wahre Freude. Ich musste lernen, dass es alles andere als einfach war, diese Eigenverantwortung meinem Sohn wirklich zu überlassen.

Verantwortung übertragen bedeutet hier nämlich, dass das Kind selber bestimmt, wann es sich anzieht, wann es frühstückt und wann es die Jacke anzieht. Und es beinhaltet auch, dass das Kind die Folgen trägt, wenn es zu spät kommt.

Das lief bei uns dann so ab: Mein Sohn stand auf und zog sich nicht mehr sofort an, wie wir das vorher gemacht hatten, sondern frühstückte nach dem Aufstehen kurz und zog sich dann noch immer nicht an. Ich wurde unruhig und fing wieder an zu reden: «Mach dich endlich bereit, …»

Er musste sicher sein, dass ich es ernst meine

In diesem Moment stand mein damals 6-jähriger Sohn sehr aufrecht vor mich hin und sagte sehr bestimmt: «Mami, wir haben abgemacht, dass ich das jetzt selber mache.» «Ja, das stimmt», musste ich kleinlaut zur Antwort geben.

Er spazierte jeweils bis 8.10 Uhr noch im Pyjama herum, obwohl er um 8.15 Uhr losgehen musste. Das war für mich kaum auszuhalten, und ich musste mir eine Ablenkung suchen, um ihn nicht dauernd zu ermahnen, vorwärts zu machen.

Offenbar musste er sich zuerst vergewissern, dass ich es ernst meine und ihm die Verantwortung wirklich überlassen. Nach ca. zehn Tagen begann er, sich früher bereit zu machen und die Situation pendelte sich ein.  (Dieses Prüfen geschah natürlich unbewusst.)

Meine Aufgabe: Dem Kind vertrauen

Ich musste lernen, zu akzeptieren, dass mein Sohn sich so bereit macht, wie er will und nicht so, wie ich es als sinnvoll erachte. Genau das ist meine Aufgabe, wenn ich will, dass mein Kind Eigenverantwortung übernimmt: Dem Kind vertrauen und aushalten, dass es seinen eigenen Weg geht und damit seine Erfahrungen macht.

Zum Glück ist mir das in diesem Beispiel mit einiger Anstrengung gelungen und mein Sohn hat gelernt, ein Stück Eigenverantwortung zu übernehmen. Unsere gehässigen Morgen waren Geschichte. Zu meiner grossen Überraschung kam er nie zu spät in den Kindergarten!

Wofür kann ich meinem Kind denn wann mehr Eigenverantwortung übertragen?

Das hängt auch sehr von der Persönlichkeit des Kindes ab. Hier unten kann ich höchstens ein paar Anhaltspunkte, Ideen und Beispiele dazu aufschreiben. Die Liste ist nicht vollständig. 

 

Alter in Jahren            

       Wofür das Kind schon Eigenverantwortung übernehmen kann

 

0-2

Nähe und Distanz

Wann es satt ist

Wann es Hunger/Durst hat

 

2-4

Wann es aufs WC muss

Eigene Frisur

 

4-7

Sich selber anziehen, bereit machen

Wann brauche ich eine Jacke und wann nicht?

Mit welchen Kindern es gerne spielt – erste Freundschaften

Schulweg, Turn- und Schwimmsachen ein- und auspacken

 

Ab 7

Hausaufgaben

Taschengeld

 

Später

Ordnung im Zimmer

Eigene Kleider

Freizeitbeschäftigung
Transport (zu Fuss, Velo, Zug, Bus)
Liebesbeziehungen

Erziehungsberaterin Maya Risch.

www.mayarisch.ch

Praxis für Beziehungskompetenz, Zürich

Die Familienberaterin, Familylab Seminarleiterin und Waldkindergärtnerin Maya Risch lebt mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Zürich-Oerlikon.

In einer individuellen Eltern- bzw. Familienberatung oder in Gruppentreffen bietet sie Eltern die Möglichkeit, mehr zu erfahren darüber, wie sie mit Unsicherheiten, Wut und Konflikten in der Familie umgehen können und zeigt neue Perspektiven im Umgang mit Stolpersteinen im Familienalltag auf. 

NEUSTART: Familylab Elterngruppen

Mit den Familylab Elterngruppen, die aus 5 Treffen à 2 Std. bestehen, bietet Maya Risch Eltern die Möglichkeit, in einem achtsamen Rahmen Input und Austausch zu Werten wie z.B. «Eigenverantwortung, Selbstwertgefühl stärken, Gleichwürdigkeit, Integration» zu erhalten.

Sie können mit Gleichgesinnten im Dialog neue Handlungsideen finden und stärken sich gegenseitig, auch indem alle merken, dass sie nicht allein sind mit ihren Schwierigkeiten.

Winterthur:

Dienstag, 10.9.19, 19.30 - 21.30 Uhr

Bildungszentrum SRK, Zürcherstrasse 12, 8400 Winterthur

(Es sind bereits 3 Personen angemeldet)

Zur Online Anmeldung SRK

Zürich-Oerlikon:

Donnerstag, 26.9.19, 19.30 - 21.30 Uhr

Praxis für Beziehungskompetenz

Rosmarinweg 3, 8057 Zürich-Oerlikon

Zum Flyer mit den weiteren Daten

Anmeldung auf mayarisch.ch