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«Soziales Fitness-Training» für schüchterne Kinder

Schüchternheit bei Kindern wird oft als unbedenklicher Charakterzug angesehen. Erziehungswissenschaftler Georg Stöckli sieht das anders. Mit seinem «Sozialen Fitness-Training» möchte er schüchternen Kindern helfen, gegen ihr Problem anzukämpfen – mit ähnlichen Mitteln wie im körperlichen Fitnesstraining.

Ohne Angst gehen die Kinder ins Soziale Fitness-Training.

Der «Angst-Eimer» versinnbildlicht das Ziel der Kinder im Training: Angstfrei über den eigenen Schatten springen. Foto: Digital Vision, Thinkstock

Das «Soziale Fitness-Training» wird unter der Leitung von der Pädagogin Nadine Pfefferkorn mit Körperkontaktübungen begonnen. «Bevor die Schüchternheit gemeinsam bekämpft werden kann, muss eine Vertrauensbasis zwischen den Kindern entstehen», begründet sie den Einstieg. Die Kinder klatschen in die Hände ihres Nachbars, stehen im Kreis und halten einander an Händen und Armen fest. Sie tauen nach wenigen Minuten langsam auf, es ertönen die ersten Jauchzer und Gelächter.

Mit dem «Sozialen Fitness-Training» sollen schüchterne Kinder mutiger werden

Ein wichtiges Stichwort im «Sozialen Fitness-Training» ist Mut. Die teilnehmenden Kinder, meist von ihren Lehrern wegen auffälliger Schüchternheit im Schulalltag angemeldet, sollen lernen, über ihren Schatten zu springen und sich in ihrem sozialen Umfeld stärker einzubringen – eben, mutiger zu werden. In der ersten Session wurde den Kindern das Ziel des Trainings mit einer Geschichte spielerisch vor Augen geführt. «Hans und Gretel leben auf der falschen Seite des Flusses. im Land der Schüchternen. Sie wollen ins Land der Mutigen und müssen mit Ästen eine Brücke bauen, um über den Fluss zu gelangen. Jede Übung im Training ist ein «Ast». Der Hemmzwerg aber klaut ihnen immer wieder die Äste. Hans und Gretel müssen den Hemmzwerg unbedingt vertreiben», erzählt Stöckli.

«Schüchternheit ist gravierender als Aggressivität»

Georg Stöckli, Titularprofessor am Zürcher Institut für Erziehungswissenschaften, ist überzeugt, dass Schüchternheit in Schulklassen ein gravierenderes Problem als Aggressivität ist. Vor allem, weil es oft verkannt werde. «Die Sache ist: Aggressivität wird zu einem sozialen Problem, Schüchternheit hingegen wird eher als ein individuelles Problem betrachtet, weil Schüchterne nicht stören.» Aggressive Kinder seien laut, auffällig, oft nicht einmal bei allen unbeliebt. Bei schüchternen sei es anders: Sie würden oft keine Freunde oder nur wenige haben und können sich sozial nicht einbringen. Sie würden ignoriert, nicht selten auch von den Lehrern. Kinder, die schüchtern waren, würden es oft auch lange Zeit nach der Kindheit bleiben. Bei aggressiven Schülern erfolge öfter eine allmähliche Besserung. Das «Soziale Fitness-Training sei keinesfalls eine Therapiegruppe. «Wir behandeln keine pathologischen Fälle. Wir stimulieren lediglich Kinder, sich in der Schule zu öffnen und ihre Hemmungen hinter sich zu lassen.»

In der Primarschule ist, mehr als in jeder anderen Bildungsstätte, die mündliche Beteiligung grosser Bestandteil des Unterrichts. Jede schulische Begegnung ist auch gleich eine soziale. Die sechs Kinder, die gerade ihre Trainingsstunde in «Sozialer Fitness» beginnen, haben Mühe, sich im Klassenverband einzubringen. Besonders in den sprachlichen Fächern führe das zu schlechteren Noten. Lehrer drängen die schüchternen Kinder oft dazu, sich mehr zu beteiligen und fordern sie vor allen Mitschülern auf, sich mehr zu öffnen. Für die höchst sensiblen Kinder ein kontraproduktiver Schritt: Sie verschliessen sich noch mehr.

Die Kinder erzählen Pfefferkorn in der Pause Wochenendgeschichten.

Die Pause im Sozialen Fitness-Training dient zum lockeren Austausch.

Kurz nach den ersten Einstiegsübungen machen die Teilnehmer eine erste Pause. Der «Zvieriwagen» ist mit Orangensaft, Keksen und Früchten vollgestellt. Nadine Pfefferkorn erkundigt sich nach den Wochenenderlebnissen der Kinder. Franziska* erzählt munter vom Keksebacken mit ihren Grosseltern, einer Shoppingtour mit ihrer Mutter und vom Besuch am Weihnachtsmarkt. Das redselige Kind würde in diesem Moment wohl kein Aussenstehender als schüchtern bezeichnen.

Schüchternheit bei Kindern entsteht in der Schule – aber nicht nur

Georg Stöckli, der jede Trainingssession für das Archiv des Institutes filmt und dokumentiert, ist sich bewusst, dass Franziska* im Umfeld des «Sozialen Fitness-Training» fast schon als vorlaut gelten könnte. Laut ihrer Lehrerin zeige sie in der Schule jedoch eine andere Seite von sich. Sie spreche kaum, sei ängstlich und strecke im Unterricht nie auf. Solche Äusserungen von Schüchternheit können verschiedene Gründe haben. Georg Stöckli nennt das Stichwort Mobbing. Dabei müsse es sich nicht einmal um offensichtliche Hänseleien handeln. «Schüchterne Kinder sind oft so sensibel, dass auch nur ein schräger Blick seitens der Mitschüler reicht, um sich schikaniert zu fühlen.»

Schüchternheit bei Schulkindern kann aber auch ausserhalb der Schule entstehen. Die Eltern von schüchternen Kindern wiesen womöglich in jungen Jahren ebenfalls Hemmungen im sozialen Bereich auf, manchmal sind sie aber einfach überbehütend und geben den Kindern keinen Raum für Entfaltung.

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