Erklimmen der Karriereleiter: «Frauen müssen aktiver sein!»

Frauen an die Spitze! Immer häufiger und vehementer wird in der Schweiz nach Frauen in Führungspositionen verlangt. Wie zielstrebige Frauen ans Ziel kommen und weshalb eine Frauenquote das Problem nicht wirklich löst, erklärt Michèle Etienne, Geschäftsführerin von GetDiversity, im Interview mit familienleben.

So gelingt Frauen die Karriereplanung!Frauen müssen aktiver sein um die Karriereleiter zu erklimmen! Foto: Creatas, Thinkstock

An vielen Schweizer Fachhochschulen und Universitäten schliessen mindestens so viele Frauen wie Männer ab. Wieso sind diese in so wenigen Führungspositionen vertreten?

Dr. Michèle Etienne: Das hat wirtschaftliche, gesellschaftliche und persönliche Gründe. Lange war es in der Schweiz üblich, dass meist Männer Spitzenpositionen besetzten. Das Durchbrechen der alten Vorstellungen ist ein Prozess, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Auch trauen sich viele Frauen noch gar nicht zu, eine Führungsposition einzunehmen.

Sind Frauen zu wenig bissig für Führungspositionen?

Nein. Führungspotenzial und Durchsetzungsvermögen hängen von der Persönlichkeit und nicht vom Geschlecht ab. Trotzdem gibt es Stereotype, die sich hartnäckig halten und auf dem Weg nach oben hinderlich sind.

Zum Beispiel?

Viele denken, dass Frauen der Wille fehlt, sie zu wenig kompetitiv sind, zu schnell aufgeben und nicht mit Niederlagen umgehen können.

Ist an den Vorurteilen etwas Wahres dran?

Es stimmt, dass Frauen oft zu passiv sind. Männer lernen schon früh im Leben, den ersten Schritt zu machen und auch Enttäuschungen einzustecken. Ein gutes Beispiel ist die Disco: Noch immer erwarten viele junge Frauen, dass Männer sie zuerst ansprechen. Auch wenn Männer dabei zurückgewiesen werden, lernen sie nicht aufzugeben.

Frauen sollen ihre Ziele also aktiver verfolgen.

Genau. Sie sollten Zeit in ihre Karriereplanung investieren, ihre Visibilität erhöhen, das berufliche Netzwerk ausweiten und Chancen ergreifen!

Müssen sie sich im Vergleich zu Männern stärker beweisen?

Frauen in Führungspositionen machen oft eine Gratwanderung zwischen einem harten, männlichen Auftreten und dem Ausleben ihrer weiblichen Seiten. Da es in vielen Branchen noch wenige von ihnen gibt, werden sie kritischer beobachtet.

Wie reagieren Männer auf ihre erfolgreichen Kolleginnen?

In der Regel sehr gut. Eine Frau, die ihre Leistung erbringt und zudem eine kollegiale Persönlichkeit hat, wird hoch geschätzt. Leider beobachtete ich auch, dass Akzeptanz bei weiblichen Kolleginnen etwas schwieriger ist.

Gönnen sich Frauen den Erfolg nicht?

Frauen fehlt eine gewisse Grosszügigkeit: Wenn sie hart für ihre Position gekämpft haben, erwarten sie nicht selten, dass ihre Kolleginnen einen mindestens genauso steinigen Weg zurückgelegt haben.

Sie müssen also solidarischer sein.

Vor allem sollten sie die Berufs- und Lebenswege anderer Frauen mehr respektieren. Familien- und Hausfrauen sollen anerkennt werden, wenn sie sich in ihrer Rolle wohl fühlen, das gleiche gilt aber auch für Karrierefrauen – ob mit oder ohne Kind.

Lassen sich Familie und Beruf denn in Führungspositionen vereinbaren?

Natürlich. Wenn eine Frau beruflich stark zurückstecken musste, ist sie als Familienfrau zu Hause vielleicht unzufrieden und kann die Zeit mit ihren Kindern nicht geniessen. Eine Berufsfrau, die sich nach Feierabend auf ihre Familie freut, verbringt die Zeit mit ihr vielleicht auch intensiver. Wichtig ist, dass man mit der selbstgetroffenen Entscheidung zufrieden ist.

Wie gelangen Frauen an GetDiversity?

GetDiversity prüft Bewerberinnen in einem dreistufigen Aufnahmeverfahren. Zuerst wird ein umfassender Lebenslauf eingereicht, welcher auch Aspekte für die Einsitznahmen in strategische Gremien beinhaltet. Wenn die Frau eine gute Ergänzung für unser Netzwerk ist, laden wir sie zu einem Gespräch ein, bei dem wir auch ihre Persönlichkeit kennenlernen möchten. Abschliessend holen wir Referenzen ein, weche das Gesamtbild abrunden.

Dann sind neben fachlichen Kompetenzen auch menschliche wichtig.

Auf jeden Fall. Frauen, die fachlich nicht über das notwendige Rüstzeug verfügen, werden gar nicht erst zum Gespräch eingeladen. Auch bei Bewerbungsgesprächen für Linienfunktionen wird primär erörtert, ob die Person menschlich ins Team passt.

Werden die Frauen von GetDiversity vermittelt oder kommen Unternehmen auf sie zu?

Beides. Es ist jedoch nach wie vor unüblich, dass Mitglieder für strategische Gremien über einen externen Weg gesucht werden. Mandate in strategischen Gremien werden schätzungsweise zu 85 Prozent über Berufung, also mittels Direktansprache, vergeben.

Hat sich die berufliche Situation der Frauen in den letzten Jahren verändert?

Momentan ist eine zunehmende Sensibilisierung im Zusammenhang mit den Wirtschaftskrisen zu erkennen. In Krisenzeiten wird deutlich, dass es Menschen mit anderen Sichtweisen und anderer Risikowahrnehmung braucht. Auf Seiten der Gremien besteht eine grössere Offenheit, Frauen aufzunehmen.

An der Umsetzung hapert es aber noch.

Von der positiven Grundhaltung gegenüber dem Thema bis hin zum konkreten Handeln ist es ein grosser Schritt. Wenn wir von GetDiversity erzählen, sind stets alle begeistert. Bis aber ein Verwaltungsratspräsident explizit mit externer Hilfe eine Frau sucht, braucht es viel.

Was halten Sie von einer Frauenquote?

Mit Blick aufs Ausland, beispielsweise Norwegen, konnte in Studien festgestellt werden, dass eine Frauenquote weniger bewirkt als erhofft. Firmen, die eine Quote einhalten müssen, tun dies auch, nicht aber Firmen, die an keine Vorschrift gebunden sind. Ausserdem sind viele Gremien durch eine Quote gewachsen, weil man auf niemanden verzichten will. Dies steht im Widerspruch zur sogenannten Corporate Governace, wonach die optimale Grösse eines strategischen Gremiums bei fünf bis sieben Mitgliedern liegt. Zu grosse Gremien agieren schwerfälliger und die Entscheidungsqualität nimmt ab. Da eine gesetzliche Quote unter anderem bei den rund 300 börsenquotierten Unternehmen der Schweiz anwendbar wäre, gäbe es immer noch knapp  300‘000 Aktiengesellschaften, die der Pflicht nicht unterliegen. Da stellt sich schon die Frage nach dem Aufwand-Ertrags-Verhältnis! Wichtiger ist ein Umdenken in der Gesellschaft.

Werden es Frauen in fünf bis zehn Jahren leichter haben?

Ich denke schon. Generationen wachsen nun mit einem anderen Frauenbild auf. Immer mehr Männer wollen mehr Zeit mit der Familie verbringen, sind auch bereit, ihr Pensum zu reduzieren und Rollenbilder verändern sich langsam. Ich bin guten Mutes, dass auf gesellschaftlicher Ebene ein Umdenken stattfindet.

Dr. Michèle EtienneDr. Michèle Etienne ist Gründerin und Teilhaberin von GetDiversity unterstützt Unternehmen und Organisationen bei der Suche nach Frauen in Verwaltungs- und Stiftungsräten

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