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Es ist nie zu spät: Warum du jetzt eine Weiterbildung beginnen solltest

Neues Jahr, neue Ziele: Vielleicht nimmst du dir vor, endlich wieder etwas Neues zu lernen – auch wenn deine Schul-, Lehr- oder Studienzeit gefühlt weit weg ist. Eine Weiterbildung kann sich in jeder Lebensphase lohnen, gerade auch mit Familienalltag. Lerncoach Michael Berger erklärt, warum es deinem Gehirn guttut, gefordert zu werden – und wie du den Einstieg realistisch planst.

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Weiterbildungen lohnen sich! Erfahren Sie, was Sie beachten müssen, wenn Sie als Erwachsener die Schulbank drücken. Bild: damircudic, Getty Images

Du hast dir vorgenommen, wieder mal etwas Neues zu lernen, dich in ein spannendes Thema einzuarbeiten oder eine Weiterbildung zu machen? Sehr gut. Viele von uns dachten nach dem Abschluss: «Nie mehr Schule – und schon gar nicht freiwillig!» Und doch merken die meisten irgendwann im Berufsleben: Die Grundausbildung war die Basis, aber nicht das Ende. Aufgaben verändern sich, Berufe entwickeln sich weiter, und manchmal passt der ursprüngliche Weg nicht mehr zum Leben von heute. Weiterbildung ist dann nicht «zurück in die Schule», sondern ein Schritt nach vorn – mit einem Ziel, das du dir selbst gesetzt hast.

Weiterbildung als Elternteil: Was ist realistisch?

Mit Kindern und Job wirkt Weiterbildung schnell wie ein zusätzlicher Berg im ohnehin vollen Alltag. Realistisch wird es, wenn du von Anfang an mit drei Fragen planst: Wofür machst du das (Karriere, Wiedereinstieg, Wechsel, Sicherheit, persönliches Interesse)? Wie viel Zeit kannst du pro Woche wirklich investieren – nicht theoretisch, sondern im Durchschnitt? Und wer trägt dich mit (Partner:in, Familie, Kita, Arbeitgeber:in, Freundeskreis)?

Wichtig ist auch Erwartungsmanagement: Weiterbildung fühlt sich in intensiven Phasen oft anstrengend an, nicht «motiviert». Denn das Gehirn bleibt über die Lebensspanne anpassungsfähig. Entscheidend ist nicht, ob du «noch lernen kannst», sondern wie du lernst: mit passenden Lernstrategien, regelmässigen Wiederholungen und genug Erholung. Gerade Eltern profitieren davon, wenn Lernzeit planbar und kurz genug ist, um nicht dauerhaft in den Familienabend hineinzuschneiden.

Welche Wege gibt es? Eine schnelle Orientierung

Je nach Ziel unterscheidet sich der sinnvollste Weg stark. Als grobe Matrix kann dir Folgendes helfen:

Kurz & praxisnah

Geeignet, wenn du dich in einem Thema updaten willst (z. B. digitale Tools, Kommunikation, Projektarbeit) oder ein konkretes Problem im Job lösen möchtest. Oft gut vereinbar mit Familie, weil der Umfang überschaubar ist.

Berufsabschluss & Aufstieg (mehrere Monate bis Jahre)

Geeignet, wenn du langfristig mehr Verantwortung willst oder einen formalen Abschluss brauchst. In der Schweiz gehören dazu insbesondere Wege über die Berufsbildung (z. B. Vorbereitung auf eidgenössische Prüfungen) oder Höhere Fachschulen. Diese Varianten verlangen Ausdauer, zahlen sich aber häufig aus, weil sie auf dem Arbeitsmarkt sehr bekannt sind.

Hochschulnahe Spezialisierung (CAS/DAS/MAS)

Geeignet, wenn du akademisch fundiert vertiefen willst, oft berufsbegleitend. Wichtig: Diese Programme sind wertvoll für die Kompetenzentwicklung, unterscheiden sich aber in Finanzierung und Anerkennung je nach Ziel (mehr dazu unten).

Die wichtigsten Schweizer Weiterbildungswege

In der Schweiz gibt es verschiedene anerkannte Wege, die sich in Zugang, Dauer, Kosten und Arbeitsmarktwirkung unterscheiden. Ein kurzer Überblick, damit du besser entscheiden kannst:

Eidgenössische Prüfungen (Berufsprüfung, Höhere Fachprüfung)

Diese Wege sind besonders relevant, wenn du in deinem Berufsfeld aufsteigen willst und einen Abschluss mit hohem Praxisbezug suchst. Oft sind sie gut verankert und bei Arbeitgebenden bekannt. Sie verlangen meist Berufserfahrung und eine strukturierte Prüfungsvorbereitung.

Höhere Fachschule (HF)

HF-Weiterbildungen eignen sich, wenn du eine fundierte, praxisnahe Qualifikation willst (z. B. in Technik, Wirtschaft, Gesundheit oder Sozialem). Je nach Schule und Modell ist ein berufsbegleitender Besuch möglich, was für Eltern ein Vorteil sein kann.

Fachhochschule und universitäre Weiterbildungen

Wenn du dich wissenschaftlicher vertiefen willst oder mittelfristig eine andere Funktion anstrebst, können Fachhochschul- oder Universitätsangebote passen. Besonders verbreitet sind modulare Formate: CAS (Certificate), DAS (Diploma), MAS (Master of Advanced Studies). Kläre dabei immer: Welche Zulassungsbedingungen gelten? Wird der Abschluss in deiner Branche tatsächlich verlangt oder anerkannt? Passt das Lernformat zu deinem Familienalltag?

Wie sich das Lernen und das Gehirn verändern

Ein grosser Unterschied zum Lernen in der Schulzeit: Als Erwachsene:r lernst du meist freiwillig und zielgerichtet. Dieses klare Ziel ist ein starker Motivationsfaktor. Gleichzeitig ändern sich bestimmte kognitive Voraussetzungen. Viele Erwachsene erleben, dass sie nicht mehr «nebenbei» lernen können, wenn ständig Ablenkungen da sind.

Ein zentraler Punkt ist die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses: Es verarbeitet die gerade aktuellen Informationen. Wenn parallel Handy, Gespräche oder Multitasking laufen, sinkt die Lernqualität deutlich. Das heisst nicht, dass du «schlechter» lernst – sondern dass du anders lernst: ruhiger, strukturierter, mit Wiederholungen. Genau hier kommt Erfahrung als Vorteil dazu: Du kannst Neues besser einordnen, Prioritäten setzen und Lernstoff mit Alltag und Berufspraxis verknüpfen.

Ein hilfreicher Grundsatz aus der Lernpsychologie: Aktives Erinnern (z. B. Karteikarten, Selbsttests, Erklären) ist meist wirksamer als reines Wiederlesen. Wie beispielsweise  «Effektive Lernstrategien: Retrieval Practice und Spacing» verbessern verteiltes Üben und regelmässiges Abrufen die langfristige Behaltensleistung. Das passt ideal zum Familienalltag, weil du häufiger 15 Minuten nutzen kannst als drei Stunden am Stück.

«Use it or lose it» – warum Wiederholen zählt

Wissen und Verbindungen im Gehirn bleiben besonders dann stabil, wenn sie aktiv genutzt werden. Für dich bedeutet das: Wenn du Lernpausen hattest, musst du den «Lernmodus» wieder aktivieren. Viele Erwachsene erleben in einer Aus- oder Weiterbildung, dass es nach einigen Wochen spürbar leichter wird. Du kannst dir den Einstieg erleichtern, indem du vor dem Start wieder ins Lesen, Schreiben, Zusammenfassen und Strukturieren kommst – ohne Druck, aber regelmässig. Sobald die Mechanismen wieder laufen, fällt es dir leichter, dem Lerntempo zu folgen.

Finanzierung in der Schweiz – Schritt für Schritt

Geld ist für viele Familien der Knackpunkt. Die gute Nachricht: In der Schweiz gibt es mehrere Wege, die Kosten zu reduzieren – je nach Weiterbildung sehr unterschiedlich.

1) Bundesbeiträge für Vorbereitungskurse auf eidgenössische Prüfungen

Wenn du einen Kurs besuchst, der auf eine eidgenössische Prüfung vorbereitet (z. B. Berufsprüfung oder Höhere Fachprüfung), kannst du in vielen Fällen Bundesbeiträge beantragen. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) beschreibt, wer anspruchsberechtigt ist, wie das Gesuch funktioniert und welche Fristen gelten. Wichtig für die Planung: Du musst die Kursgebühren in der Regel zuerst bezahlen und reichst danach das Gesuch ein. Prüfe früh, welche Kurskosten anrechenbar sind.

2) Kantone, Stipendien und Darlehen

Je nach Kanton und Lebenssituation können Stipendien oder Darlehen in Frage kommen, besonders bei längeren Bildungsgängen. Kläre das frühzeitig, weil Gesuche Zeit brauchen und Unterlagen erforderlich sind.

3) Arbeitgeber:in und interne Entwicklung

Manche Arbeitgebende beteiligen sich an Kosten oder geben Lernzeit (z. B. einzelne Tage vor Prüfungen). Hilfreich ist ein kurzes, konkretes Gespräch: Was bringt die Weiterbildung dem Betrieb? Welche Aufgaben kannst du danach übernehmen? Welche Bindung (z. B. Rückzahlung bei Kündigung) ist möglich und für dich ok?

4) Steuern: Abzug von Weiterbildungskosten

Aus- und Weiterbildungskosten können je nach Situation steuerlich relevant sein. Wenn das für dich wichtig ist, lohnt sich eine kurze Abklärung (z. B. anhand der kantonalen Steuerpraxis), bevor du dich definitiv entscheidest.

Wichtig: CAS/DAS/MAS-Programme sind nicht automatisch in denselben Förderlogiken wie Vorbereitungskurse auf eidgenössische Prüfungen. Kläre immer direkt bei Anbieter und zuständiger Stelle, welche Beiträge möglich sind und welche nicht, damit es keine Überraschungen gibt.

So planst du Zeit und Betreuung

Eltern scheitern selten an «Intelligenz» oder «Disziplin», sondern an Überlastung. Darum ist Planung keine Bürokratie, sondern Entlastung.

Die «2-Abende-Regel» (als Startpunkt)

Viele Familien fahren gut damit, feste Lernfenster zu definieren, statt täglich zu kämpfen: zum Beispiel zwei Abende pro Woche fix (oder ein Abend plus ein halber Samstagmorgen). Alles, was darüber hinausgeht, ist Bonus. So bleibt Raum für Erholung, Paarzeit oder einfach einen normalen Abend.

Familienkalender statt Kopfplanung

Trage Lernzeiten, Kindertermine, Arbeitsspitzen und Erholungszeit sichtbar ein (digital oder Papier). Das reduziert mentale Last und macht Verhandlungen fairer: Nicht «irgendwann lerne ich noch», sondern «Dienstag 20–21.30 Uhr». Plane auch Puffer für Krankheitstage, Prüfungsphasen und Abgabetermine ein.

Notfallplan für echte Lebensrealität

Überlege vorab: Was passiert, wenn das Kind krank ist? Wer übernimmt? Welche Lernaufgaben sind «minimal nötig» und welche sind «nice to have»? Ein Notfallplan verhindert, dass ein Ausfall gleich alles kippt.

Mit diesen 3 Schritten klappt es mit der Weiterbildung

1 Informationen einholen

Informiere dich über Dauer, Lernziele, Unterrichtsmethoden und alles, was für dich relevant ist. Gut vorbereitet startest du lockerer, was sich positiv auf die Lernfähigkeit auswirkt. Der Besuch einer Informationsveranstaltung gibt dir die Möglichkeit, Fragen zu stellen und von Erfahrungen zu profitieren.

2 Umgebung schaffen

Schaffe eine Umgebung, die eine möglichst hohe Chance auf Erfolg bietet. Mach dir bewusst, was dir wichtig ist, und plane entsprechend. Mit guter Planung ist es möglich, Arbeit, Familie, Ausbildung und Hobby unter einen Hut zu bringen. Es ist nicht einfach, aber es ist möglich.

3 Lernen aktivieren

Es hilft, dich frühzeitig wieder ans Lernen zu gewöhnen. Beginne vor dem Start, wieder Fachbücher zu lesen, Inhalte zusammenzufassen und dir Hilfestellungen zu suchen. Wähle Themen, die dich interessieren, damit es dir auch Spass macht.

Drei Fallbeispiele aus dem Familienalltag

Alleinerziehend: «Ich brauche maximale Planbarkeit»

Setze auf ein Format mit klaren Terminen und gutem Support. Plane kürzere, regelmässige Einheiten (z. B. 30–45 Minuten) und baue ein kleines Backup-Netz auf (eine verlässliche Person, die im Notfall 1–2 Stunden übernehmen kann). Wichtig: lieber langsamer starten als nach vier Wochen ausbrennen.

Teilzeit arbeitend: «Ich will nicht, dass alles in die freien Tage rutscht»

Blocke Lernzeit nicht nur auf «freien» Tagen, sonst verschwinden Erholung und Familienzeit. Besser: zwei kurze Lernfenster an Arbeitstagen + ein kleines Wochenendelement. Das ist oft nachhaltiger.

Schichtarbeit: «Mein Wochenrhythmus ist unregelmässig»

Wähle wenn möglich hybride oder asynchrone Lernanteile. Plane wöchentlich neu (z. B. jeden Sonntag 15 Minuten Wochenplanung) und setze ein Minimum: «3 x 25 Minuten pro Woche», egal an welchen Tagen. So bleibt dein Lernen stabil, auch wenn der Kalender schwankt.

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