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Leben > Arbeit & Familie

Kompetenzen als Mutter und Vater bringen Erfolg im Beruf

Belastbarkeit, Organisationsfähigkeit, Flexibilität und Verantwortungsbewusstsein entstehen nicht nur im Erwerbsleben, sondern auch in Familien- und Freiwilligenarbeit. Diese Kompetenzen können den Wiedereinstieg erleichtern, die eigene Position stärken und in Entwicklungs- oder Lohn­gesprächen relevant sein – vorausgesetzt, sie werden bewusst erkannt und für Arbeitgeber klar, nachvollziehbar und überprüfbar beschrieben.

Vereinbarkeit von Familie und Karriere: In der Familie kann man viel lernen und es auch im Beruf anwenden.
Im Familienleben lernt man viel, das auch für den Beruf nützlich sein kann. Foto: iStock, Thinkstock

Trotzdem erfahren viele Mütter und Väter am Arbeitsmarkt Nachteile, weil Familienzeiten oft als Lücke statt als Leistungsphase gelten. Dabei erfordert der Familienalltag genau jene komplexen Fähigkeiten, die auch im Beruf gefragt sind: planen, koordinieren, entscheiden unter Druck und mit Unvorhergesehenem umgehen. Entscheidend ist, diese Erfahrungen konkret zu übersetzen – mit Beispielen, Ergebnissen und messbaren Wirkungen.

Studie zum Qualifizierungspotenzial der Familienarbeit: Die wichtigsten Ergebnisse

  • Familienarbeit ist in ihrer intellektuellen, psychosozialen und physischen Belastung mit vielen qualifizierten Erwerbsberufen, wie bsp Polizesten, vergleichbar. Verantwortung und Komplexität sind dabei ähnlich hoch.
  • In der Erziehungsarbeit werden zentrale Schlüsselkompetenzen entwickelt. Dazu zählen u.a. Belastbarkeit, Organisation, Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen, die im Erwerbsleben stark nachgefragt sind.
  • Das Qualifizierungspotenzial von Familienarbeit ist nicht einheitlich. Es hängt stark von der konkreten Familiensituation und der Ausgestaltung der Aufgaben ab.
  • Viele der in der Familienarbeit erworbenen Kompetenzen werden nicht als solche erkannt. Dadurch mindern Betroffene ihre eigenen Chancen beim beruflichen Wiedereinstieg.
  • Rechtliche Grundlagen und Instrumente zur Anerkennung existieren bereits. Eine breite Akzeptanz dieser Sichtweise im Bildungs- und Arbeitsmarkt steht jedoch noch aus.

Wichtigste Erkenntnis: Familienarbeit vermittelt relevante und anspruchsvolle Kompetenzen, die für den Arbeitsmarkt von hohem Wert sind. Ihre Wirkung entfaltet sich jedoch nur, wenn sie systematisch reflektiert, nachgewiesen und institutionell anerkannt wird.

Welche Kompetenzen im Familienalltag entstehen – und wie du sie beruflich übersetzt

Damit Arbeitgeber deine Familien- oder Freiwilligenarbeit als Kompetenzgewinn verstehen, brauchst du zwei Schritte: (1) Benenne die Fähigkeit, (2) belege sie mit einer Situation und einem Ergebnis. Hier sind häufige Kompetenzfelder – mit typischen, gut übertragbaren Beispielen.

Projektmanagement & Organisation

Du planst Abläufe, koordinierst Termine, Ressourcen und Personen, und hältst Deadlines ein – oft parallel und unter Zeitdruck. Beispiel: Wochenplanung für Betreuung, Schule, Arzttermine, Freizeit, Arbeitszeiten der Partner:in, inkl. Plan B bei Ausfällen.

Priorisierung & Entscheiden unter Unsicherheit

Du musst laufend abwägen: Was ist dringend, was wichtig, was kann warten? Das entspricht dem, was in vielen Jobs als «Triage», «Priorisierung» oder «Entscheidungsfähigkeit» bezeichnet wird. Beispiel: Bei Krankheit eines Kindes organisierst du Betreuung, informierst Schule/Arbeit, passt Pläne an und stellst Versorgung sicher.

Konfliktlösung & Kommunikation

Du deeskalierst, verhandelst Regeln, vermittelst zwischen Bedürfnissen und bleibst dabei wertschätzend. Beispiel: Streit zwischen Geschwistern moderieren, gemeinsame Lösungen erarbeiten, Konsequenzen umsetzen und Beziehung sichern.

Krisenmanagement & Belastbarkeit

Ob Schlafmangel, Mental Load oder unerwartete Herausforderungen: Du bleibst handlungsfähig und organisierst Unterstützung. Wichtig ist, das nicht romantisch zu überhöhen – sondern als reale Leistung zu benennen: stabilisieren, entscheiden, umsetzen, nachbereiten.

Empathie & Beziehungsarbeit

Du beobachtest, interpretierst Signale, reagierst feinfühlig und stärkst Bindung und Entwicklung. Das ist in vielen Berufen (Führung, Beratung, Verkauf, Pflege, Bildung, HR) zentral.  Alltagsnahe, gesundheitsbezogene Routinen in Familien fördern zudem ein Umfeld, das langfristig Wohlbefinden unterstützt – und genau solche Routinen erfordern Konsequenz, Motivation und Kommunikation.

Qualitätssicherung im Alltag

Du etablierst Standards (z.B. Schlaf-, Ess- oder Medienroutinen), überprüfst, was funktioniert, und passt an. Das ist im Kern kontinuierliche Verbesserung. Eltern begleiten, setzen Rahmen und bleiben im Dialog – das trainiert Konsistenz, Gesprächsführung und Grenzen setzen.

Sichtbar machen: Kompetenz-Matrix und STAR-Methode (mit Vorlage)

Viele Eltern unterschätzen ihre Fähigkeiten, weil sie sich «nicht wie Arbeit» anfühlen. Für Bewerbungen und Gespräche brauchst du ein übersetzbares System. Zwei praxistaugliche Tools sind eine Kompetenz-Matrix und die STAR-Methode.

1) Kompetenz-Matrix (Vorlage zum Ausfüllen)

Erstelle dir eine Tabelle mit vier Spalten und fülle pro Kompetenz 1–3 Zeilen aus:

  • Kompetenz (z.B. Organisation, Konfliktlösung, Stakeholder-Management)
  • Konkrete Situation (Wann/wo? Wer war beteiligt?)
  • Dein Vorgehen (Welche Schritte? Welche Tools? Welche Absprachen?)
  • Ergebnis (Messbar oder beobachtbar: Zeit gespart, Stress reduziert, Ablauf stabilisiert, Rückmeldungen erhalten)

Tipp: Wenn du Resultate nicht «in CHF» messen kannst, geht auch: Anzahl koordinierter Termine pro Woche, Anzahl beteiligter Personen, Häufigkeit, Dauer, Reduktion von Ausfällen, verbesserte Planbarkeit oder klare Vereinbarungen.

2) STAR-Methode (Vorlage)

Die STAR-Struktur hilft dir, Beispiele kurz und überzeugend zu erzählen:

  • Situation: «Ausgangslage in 1–2 Sätzen»
  • Task: «Was war meine Aufgabe/Verantwortung?»
  • Action: «Welche Schritte habe ich konkret gemacht?»
  • Result: «Was kam dabei heraus (Zahlen, Feedback, Wirkung)?»

Mini-Beispiel: «Als unser Betreuungssystem wegen Krankheit ausfiel (S), musste ich in 30 Minuten eine Lösung finden (T). Ich habe Nachbarschaftshilfe aktiviert, die Termine neu priorisiert und mit der Arbeitgeberseite klare Erreichbarkeitsfenster vereinbart (A). Dadurch konnten wichtige Verpflichtungen eingehalten werden, ohne dass Projekte ins Stocken kamen (R).»

Lebenslauf-Bausteine: Familienzeit klar darstellen, Resultate quantifizieren

Du musst Familienarbeit nicht verstecken. Wichtig ist eine sachliche, selbstbewusste Darstellung, die Kompetenzen und Übergänge sichtbar macht.

So kannst du Familienzeit im CV benennen

  • Familienzeit / Betreuung und Organisation (MM/JJJJ–MM/JJJJ) – Verantwortlich für Planung, Koordination und Betreuung; Aufbau stabiler Routinen; Schnittstellenmanagement mit Schule/Betreuung/Medizin.
  • Care-Arbeit & Familienmanagement – Organisation eines Mehrpersonen-Haushalts, Termin- und Ressourcenplanung, Krisenmanagement bei Ausfällen, Budget- und Einkaufsplanung.
  • Freiwilligenarbeit (falls vorhanden) – Rolle, Umfang (z.B. 2–4 Std./Woche), Verantwortlichkeiten, Ergebnisse.

Bullet-Vorlagen:

  • Koordination von durchschnittlich X Terminen/Woche (Schule, Betreuung, Medizin, Freizeit) inkl. Plan-B-Strukturen bei Ausfällen
  • Einführung und Pflege eines Planungssystems (Kalender, Checklisten, Verantwortlichkeiten), wodurch Abläufe verlässlicher wurden
  • Konfliktklärung und Regelvereinbarungen im Familienalltag; Umsetzung konsistenter Routinen über mehrere Monate
  • Kommunikation mit bis zu X involvierten Stellen (Schule, Betreuung, Ärzt:in, Vereine); Sicherstellung reibungsloser Informationsflüsse

«Lücken» erklären – ohne dich zu rechtfertigen

Halte es kurz, klar, professionell. Beispiel: «Familienzeit mit Schwerpunkt Betreuung und Organisation; gezielte Weiterentwicklung von Kompetenzen in Planung, Kommunikation und Krisenmanagement; aktuell bereit für Wiedereinstieg mit Pensum X%.»

 

LinkedIn: «About»-Template, Skills und Empfehlungen

LinkedIn funktioniert, wenn du eine klare berufliche Identität zeigst: Zielrolle + Stärken + Belege.

«About»-Template (zum Kopieren und Anpassen)

«Ich unterstütze Teams als [Zielrolle/Fachgebiet] mit Schwerpunkt auf [2–3 Stärken, z.B. Organisation, Stakeholder-Kommunikation, Prozessdenken]. In den letzten Jahren habe ich parallel zu meiner Familienzeit anspruchsvolle Koordinations- und Krisensituationen gemanagt und meine Fähigkeiten in Priorisierung, Konfliktlösung und verlässlicher Umsetzung weiter geschärft. Jetzt suche ich eine Position als [Rolle] (Pensum X–Y%), in der ich meine Erfahrung aus [früherem Beruf/Branche] mit meiner ausgeprägten Umsetzungsstärke und Kommunikationskompetenz verbinde.»

Skills: Was sich gut eignet

Wähle Skills, die zur Zielrolle passen (max. 10–15): Projektkoordination, Zeitmanagement, Prozessverbesserung, Kommunikation, Konfliktmanagement, Kundenorientierung, Teamarbeit, Resilienz/Stressmanagement, Planung, Stakeholder-Management.

Empfehlungen 

Bitte gezielt um kurze Empfehlungen von früheren Kolleg:innen, Kund:innen oder Vereins-/Freiwilligen-Kontexten. Wichtig: Die Empfehlung soll eine konkrete Situation + Ergebnis nennen (ähnlich STAR).

 

Bewerbungsgespräch: 6 typische Fragen + Musterantworten (inkl. Teilzeit verhandeln)

Du darfst Familienkompetenzen aktiv einbringen. Entscheidend ist: konkret, jobbezogen, ergebnisorientiert.

1) «Erzählen Sie etwas über sich.»

Muster: «Ich komme aus [Branche/Funktion], meine Stärke ist [2 Kernkompetenzen]. In meiner Familienzeit habe ich meine Organisations- und Priorisierungsfähigkeit in einem anspruchsvollen Alltag weiter ausgebaut. Jetzt möchte ich wieder als [Zielrolle] einsteigen und bringe dafür [Fachkompetenz + übertragbare Kompetenzen] mit.»

2) «Was haben Sie in Ihrer Familienzeit beruflich Relevantes gelernt?»

Muster: «Vor allem strukturiertes Planen, verlässliche Umsetzung und Kommunikation mit vielen Schnittstellen. Ein Beispiel: [STAR-Beispiel in 30–45 Sekunden].»

3) «Wie gehen Sie mit Stress um?»

Muster: «Ich arbeite mit Priorisierung und klaren Absprachen: Was ist heute kritisch, was kann warten? Ich plane Puffer ein und kommuniziere frühzeitig. Das habe ich im Familienmanagement täglich trainiert – und ich nutze es im Job, um Qualität trotz Zeitdruck zu sichern.»

4) «Sind Sie flexibel?»

Muster: «Ja – im Rahmen klarer Planbarkeit. Ich kann mich auf Veränderungen einstellen, brauche aber definierte Prozesse. Wenn kurzfristig etwas ansteht, finde ich Lösungen, kommuniziere transparent und sichere die Übergabe.»

5) «Warum genau dieses Pensum?»

Muster: «Mit X% kann ich konstant und verlässlich Leistung bringen. Ich bin in dieser Zeit voll verfügbar und gut organisiert. Mir ist wichtig, dass Aufgaben, Verantwortung und Erreichbarkeit zum Pensum passen – dann profitieren beide Seiten.»

6) «Wie stellen Sie sicher, dass Betreuung kein Problem wird?»

Muster: «Ich habe eine stabile Betreuungslösung und einen Plan B. Wichtig ist mir, dass wir Erwartungen zur Erreichbarkeit klar definieren. So kann ich zuverlässig arbeiten und Termine einhalten.»

Teilzeit fair verhandeln (ohne dich klein zu machen)

  • Job-Design ansprechen: «Welche Aufgaben sind zeitkritisch, welche planbar? Was lässt sich bündeln?»
  • Verfügbarkeit konkretisieren: fixe Arbeitstage/Zeiten, Fokusblöcke, klare Übergaben
  • Leistung messbar machen: Ziele, Meilensteine, Output-Kennzahlen statt «Anwesenheit»

Bonus für Arbeitgeber: Bias reduzieren und Kompetenzen fair bewerten

Wenn du in einer Führungsrolle bist oder im HR mitentscheidest: Familienzeiten werden oft mit geringerer Leistungsfähigkeit verwechselt. Das ist ein Bias – und er kostet Unternehmen Potenzial. Fairer wird es, wenn du konsequent auf Kompetenzen und Ergebnisse schaust:

  • Strukturierte Interviews: Gleiche Fragen für alle, Bewertung anhand klarer Kriterien (z.B. STAR-Belege), statt «Bauchgefühl»
  • Kompetenzbasierte Anforderungsprofile: Welche Fähigkeiten sind wirklich nötig – und welche sind nur «historisch gewachsen»?
  • Pensum-Logik prüfen: Aufgabenpakete so schneiden, dass Teilzeit echte Verantwortung tragen kann (klare Zuständigkeiten, Übergaben, Entscheidungsräume)
  • Performance am Output messen: Zielerreichung, Qualität, Zuverlässigkeit – nicht Präsenz

Davon profitieren nicht nur Eltern, sondern alle Mitarbeitenden mit Care-Aufgaben oder Weiterbildung – und letztlich die Organisation.

 

 

Die Fachstelle UND hat 1997 mit einer arbeitswissenschaftlichen Studie die Anforderungen und Belastungen von Familienarbeitsplätzen im Vergleich mit Erwerbsarbeitsplätzen untersucht. Ausgehend von diesen Forschungsergebnissen führt UND Workshops in Bildungsinstitutionen und Betrieben zur Sensibilisierung von Frauen und Männern für das Qualifizierungspotenzial der Familienarbeit sowie Kurse zur Bilanzierung und zum Nachweis von – auch ausserberuflich erworbenen – Kompetenzen durch. Für die betriebliche Personalauswahl hat UND ein EDV-gestütztes Instrument entwickelt, mit welchem im Bewerbungsgespräch die Schlüsselkompetenzen – auch aus der Familienarbeit – systematisch erfasst und beurteilt werden können. Es werden Workshops für Führungskräfte zur Sensibilisierung für ausserberuflich entwickelte Kompetenzen und zur Einführung in das Instrument durchgeführt.

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