«6 Wochen Ferien ermöglichen mehr gemeinsame Zeit»

Sechs Wochen Ferien: Das klingt nach weniger Stress und mehr Zeit für die Familie. Doch Kritiker der Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle» befürchten, dass mehr Urlaub nicht automatisch zu einer Entlastung führt. SP-Vizepräsidentin Jacqueline Fehr erklärt, warum das kein Argument gegen mehr Ferien sein sollte.

6 Wochen Ferien wären gut für die Familie.

Bei 6 Wochen Ferien könnten Eltern mehr Zeit mit den Kindern in den Schulferien verbringen. Foto: © pressmaster - Fotolia.com

Die Schweizer wollen keine 6 Wochen Ferien. Gemäss einer Umfrage von gfs.bern stimmen gerade einmal 39 Prozent der Initiative «6 Wochen Ferien für alle» zu. Warum sehen Sie das anders und empfehlen ein JA zur Initiative am 11. März?

Jacqueline Fehr: Mehr Ferien – sei es am Stück oder in einzelnen Tagen – hilft uns allen, bei Kräften und gesund zu bleiben. Zudem erleichtern zusätzliche Ferientage den Eltern, ihre Verantwortung für die Kinder wahrzunehmen, sei es weil es mal für einen zusätzlichen Schulbesuch reicht oder auch mehr gemeinsame Zeit während der Schulferien bleibt.

Ihre Parteikollegin, die Bundesrätin Simonetta Sommaruga ist anderer Meinung als Sie und wirbt für ein NEIN, weil sie befürchtet, dass durch mehr Ferien die Arbeit in kürzerer Zeit verrichtet werden muss und die Belastung steigt. Wie sehen Sie das?

Das tönt etwas nach Japan, wo sehr viele Menschen auf sämtliche Ferien verzichten, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, die Arbeit anderen zu überlassen. Wir wissen aber aus Erfahrung, dass Veränderungen der Rahmenbedingungen auch immer zu neuen Lösungen geführt haben. Auch die heutigen Ferientage mussten erkämpft werden. Genauso wie die Fünftagewoche, kürzere Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit. Immer ging es dabei auch darum, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mehr Autonomie über ihre Zeit erhalten und damit ihre Freiheit gestärkt wird.
 

Die Initianten glauben, dass mehr Ferien die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert und den Stress in der Partnerschaft reduziert. Sind mehr Ferien wirklich das geeignete Mittel dafür?

Ferien sind ein wichtiges Element. Erstens schaffen sie Freiraum und damit Flexibilität. Zweitens ermöglichen sie mehr gemeinsame Zeit. Und drittens reduziert sich das Risiko für stressbedingte Krankheiten.

Sie haben gesagt, Ferien sind ein wichtiges Element. Wie sollten Familien Ihrer Meinung nach zusätzlich entlastet werden, damit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie gegeben ist?

Es braucht vor allem gute und bezahlbare Krippen sowie Tagesschulen. Dazu aber auch flexible, aber berechenbare Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit für Männer und Frauen auf allen Stufen sowie generell Verständnis des Arbeitgebers, dass Eltern auch noch Verantwortung für ihre Kinder haben.

Eigentlich müsste man meinen, dass jeder Arbeitnehmer sofort für ein JA zu mehr Ferien oder geringerer Arbeitszeit stimmt. Aber in der Schweiz wurde bisher nur die Volksinitiative für einen arbeitsfreien 1. August angenommen. Warum haben es Volksinitiativen für mehr Ferien in der Schweiz so schwer?

Wir haben in unserem Land einen hohen Arbeitsethos und verlieren immer mal wieder das Gleichgewicht zwischen engagiert und überengagiert. Dies obwohl wir wissen, dass auch bei der Arbeit weniger oft mehr ist. Auch wissen wir aus dem persönlichen Leben, dass es nicht immer einfach ist, mir freier Zeit umzugehen. Viele flüchten sich deshalb vor der Leere in die Arbeit. Mehr Ferien erscheint wie eine Bedrohung. Doch genau hier müssen wir ansetzen: Wenn wir in dieser Dichte und mit diesem Tempo gesund und friedlich zusammenleben wollen, müssen andere Werte als jene der Arbeit mehr Gewicht und gesellschaftliche Anerkennung erhalten.

 

Jaqueline Fehr, Nationalrätin und Vizepräsidentin SP Schweiz

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Sie schreibt regelmässig für familienleben.ch Beiträge für die Kolumne «Familiensache».

 

Die Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle»

83 Prozent der Familien mit Kindern wünschen sich gemäss einer Umfrage des Gewerkschaftsdachverbandes Travail Suisse mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen vier Wochen Ferien. Diese Zahlen zeigten deutlich, dass die heutige gesetzliche Ferienregelung den Familien nicht entspricht und auch zu wenig zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitrage, heisst es bei der Gewerkschaft. Unter anderem deshalb lancierte sie 2007 die Volkinitiative «6 Wochen Ferien für alle». Sie sieht vor, dass rechtliche Minimum auf sechs Wochen zu erhöhen. Bereits heute haben viele Arbeitnehmende mehr als vier Wochen Ferien, im Durchschnitt sind es fünf Wochen. Eine Ferienwoche mehr würde die Arbeitgeber 2 Prozent der Lohnsumme kosten. Am 11. März 2012 stimmen Volk und Stände über die Initiative ab.

Bei 6 Wochen Ferien bleibt mehr Zeit für die Familie.

Wer mehr Ferien hat, kann Beruf und Familie besser vereinbaren, glauben die Befürworter der Volksinitiative. Foto: © goodluz - Fotolia.com

Die Argumente der Befürworter

 

Mehr Ferien sind gut für Gesundheit

Erst wer zwei bis drei Wochen am Stück Ferien machen kann, fühlt sich wirklich erholt. Das habe die Arbeitsmedizin bewiesen, sagen die Befürworter. Ausserdem kommt es bei gut erholten Menschen seltener zu einer Überbelastung. Auch chronische Krankheiten tauchen seltener auf.

Mehr Ferien verbessern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Wenn Eltern mehr Ferien hätten, könnten Sie auch mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, denn die haben schliesslich zirka 13 Wochen schulfrei. Das würde auch den Stress in der Partnerschaft reduzieren. Zudem könnten sich Eltern, aber auch Kinderlose mehr Zeit für ein soziales Engagement nehmen, sei es im Verein oder im Quartier.

Mehr Ferien sind verdient

Die Belastungen am Arbeitsplatz sind gestiegen. «Zwischen 1992 und 2007 ist die Arbeitsproduktivität der Arbeitnehmenden in der Schweiz um mehr als 21 Prozent gestiegen, die Reallöhne haben aber nur um gut vier Prozent zugelegt», untermauern die Befürworter ihre Argumente. Mehr Ferien seien eine faire Beteiligung am starken wirtschaftlichen Fortschritt.

Quelle: Das Wichtigste in Kürze der Eidgenössischen Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle»

Abstimmungsvideo für die Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle»

Video: Written & directed by Johannes Hartmann, produced by Decoy Collective

 

Die Argumente der Kritiker

 

Mehr Ferien sind schlecht für kleine Betriebe

Mehr Ferien würden kleinen und mittelständischen Unternehmen hohe Zusatzkosten aufbürden. Gemäss der Kritiker leiden die Betriebe aber schon unter hohen Arbeitskosten, der Fankenstärke und der schwierigen wirtschaftlichen Lage.

Mehr Ferien gefährden Arbeitsplätze

Weil mehr Ferien mit höheren Arbeitskosten verbunden sind, besteht die Gefahr Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Zudem würden höhere Arbeitskosten die Wettbewerbsfähigkeit Schweizer Unternehmen schwächen.

Mehr Ferien schaden dem Arbeitnehmenden

Die starre Regelung von sechs Wochen Ferien würde nach Argumenten der Kritiker die Flexibilität einschränken. Individuelle Arbeitsmodelle mit Teilzeitstellen oder Arbeiten von zu Hause aus, wären gefährdet. Die Kritiker befürchten ausserdem, dass mehr Urlaub zu mehr Stress führen könnte. Wenn Unternehmen es sich nicht leisten können, Ferienvertretungen einzustellen, steigt die Belastung für die Arbeitnehmenden. Hinzu kommt, dass viele kleine Unternehmen nicht den gleichen Lohn zahlen könnten für weniger Arbeitszeit.

Quelle: Überparteiliches Komitee «Ferieninitiative NEIN»

Abstimmungsvideo gegen die Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle»

Video: by Now Production

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