Weiterbildung: «Schweizer Bildungsmodelle sind zu wenig flexibel»

Sie wollen sich nicht zwischen Familie, Bildung und Karriere entscheiden? Müssen Sie auch nicht! Modell F ermöglicht es Männern und Frauen, die berufliche Weiterbildung ihrer individuellen Lebenssituation anzupassen. Wie das Modell funktioniert und weshalb Schweizer Bildungssysteme noch zu wenig flexibel sind, erklärt Rebekka Risi, Direktorin der Geschäftsstelle Modell F.

Weiterbildung mit Modell F

Modell F gestaltet die Weiterbildung für Frauen und Männer leichter. Foto: iStock, Thinkstock

Der Gedanke an Weiterbildungsmöglichkeiten und Familienplanung fällt bei Frauen oft in den gleichen Zeitraum. An Schulen, die Modell F zertifiziert sind, ist dies kein Problem. Denn «F» steht für «flexibel» und meint die zeitlich individuelle Flexibilität für jeden einzelnen Studienrenden in Bildungs- und Studiengängen, die von Bildungsinstituten für Erwachsene angeboten werden. Bei diesen ist es möglich, das Studium an einer höheren Fachschule und Fachhochschule ein- oder mehrmals für eine längere Zeit ohne Begründung auf Eis zu legen, beispielsweise wenn die Studierenden eine Weltreise planen oder ein Kind bekommen. So können die Bildungs- und Studiengänge ohne Stress unterbrochen und auch später mit den üblichen Diplomen abgeschlossen werden.

An Schweizer Hochschule sind längst nicht mehr alle Studenten in ihren Zwanzigern. Weshalb wird die Nachfrage nach Weiterbildung immer grösser?

Das liegt am neuen Rollenverständnis in unserer Gesellschaft. Bei einer Scheidungsrate von über 50 Prozent müssen Frauen und Männer beruflich und wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können. Frauen ist bewusst, dass auch sie ein Leben lang arbeitsmarktfähig sein sollten. Deshalb bilden sie sich weiter, mit und ohne Kinder.

Und was passiert mit der Familienplanung?

In meiner Generation war Karriere für die Mehrheit der Frauen nur möglich, wenn sie auf Kinder und vor allem auf längere Absenzen am Arbeitsplatz verzichteten. Heutzutage sollten sich Frauen nicht mehr zwischen Bildung, Beruf und Familie entscheiden müssen. Um dies zu erreichen, sind Anpassungen auf der Systemebene nötig. Das Thema Bildung wird nämlich noch viel wichtiger, wenn ein Paar Kinder bekommt, da mit dem gleichen Einkommen plötzlich mehr Familienmitglieder ernährt werden müssen.

Viele Bildungsinstitutionen  können oder wollen aber keine Rücksicht auf Familienväter oder –mütter nehmen.

Wie lange kann sich unser Land noch leisten, auf fähige Studierende zu verzichten, nur weil sie Kinder haben und nicht immer verfügbar sind? War dies lange Zeit ein Problem für die einzelnen Studierenden, so wird es zunehmend zu einem Problem für die Schulen und besonders für die Wirtschaft: Wir brauchen dringen mehr gut ausgebildete Frauen.

Sind Schweizer Bildungsmodelle zu wenig flexibel?

Ja. Als wir Modell F vor fünf Jahren starteten, wurde die Tatsache nirgends berücksichtigt, dass Frauen Kinder haben und ihr Studium unterbrechen könnten. Frauen, die damals studierten, mussten sich ganz klar gegen eine Familie entscheiden, denn ein Kind und ein Schwangerschaftsurlaub war in den Reglementen der Schulen nicht vorgesehen.

Ein Kind kann man aber nicht immer planen.

Deshalb brauchen Frauen flexibel Strukturen, in denen auch ein Kind Platz hat. Wenn keines kommt, dann sind sie auch mit Modell F in der üblichen Zeit mit dem Studium fertig. Heute steigen viele Frauen gar nicht erst in eine Weiterbildung ein, weil sie in Familienfragen nicht blockiert sein wollen. Sie wollen flexibel bleiben und nicht schon Jahre im Voraus planen.

Arbeiten in einem idealen Familienmodell beide Partner?

Was Familien wirklich brauchen, ist kein spezifisches Modell, sondern Flexibilität und die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Angeboten zu wechseln. Ich finde es schlimm, wenn auf politischer Ebene diskutiert wird, wie das ideale Familienmodell auszusehen hat. Die Entscheidung für ein Bildungs- und Familienmodell ist etwas sehr Individuelles.

Was ist der Unterschied zwischen Modell F Studiengängen und den herkömmlichen Studiengängen?

Alle Schulen, die Studiengänge nach Modell F anbieten, können den Studierenden Berufserfahrung und auch ausserberuflich erworbene Kompetenzen angemessen anrechnen. So kommt es, dass das Studium kürzer und günstiger wird. Dazu kommt, dass für Frauen und Männer das Gründen einer Familie, Weltreisen, Sportkarrieren oder der Militärdienst möglich sind.

Ist die Gefahr nicht gross, dass Studenten nach einer langen Pause nicht mehr weitermachen?

Diese Erfahrung haben wir nicht gemacht. Modell F Studierende sind häufig etwas älter und lebenserfahren. Sie haben klare Ziele und sind daher besonders motiviert.

Werden Lernende bei der grossen Flexibilität nicht zu «ewigen Studenten»?

Nein, denn die maximale Studienzeit darf nicht länger als das doppelte der Regelstudienzeit betragen. Es ist aber gut möglich, dass Studenten nach zwei Jahren Teilzeitstudium in ein Vollzeitstudium wechseln um schneller fertig zu werden.

Sind die Bildungs- und Studiengänge in der ganzen Schweiz verfügbar?

Ja, besonders auf Stufe der Fachhochschulen. An Universitäten und der ETH werden bis heute noch  keine Modell F Studiengänge angeboten, da arbeiten wir noch dran. Mir scheint, dass auf Seiten der Universitäten und ETH noch grosse Widerstände bestehen. Jetzt und besonders in den nächsten Jahren benötigt die Schweiz einerseits mehr Kinder und andererseits mehr gut gebildete Frauen.

Besteht in der Schweiz ein Mangel an gebildeten Fachkräften?

Eindeutig. Frauen arbeiten vielfach nicht auf dem Niveau, zu dem sie eigentlich fähig sind. Damit sich dies ändert, sind Umstrukturierungen auf vielen Ebenen nötig. Ein Ziel unserer Gesellschaft muss sein, dass Kinderhaben nicht mehr bestraft wird - weder in Bezug auf die Karriere noch finanziell noch sozial. Wir hoffen, mit Modell F einen Beitrag dazu zu leisten!

Weitere Infos finden Sie unter www.modellf.ch

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