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Kindererziehung: mit Überraschungseffekten und Humor kreativ erziehen

Ein Kind ins Leben zu begleiten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. «Kreativ erziehen», so heisst eine neue Methode der Kindererziehung, die Eltern unterstützt, sie zu meistern. Wie die Methode funktioniert, erklären Sarah Zanoni und Silvia Berri, Autorinnen des Buches «Kreativ erziehen» im Interview.

Kindererziehung: kreativ erziehen

Kreative Kindererziehung heisst die neue Erziehungsmethode. Bild: Wavebreak Media-Thinkstock

Frau Zanoni, Frau Berri, Eltern und Kinder verstricken sich oft in denselben, ständig wiederkehrenden Konflikten. Gleichgültig, ob es ums Aufräumen oder Zähneputzen geht - manchmal sind Eltern mit ihrem Latein am Ende. Lassen sich eingeschliffene Verhaltensweisen zwischen Eltern und Kind in positiver Weise ändern?

Sarah Zanoni: Ja, durchaus – und zwar mit Überraschungseffekten, Humor und Gelassenheit! «Kreativ erziehen», so haben wir diesen Stil, mit Konflikten und Entwicklungsschritten umzugehen, genannt. Die Grundidee besteht darin, Kinder zu einem friedlichen und konstruktiven Miteinander zu bewegen und sie fit fürs Leben zu machen.

Kindererziehung mit Humor und Gelassenheit - das klingt positiv und macht Mut. Wie funktioniert diese «kreative Erziehung»?

Silvia Berri: Normalerweise versuchen Eltern, ihren Kindern wortreich zu erklären, warum sie dieses oder jenes von ihnen erwarten. Doch sehr oft verstehen die Kinder gar nicht, was die Eltern wollen. Phrasen und Worte wollen wir durch «Symbolhandlungen» ersetzen, spezielle Handlungsweisen, die Kinder auf Augenhöhe erreichen. Diese Symbolhandlungen machen Argumente für Kinder erlebbar.

Sie setzen nicht nur auf der Ebene des Verstandes an, sondern berücksichtigen ebenso Empfindungen und Fantasie. Sie veranschaulichen Kindern, dass es nicht um sinnleeren Gehorsam geht, sondern darum, etwas zu lernen, das sie weiter bringt. Symbolhandlungen sind ein Modell, mit dem Eltern die Entwicklungsschritte ihrer Kinder wirkungsvoll unterstützen können.

In welchen Bereichen der Kindererziehung können Symbolhandlungen helfen?

Sarah Zanoni: In verschiedensten Situationen! Ob bei Konflikten im Familienalltag, beim Eintritt in den Kindergarten, in Krisensituationen oder ganz allgemein bei Entwicklungsschritten – sie tragen dazu bei, sich auf eine neue Situation einzulassen und diese zu meistern.

Welche Symbolhandlung könnte eine Mutter einführen, wenn ihre Söhne, zum Beispiel drei und sechs Jahre alt, sich ständig schreiend um Spielzeug streiten und sich dabei schlagen?

Silvia Berri: Die Mutter könnte aus Karton Tausch-Karten ausschneiden und die Handhabung erklären: «Wer etwas haben will, was der Bruder hat, kann ihm eine, zwei oder drei seiner Tauschkarten anbieten, je nachdem, wie wichtig ihm das Spielzeug ist.» Die Söhne sollen nun ein paar Beispiele bringen, wie sie die Tauschkarten bei ihrem Spielzeug einsetzen wollen. Sind die Karten aufgebraucht, kann für diesen Nachmittag oder Abend kein Tausch mehr verlangt werden. Nun dürfen die beiden das Tauschen ausprobieren. Sollte die Kinder sich nicht einig werden, müssen sie der Mutter für etwa zehn Minuten im Haushalt helfen.

Haben Sie noch ein anderes Beispiel?

Silvia Berri: Ja, stellen Sie sich vor, ein Neunjähriger vertrödelt jeden Nachmittag mit seinen Hausaufgaben. Je mehr die Mutter drängt, zügiger zu arbeiten, umso weniger bemüht er sich. Nach langen Streit-Nachmittagen beschliessen der Junge und seine Mutter einen besseren Umgang mit den Hausaufgaben. Sie stellen sich ans Fenster, formen einen imaginären Schneeball, der die schlechten Gefühle symbolisiert, und werfen ihn weit aus dem Fenster. Die Mutter stellt dem Kind auch einen Krug Wasser zum Trinken hin, «damit Du Deine Motivation stärken kannst». Dann darf sich der Junge im Zimmer Arbeitsstationen einrichten. So kommt Bewegung in die Hausaufgaben, denn Bewegung unterstützt den Lernprozess besonders günstig und macht Kindern Spass.

Was müssen Eltern beachten, wenn sie versuchen, auf diese Weise kreative Lösungen für Konflikte in der Kindererziehung zu finden?

Sarah Zanoni: Symbolhandlungen müssen auf die ganz individuelle Situation abgestimmt sein und den Entwicklungsstand wie auch das Temperament des Kindes berücksichtigen. Sie müssen gut durchdacht und vorbereitet sein. Wichtig ist, dass sie am richtigen Ort, zur richtigen Zeit eingesetzt werden. Eltern spüren, wenn die Stimmung so gut ist, dass eine Symbolhandlung produktiv sein kann. In unserem Buch lassen sich viele Beispiele für verschiedene Probleme und Altersstufen finden. Dabei ist es immer wichtig, zuerst das Kind zu verstehen, um dann zu überlegen, wie es sich fördern und fordern lässt. Klar ist, dass anfangs vielleicht nicht gleich alles gelingt – auch hier ist also Gelassenheit gefordert. Eltern dürfen durchaus intuitiv an die Sache rangehen.

Wie kamen Sie auf die Idee, diese Methode zu entwickeln?

Silvia Berri: Die Methode haben wir in jahrelanger Praxis mit Fachleuten und ratsuchenden Eltern erarbeitet und erprobt. Ein Kind zu fördern, Grenzen setzen, ihm Rechte einzuräumen und Pflichten zu geben, seine Interessen mit den eigenen Bedürfnissen abzustimmen, ist eine grosse Herausforderung. Die «kreative Erziehung» soll Eltern ihren Weg erleichtern.

Warum funktionieren die Symbolhandlungen?

Sarah Zanoni: Veränderung geschieht nicht über den Verstand, sondern durch das Erleben: Kinder müssen also erleben, dass eine bestimmte Handlung unerwünschte Folgen hat – und dass ein verändertes Verhalten ihnen Vorteile bringt. Der symbolische Anteil der Interaktion macht ihnen die Wichtigkeit der Sache bewusst. Sie merken: Hier passiert gerade etwas Ausserordentliches! Das ermöglicht ihnen, anders als üblich zu reagieren, eine (noch) ungewohnte Rolle zu übernehmen und ein neues Verhalten an den Tag zu legen.

Zu den Personen:

Kreative Erziehung

Sarah Zanoni, lic. phil. I, ist Pädagogin. Die Mutter von zwei Kindern arbeitet als Kinder- und Jugendcoach und bietet Seminare und Vorträge für Fachleute und Eltern an. jugendcoaching.ch

 

Kreative Erziehung

Silvia Berri verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als Kindergartenlehrerin, Betreuerin in Kinder- und Jugendheimen, Hortleiterin und Supervisorin. Ihr Fokus liegt auf der Arbeit mit Gruppen von kleinen Kindern und Jugendlichen.

 

 

Buchtipp zur Kindererziehung:

Kreativ erziehen. Kinder gezielt fördern und stärken. Zu bestellen unter beobachter.ch