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Die richtigen Vorbilder: Wie Eltern als gutes Beispiel vorangehen

Wir prägen unsere Kinder nicht nur durch unsere Erziehung, sondern vor allem auch durch unser Verhalten. Eltern übernehmen nämlich eine wichtige Vorbildfunktion und beeinflussen den Nachwuchs im Guten wie im Schlechten – ob wir wollen oder nicht. Wie wir als Eltern zum guten Beispiel werden, weiss Madeleine Rickenbach, Erziehungsberaterin in Adliswil.

Vorbilder: Vater und Sohn gehen Hand in Hand bei Sonnenuntergang über Wiese

Eltern sind nicht nur Wegbegleiter, sondern vor allem auch Vorbilder. Bild: GettyImages Plus, AleksandarNakic

Frau Rickenbach, Eltern machen sich viele Gedanken über Erziehung. Wie hoch ist der Anteil der Vorbildfunktion?

Kinder übernehmen stark die Art, wie Eltern sich verhalten. Eltern beeinflussen also ihr Verhalten im Guten wie im Negativen. Ein Beispiel für ihre Vorbildfunktion ist die Streitkultur. Erleben Kinder, dass Eltern zuhören, Gefühle anderer zulassen und Kompromisse schliessen, lernen sie, wie ein gutes Miteinander funktioniert. Erfahren sie aber, dass Eltern im Befehlston sprechen und nicht zuhören, wird es ihnen schwer fallen, bei einem Streit Lösungen zu finden. «Welches Vorbild bin ich?» – «Welches Vorbild möchte ich sein?» Es ist spannend, sich als Mutter oder Vater über diese Fragen Gedanken zu machen.

Warum lernen Kinder am Vorbild?

Schon mit der Geburt tritt das Kind mit seinen Eltern in Kontakt. Durch den gegenseitigen Austausch mit ihnen baut sich eine emotionale Bindung auf. Auf diese Bindung ist der Säugling in seiner Hilflosigkeit und Abhängigkeit dringend angewiesen! Er hat gar keine andere Wahl, als sich auf seine Bezugspersonen einzulassen und sie sich zum Vorbild zu nehmen. Kinder wollen von ihren Eltern lernen, wie sie in dieser Welt zurechtkommen. Deshalb beobachten sie ihre Eltern ganz genau.

Was können Kinder von ihren Vorbildern lernen?

Kinder ahmen zum Beispiel die Bewegungen ihrer Eltern nach und trainieren so ihre motorischen Fähigkeiten. Und sie übernehmen die Sprache ihrer Eltern. Auf die gleiche Weise erwerben sie soziale und emotionale Fähigkeiten. So kopieren sie zum Beispiel mütterliches Verhalten, indem sie ihr jüngeres Geschwister nach einem Sturz trösten. Kinder entwickeln also durch ihre Vorbilder ihre Wahrnehmungsfähigkeit und Empathie sowie Kommunikationsfähigkeit, Kooperation und Zivilcourage.

Müssen Eltern nichts dafür tun, dass ihr Kind sie nachahmt?

Ein kleines Kind ahmt seine Eltern noch unreflektiert nach. Für ein Zweijähriges ist der Papa ein Held und die Mama eine Heldin, die alles weiss und alles kann. Es möchte genauso wie die Mutter oder der Vater werden. Deshalb wird es die Begeisterung für jedes leidenschaftlich ausgeübte Hobby teilen, wenn die Eltern es miteinbeziehen. Es hilft auch gern im Haushalt und beim Kochen.

Bei vielen Kindern erlahmt nach und nach das Interesse an solchen Tätigkeiten …

Damit das Interesse bleibt, muss es den Eltern gelingen, ihr Kind in seinem Tun zu bestätigen und ihm für seinen Beitrag Wertschätzung zu zeigen. Die gemeinsame Ausübung einer Tätigkeit motiviert das Kind am meisten. Sich in einer Gemeinschaft wichtig, selbstwirksam und fähig zu erleben, erzeugt positive Gefühle, die zusammen mit der ausgeübten Tätigkeit im Gehirn des Kindes abgespeichert werden. Eine Tätigkeit, die als angenehm verankert wurde, wird es gerne wiederholen.

Wenn Eltern wollen, dass ihr Kind etwas tut oder lässt, müssen sie also mit gutem Beispiel vorangehen …

Genau! Eltern sind nur glaubwürdig, wenn sie sich selbst an Regeln halten. Wollen sie den Medienkonsum des Kindes steuern, müssen sie selbst die medienfreien Zeitfenster im Tagesablauf einhalten und über Nacht das Handy ausserhalb des Schlafzimmers deponieren. Sonst können sie dies nicht von dem Kind erwarten.

Suchen sich Kinder in der Pubertät neue Vorbilder?

Während der Pubertät können Teenager durch ihre verbesserte Urteilsfähigkeit und ihren sozialen Erfahrungsschatz die Handlungsweisen ihrer Eltern kritischer und realistischer einschätzen. Sie setzen sich zunehmend mit alternativen Vorbildern auseinander und orientieren sich mehr an ihnen. Doch das Vorbild der Eltern wirkt weiter stark nach. In den Folgejahren ergänzen sie das Wertesystem, das sie von den Eltern und dem Umfeld übernommen haben, mit eigenen Anteilen. Und sie entscheiden selber, welche Elemente es wert sind, beibehalten zu werden.

Wie können Eltern ein nachhaltiges Vorbild für ihr Kind sein?

Ein nachhaltiges Vorbild werden sie, indem sie eine respektvolle, gute Beziehung zu ihrem Kind führen und als Mensch authentisch und echt bleiben! Hat ein Heranwachsender wenig Wertschätzung erlebt oder das Gefühl, keinen gleichwertigen Platz in der Familiengemeinschaft einnehmen zu können, wird er sich von den elterlichen Werten eher distanzieren. Möglicherweise wird er sich zurückziehen oder dagegen rebellieren. Erlebt er sich jedoch in seiner Familiengemeinschaft als wichtig und zugehörig, dann wird er aufgrund dieser angenehmen Gefühle für die Gemeinschaft einen persönlichen Beitrag leisten wollen

Was können Eltern tun, damit sich das Kind zugehörig fühlt?

Wichtig ist, dass Eltern mit dem Kind Zeit verbringen, mit ihm Gespräche führen, ihm menschliche Wärme und Zuneigung zeigen und signalisieren: «Du bist ok, so wie du bist.» Wenn sie ihr Kind ermutigen, seinen eigenen Weg zu gehen, und ihm vertrauen, dann fühlt es sich von den Eltern verstanden und geliebt. Insofern geht es aber nicht darum, dass unsere erwachsenen Kinder möglichst viele unserer Werte übernehmen. Stattdessen geht es darum, dass sie eigenverantwortlich ihr Leben gestalten, gut für sich sorgen und für die Gesellschaft ihren Beitrag leisten können.

Wie lange können Eltern Vorbild sein?

Verhaltensstrategien, die von den Eltern übernommen wurden und sich im eigenen Leben bewähren, werden in der Regel von den erwachsenen Kindern beibehalten. Auch Lebensphilosophie und Konzepte der Eltern, die im Kontext der eigenen Lebensumstände und des Zeitgeistes noch Sinn machen, fliessen in die eigene Lebensgestaltung mit ein. Eltern können ein Leben lang für ihre Kinder Vorbilder sein, auch über ihren Tod hinaus.

Madeleine Rickenbach ist Erziehungsberaterin mit eigener Praxis in Adliswil. Die Mutter von vier erwachsenen Kindern ist als Beraterin im psychosozialen Bereich mit eidg. Diplom tätig. Sie leitet STEP-Elterntrainings und Eltern-Workshops und ist Referentin am Alfred Adler Institut, Zürich. Ausserdem coacht sie Lehrpersonen im Umgang mit auffälligem Sozialverhalten von Schüler/Innen und unterstützt in der aufsuchenden Familienbegleitung Eltern in ihren Erziehungs- und Lebensaufgaben.

Mehr Infos: www.heranwachsen.ch