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Nur Mut: Das hilft schüchternen Kindern

Schüchterne Kinder stehen sich oft selbst im Weg. So gerne möchten sie die Welt erobern, aber trauen sich nicht. Zum Glück können Eltern schüchternen Kindern helfen, mutiger zu werden und soziale Ängste beherzt zu überwinden.

Schüchteren Kinder

Erfahren Sie hier, wie Sie ein schüchternes Kind stärken können. Foto: Polka Dot, Polka Dot Images, Thinkstock

Es klingelt. Lars macht auf. Vor der Tür stehen drei Kinder aus der Nachbarschaft. «Kommst Du mit uns raus? Wir wollen auf den Spielplatz!» Lars weicht zurück. Dann schüttelt er den Kopf. «Bleib lieber hier», nuschelt er. Enttäuscht gehen die Kinder wieder. Enttäuscht ist auch die Mutter. «Den ganzen Nachmittag langweilt sich Lars bereits. Er wäre sicher gern auf den Spielplatz gegangen. Aber er traut sich nicht, mit den anderen mitzugehen.»

Schüchterne Kinder leiden unter ihrer Schüchternheit. Sie haben viele Ideen, trauen sich aber oft nicht, andere von ihnen zu überzeugen. Sie haben viel zu sagen, bringen aber nicht genug Mut auf, um zu reden. Sie träumen davon, mutig zu sein wie Kalle Blomquist oder Ronja Räubertochter, aber wagen nicht den ersten Schritt zu tun. Die Schüchternheit schränkt Ihre Kindheit ein.

Fast jeder ist mal schüchtern

Schüchternheit gilt hierzulande als wenig attraktiv. Weitaus cooler wirkt, wer Stimmung macht, Trends setzt und mitreissende Ideen hat. Dennoch ist fast jeder mal schüchtern, der eine nur ausgeprägter als der andere. «Rund 80 Prozent der Menschen geben an, zeitweise schüchtern zu sein», so Doris Schüler, Autorin des Ratgebers «Schüchterne Kinder stärken». «Diese zeitlich begrenzte Schüchternheit äussert sich beispielsweise als Lampenfieber vor einem Auftritt, als Aufgeregtheit bei einem Vorstellungsgespräch oder als Nervosität beim Vortrag vor der Schulklasse.»

Warum manche Kinder besonders schüchtern sind

Die Angst vor Kindergeburtstagen, vor einer Wortmeldung in der Schule und vor den Kindern im Turnverein ist Erwachsenen manchmal unverständlich. Hinter Schüchternheit steckt die Angst, von anderen schlecht beurteilt zu werden und auch die Sorge, aufgrund mangelnden Durchsetzungsvermögens die Kontrolle zu verlieren.

Aus einer kleinen Schüchternheit wird oft eine grosse Schüchternheit. Denn ein schüchternes Kind entwickelt unglücklicherweise oft Verhaltensweisen, die seine Ängste verstärken. Verstärkt wird Schüchternheit dann, wenn das Kind die angstauslösenden Situationen vermeidet.

Schüchternheit kann vererbt sein

Ursache von sozialen Ängsten kann eine genetische Veranlagung sein. Woran sich eine erblich bedingte Schüchternheit erkennen lässt, beschreibt Barbara G. Markway in dem Buch «Kinderängste und Schüchternheit überwinden». Demnach kann die Schüchternheit des Kindes eine biologische Ursache haben, wenn viele der folgenden Faktoren auf das Kind zutreffen:

  • Es gibt in der Familie eine oder mehrere Personen, die schüchtern sind oder zum «nervösen Typ» gehören.
  • Das Kind wird auch von anderen als schüchtern bezeichnet.
  • Das Kind reagiert gewöhnlich auf neue Situationen vorsichtig und zurückhaltend.
  • Das Kind war als Baby schnell überreizt.
  • Das Kind hat blaue Augen.

Die Angststörung könnte erlernt sein, wenn

  • das Kind in verschiedenen Situationen in extreme Verlegenheit gebracht oder gedemütigt wurde
  • das Kind Zeuge war, wie jemand anderes in Verlegenheit gebracht oder gedemütigt wurde
  • es nur wenig soziale Kontakte hat
  • die Eltern das Kind überbehüten

 

Das können Eltern tun

Gleichgültig, ob die Schüchternheit vererbt und/oder erlernt wurde: Zum Glück können Eltern viel dafür tun, damit ihr Kind mutiger wird:

Eigene Ängste überprüfen
Kinder haben ein feines Gespür für die elterlichen Ängste und übernehmen diese häufig. Sie spüren, wenn Eltern kein Vertrauen in sie haben und vertrauen dann auch nicht auf sich selbst und andere. «Eltern sollten sich bewusst machen, was sie selbst bedrückt und ängstigt und an ihren eigenen Ängsten arbeiten», rät deshalb Doris Schüler.

Die Ängste des Kindes akzeptieren
Wichtig ist es, das Kind, so wie es ist, zu lieben und zu akzeptieren. Eltern, die dem Kind zu verstehen geben, dass sie sich ein forscheres oder extrovertierteres Kind wünschen, bringen es in grosse Bedrängnis.

Kind im Ganzen sehen
Die Ängste des Kindes sind nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit. Schade, wenn ein Kind auf seine Schüchternheit reduziert wird. Besser ist es, sich an seinen Stärken und Interessen zu freuen.

Die richtigen Worte finden
Ungünstig ist es, dem Kind zu sagen: «Du bist schüchtern.» Denn diese Worte führen dazu, dass sich das Kind in seiner vermeintlichen Schwäche bestärkt fühlt. Sie tragen nicht dazu bei, Ängste zu überwinden. Barbara G. Markway empfiehlt andere Sätze: «Bei Menschen, die du kennst, bist du richtig gesprächig», «Bisher hast du oft eine gewisse Zeit gebraucht, um dich bei fremden Menschen wohl zu fühlen» und «Du traust Dich nicht, Deine Meinung zu sagen? Mir ging es früher auch so. Aber mit der Zeit bin ich immer mutiger geworden.» Wenn jemand anders das Kind als schüchtern abstempelt, lässt sich leicht kontern: «Warten Sie nur, bis Sie unser Kind richtig kennenlernen. Dann redet sie wie ein Wasserfall!»

Das Kind nicht drängen
Wer noch nicht schwimmen kann, darf nicht ins kalte Wasser geworfen werden – das weiss jeder. Genauso sollte ein Kind, das unter Fremden unterzugehen droht, ausreichend Zeit haben, mit ihnen vertraut zu werden. Schön, wenn Eltern Brücken bauen!: Sätze wie «Du kannst ruhig erst einmal zuschauen, das ist vollkommen normal» und «Du willst erst wissen, was eigentlich passiert, bevor Du mitmachst» helfen dem Kind, sein eigenes Tempo zu finden und ihm vertrauen zu lernen.

Das Kind auf neue Situationen vorbereiten
Das Kind kommt in den Kindergarten? Eine Untersuchung beim Kinderarzt steht bevor? Das Kind soll zum ersten Mal in den Turnverein? Auf solche Situationen lassen sich Kinder gut vorbereiten. Was geschehen wird, wie es dort aussieht, wer dabei ist – all das können Eltern ihrem Kind zuvor erzählen. Auch Bücher bereiten auf besondere Situationen der Kindheit vor. Gut recherchiert sind die «Conni»-Bücher. Gleichgültig ob Conni den Frisör besucht oder zum Ballett geht; immer wird die Situation kindgerecht beschrieben.

Kleine Ziele definieren
Wie lässt sich aus einem schüchternen Kind ein forsches Kind machen? Gar nicht! Wohl aber können Eltern ihrem Kind helfen, in bestimmten Situationen besser klar zu kommen. «Du möchtest mit den Kindern auf dem Campingplatz Fussball spielen, weisst aber nicht, wie du es schaffen kannst, sie zu fragen, ob du mitmachen darfst. Lass und mal gemeinsam überlegen», so können Eltern ein Gespräch einleiten. Wichtig: Dem Kind nicht eigene Lösungsmöglichkeiten aufdrücken, sonder zuhören und seine Ideen aufgreifen.

Professionelle Hilfe

Nicht immer schaffen es Eltern allein, ihrem schüchternen Kind die Hilfe zu geben, die es braucht. Professionelle Hilfe ist wichtig und richtig, wenn die Angst das Kind länger als sechs Monate immer wieder stark packt, sie von Bauch- oder Kopfschmerzen oder anderen körperlichen Reaktionen begleitet wird und das Kind alles tut, um ihr aus dem Weg zu gehen. Der Kinderarzt und die Erziehungsberatung vor Ort helfen bei der Therapeuten-Suche.

Weiterführende Links:

  • Das soziale Fitnesstraining des Erziehungswissenschaftlers Georg Stöckli.
  • Buchtipp: Schüchterne Kinder stärken. Wie sie Ängste überwinden, ihre Gaben entdecken und die Persönlichkeit entfalten. Von Doris Schüler. Amondis-Verlag.
  • Kinderängste und Schüchternheit überwinden. Ein Praxisratgeber für Eltern. Von Babara G. Markway und Gregory P. Markway. Beltz-Verlag.

 

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