Leben > Arbeit & FamilieHerausforderung TeilzeitkarriereDie Rahmenbedingungen für Familien haben sich in den letzten Jahren verändert: Es gibt mehr familienergänzende Betreuung, und viele Arbeitgeber werben mit Flexibilität. Trotzdem erleben viele Eltern in der Schweiz, dass «Teilzeit» noch immer als Karrierekiller gilt – besonders in verantwortungsvollen Funktionen. Was hilft wirklich, wenn du dranbleiben willst? Dieser Beitrag ordnet ein, zeigt praxistaugliche Modelle und gibt dir konkrete Werkzeuge für Planung, Verhandlung und Vorsorge. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Kinder haben und trotzdem Karriere machen - diesen Wunsch hegen immer mehr Mütter und zunehmend auch Väter. Ein immer noch frommer Wunsch, oft. Foto: iStock, Thinkstock Das Wichtigste in Kürze Teilzeit kann mit anspruchsvollen Aufgaben zusammenpassen – wenn Rolle, Übergaben und Erwartungen sauber gestaltet sind. Modelle wie Jobsharing/Topsharing und Co-Leadership sind in der Schweiz realistisch, wenn du sie als «Business Case» präsentierst. Betreuung ist nur ein Teil der Gleichung: Entscheidend sind auch Führungsverständnis, Teamkultur, Meeting-Zeiten und Erreichbarkeitsregeln. Vorsorge ist ein häufig übersehener Stolperstein: Teilzeit kann zu Lücken in der 2. Säule (BVG) führen – je nach Lohn und Pensionskassenregelung. Plan B entlastet: Eine Betreuungskette für Krankheits- und Ausfalltage reduziert Stress und Konflikte mit dem Arbeitgeber. Katharina Maurer*; Projektleiterin bei einer internationalen Hotelkette, ist frustriert: Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter kam sie auf Wunsch ihres Chefs an ihren früheren Arbeitsplatz zurück, vier Monate später kam ohne Vorwarnung die Kündigung. «Mein Chef sagte, das 60 Prozent Pensum, mit dem ich wieder eingestiegen war, sei einfach zu wenig, um anspruchsvolle Kunden zu betreuen.» Die Krippe konnte ihr keine zusätzlichen Betreuungstage anbieten. «Ich musste schon froh sein, mein Kind drei Tage hinbringen zu können. Und ein Grosi, das aushilft, haben wir leider nicht. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass ein anspruchsvoller Job und Kinder in der Schweiz schlecht zusammenpassen», sagt sie resigniert. Kinderbetreuung: Engpässe, Kosten – und was du realistisch planen kannst Viele Eltern entscheiden sich bewusst gegen die klassische Rollenverteilung, weil sie fachlich dranbleiben, finanziell unabhängig sein und sich Entwicklungsmöglichkeiten offenhalten möchten. Gleichzeitig ist die Realität oft: Betreuung ist teuer, Plätze sind regional knapp, und Öffnungszeiten passen nicht immer zu Meeting-Kulturen oder Pendelwegen. Was dir in der Praxis hilft, bevor du dein Pensum festlegst: Stabilität vor Perfektion: Plane lieber ein Pensum, das du über Monate verlässlich halten kannst, statt «zu optimistisch» einzusteigen und danach ständig zu improvisieren. Betreuungskette statt Einzel-Lösung: Kombiniere – wenn möglich – Krippe/Hort, Tagesfamilie/Tagesmutter und mindestens eine zusätzliche Notfalloption. Randzeiten konkret prüfen: Nicht nur die Anzahl Betreuungstage zählt, sondern auch Bring-/Abholzeiten, Ferien, Eingewöhnung, sowie Regelungen bei Krankheit. Mentale Last mitdenken: Wer organisiert, wer telefoniert, wer springt ein? Diese Aufgaben entscheiden mit, ob ein Modell langfristig tragfähig ist. Fünf Tipps, damit der Einstieg ins Familienleben kein Ausstieg aus dem Berufsleben wird: Sprich frühzeitig mit deinem Chef, wenn du das Pensum reduzieren willst. Zeig, dass du in Zukunft noch motivierter arbeiten wirst, wenn dein zeitlicher Spielraum grösser ist. Diskutiere mit deinem Partner, auf wen du innerhalb und ausserhalb der Familie für die Kinderbetreuung zurückgreifen kannst. Vor allem wenn das Kind krank ist und nicht in die Krippe gehen kann brauchst du Verwandte, Freunde und Nachbarn, die einspringen können. Informiere dich, ob es in deiner Firma Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gibt, zum Beispiel Jobsharing oder Telearbeit. Informiere dich über die Krippen und Tagesmütter in deiner Umgebung und lass dich auf die Warteliste setzen, sobald du schwanger bist. Lass den Kontakt zu deinem Unternehmen während einer Babypause nicht abreissen. Mach Ferienvertretungen und nimm an wichtigen Sitzungen und Ausbildungen teil. Da die Nachfrage nach Krippenplätzen, insbesondere nach Säuglingsplätzen, regional immer noch höher ist als das Angebot, reagieren einige Unternehmen mit betriebseigenen Krippen. Für Eltern ist das eine ideale Lösung, weil sie den Nachwuchs auf dem Weg zur Arbeit in der Krippe abgeben können und bei Problemen schnell erreichbar sind. Mit einem Krippenplatz allein ist aber noch nicht Karriere oder wenigstens ein interessanter, anspruchsvoller Job gemacht. Entscheidend ist, ob Arbeitsmodelle im Alltag wirklich gelebt werden: Wie wird geführt? Wie werden Projekte übergeben? Sind Sitzungen teilzeitkompatibel? Und gelten Leistungskriterien, die nicht «Anwesenheit» belohnen, sondern Resultate? Modelle, die in der Schweiz funktionieren können Nicht jedes Modell passt zu jeder Branche. Aber viele anspruchsvolle Rollen lassen sich so gestalten, dass Verantwortung, Qualität und Teilzeit zusammengehen – wenn ihr die Arbeitsorganisation bewusst baut statt «irgendwie» zu hoffen. Jobsharing und Topsharing Beim Jobsharing teilen sich zwei Personen eine Stelle; beim Topsharing gilt das auch für Kaderrollen. Entscheidend sind klar definierte Zuständigkeiten, gemeinsame Standards und ein eingespielter Übergabeprozess. Gute Set-ups haben: eine gemeinsame Zielvereinbarung (damit nicht zwei Personen «gegeneinander» beurteilt werden), fixe Übergabezeiten (z.B. wöchentlich 30–60 Minuten), transparente Erreichbarkeit (wer ist wann zuständig, was ist dringend?), eine gemeinsame Kommunikation nach innen und aussen (Kund:innen, Schnittstellen, Team). Co-Leadership / Co-Management Co-Leadership bedeutet: Führung wird als geteilte Aufgabe verstanden, oft in komplementären Stärken (z.B. eine Person stärker operativ, eine stärker strategisch). Das kann besonders gut funktionieren, wenn du in Teilzeit nicht «weniger Verantwortung», sondern «anders organisierte Verantwortung» anbietest. 80–90% in Führung: «weniger Tage» ist nicht immer die beste Lösung Viele Konflikte entstehen, wenn Führung in «nur vier Tagen» gedacht wird, aber die Meeting- und Entscheidlogik auf fünf Tage ausgelegt bleibt. In einigen Rollen ist ein Modell mit kürzeren Tagen, aber mehr Wochentagen (z.B. 90% verteilt) stabiler als ein Blockmodell. Wichtig ist, dass dein Team verlässlich weiss, wann Entscheidungen fallen und wann du erreichbar bist. Jahresarbeitszeit, Hybrid/Remote und klar geregelte Randzeiten Mehr Flexibilität entsteht oft durch Arbeitszeitgestaltung über das Jahr (Spitzen abfedern, Ferienplanung) oder durch Hybridarbeit. Damit Hybrid nicht zur «Dauererreichbarkeit» wird, helfen klare Regeln: Fokuszeiten, Meeting-Fenster, Reaktionszeiten und Vertretung bei Abwesenheit. Karriere trotz Teilzeit: So bleibst du sichtbar Teilzeitkarriere in der Schweiz gelingt oft dann, wenn du nicht «mehr machst», sondern gezielter steuerst: Welche Arbeit zahlt auf deine Rolle, deine Kompetenzen und deine nächste Stufe ein? Sichtbarkeit heisst dabei nicht Dauerpräsenz, sondern verlässliche Wirkung. Schweiz in Zahlen: Teilzeit ist Normalität – aber nicht gleich verteilt Laut Bundesamt für Statistik (BFS) arbeitet ein grosser Teil der Erwerbstätigen in der Schweiz Teilzeit. Gleichzeitig zeigt die Statistik seit Jahren eine klare Ungleichverteilung: Frauen arbeiten deutlich häufiger Teilzeit als Männer – besonders in Haushalten mit Kindern. Das prägt Karrierechancen, Lohnentwicklung und Vorsorge, wenn Aufgaben und Risiken nicht bewusst geteilt werden. High-Impact-Arbeit statt Busy Work: Kriterienliste Wenn du weniger Zeit hast, wird Priorisieren zur Karrierekompetenz. Diese Fragen helfen dir, High-Impact-Arbeit zu erkennen: Wertbeitrag: Verbessert die Aufgabe Umsatz, Qualität, Kund:innenzufriedenheit, Risiko-Reduktion oder Effizienz messbar? Sichtbarkeit: Sehen die richtigen Stakeholder (Chef:in, Projektleitung, wichtige Schnittstellen), dass du dieses Ergebnis geliefert hast? Kompetenzaufbau: Lernst du etwas, das dich für die nächste Rolle qualifiziert (z.B. Führung, Budget, Strategie, Verhandlung, Projektsteuerung)? Hebelwirkung: Hilft die Aufgabe vielen (z.B. Prozesse, Vorlagen, Standards) statt nur einzelnen Einzelfällen? Entscheidungsnähe: Bist du dort, wo Prioritäten gesetzt werden – oder nur dort, wo To-dos abgearbeitet werden? Ein einfacher Praxis-Schritt: Wähle pro Quartal 1–2 Themen, für die du «bekannt» sein möchtest, und plane dafür wiederkehrende Zeitblöcke ein. Sichtbarkeit ohne Dauerpräsenz: Ergebnis-Updates, Stakeholder-Management, «Office Hours» Viele Teilzeitkräfte werden unterschätzt, weil ihre Arbeit weniger «gesehen» wird. Du kannst das mit einfachen Routinen ausgleichen: Ergebnis-Updates: Kurze, regelmässige Updates (z.B. wöchentlich) nach dem Muster «Erreicht – Nächster Schritt – Risiko/Entscheid nötig». Stakeholder-Management: Halte die wichtigsten 5–8 Personen aktiv informiert, bevor Probleme eskalieren (Team, Schnittstellen, Kund:innen, Sponsor:in). Fixe «Office Hours»: Ein wöchentliches Zeitfenster, in dem andere ohne Termin Fragen klären können. Das reduziert Unterbrechungen und stärkt deine Rolle als Ansprechperson. Meeting-Fit: Bitte um Meeting-Zeiten, die zu deinem Pensum passen, und biete Alternativen (asynchrone Updates, Stellvertretung, Entscheidungsfenster). Netzwerk in der Schweiz: interne Netzwerke, Verbands-Events, Alumni, Branchen-Meetups Netzwerke sind in Teilzeit kein «Nice-to-have», sondern Karrieresicherung. Wenn du wenig Zeit hast, setz auf wenige, wiederkehrende Formate: Intern: Fach-Communities, Elternnetzwerke, Frauen- oder Diversity-Netzwerke, Projekt-Gilden, Lunch-&-Learn-Formate. Extern: Verbands-Events in deiner Branche, Fachgruppen, Alumni-Treffen von Hochschulen/Weiterbildungen, kuratierte Branchen-Meetups. Regel: Lieber 1 Format pro Monat konsequent als viele sporadisch. Nimm dir vor, pro Anlass 1–2 neue Kontakte aktiv zu pflegen (kurze Nachricht, Kaffee, gegenseitiger Austausch). Lohn- und Rollenentwicklung aktiv steuern Viele Eltern akzeptieren nach dem Pensumswechsel stillschweigend eine «Karriere-Pause». Du musst nicht alles gleichzeitig schaffen, aber du kannst klare Leitplanken setzen: Welche Rolle willst du in 12–18 Monaten? Welche Skills und Projekte brauchst du dafür? Und wie bleibt dein Lohn fair im Band? Jahresgespräch in Teilzeit: Wie du Ziele definierst, die nicht an Präsenz hängen Formuliere Ziele so, dass sie unabhängig von Anwesenheit beurteilbar sind. Hilfreiche Muster: Outcome statt Output: «Prozess X reduziert Durchlaufzeit um Y» statt «Ich bearbeite viele Fälle». Qualität & Risiko: «Fehlerquote senken, Audit-Resultat erreichen, Reklamationen reduzieren». Stakeholder-Ziel: «Kund:innenfeedback, interne Zufriedenheit, Abdeckung von Spitzen». Entwicklungsziel: «Übernahme von Budget/Teilprojekt/Co-Leadership-Aufgabe» – klar abgegrenzt und überprüfbar. Wichtig: Halte schriftlich fest, wie Leistung gemessen wird und wer die relevanten Beobachter:innen sind (nicht nur die direkte Führung). Mini-Business-Case: Produktivität/Abdeckung/Risiko als Argumentationslinie Wenn du Pensum, Rolle oder Lohn verhandelst, hilft eine kurze Argumentation entlang von drei Achsen: Produktivität: Welche Ergebnisse lieferst du (Kennzahlen, Beispiele, Wirkung)? Was bleibt konstant, was wird besser (Fokus, weniger Überlastung, weniger Fehler)? Abdeckung: Wie stellst du Verfügbarkeit sicher (Stellvertretung, Übergabe, Entscheidungsfenster, Office Hours)? Risiko: Welche Risiken entstehen ohne Lösung (Wissen, Kund:innen, Projekte) – und wie reduzierst du sie mit deinem Modell? So führst du das Gespräch weg von «60% geht nicht» hin zu «So ist die Verantwortung abgedeckt, und so messen wir Leistung». Check: BVG/Koordinationsabzug und Lohnbänder Hinweisbox: Vorsorge und Lohn fair mitdenken BVG/Koordinationsabzug: Je nach Lohn und Reglement kann Teilzeit überproportional auf den versicherten Lohn wirken. Prüfe deinen BVG-Ausweis, bevor du dich festlegst. Lohnbänder: Frage aktiv nach dem Lohnband deiner Rolle und nach den Kriterien für Lohnentwicklung in Teilzeit. Transparenz hilft, schleichende Benachteiligung zu verhindern. Wenn du merkst, dass Teilzeit bei euch automatisch «weniger Verantwortung» bedeutet, frag konkret nach Alternativen: geteilte Verantwortung (Co-Leadership), klar abgegrenzte Projektleitung oder Topsharing. Oft ist nicht die Teilzeit das Problem, sondern das Fehlen eines passenden Zuschnitts. Vorlagen zum Kopieren Du kannst die folgenden Vorlagen direkt übernehmen und auf deine Situation anpassen. Je konkreter du bist, desto einfacher wird es für dein Gegenüber, «Ja» zu sagen. Beispielmail für Pensumswechsel Betreff: Vorschlag Pensumsanpassung und Umsetzung (Probephase) Hallo [Name] ich möchte mein Pensum ab [Datum] auf [xx%] anpassen. Mir ist wichtig, dass die Abdeckung für Team und Kund:innen weiterhin zuverlässig ist. Deshalb schlage ich folgende Umsetzung vor: Aufgaben/Verantwortung: Ich übernehme weiterhin [Kernaufgaben A/B/C]. Nicht im Scope: Ich übernehme nicht mehr [Aufgaben X/Y], dafür schlage ich [Lösung/Übergabe an …] vor. Abdeckung: Fixe Erreichbarkeit [Tage/Zeiten], Stellvertretung durch [Name], Übergabe jeweils [Wochentag/Format]. Probephase: [3–6] Monate mit Messkriterien: [z.B. Termintreue/Qualität/Kund:innenfeedback]. Kannst du mir [2–3] Terminvorschläge für ein Gespräch geben? Ich bringe eine kurze Aufgaben- und Übergabeübersicht mit. Danke und liebe Grüsse [Name] Meetingagenda für das Verhandlungsgespräch Ziel des Gesprächs: Pensum/Rolle so gestalten, dass Ergebnisse und Abdeckung gesichert sind. Ausgangslage: Aktuelle Aufgaben, Peaks, Schnittstellen, Engpässe. Vorschlag Arbeitsmodell: Pensum, Wochentage/Zeiten, Hybrid/Office, Meeting-Fenster, Erreichbarkeit. Abdeckung & Übergaben: Stellvertretung, Entscheidungsregeln, Übergabe-Rhythmus, Dokumentation. Erfolgsmessung: 3–5 Messkriterien, Reporting, Probephase. Entwicklung: Nächste Rolle/Skills, geeignete Projekte, Weiterbildung. Lohn & Vorsorge: Lohnband, Kriterien, BVG-Auswirkungen, nächste Überprüfung. Next Steps: Entscheidung, Terminplan, Kommunikation ans Team. Übergabe-Template (Aufgabenliste, Verantwortliche, Deadlines) Übergabeübersicht (Vorlage) Thema/Projekt: [Titel] Status: [Kurz: grün/gelb/rot + 1 Satz] Nächster Meilenstein: [Datum + Ergebnis] To-dos (Top 3): [1], [2], [3] Verantwortlich: [Name] Mitwirkende/Schnittstellen: [Namen/Teams] Entscheid nötig bis: [Datum] – Entscheider:in [Name] Risiken/Abhängigkeiten: [Kurz] Ablage/Links intern: [Ort] Tabelle: «Was ich in 80% übernehme – was nicht» Scope-Tabelle (Vorlage) Übernehme ich in [xx%] Übernehme ich nicht (neu) / brauche Lösung [Kernaufgabe 1 inkl. Ergebnis] [Aufgabe X – Vorschlag: Übergabe an …] [Kernaufgabe 2 inkl. Ergebnis] [Aufgabe Y – Vorschlag: Termin/Automatisierung/Stellvertretung] [Kernaufgabe 3 inkl. Ergebnis] [Aufgabe Z – Vorschlag: Streichen/verschieben] … und die unflexible Realität: Warum Teilzeit oft ausbremst Die Realität ist tatsächlich oft ernüchternd. Patrick Obrist* zum Beispiel hat vor fünf Jahren eine 80-Prozent-Stelle als Redaktor bei einer Schweizer Versicherung angetreten. «Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, weil ich geschieden bin und Zeit für meine Söhne haben will. Mein Chef sagte mir schon bei der Einstellung, dass man mit vier Arbeitstagen pro Woche keine Karriere macht. Und ich muss sagen: Er hat Recht gehabt. Ich bin nicht weiter gekommen, obwohl ich meiner Ansicht nach effizienter arbeite als viele Kollegen mit einem 100-Prozent-Pensum.» Der Balanceakt gelingt nur, wenn alles stimmt: Eine bezahlbare Krippe, ein Grosi im Einsatz und nicht zuletzt ein verständnisvoller Chef. Und wer hat schon so viel Glück aufs Mal? Verhandeln mit Plan: So baust du deinen «Business Case» Ob Teilzeitkarriere gelingt, hängt selten nur an «Goodwill». Häufig überzeugt ein Vorschlag, der Risiken für das Unternehmen reduziert und gleichzeitig zeigt, wie Leistung messbar bleibt. Du kannst dafür wie in einem Projekt vorgehen: 1) Rolle klären: Was ist wirklich «nicht teilzeitfähig»? Schreib dir die Aufgaben auf und markiere: zeitkritisch (muss zu fixen Zeiten passieren), delegierbar (kann jemand anderes übernehmen), asynchron (kannst du flexibel erledigen), Entscheidungen (wer entscheidet wann, wer wird informiert?). Viele Jobs sind nicht grundsätzlich «nicht teilzeitfähig» – sie sind oft nur nicht organisiert für Teilzeit. 2) Übergaben und Stellvertretung schriftlich lösen Teilzeit scheitert häufig an den Tagen «dazwischen». Hilfreich sind: eine klare Stellvertretung (wer unterschreibt, wer entscheidet), eine kurze Übergabeliste (laufende Themen, nächste Schritte, Risiken), ein gemeinsamer Ablageort (damit Wissen nicht in Chats verschwindet). 3) Probephase vereinbaren Schlag eine Probephase (z.B. 3–6 Monate) vor – mit klaren Kriterien. So wird aus einer emotionalen Diskussion («geht das?») eine überprüfbare Frage («unter welchen Bedingungen funktioniert es?»). 4) Messkriterien definieren, die Resultate statt Präsenz bewerten Zum Beispiel: Termintreue, Qualität, Kund:innenfeedback, Teamzufriedenheit, Budgettreue, Projektfortschritt. Das ist fairer in Teilzeit – und oft auch insgesamt moderner. Teilzeit für Kader: Warum Väter eine Schlüsselrolle haben Die «Kinder und Karriere»-Debatte ist auch eine Frage der Firmenkultur und der Haltung von Vorgesetzten. Aber sie hängt ebenso daran, wie selbstverständlich Männer Teilzeit, Jobsharing oder längere Betreuungsanteile einfordern. Je normaler Väter Teilzeit leben, desto weniger wird Betreuung als «Frauenthema» behandelt – und desto eher werden Strukturen angepasst (Meeting-Zeiten, Karrierepfade, Beurteilung). Wenn du als Vater in Teilzeit gehst, hilft ein klarer Satz im Umfeld: «Ich bin an diesen Tagen für Betreuung zuständig. Ich bin erreichbar wie vereinbart – und ansonsten nicht.» Das schafft Erwartungen, schützt Fokuszeiten und entlastet die Partnerin. Dass ein reduziertes Arbeitspensum und Karriere nicht immer ein Widerspruch sein müssen, zeigen Beispiele aus Unternehmen, die verschiedene Arbeitsmodelle tatsächlich anbieten und fördern. Entscheidend ist: Teilzeit darf nicht automatisch «weniger Entwicklung» bedeuten, sondern braucht definierte Entwicklungspfade, Weiterbildung und faire Auswahlprozesse für Projekte. Vorsorge & Finanzen in der Schweiz: Diese Fallen übersehen viele Teilzeit verändert nicht nur den Lohn, sondern kann auch die Vorsorge beeinflussen. Besonders wichtig in der Schweiz ist die 2. Säule (BVG): Je nach Lohnhöhe und Pensionskassenreglement kann der versicherte Lohn im Verhältnis stärker sinken als dein Pensum. Das kann langfristig spürbare Rentenlücken erzeugen. Was du konkret tun kannst: BVG-Ausweis prüfen: Schau dir versicherten Lohn und Sparbeiträge an – nicht nur den Bruttolohn. Bei Pensumswechsel nachfragen: Lass dir von HR oder der Pensionskasse erklären, wie sich der Pensumswechsel auf Beiträge und Leistungen auswirkt. AHV/Erwerbsbiografie im Blick behalten: Unterbrüche oder tiefe Einkommen können später relevant sein. Wenn ihr als Paar die Betreuung aufteilt, hilft oft auch eine faire Aufteilung der finanziellen Folgen. Beratung nutzen: Für Entscheidungen rund um Vorsorge lohnt sich eine unabhängige Fachberatung (z.B. bei Pensionskassenfragen), bevor du dich langfristig festlegst. Flexibilität nutzt auch Arbeitgebern – wenn Grenzen klar sind Grössere zeitliche Flexibilität ist oft nicht nur für Arbeitnehmende, sondern auch für Arbeitgeber attraktiv: Caroline Schmid*. etwa arbeitet 60 Prozent in der Marketingabteilung einer Schweizer Grossbank. «Ich fange oft erst an zu arbeiten, wenn die Kinder im Bett sind. Das geht, weil die meisten Kollegen und mein Chef in den USA leben und wir so trotz Zeitverschiebung zusammen arbeiten können. Da ich ein ausgesprochener Nachtmensch bin, ist das für mich die optimale Lösung.» Solche Lösungen können entlasten, haben aber auch Risiken: Wenn Arbeit regelmässig in den Abend rutscht, fehlt Erholung. Für die Gesundheit ist ausreichend Schlaf zentral, und chronischer Schlafmangel steht in der Forschung mit erhöhtem Risiko für psychische Belastungen und körperliche Erkrankungen in Zusammenhang. Nachtarbeit ist auch für den selbständigen Architekten Andreas Knöpfel* die Lösung für das Betreuungsproblem. Seine drei Töchter gehen in Kindergarten und Schule: «Die Organisation der Betreuung nach Schule und Kindergarten hat uns fast verrückt gemacht, weil alle zu unterschiedliche Zeiten los mussten und wieder nach Hause kamen», erinnert er sich. Er hat sich deshalb entschieden, zu Hause zu arbeiten um zeitlich flexibler zu sein. «Das grenzt natürlich an Selbstausbeutung, weil ich vor allem spät abends noch arbeite. Ich tröste mich damit, dass es ja vielleicht besser wird, wenn mit dem neuen Volksschulgesetz Blockzeiten eingeführt werden.» Betreuung & Plan B: Was du für Krankentage und Ausfälle brauchst Viele Teilzeitmodelle scheitern nicht am Normalbetrieb, sondern an Ausnahmen: Fieber, Betreuungsausfall, Schulferien, eigene Erschöpfung. Eine pragmatische Strategie ist, diese «Störungen» nicht als Ausnahme zu behandeln, sondern als planbaren Bestandteil des Familienalltags. Notfallliste: Wer kann im Ernstfall übernehmen (Freund:innen, Nachbar:innen, bezahlte Betreuung, Grosseltern, Babysitter:in)? Arbeitgeber-Absprachen: Was gilt bei Kind krank: Homeoffice ja/nein, welche Aufgaben, welche Erreichbarkeit? Ferienplanung früh: Schulferien sind ein grosser Treiber für Stress. Eine Übersicht über das ganze Jahr (Ferien, Kita-Schliessungen, Peaks im Job) hilft enorm. Realistische Erwartungen: Ein krankes Kind betreuen und gleichzeitig «normal» arbeiten klappt selten. Plane in solchen Situationen mit reduziertem Output. Mit Blockzeiten, Tagesschulen, Horten und mehr Betreuungsangeboten wird der Balanceakt «Kinder und Karriere» für viele Eltern einfacher – ganz entspannt wird er aber für die meisten nie. Das liegt nicht an mangelnder Organisation, sondern daran, dass Familie und Beruf beide Verlässlichkeit brauchen. Wenn du dir Unterstützung holst, klare Absprachen triffst und Vorsorge mitdenkst, steigt die Chance deutlich, dass Teilzeit nicht zum Stillstand wird. * Namen geändert