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Wenn Kinder nerven: Gereizte Eltern sind ueberforderte Eltern

Wenn sich Geschwister staendig streiten, Kinder dauernd troedeln oder nicht schlafen gehen wollen, liegen die Nerven vieler Eltern blank. Wie gereizte Muetter und Vaeter zu mehr Gelassenheit finden koennen, erlaeutert Rochelle Allebes, Beraterin beim Elternnotruf.

Wenn Kinder nerven
Eltern duerfen auch mal genervt  sein. Illustration: liquidlibrary

Frau Allebes, viele Eltern sind gereizt – sie haben das Gefuehl, dass ihre Kinder sie nerven. Woran liegt das?

Rochelle Allebes: Genervt zu sein, ist in der Regel ein Zeichen fuer Ueberforderung. Es gibt Situationen im Leben, die fuer die ganze Familie schwierig sind und in denen Kinder besonders anstrengend werden koennen. Dafuer gibt es viele Beispiele: Ein Elternteil wird arbeitslos, ein Kind wird in der Schule gemobbt, ein Sterbefall belastet die Familie oder ein neues Geschwisterkind wird geboren, das zunaechst viel Aufmerksamkeit benoetigt. Phasenweise ueberfordert zu sein, ist also voellig normal.

Duerfen Eltern sich anmerken lassen, dass sie sich von ihren Kindern genervt fuehlen?

Eltern sind auch nur Menschen. Du darfst dir ruhig anmerken lassen, besser noch klar sagen, dass du momentan gereizt bist. Kinder empfinden Eltern, die staendig mit einer freundlichen Maske herumlaufen, ohnehin als nicht glaubwuerdig. Allerdings duerfen gereizte Reaktionen gegenueber Kindern nicht zum Dauerzustand werden!

Was passiert mit Kindern, die ihre Eltern staendig als gereizt erleben?

Kinder koennen das Gefuehl bekommen, es liege an ihnen, dass die Mutter oder der Vater immer so genervt ist. Das loest Schuldgefuehle aus. Manche Kinder ziehen sich dann zurueck, andere fordern erst recht Aufmerksamkeit ein.

Wie koennen Eltern zu mehr Gelassenheit finden?

Wenn du merkst, dass du ueber einen laengeren Zeitraum auf deine Kinder unangemessen reagierst, ist es sinnvoll, dir bewusst Zeit zu nehmen und zu ueberlegen: «Was ist los mit mir?», «Was ist los mit meinen Kindern?», «Was ueberfordert mich?» Oft reagieren Eltern auf bestimmte Verhaltensweisen oder Eigenschaften ihrer Kinder, die sie selber haben und an sich selbst nicht leiden koennen. Kinder sind manchmal Spiegel der eigenen Persoenlichkeit. Aber meist ist es schlichtweg der Alltag. Beruf, Kinder, Einkaufen, Putzen, Kochen: Viele Eltern haben zu wenig Hilfe, die vielfaeltigen Herausforderungen des Alltags zu bewaeltigen.

Der «Trigger-Check»: Was genau bringt mich aus der Fassung?

Gelassenheit entsteht selten durch «mehr Disziplin», sondern durch mehr Klarheit: Was genau passiert kurz bevor du laut wirst, schnippisch reagierst oder innerlich «zumachst»? Ein Trigger-Check hilft dir, Muster zu erkennen, bevor sie eskalieren. Das ist auch wissenschaftlich plausibel: Unter Stress schaltet der Koerper schneller in Alarmbereitschaft, und Selbstregulation faellt schwerer. Die BZgA beschreibt Stress als einen Zustand, der Koerper und Psyche belastet und die Handlungsfaehigkeit im Alltag beeinflussen kann .

Mini-Tool (2 Minuten): Notiere dir fuer 3 Tage jeweils kurz nach einer schwierigen Situation drei Punkte: Ausloeser (was genau?), Koerpersignal (z.B. Kiefer angespannt, Herzklopfen), Gedanke (z.B. «Nie hoert jemand!»). So erkennst du, woran du frueh ansetzen kannst.

5 typische Trigger 

Zeitdruck: Wenn der Fahrplan, Termine oder «wir sind spaet!» den Ton angeben, steigt die Reizbarkeit. Tool: 10-Minuten-Puffer fix einplanen; wenn das nicht geht: Aufgaben «entschaerfen» (z.B. Schuhe und Jacke am Vorabend bereitstellen).

Laerm: Dauerlaerm ermuedet das Nervensystem. Tool: Laerm-Schutz bewusst erlauben: kurz Ohrstoepsel, leise Musik, Fenster schliessen, «Laermpause» ankundigen.

Streit unter Geschwistern: Streit ist oft ein Signal fuer unerfuellte Beduerfnisse (Aufmerksamkeit, Raum, Fairness). Tool: «Stopp-Regel» einueben (Stopp sagen, Abstand, dann Loesungssuche), statt sofort Schiedsrichter:in zu sein.

Muedigkeit: Schlafmangel ist ein Reiz-Verstaerker. Die SGP betont, dass ausreichend Schlaf fuer die psychische und koerperliche Gesundheit von Kindern zentral ist (und indirekt auch den Familienalltag entlastet) (Schweizerische Gesellschaft fuer Paediatrie (SGP), 2021: Schlaf bei Kindern und Jugendlichen – Empfehlungen). Tool: In mueden Phasen Erwartungen senken: weniger Diskussionen, mehr Routine, frueherer «Feierabend» auch fuer dich.

Perfektionismus: «Es muss jetzt funktionieren» erhoeht den inneren Druck. Tool: Einmal taeglich bewusst «gut genug» waehlen (z.B. einfache Mahlzeit, weniger Programm) und das als aktive Entscheidung benennen.

Selbstmitgefuehl statt Selbstabwertung 

Wenn du dich nach einem Ausraster innerlich fertig machst, bleibt dein Nervensystem im Stressmodus. Selbstmitgefuehl bedeutet nicht «alles ist egal», sondern: Verantwortung uebernehmen, ohne dich zu beschimpfen. Das schafft eher die Grundlage, dein Verhalten nachhaltig zu veraendern.

Praktischer Perspektivwechsel: Frage dich: «Was wuerde ich einer Freundin oder einem Freund sagen, der/die gerade am Limit ist?» Sag diesen Satz dann dir selbst – einmal, ohne Diskussion.

3-Satz-Technik fuer Akut-Situationen

Diese Mini-Sequenz ist kurz genug, um sie im Alltag wirklich zu nutzen:

1) Stop: «Stopp. Ich merke, ich werde gerade zu laut.»

2) Atmen: Zwei langsame Atemzuege (laenger aus- als einatmen). Das hilft, den Koerper aus dem Alarmmodus zu holen.

3) Benennen: «Ich bin gestresst/ueberfordert. Ich brauche kurz eine Pause.»

Wichtig: Benennen ist kein Rechtfertigen. Es ist Orientierung fuer dein Kind: «Hier passiert etwas im Erwachsenen, nicht wegen dir.»

Satzbausteine fuer Eltern (Repair-orientiert, schon im Akutmoment):

  • «Ich merke, ich kippe gleich. Ich gehe 2 Minuten ins Bad und komme dann wieder.»
  • «Ich bin gerade ueberfordert. Ich will fair bleiben, darum mache ich kurz Pause.»
  • «Stopp. Ich will das loesen, ohne zu schreien.»

Satzbausteine fuer Kinder (zum Mitlernen, altersangepasst):

  • «Stopp, ich brauche Abstand.»
  • «Ich bin wuetend. Ich komme gleich wieder.»
  • «Bitte langsamer/bitte leiser.»

Deeskalationsplan 

1. Warnsignal erkennen: Kiefer fest, Herz schneller, «Jetzt reicht’s!»

2. Stopp sagen: «Ich mache kurz Pause, damit ich ruhig bleiben kann.»

3. Abstand: 1–3 Minuten in einen anderen Raum (Tuere offen lassen, je nach Alter; bei kleinen Kindern in Sichtweite bleiben).

4. Koerper runterfahren: 2x langsam atmen, Schultern senken, Wasser trinken.

5. Rueckkehr & Plan: «Danke fuers Warten. Jetzt loesen wir es: A oder B?»

6. Wenn es wieder eskaliert: Schritt 2–4 wiederholen, spaeter Repair-Gespraech.

Reparatur nach dem Streit: So heilt Beziehung

Konflikte sind in Familien normal. Entscheidend ist, was danach passiert: «Repair» bedeutet, die Beziehung bewusst zu reparieren, damit Kinder lernen: Streit ist aushaltbar, und Naehe kommt zurueck. Entwicklungspsychologisch ist diese Wiederherstellung von Sicherheit ein wichtiger Baustein fuer Bindung und Emotionsregulation. 

Entschuldigen ohne «Aber» + Wiedergutmachung

So klingt eine hilfreiche Entschuldigung: kurz, klar, ohne Relativierung. Das bedeutet nicht, dass Regeln wegfallen – sondern dass der Ton und die Verantwortung stimmen.

Repair-Saetze fuer Eltern:

  • «Es tut mir leid, dass ich geschrien habe.»
  • «Du bist nicht schuld an meinen Gefuehlen. Ich war ueberfordert.»
  • «Naechstes Mal mache ich frueher Pause. Wollen wir abmachen, welches Zeichen ich gebe?»

Wiedergutmachung: «Ich mache jetzt einen Neustart: Ich setze mich kurz zu dir» oder «Wir raeumen gemeinsam auf, und danach gibt es 10 Minuten Vorlesen.» Es geht nicht um «Kaufen», sondern um Verbindlichkeit und Naehe.

Repair-Saetze fuer Kinder (ohne Druck):

  • «Ich war wuetend. Ich will es nochmal versuchen.»
  • «Ich brauche eine Umarmung / ich brauche noch Abstand.»
  • «Koennen wir neu anfangen?»

Wann externe Hilfe sinnvoll ist 

 

Eltern haben oft sehr hohe Erwartungen an sich.

 

Ja, du willst alles perfekt machen. Perfekt im Beruf arbeiten, deinen Kindern perfekte Eltern und Gaesten perfekte Gastgeber sein. Viele haben sich das Leben mit Kindern einfacher vorgestellt. Die Folge zu hoher Erwartungen sind Enttaeuschungen - und Schuldgefuehle.

Was kann ueberforderten Eltern helfen?

Wer sich vom Leben ueberfordert fuehlt, kann die eigene Situation selbst oft nur schlecht analysieren. Es tut gut, mit jemandem zu reden, der die Situation aus einer gewissen Distanz betrachten kann. Beim Elternnotruf rufen oft Eltern an, die sich von ihren Kindern genervt fuehlen. Haeufig hilft es ihnen schon herauszufinden, dass nicht die Kinder «Schuld» an der gereizten inneren Stimmung sind.

Welche langfristigen Loesungen gibt es?

Hilfe ist eine Frage von Zeit, Geld oder von Beziehungen. Oft lohnt es sich, sich die Arbeitsteilung in der Familie genau anzusehen. Wie sind die Aufgaben zwischen Mutter und Vater verteilt? Auch Kinder koennen kleinere Aemtli uebernehmen, die wohltuend die eigene Arbeitslast senken. Darueber hinaus ist es sinnvoll, darueber nachzudenken, ob die Erwartungen an die eigene Person realistisch sind. Es gilt, Idealbilder anzukratzen. In welchen Bereichen kannst du auch mal «5» gerade sein lassen? Es gibt keine perfekte Mutter und keinen perfekten Vater, nur Eltern, die gut genug fuer ihr Kind sind.

Solches Reflektieren kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Gibt es eine Methode, die akut hilft, sich von den eigenen Kindern nicht nerven zu lassen?

Ja, du musst trainieren, fruehzeitig zu merken, dass die Nerven bald wieder blank liegen. Dann bist du noch handlungsfaehig. Effektiv ist es, die Situation zu verlassen, also zum Beispiel in einen anderen Raum zu gehen. Die Kinder muessen darauf allerdings vorbereitet werden, sie duerfen sich nicht verlassen fuehlen. Auch Kinder sollten das Recht haben, sich zurueckzuziehen, vorausgesetzt, sie kommen spaeter wieder, um den Konflikt mit den Eltern gemeinsam zu loesen.

Das Recht, sich zurueckziehen, kann Teil der Familienkultur werden.

Ja, Kinder verstehen gut, wenn du sagst: «Ich war arbeiten und danach noch einkaufen, ich vertrage heute nicht mehr viel.» Sie wissen dann, wo die Gruende fuer die Gereiztheit von Mama oder Papa liegen und beziehen sie nicht auf sich.

Hilfe, wenn Kinder nerven, gibt es bei elternnotruf.ch

Wenn Kinder nerven

Rochelle Allebes

Rochelle Allebes ist Elterncoach, Familientherapeutin/ Beraterin und Supervisorin. Sie arbeitet seit langem beim Elternnotruf, ist als Dozentin im Ausbildungsinstitut fuer systemische Therapie und Beratung «Meilen» taetig und arbeitet in freier Praxis. Die Mutter von zwei Soehnen lebt mit ihrer Familie in Zuerich.

Interview: Sigrid Schulze

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