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Mobbing tut weh – ein Leben lang: Betroffene sprechen über die Spätfolgen – und wo es Hilfe gibt

Wer gemobbt wird, leidet. Und zwar nicht nur in dem Moment, in dem der Übergriff passiert, sondern oft auch noch Jahre danach. Anti-Mobbing-Coach Laura Ackermann spricht mit sieben Frauen über die Spätfolgen von Mobbing – und wir ordnen ein, was über Verbreitung und Folgen bekannt ist und wo es Hilfe gibt.

Spätfolgen Mobbing: Frau sitzt in einem dunklen, engen Tunnel
Wer unter Mobbing litt, hat oft auch viele Jahre danach noch mit Ängsten und Unsicherheiten zu kämpfen. Bild: GettyImages Plus, sdominick

Anti-Mobbing-Coach Laura Ackermann erlebt immer wieder, wie Mobbing Betroffene über viele Jahre beschäftigt und begleitet. Mobbing kann für Betroffene auf psychischer, zwischenmenschlicher und schulischer Ebene langfristig schwerwiegende Folgen haben [1] – bei manchen bis weit ins Erwachsenenalter. Wie ist das möglich? Ein Grund ist für Laura Ackermann, dass Mobbing bis heute verharmlost wird. Sei es von Schulen oder von nicht betroffenen Menschen, die den Opfern das Gefühl geben, sie übertreiben. Laura Ackermann hat mit sieben heute erwachsenen Personen darüber gesprochen, wie sie bis heute die Mobbingvorfälle aus ihrer Kindheit erleben.  

Wir übergeben hier Laura Ackermann und diesen starken Frauen das Wort: Jenny (25), Eva  (41), Lynn (28), Delona (31), Ayesha (28), Christine (49), Sina (34)

Betroffene erzählen, wie sie Mobbing erlebt und verarbeitet haben

Warum? Ich wollte von den Frauen wissen, warum sie gemobbt wurden. Diese Frage nach dem «warum» schien für einige schwierig, da sie bis heute keinen eigentlichen Grund für das Mobbing kennen. Anderen war ganz klar, worauf es die Mobber abgesehen hatte. Auffällig war jedoch, dass meist das Aussehen kritisiert wurde. Kleidung, die selbstgestrickt war oder vom Nachbarsjungen ausgetragen werden mussten, die Betroffenen wurden als hässlich, abartig, stinkend oder als magersüchtige Sau betitelt. Jenny erzählte: « Ich habe eine Muskelschwäche und bin überbeweglich, teils Bewegungen sahen dann komisch aus. Ich wurde als Behinderte und Krüppel beschimpft. Dazu kam ein Sprachfehler, daher wurde mir gesagt, ich sei zu dumm zum Sprechen. Man sollte mir das Sprechen verbieten, da mich sowieso keiner versteht. »

Ich wurde als Behinderte und Krüppel beschimpft.

Schuld. Sechs von sieben meiner mutigen Ladies berichten, sie hätten sich schuldig gefühlt, als seien sie verantwortlich gewesen für das Mobbing, das sie erlebten. Sie fühlten sich abgelehnt und falsch. Sie waren sicher: Mit ihnen stimmt etwas nicht. Es können sich doch nicht alle irren! Delona erzählt: «Als ich während meiner Kochlehre ein Praktikum im Tessin machte, nahm ich etwas an Gewicht ab und als ich zurückkam bekam ich so viele positive Rückmeldungen. Dadurch fühlte ich mich mehr angenommen und es bestätigte mir, dass das ganze Mobbing wohl wegen meinem Gewicht und Aussehen war. Mein Ziel war also klar: Ich musste das ändern. So rutschte ich in die Magersucht.»

Sie haben mir den Kopf ins Klo gedrückt, weil ich eine schwarze Hautfarbe haben. Sie haben gesagt, sie wollen mir den Dreck aus dem Gesicht waschen.

Erinnerungen. Ich habe die sieben gefragt: Was war dein schlimmstes Erlebnis? Hier möchte ich jede einzelne Dame zu Wort kommen lassen.
Jenny: In der 3. Klasse wurde mir eine Schere ins Knie gesteckt.
Christine: Mir wurden die langen Haare abgeschnitten, man lauerte mir oft in Gruppen auf dem Nachhauseweg auf und übte an mir Karate. Dabei wurde auf den Kopf eingedroschen.
Lynn: Mich haben acht Mädchen zusammengeschlagen. Mein Lehrer hat dies gesehen und ging einfach weg. Zuhause habe ich gelogen, weshalb ich so aussehe und was passiert war, da ich von meinen Eltern keine Unterstützung erwarten konnte.
Eva: Wir waren auf Schulreise und schauten uns einen Staudamm an. Unser Lehrer erzählte uns, wenn man in den Stausee fällt, dann wird man durch die starke Oberflächenspannung in tausend Stücke gerissen. Die Gruppe, die mich regelmässig mobbte, stand in meiner Nähe und unterhielt sich darüber, ob sie mich runterschubsen sollten. Sie sahen mich dabei an und grinsten.
Ayesha: Sie haben mir den Kopf ins Klo gedrückt, weil ich eine schwarze Hautfarbe haben. Sie haben gesagt, sie wollen mir den Dreck aus dem Gesicht waschen.
Delona: Ich kann mich leider gar nicht mehr an so viele Details erinnern. Aber das Gefühl, welches solche Situationen immer hinterlassen waren das Schlimmste. Das allein sein, nicht wertvoll, nicht genügen, nicht dazugehören. Daran kann ich mich bis heute sehr gut erinnern.
Sina: Ausschluss von jeglichen Gruppenspielen, Weglaufen wenn ich in die Nähe kam, Banknachbarn haben mir den Rücken zugedreht, auf dem Schulweg wurde mir aufgelauert und der Thek mit Schnee vollgestopft. Die Lehrerin wusste vom Problem. Im Klassenrat durften die Kinder einen Nachmittag lang sagen, was sie an mir stört und was ich ändern müsse, damit sie mich akzeptieren.

Den Wunsch nicht mehr zu leben, hatte ich oft.

Hinweis der Redaktion: Im folgenden Abschnitt geht es um Suizidgedanken und Suizidversuche. Wenn es dir selbst gerade so geht: Kinder und Jugendliche erreichen unter 147 rund um die Uhr die Beratung von Pro Juventute, der Anruf ist kostenlos und erscheint nicht auf der Telefonrechnung [4]. Erwachsene erreichen die Dargebotene Hand unter 143, ebenfalls rund um die Uhr [5]. Bei akuter Lebensgefahr wählst du den Notruf 144.

Suizid. Mobbing treibt viele bis an ihre Grenzen. Wie war das? Hattest du Suizidgedanken oder Suizidversuche?
Sina: Immer! Ich ritzte mich und stand mehr als einmal an einer Brücke und wollte springen.
Delona: Ich sass oft am Fenster und überlegte mir wie es wäre, wenn ich hinunter auf den Hartplatz fallen würde.
Eva: Einmal bin ich absichtlich vor ein Auto gerannt. Es konnte aber bremsen.
Lynn: Ich hatte oft Suizidgedanken und auch einen Suizidversuch.
Christine: Den Wunsch nicht mehr zu leben, hatte ich oft.
Jenny: Ich habe drei Suizidversuche hinter mir.
Ayesha: Ich hatte diese Gedanken ein-zweimal.

Ich kann bis heute nicht glauben, dass man mich um meinetwillen mag.

Angst. Ob Verlustängste, die Angst nicht akzeptiert zu werden, Angst, allein gelassen zu werden, Angst für sich einzustehen oder die Angst etwas Dummes zu sagen – alle Frauen leiden auch heute noch unter dem, was sie erlebt hatten. Das Thema Angst ist bei allen befragten Damen bis heute ein ständiger Begleiter. Die Wunden, die man ihnen zugefügt hat, sind nie verschwunden. Mit der Zeit wurden aus Wunden zwar Narben, aber diese begleiten sie ein Leben lang und bleiben sichtbar und vor allem spürbar! Lynn sagt: Ich vertraue keinen Komplimenten oder netten Aussagen, da ich dahinter immer etwas Böses erwarte oder dass jemand nur so nett mit mir ist, um einen Vorteil zu erhaschen. Ich kann bis heute nicht glauben, dass man mich um meinetwillen mag.

Ein paar kleine Einblicke in unzählige solcher Schicksale

Dies sind nur winzig kleine Einblicke in die Erlebnisse dieser sieben Kämpferinnen. Die Fragen, die sie mir beantwortet haben, waren sehr umfangreich und sie haben sich sehr geöffnet, um aufzuzeigen wie schlimm Mobbing für Betroffene ist! Und dies erleben tausende von Kindern jeden einzelnen Tag!

Ich danke diesen Frauen für eure Geschichten und Gedanken. Ich finde es grossartig, dass sie so mutig sind und über ihre Erlebnisse sprechen. Ich werde meine Coachings von nun an nochmals mit einem ganz anderen Gefühl und anderem Hintergrundwissen durchführen. Ich werde kämpfen, weitere Kinder von solchen schlimmen Wunden zu bewahren.

Du willst mehr über die Arbeit von Laura Ackermann wissen? Sie ist Anti-Mobbing-Coach bei Be Nice und begleitet dort Kinder, Jugendliche und Eltern.

BE NICE – SEI NETT

Gewidmet an dieses Mädchen, welches keinen Ausweg mehr sah.

Das ist meine Herzensangelegenheit und deshalb ist es mir eine Ehre für Sie alle schreiben zu dürfen.

Die Zeiten in denen Mobbing zu Tode geschwiegen wird, sind vorbei.

Es braucht klare und offene Worte.

Ich spreche für die, die sich am wenigsten wehren können.

Unsere Kinder!

Ich kämpfe:

Für mehr Toleranz und weniger Diskriminierung!

Für mehr Verständnis und weniger Ignoranz!

Für mehr Zusammenhalt und weniger Einsamkeit!

Für mehr Wahrheit und weniger „schön reden“!

Für mehr eingreifen und weniger wegschauen!

Weitere Artikel von Laura Ackermann gibt es hier. 

Einordnung der Redaktion: Zahlen, Folgen und Hilfe

Was du bis hierher gelesen hast, sind die Erfahrungen von sieben Frauen, aufgezeichnet von Laura Ackermann. Sie zeigen, wie sich Mobbing anfühlt – eine Statistik sind sie nicht. Deshalb ordnen wir an dieser Stelle ein, was in der Schweiz erhoben wird, was über die Folgen bekannt ist und wo du Hilfe bekommst.

Wie verbreitet Mobbing in der Schweiz ist

Alle vier Jahre befragt Sucht Schweiz im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit 11- bis 15-jährige Schülerinnen und Schüler zu ihrer Gesundheit. In der Erhebung von 2022 gaben 6 Prozent der 15-Jährigen an, in den vergangenen Monaten mindestens zweimal pro Monat in der Schule gemobbt worden zu sein – 2018 waren es 5 Prozent [1]. Beim Mobbing im Netz lag der Anteil höher: 11 Prozent der 15-Jährigen berichteten von mindestens einem Vorfall [1].

Im internationalen Ranking liegt die Schweiz damit im untersten Drittel, der Durchschnitt aller teilnehmenden Länder lag 2022 bei 9 Prozent [1]. Das ist eine Aussage über den Vergleich zwischen Ländern – und keine über die einzelnen Kinder. Hinter jedem Prozentpunkt stecken Schülerinnen und Schüler, für die der Schulweg zur täglichen Belastung wird.

Warum Mobbing so lange nachwirkt

Dass die Frauen in diesem Artikel bis heute unter dem leiden, was ihnen als Kinder angetan wurde, ist kein Ausreisser. Mobbing kann auf psychischer, zwischenmenschlicher und schulischer Ebene langfristig schwerwiegende Folgen haben [1]; Pro Juventute spricht von schwerwiegenden Folgen für die psychische Gesundheit [2]. Das heisst nicht, dass jede betroffene Person zwangsläufig ein Leben lang leidet. Es heisst, dass sich Mobbing nicht mit dem Schulabschluss von selbst erledigt.

Wenn dein Kind über längere Zeit niedergeschlagen wirkt, sich zurückzieht oder den Alltag nicht mehr bewältigt, gehört das abgeklärt – unabhängig davon, ob Mobbing im Spiel ist. Woran du eine depressive Entwicklung erkennst, liest du im Beitrag über Depression bei Kindern und Jugendlichen.

Warnzeichen, die du ernst nehmen solltest

Den meisten Suiziden und Suizidversuchen gehen Warnzeichen voran [6]. Das Bundesamt für Gesundheit nennt unter anderem: über Suizid sprechen oder einen Todeswunsch äussern, Rückzug von Freundinnen, Freunden und gewohnten Aktivitäten, Aufräumen und Verschenken von Dingen, die Beschäftigung mit Tod und Sterben, Hoffnungslosigkeit, grosse Selbstkritik, riskantes Verhalten – und plötzliche Ruhe und Gelöstheit nach einer Phase der Niedergeschlagenheit [6].

Gerade im Teenageralter gibt es aber auch sogenannte Kurzschlusssuizide ohne vorgängige Warnzeichen, und manche Menschen verbergen ihre Gefühle nach aussen [6]. Wenn du keine Warnzeichen siehst, ist das also keine Entwarnung. Sprich dein Kind an, wenn du dir Sorgen machst. Wie Eltern in dieser Situation reagieren, steht im Beitrag Suizidalität bei Jugendlichen.

Was Eltern tun können – und was sie besser lassen

  • Nicht im Alleingang handeln. Eltern sollten keinesfalls die mobbende Person oder deren Eltern direkt konfrontieren. Häufig reagieren diese abwehrend, das mobbende Kind lässt seinen Ärger erneut am betroffenen Kind aus – und das Mobbing wird meist noch schlimmer [2].
  • Die Schule einbeziehen. Passieren die Vorfälle in der Schule, gehören Lehrperson, Schulleitung oder Schulsozialarbeit informiert. Reagiert die Lehrperson nicht, darfst du hartnäckig bleiben und dich an die nächsthöhere Stelle wenden [2].
  • Dein Kind mitentscheiden lassen. Entscheide nie über den Kopf des Kindes hinweg, das kostet Vertrauen. Besser ist es, gemeinsam eine Strategie für die nächste Situation zu entwickeln – etwa Hilfe holen statt zurückbeleidigen [2].
  • Beweise sichern. Drohungen und Erpressungen sind Straftaten. Schreib auf, wer wann was gemacht hat und wer dabei war; bei Mobbing über digitale Medien lassen sich Chatverläufe und Bildschirmfotos speichern [2].
  • Die Polizei mit Bedacht einschalten. Ein rechtliches Verfahren kann die Lage unnötig verschärfen. Meist ist es sinnvoller, die Polizei erst einzuschalten, wenn andere Massnahmen erfolglos geblieben sind – oder vorab anonym abzuklären, wie ein Vorgehen aussehen würde [2].

Konkrete Schritte für den Schweizer Schulalltag findest du im Beitrag Mobbing und Cybermobbing: Was Eltern in der Schweiz konkret tun können. Woran du Mobbing früh erkennst, steht in Wie Eltern Mobbing frühzeitig erkennen können.

Die Schuld liegt nie bei der gemobbten Person

Sechs der sieben Frauen in diesem Artikel haben sich schuldig gefühlt. Dieses Gefühl ist verbreitet – berechtigt ist es nie. Mobbing entsteht nicht, weil jemand die falsche Kleidung trägt, zu dick, zu dünn, zu leise oder zu anders ist. Es entsteht, weil eine Gruppe jemanden dazu macht. Wer gemobbt wird, muss sich nicht ändern, damit es aufhört.

Hier bekommst du Hilfe

  • Kinder und Jugendliche: 147. Beratung + Hilfe von Pro Juventute. Der Anruf ist kostenlos und erscheint nicht auf der Telefonrechnung; in dringenden Fällen ist die Nummer jederzeit erreichbar. Beratung per WhatsApp täglich von 7.30 bis 22 Uhr, per E-Mail an beratung@147.ch [4].
  • Eltern: 058 261 61 61. Die Elternberatung von Pro Juventute ist rund um die Uhr erreichbar, dazu per WhatsApp täglich von 7.30 bis 22 Uhr [3].
  • Erwachsene: 143. Die Dargebotene Hand berät rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr und anonym; die Chatberatung ist täglich von 10 bis 22 Uhr offen. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieter können aber Gebühren anfallen [5].
  • Rat für Eltern gibt es auch bei der Opferhilfe und bei der Präventionsfachstelle der Polizei [2].
  • Bei akuter Lebensgefahr: Notruf 144.

Quellen

  1. Balsiger, N. & Delgrande Jordan, M. (2025): Gesundheit und Gesundheitsverhalten von 11-, 13- und 15-jährigen Jugendlichen im Jahr 2022 und Entwicklung über die Zeit: Die Schweiz im internationalen Vergleich. Forschungsbericht Nr. 176, Sucht Schweiz, Lausanne (im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit), Kapitel 3.23 und 3.24. Abgerufen am 11.08.2026.
  2. Pro Juventute: Mein Kind wird gemobbt – Hilfe bei Mobbing. Abgerufen am 11.08.2026.
  3. Pro Juventute: Elternberatung 24/7. Abgerufen am 11.08.2026.
  4. Pro Juventute: Beratung + Hilfe 147 – Dein Kontakt zu uns. Abgerufen am 11.08.2026.
  5. Die Dargebotene Hand: Kontaktmöglichkeiten. Abgerufen am 11.08.2026.
  6. Bundesamt für Gesundheit BAG: Suizidprävention. Abgerufen am 11.08.2026.

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