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Wiedereinstieg nach Familienpause: Arbeiten lohnt sich nicht in jedem Fall

24 Stunden, 7 Tage die Woche Kinder hüten und Haushalt erledigen – nur wenige Mütter wollen das. Viele überlegen sich nach einer Familienpause den Wiedereinstieg. Gleichzeitig sind Betreuungskosten in der Schweiz oft hoch, und durch Steuern sowie Abgaben kann vom zusätzlichen Lohn weniger übrig bleiben als erwartet. Entscheidend ist deshalb nicht «lohnt sich Arbeit oder nicht?», sondern: Wie sieht deine Netto-Rechnung kurzfristig aus – und welche langfristigen Folgen hat es, wenn du (noch) nicht einsteigst?

Eine Mutter wagt den Wiedereinstieg nach der Familienpause.
Nach einer Familienpause wollen viele Mütter wieder in den Beruf einsteigen. Foto: iStock, killerbayer, Thinkstock

Warum sich Arbeit manchmal «nicht lohnt» – und was das wirklich bedeutet

Viele Familien erleben beim Wiedereinstieg einen sogenannten «Zweitverdiener-Effekt»: Wenn ein Elternteil (häufig die Mutter) zusätzlich arbeitet, steigen neben dem Einkommen auch die Ausgaben (Betreuung, Pendeln, Verpflegung) – und je nach Situation auch die Steuerbelastung. Dann kann es passieren, dass sich mehr Arbeit kurzfristig nur wenig im Portemonnaie zeigt.

Wichtig: «Finanziell lohnt es sich nicht» bezieht sich oft nur auf den kurzfristigen Monats- oder Jahresvergleich. Langfristig können Erwerbstätigkeit, Berufserfahrung und soziale Absicherung eine grosse Rolle spielen – gerade für die Vorsorge. Teilzeitarbeit und Erwerbsunterbrüche erhöhen das Risiko , in der 2. Säule und insgesamt weniger gut abgesichert zu sein.

Die Netto-Rechnung in 6 Schritten: So kannst du realistisch kalkulieren

Wenn du wissen willst, ob und in welchem Pensum sich der Wiedereinstieg für euch rechnet, hilft eine einfache, aber vollständige Rechnung. Rechne möglichst mit Jahreszahlen (inkl. 13. Monatslohn, falls vorhanden), damit du Betreuungswochen, Ferien und Abzüge realistischer abbildest.

1) Bruttolohn und Arbeitspensum klären

Notiere den Bruttolohn bei deinem geplanten Pensum (z.B. 40% oder 60%) und ob du einen 13. Monatslohn bekommst. Wenn dein Lohn stark von Zulagen oder Boni abhängt, rechne konservativ.

2) Sozialabgaben berücksichtigen

Vom Brutto gehen AHV/IV/EO, ALV und je nach Arbeitgeber:in BVG sowie weitere Beiträge weg. Das ist wichtig, weil der «Mehrlohn» netto kleiner ausfällt als es auf dem Vertrag steht – dafür stärkt ein höheres Pensum oft deine Vorsorge (BVG), was langfristig relevant sein kann.

3) Betreuungskosten realistisch schätzen

Betreuung ist in der Schweiz je nach Gemeinde, Tarifmodell, Einkommen und Anzahl Kinder sehr unterschiedlich teuer. Kalkuliere nicht nur «pro Tag», sondern überlege auch:

  • Wie viele Betreuungstage brauchst du wirklich (inkl. Arbeitsweg)?
  • Kannst du Stunden bündeln (z.B. 2 längere statt 3 kürzere Tage)?
  • Welche Option passt zu eurem Kind und eurem Alltag: Kita, Tagesfamilie, Tagesschule, Mix?

Viele Gemeinden arbeiten mit subventionierten Tarifen oder Betreuungsgutscheinen. Ob und wie viel du bekommst, hängt oft von Einkommen, Vermögen und Familienkonstellation ab. Deshalb lohnt sich eine individuelle Abklärung.

4) Zusatzkosten nicht vergessen

Auch kleine Posten summieren sich: ÖV/Auto, Parkgebühren, Verpflegung auswärts oder zusätzliche Mahlzeiten in der Betreuung. Diese Kosten machen den Unterschied zwischen «es geht knapp auf» und «es lohnt sich spürbar».

5) Steuern und Abzüge einrechnen 

Ob ihr verheiratet seid oder im Konkubinat lebt, ob ihr in eurer Gemeinde hohe oder tiefere Steuern zahlt, und welche Abzüge möglich sind, beeinflusst das Ergebnis stark. Für die direkte Bundessteuer ist der Abzug für Kosten der Drittbetreuung seit 2023 erhöht: Bei der direkten Bundessteuer können Kosten für die Drittbetreuung pro Kind bis maximal 25’000 Franken pro Jahr abgezogen werden. Kantone und Gemeinden regeln ihre Abzüge teils anders – hier gibt es grosse Unterschiede.

6) Langfristige Effekte einbeziehen 

Wenn du länger nicht arbeitest oder sehr tief einsteigst, kann das die Lohnentwicklung, Weiterbildung und spätere Möglichkeiten beeinflussen. Ausserdem kann ein höheres Pensum bedeuten, dass wieder (oder mehr) in die 2. Säule einbezahlt wird. 

Schweizer Rahmen: Warum die Unterschiede zwischen Gemeinden so gross sind

In der Schweiz hängen die effektiven Nettokosten für Betreuung und die Nettoauswirkung eines Wiedereinstiegs stark davon ab, wo du wohnst. Gründe sind unter anderem:

  • Tarifmodelle und Subventionen (z.B. einkommensabhängige Tarife, Betreuungsgutscheine)
  • Unterschiedliche Steuerbelastung je nach Kanton/Gemeinde und Familienmodell
  • Unterschiedliche Angebote (Kita-Plätze, Tagesschulen, Tagesfamilien)

Ein älteres Rechenbeispiel der St. Galler Wirtschaftsprofessorin Christina Felfe zeigte bereits, dass bei steigenden Betreuungstagen vom zusätzlichen Einkommen wenig übrig bleiben kann. Die Grundlogik ist weiterhin relevant – nur sind Tarife, Abzüge und Betreuungsmodelle heute regional noch stärker ausdifferenziert. Deshalb lohnt es sich, mit aktuellen Zahlen aus deiner Gemeinde zu rechnen.

Drei typische Situationen: Wo das Geld «verschwindet» – und was du prüfen kannst

Jede Familie ist anders. Trotzdem tauchen in Beratungen und Familiengesprächen häufig ähnliche Muster auf. Die folgenden Beispiele sind bewusst vereinfacht – sie helfen dir, die grössten Hebel zu erkennen.

Beispiel A: 1 Kind, Wiedereinstieg mit 40% – «es bleibt wenig, aber es stabilisiert»

Oft frisst bei einem 40%-Pensum nicht nur die Betreuung einen grossen Teil des Lohns, sondern auch fixe Zusatzkosten (Pendeln, Verpflegung). Wenn du knapp auf Null kommst, kann der Wiedereinstieg trotzdem sinnvoll sein, weil du im Beruf «drin» bleibst, Kontakte und Erfahrung aufbaust und deine längerfristigen Chancen stärkst. Prüfe hier besonders:

  • Kannst du Arbeitstage bündeln, damit du weniger Betreuungstage brauchst?
  • Gibt es in eurer Gemeinde Betreuungsgutscheine oder einkommensabhängige Tarife?
  • Kann Homeoffice die benötigte Betreuungszeit verkürzen?

Beispiel B: 2 Kinder, 60–80% – «mehr Lohn, aber auch mehr Betreuungstage»

Mit zwei Kindern steigen die Betreuungskosten schnell, und bei mehr Pensum kommen oft zusätzliche Tage oder längere Betreuungszeiten dazu. Gleichzeitig können Abzüge und Subventionen je nach Systemgrenzen abrupt wegfallen. Prüfe hier:

  • Ob ein Mix aus Kita, Tagesschule und Tagesfamilie günstiger und alltagstauglicher ist
  • Ob du dein Pensum so legst, dass nicht jeder Arbeitstag ein Betreuungstag wird
  • Ob dein:e Arbeitgeber:in Jobsharing, Jahresarbeitszeit oder flexible Präsenzzeiten ermöglicht

Beispiel C: Alleinerziehend – «Planbarkeit und Entlastung sind genauso wichtig wie der Betrag»

Wenn du allein für Einkommen und Betreuung verantwortlich bist, zählt neben dem Nettoeffekt auch die Frage, wie stabil und verlässlich Betreuung organisiert werden kann. Hier sind Tagesschulen, Tagesstrukturen und verlässliche Betreuungsarrangements besonders wichtig. Zusätzlich kann es sich lohnen, die eigene Absicherung aktiv zu planen (z.B. Budget, Versicherungen, Vorsorge).

Stellschrauben, die oft den Unterschied machen

Pensum und Tage strategisch wählen

Viele Familien unterschätzen, wie stark «mehr Tage» ins Gewicht fallen. Zwei längere Arbeitstage können finanziell günstiger sein als drei kürzere, wenn dadurch ein Betreuungstag wegfällt oder Wegezeiten sinken.

Betreuungsmix prüfen statt nur «Kita ja/nein»

Je nach Region kann ein Mix aus Kita, Tagesfamilie, Tagesschule und familiärer Betreuung (z.B. Grosseltern) besser passen. Wichtig ist, dass die Lösung zuverlässig ist und für dein Kind gut funktioniert – nicht nur auf dem Papier.

Mit der Arbeitgeber:in aktiv verhandeln

Du kannst konkret nach Lösungen fragen, die Betreuung vereinfachen: fixe Wochentage, Homeoffice-Anteile, Gleitzeit, Jahresarbeitszeit, Teilzeit in Verantwortung oder Jobsharing. Je planbarer deine Woche ist, desto leichter lassen sich Betreuungszeiten optimieren.

Vorsorge mitdenken (auch bei Teilzeit)

Wenn du teilzeit arbeitest, lohnt es sich, kurz zu prüfen, wie sich das auf BVG und langfristige Absicherung auswirkt. Vorsorgelücken hängen häufig mit Teilzeit und Unterbrüchen zusammen. Eine einfache Faustregel für die Praxis: Lieber früh hinschauen und kleine Anpassungen machen, als später von einer grossen Lücke überrascht zu werden.

Fazit: So triffst du eine gute Entscheidung für eure Familie

Ob sich ein Wiedereinstieg «lohnt», hängt in der Schweiz stark von Gemeinde, Tarifmodell, Steuern und eurem Betreuungssetup ab. Wenn du nur «Lohn minus Kita» rechnest, übersiehst du oft Steuern, Abzüge, Zusatzkosten – und die langfristigen Effekte auf Karriere und Vorsorge. Eine gute Entscheidung ist deshalb eine, die beides abwägt: kurzfristige Liquidität und langfristige Sicherheit.

Wenn du merkst, dass die Rechnung knapp wird, heisst das nicht, dass du aufgeben musst: Oft bringen kleine Anpassungen (Tage bündeln, Betreuungsmix, Arbeitgebergespräch, Abzüge prüfen) den entscheidenden Unterschied.

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