Home Office: «Kinderbetreuung und Arbeit zeitgleich erledigen - das geht nicht»

Wer zu Hause arbeitet, hat mehr Zeit zur Verfügung. Schliesslich spart er sich das nervenaufreibende Pendeln. Für Väter und Mütter kann das mehr Familienzeit und bessere Vereinbarkeit von Job und Familie bedeuten. Wie Sie Ihren Arbeitgeber vom Home Office überzeugen können und warum klare Abmachungen mit der Familie wichtig sind, erklärt Unternehmensberaterin Elisabeth Mlasko.

Für das Home Office muss ein extra Raum zur Verfügung stehen.

Wer zu Hause im Home Office arbeitet, strengt sich oft noch mehr an. Foto: Comstock, Thinkstock

 

Wie können Mütter und Väter ihren Arbeitgeber vom Home Office überzeugen?

Elisabeth Mlasko: Die Vorteile für Arbeitgeber sind offensichtlich. Aber viele sind misstrauisch. Sie vergeben sich etwas. Das Unternehmen kann mit besseren Leistungen rechnen, wenn der Arbeitnehmer seine Bedingungen selber wählen kann. Um dem Vorurteil vorzubeugen, zu Hause andere Dinge zu tun, strengt er sich noch mehr an. Vertrauen ist dafür sicher eine Voraussetzung. Wenn die Zielvorgaben klar sind, ist es egal, wann, wo und wie jemand etwas erledigt, solange das Ergebnis stimmt. Die Ersparnis des täglichen Arbeitsweges spart zudem Zeit für anderes. Ich bin doch weniger gestresst, wenn ich merke, heute geht es dem Kind nicht ganz gut und ich kann schnell bei ihm sein.

Was mache ich, wenn Teamsitzungen anstehen?

Wenn regelmässige Teamsitzungen zum Programm gehören, ist das Home Office sicher schwierig. Aber normalerweise finden diese nicht so oft statt. Dann kann ich zur Teamsitzung ins Büro kommen. Home Office zu 100 Prozent wird eher selten der Fall sein.

An wie vielen Tagen ist Home Office möglich?

Die Rechnung ist einfach: Je unabhängiger jemand arbeiten kann, desto mehr Home Office Tage sind möglich. Teamsitzungen können auch per Skype realisiert werden. In internationalen Unternehmen funktioniert das gut. Aber da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Wir müssen in einer Zeit, in der wir persönliche Kontakte durch digitale Kommunikation ersetzen, aufpassen, dass wir das Miteinander nicht verlieren.

Warum?

Für das Betriebsklima wäre es nicht gut, wenn die Mitarbeiter nie zusammen kommen. Es wäre eine traurige Welt, wenn jeder in seinem Home Office sitzen würde und nur per Email kommuniziert und vereinsamt. Die informellen Kontakte, die Beziehungspflege im Büro sind wichtig für eine gute Zusammenarbeit.

Aber die modernen Kommunikationsmittel tragen dazu bei, die sozialen Kontakte zu erhalten.

Das ist sehr ambivalent. Für diejenigen, die in der Lage sind, gut Kontakte zu pflegen, sind moderne Kommunikationsmittel natürlich nützlich und vereinfachen viel. Aber ich glaube, sie ersetzen nicht den persönlichen Kontakt.

Was kann ich meinem Chef entgegnen, wenn er behauptet, im Team würde ich effizienter arbeiten als zu Hause, wo mir die Motivation fehlt?

Für ein Brainstorming ist es sicherlich sinnvoll, dass Mitarbeiter zusammen kommen. Aber wenn ich mich sehr konzentrieren muss, ist es zu Hause besser. Denn die üblichen Unterbrechungen durch Kollegen fallen weg. Ob ich die Motivation aufbringe oder nicht, das kann der Arbeitgeber nicht beurteilen. Es gibt Menschen, die sich zu Hause nicht genügend motivieren können. Ich gehe davon aus, dass sich die meisten da ganz gut realistisch einschätzen können. Ich kenne mich schliesslich selber meist länger als eine Vorgesetzte.

Ist das Home Office überhaupt für jeden geeignet?

Nein, es braucht eine gewisse Selbstdisziplin.

Der Arbeitgeber könnte gerade bei Müttern und Vätern Bedenken äussern: Wie können Eltern zu Hause effektiv arbeiten, wenn sie ständig von ihren Kindern abgelenkt werden?

Der Arbeitgeber sollte unbedingt diese Frage stellen. Würde sie der Arbeitgeber nicht stellen, müsste man sie sich selbst stellen. Jeder muss zu Hause Bedingungen schaffen, unter denen er in Ruhe arbeiten kann. Eltern sollten nicht meinen, man könne Kinderbetreuung und Arbeit zeitgleich erledigen: in der einen Hand den Kochlöffel, in der anderen das Telefon und dann noch das Kind. Multitasking funktioniert nicht wirklich.

Home Office: Arbeit und Kinderbetreuung gleichzeit zu erledigen, das geht nicht.

Wenn die Kinder im Raum sind, können Eltern nicht erwarten, dass sie konzentriert arbeiten können. Foto:Pixland, Thinkstock

Was sind weitere Voraussetzungen für ein Home Office?

Wichtig sind klare Abmachungen mit der Familie. Haben wir die Arbeitszeitfenster gut geplant? Können die Kinder die geschlossene Tür respektieren und alleine spielen? Müssen sie betreut werden? Natürlich benötige ich die komplette Arbeitsplatzeinrichtung.

Kann ich meinen Chef fragen, ob er mir die Arbeitsmittel zur Verfügung stellt?

Natürlich. Es gibt grundsätzlich eine Verpflichtung des Arbeitgebers die Mittel zur Verfügung zu stellen. Er spart sich die Kosten für den Arbeitsplatz in seiner eigenen Firma, wenn der Mitarbeiter im Home Office arbeitet. Dieser muss aber zu Hause einen eigenen Raum als Arbeitsplatz zur Verfügung stellen können.

Aber der Chef muss auch einen Arbeitsplatz im Büro zur Verfügung stellen.

Für Teamsitzungen muss er keinen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen. Zudem kann er Arbeitsplätze für Mitarbeitende, die nur sehr selten anwesend sind, so flexibel gestalten, dass er sehr wohl Raum und Arbeitsmaterial einbaut. Es gibt Firmen, die keinen persönlichen Arbeitsplatz mehr anbieten, sondern nur noch Schliessfächer und Arbeitsplätze, die nicht an die Person gebunden sind.

Ist das ein Zukunftsmodell?

Es ist eigentlich ein Modell von heute, das noch mehr Zukunftspotential hat. Je mehr Optionen ein Arbeitgeber zur Verfügung stellt, desto mehr kann er sich die Leute aussuchen. Wenn ich jemandem in Kandersteg eine Home Office Lösung anbiete, muss er nicht nach Bern ziehen und habe so vielleicht einen sehr qualifizierten Mitarbeiter gewinnen können. Wenn Sie den Begriff «Zukunftsmodell» verwenden, müsste man bei diesem Thema natürlich auch an die Umweltaspekte und gesellschaftspolitischen Entwicklungen denken.

Der Home Office Day ist am 10. Mai. Wie gestalten Sie diesen Tag?

Da ich fast jede Woche ein bis zwei Home Office Days habe, werde ich diese vielleicht etwas bewusster begehen. Ich werde mich freuen, dass ich diese Flexibilität habe.

Elisabeth Mlasko ist Beraterin.

Zur Person: Elisabeth Mlasko

Elisabeth Mlasko ist Beraterin in Zürich. Sie coacht Einzelpersonen, Paare, Teams und Organisationen, die ihre Lebens- und Arbeitsqualität verbessern möchten. Sie hat Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert und ist Analytische Psychologin.
Weitere Infos zu Elisabeth Mlasko finden Sie unter colanuss.ch.
Foto: privat

 

Colanuss

 

Home Office Day

Am 10. Mai 2012 fand der Home Office Day zum dritten Mal statt. Die Initianten Microsoft, SBB und Swisscom rufen dazu auf, das Home Office allen Arbeitenden zu ermöglichen, die regelmässig zu Hause arbeiten können. Denn Home Office fördere die Lebensqualität und sei ein kostenneutrales Instrument, um Umweltschutz und wirtschaftliche Entwicklung gleichermassen zu fördern sowie die Verkehrsinfrastruktur zu entlasten, heisst es in einer Medienmitteilung. Gemäss einer Schätzung könnten 11 Prozent der arbeitenden Bevölkerung einen Tag in der Woche zu Hause arbeiten. In einer Befragung unter Personen, die zum Teil von zu Hause arbeiten, gaben 69 Prozent an, sich im Home Office produktiver zu fühlen. Viele schätzen das ungestörte Arbeiten. Rund 49 Prozent gaben an, die Nähe zur Familie als besonders wertvoll zu erachten.

Weitere Informationen zum Home Office Day gibt es unter www.homeofficeday.ch

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