«Mobbing-Täter sehen ihre Opfer als faule Äpfel an»

Wenn ein Schüler gemobbt wird, gibt es oft ein Kind im Gruppenverbund, das die anderen zu den Gemeinheiten anstachelt. Der Badener Psychologe und Mobbing-Experte Walter Minder erklärt, warum Kinder zu Tätern werden und welche Rolle Mitläufer spielen.

Mobbing: Wie Kinder zu Tätern werden.

Mobbing-Täter geben sich vordergründig stark, häufig fehlt es Ihnen aber an Selbstwertgefühl. Bild: Pexels.com

Mit der Verbreitung der Sozialen Medien hört man vermehrt von Cybermobbing. Sie sind seit über 30 Jahren Fachpsychologe für Psychotherapie und beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Mobbing. Hat Mobbing zugenommen?

Walter Minder: Es gibt kaum Statistiken, die einen Vergleich zulassen. In den Achtzigerjahren wurde Mobbing zum Thema in der Erwachsenenwelt, in den Neunzigern bei Kindern. Nach meinem Empfinden läuft heute ein Kind, das in einer Klasse keiner Gruppe angehört, mehr Risiko, Opfer von Mobbing zu werden als früher.

Warum?

Ich weiss es nicht. Möglicherweise sind die intensiven Gruppenbildungsprozesse eine Reaktion, die Tendenz zur Individualisierung zu kompensieren. Aber das ist reine Theorie. Die Sozialen Medien tragen sicher dazu bei, dass sich eine Konfliktsituation rasch ausweitet, über den Pausenplatz hinaus. Mobbingsituationen sind härter und eskalieren schneller.

Gibt es typische Situationen, in denen sich Mobbingsituation entzünden?

Grundsätzlich kann es in jeder Klasse passieren. Es hat mit der Zusammensetzung zu tun und der Beziehungsgestaltung von Täterkindern und Opferkindern. Wenn es grosse Werteunterschiede gibt, können Probleme entstehen. Ich nenne ein plakatives Beispiel: Auf der einen Seite ist der Täter, der findet, dass jener Recht hat, der stärker ist. Auf der anderen Seite ist das Opfer, das findet, dass es für alle einigermassen stimmen muss. Diese Werte können aufeinander knallen.

Können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen?

Ich möchte betonen, dass es ein vereinfachtes Beispiel ist: Da sind drei Freunde, die es generell gut haben. Sie zelebrieren etwas, das sie teilen, zum Beispiel Fussball. Diese Werte bringen sie in die Klasse. Alle müssen Fussball spielen können. Einer der drei ist besonders gut im Fussball, er hat immer den Ball, bestimmt die Gruppen, wer mitmachen darf und wer nicht. Das ist eine Grundkonstellation vom Mobbing. Es ist eine undemokratische Vorstellung vom Umgang in einer Gruppe, es ist aber noch kein Mobbing, solange nicht ein Kind für längere Zeit unter die Räder gerät.

Woher hat der Täter diesen undemokratischen Umgang?

Es gibt zwei Erklärungen: Das eine sind die Bedürfnisse des Kindes. Es gibt Täter mit einem intensiven Machtbedürfnis, sie sind stark sozial motiviert und brauchen die Gruppe, oft sind sie nicht besonders leistungsmotiviert. Sie wissen genau, wie sie eine Gruppe für ihr Anliegen gewinnen können, darin sind sie schon als kleine Kinder gut. Läuft es so wie sie es wollen, gibt das ihnen Sicherheit, sie haben Kontrolle. Vordergründig sind Täter oft knallhart, daheim schlafen sie im Bett der Mutter. Oder sie haben Angst vor dem Klassenlager. Innendrin sind sie unsicher.

Und die zweite Erklärung?

Das sind Beziehungsmuster innerhalb der Familie. Wenn da keine demokratischen Verhältnisse sind, neigen Kinder auch eher dazu. Ich kenne allerdings auch ganz demokratisch gesinnte Eltern, deren Kinder das pure Gegenteil sind.

Geht Mobbing immer von einer «Täterschaft» aus?

Nein. Ein Kind kann sich auch selbst hineinmanövrieren. Es gibt Kinder, die unbedingt im Mittelpunkt stehen wollen. Diese Stellung können sie via Machtposition erhalten, und das sind dann eher die Täterkinder; aber auch via ständige Aufmerksamkeit, etwa indem sie ständig unpassende Bemerkungen machen oder sich quer stellen. So kann eine Mobbingdynamik entstehen. Es gibt viele verschiedene Konstellationen. Und ganz wichtig: Eine Mobbingsituation entsteht erst dann, wenn die «Plagereien» von Tätern durch die Gruppe mitgetragen werden.

Es kann nicht sein, dass ein oder zwei Täter ein Kind über längere Zeit drangsalieren?

Das funktioniert nur, wenn die anderen der Klasse das tolerieren und die Täter nicht ausbremsen. Merken Täter, dass die Gruppe nicht positiv auf sie reagiert, hören die meisten schnell wieder auf. Können Täter aber ihre Position in einer Gruppe festigen, zum Beispiel indem sie besonders schlagfertig und frech sind und den anderen damit imponieren, erfahren sie eine soziale Aufwertung. Jene, die mitmachen, profitieren ebenfalls von dieser Aufwertung, obwohl sie das Verhalten der Täter zunächst unfair finden.

Dazu zu gehören ist für Kinder und Jugendliche enorm wichtig.

Ja, es vermittelt ihnen Identität, Struktur, Sicherheit. Der Täter gibt der Gruppe ganz viel, das macht die Thematik sehr komplex. Täter haben oft ein feines Sensorium für das, was die Gruppe braucht, es sind im Grunde sehr interessante Kinder. Problematisch ist ihre Wertehaltung. Entweder wurde sie ihnen nicht beigebracht oder sie ignorieren sie, weil sie sonst ihre Machtposition aufgeben müssten.

Wie können Eltern feststellen, dass ihr Kind in einer Täterrolle ist?

Es gibt Symptome, aber die sind schwierig zu interpretieren. Wenn das eigene Kind dauernd über ein anderes schimpft und erzählt, was das alles für dumme Sachen gemacht hat. Und wenn es dann auch noch betont, dass dieses Kind sowieso bei niemandem beliebt ist. Da würde ich hellhörig und mal bei der Lehrerin nachfragen, was in der Schule läuft und welche Rolle mein Kind da drin hat. Das Problem ist, dass die wenigsten Lehrer sich trauen, den Eltern zu sagen, dass ihr Kind der Haupttäter ist. Sie werden eher von Mitläufern reden oder Andeutungen machen.

Warum haben sie Hemmungen?

Weil sie zu Recht befürchten, dass die Eltern heftig reagieren. Heute sind Eltern nicht zimperlich wenn es um das eigene Kind geht. Die meisten Eltern glauben eher ihrem Kind als dem Lehrer. Sie argumentieren zudem oft, dass die Kinder ihre Konflikte untereinander ausmachen sollten. Die Schule solle sich nicht einmischen und für das Opfer Partei ergreifen. Um mit den Eltern über die Täter zu sprechen, braucht es Fakten.

Welche Fakten sind das zum Beispiel?

Schlägereien. Dass jemand physisch angegriffen oder von einer Schaukel geschupst wurde. Ich erlebte mal, dass eine Gruppe ein Opfer auf einen Baum hetzte und die Kinder schrien, er solle runterspringen. Das war gefährlich. Meistens findet so etwas nur statt, wenn keine Lehrer da sind. Da muss die Schule ermitteln und beweisen. Die nachfolgende Intervention übernimmt in der Regel die Schulsozialarbeit.

Wer meldet denn die Vorfälle?

Meistens nicht die Opferkinder, sondern die Zuschauer. Kinder, die nicht beteiligt sind.

Wo setzt die Intervention an?

Meistens wird die Situation erst eruiert, dann gibt es von Seiten der Schulleitung oder der Lehrperson Sanktionen. Gleichzeitig leitet die Schulsozialarbeit einen Prozess ein, um die Kinder zu einem anderen Konfliktmanagement zu bringen. Es betrifft ja meistens eine Mädchengruppe oder eine Bubengruppe. In der Regel sind Mobbingsituationen geschlechtergetrennt.

Wie geht die Schulsozialarbeit vor?

Ein klassischer Ansatz ist es, Helfergruppen zu bilden. Bis Phase 2, anfangs 3 (siehe Kasten) kann man damit gut intervenieren. Die Lehrperson und ein Schulsozialarbeiter designiert eine Gruppe Schüler, die das Opferkind unterstützen sollen. In dieser Gruppe können auch Mittäterkinder sein. Es müssen Kinder sein, die sich etwas zu sagen trauen und die ein gutes Gerechtigkeitsempfinden haben.

Was geschieht mit dem Haupttäter?

Zunächst nichts. Es ist ein Verfahren zur Veränderung der Gruppendynamik. Die Helfergruppe hat nur eine moderierende Funktion, keine sanktionierende. Da wird künstlich das eingerichtet, was Mobbingsituationen von Anfang an verhindern würde: Dass die Gruppe die Angriffe der Täter zurückweist. Wenn das gut begleitet wird, es nicht schwerwiegende Defizite auf Seiten des Opfers und der Täter gibt und nicht schon längere Zeit läuft, reicht das in der Regel.

Wie sehen solche Defizite auf Seiten des Täters aus?

Keine Empathie, kaum Impulskontrolle – also Kinder, die sich nicht im Griff haben und schnell dreinschlagen. Solche Kinder können auch Opfer werden, weil sie mit ihrem Verhalten eine Ausgrenzung begünstigen. Sie werden Täter, wenn sie die Gruppe unter Kontrolle halten können. Das sind hohe emotionale Defizite und ein Rückstand in der moralischen Entwicklung. Da reichen Helfergruppen nicht. Da braucht es dann unter Umständen eine Therapie.

Kommen Täter zur Einsicht, dass ihr Verhalten falsch war?

Meistens erst zehn Jahre später im Erwachsenenalter. Ich lasse die Täter jeweils die Situation schildern. Wenn sie über das Opfer reden, ist das, als würden sie über einen faulen Apfel reden, über einen Gegenstand. Weil man den nicht brauchen kann, wirft man ihn auf den Mist. Das ist die Sichtweise der Täterfraktion. Sie betrachten ihr Verhalten als legitim, weil sie finden, dass das Opfer selbst schuld ist, weil es so «blöd tut». Das Problem von Mitläufern ist: Wenn Täter in der Turnhallengarderobe zum Beispiel  jemanden verbal beleidigen und dann alle mitmachen, und es für jeden natürlich ist, auch noch eins drauf zu legen. Weil alle anderen das auch machen, fühlt sich niemand mehr für diese Dynamik verantwortlich. Diese sogenannte Verantwortungsdiffusion probieren wir dann aufzuheben.

Warum haben die Täterkinder eine solche Distanz zum Opfer? Wo bleibt die Empathie?

Ich denke, das steckt in jedem Menschen. Empathie ist sehr selektiv.  Die hat man wohl mit den Kollegen oder Familienmitgliedern, aber nicht mit «den anderen». Genau so funktioniert Rassismus: Man anerkennt andere nicht als gleichwertig an. Das sind die Abgründe der menschlichen Seele. Die Rufschädigung des Opfers läuft in der Regel schleichend. Wenn der Ruf einmal geschädigt ist, fühlen sich die Täter wie verantwortlich, das Opfer «zur Vernunft zu bringen», quasi sich zu ändern. Jetzt muss man es dem zeigen, dass es so nicht geht und er sich anders verhalten muss. Sie geben sich den Eigenauftrag – und werden von der Gruppe getragen. Die Aufgabe der Eltern ist es, ihrem Kind zu lehren aus einer destruktiven Dynamik auszusteigen. Aber das ist nicht einfach. Es geht um Training in Zivilcourage, sich gegen eine Gruppenmeinung zu stellen.

Was kann eine Schule präventiv machen?

Die Schule muss Kindern eine «Verfassung» geben und schauen, dass sie eingehalten wird. Es gibt Schulen, wo sehr viel geschieht, wo die Schulsozialarbeit gut ausgebaut ist und eng mit den Lehrern zusammenarbeitet. Da ist die Gefahr, dass Mobbingsituationen entstehen, deutlich geringer. Gut geführte Klassenräte sind sehr wichtig, aber nicht an jeder Schule Standard. Und in kleinen Gemeinden hat die Schulsozialarbeit oft nur ein kleines Pensum, sodass wenig präventiv gearbeitet werden kann. Lehrer interpretieren die Konflikte zwischen den Kindern oft als Alltagskonflikte. Sie stecken nicht in den Beziehungsgestaltungsmustern und können die Gemeinheiten nicht gut sehen. Darum erkennen sie oft relativ spät die Mobbing-Situation. Idealerweise sollte eine Lehrperson mindestens ein Mal pro Jahr skizzieren, wo die einzelnen Schüler in der Klasse stehen. Dann kann man die Eltern und das Kind fragen, wie es läuft und über die soziale Situation vom Kind sprechen. Viele Lehrer machen das zum Glück. Aber auch hier ist es schwierig, Eltern zu sagen, dass ihr Kind ein Täter ist, dass es sich schon einige Male mit anderen Kindern zusammengetan und ein bestimmtes Kind ausgeschlossen hat. Aber das muss man. Das muss die Schule registrieren.

Fakten rund um Mobbing

Von Mobbing sind ungefähr 5 bis 12 Prozent der Schüler betroffen. Am meisten in der fünften und sechsten Primarklasse, danach nimmt das Vorkommen ab. Die Zahlen bedeuten, dass es im Durchschnitt in jeder Klasse mindestens ein Kind gibt, das ausgegrenzt oder Opfer von Mobbing wird.

Mobbing wird wie folgt definiert: Ein oder mehrere Individuen sind wiederholte Male und über einen längeren Zeitraum negativen Handlungen von einem oder mehreren Individuen ausgesetzt. Dazu gehören 1. Beleidigen, Erniedrigen und Entwerten, 2. Diskriminieren und 3. Verletzen und Schädigen.

Es werden drei Phasen unterschieden:

  • Phase 1: Alltagskonflikte. Es kommt zwischen einem Kind und seinen Kameraden wiederholt zu Konflikten, weil verschiedene Erwartungen und Vorstellungen aufeinanderprallen.
  • Phase 2: Die Machtverhältnisse ändern sich. Die vielen Alltagskonflikte schwächen das zukünftige Opfer. Ausgrenzungen, die von mehreren Kindern ausgehen, vergrössern das Missbehagen. Das Opfer beginnt, sich zurückzuziehen oder reagiert mit mehr Aggressionen. Die Kinder der Gruppe lokalisieren das Problem immer mehr beim Opfer. Der Haupttäter wird von der Gruppe für seine negativen Handlungen gegenüber dem Opfer bestärkt und er bestärkt die Gruppe in der Notwendigkeit, auf das Opfer mit Sanktionen einzuwirken. Diese Phase löst beim Opfer starke Verzweiflung und Ohnmacht, bis hin zu starken Ängsten aus.
  • Phase 3: Gruppenrituale und Machtausübung. Die Gruppe reagiert auf jede Handlung des Opfers mit Ablehnung, immer mehr Kinder beteiligen sich an den Mobbinghandlungen. In der Klasse macht sich immer mehr eine Stimmung breit, für die das Opfer verantwortlich gemacht wird. Das Opfer leidet, was den Kindern nicht verborgen bleibt. Das Leiden provoziert in der Gruppe Aggressionen und noch mehr Mobbingaktivitäten. Verzweiflung, Ohnmacht und Angst werden beim Opfer zu den dominierenden Grundgefühlen, es entwickelt starke Symptome wie Schlafstörungen, Regression und Depression. Niemand aus der Klasse will noch Kontakt zu dem Kind, das einen so niedrigen Status in der Klasse hat. Oft führt der Zustand des Kindes die Eltern dazu, das Kind zum Arzt zu bringen, zum schulpsychologischen Dienst oder der Schulsozialarbeit.

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