Leben > PartnerschaftGleichstellung: Männer, seid mutig! – Väter in der Ernährerfalle Angela Zimmerling Männer stehen vor einem Drahtseilakt: Sie sollen stark und schwach zugleich sein. Väter sässen in der Ernährerfalle, Buben seien Bildungsverlierer – so zwei Thesen eines Sammelbands zur Männerpolitik, der im Mai 2012 erschienen ist. Warum es Zeit sei, bei der Gleichstellung nicht nur Frauen-, sondern auch Männeranliegen zu betrachten, legen seine Autoren dar. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag entstand im Mai 2012 und gibt die Debatte von damals wieder. Zitate, Zahlen und Funktionsbezeichnungen stammen aus dieser Zeit. Was sich seither rechtlich geändert hat, steht weiter unten im Abschnitt Was sich seit 2012 verändert hat. Nur wenn es möglich wird, dass Väter sich vermehrt in der Familie engagieren, kann es für Frauen eine Gleichstellung im Beruf geben, glauben die Autoren des Buches. Foto: Digital Vision, Thinkstock Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist historisch bedingt ein Frauenprojekt. Da die Bewegung aber an ihre Grenzen stösst, seien auch Männer gefordert, ihre Perspektiven gelebter Chancengleichheit zu formulieren. Das fordern die Autoren des Ende Mai 2012 erschienenen Buches «Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht». Herausgeber des Sammelbandes ist Markus Theunert, damals Präsident von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Leidenschaft für Gleichstellung bei Männern wecken «Damit Männer selbst ihre Vorstellungen formulieren, müssen wir ihre Leidenschaft für das Projekt Gleichstellung wecken», sagte Theunert an der Buchvorstellung Ende Mai 2012 in Zürich. Denn bislang erachte die Mehrheit Gleichstellungspolitik als Frauenanliegen und engagiere sich nicht oder nur murrend. Mehr zum Thema: Schweizer Vätertag Das Teilzeit-Dilemma der Väter «Männer sollten sich wehren» Auf über 400 Seiten legen männerpolitisch engagierte Experten aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Österreich dar, vor welchen Problemen Jungen, Männer und Väter stehen und wie sie angepackt werden können. Sie fordern eigenständige Jungen-, Männer- und Väterpolitiken, die unter dem Dach der Gleichstellungspolitik verankert werden. Sie anerkennen aber auch, dass ebenso eine eigenständige Frauenpolitik sowie ein Dialog zwischen den Geschlechtern nötig sind. Damit grenzen sich die Autoren deutlich vom Antifeminismus ab. Ohne die Gleichstellung der Väter im Familienleben ist die Gleichstellung der Frauen im Beruf nicht zu erreichen Im Buch heisst es, dass tatsächliche Gleichstellung nur als Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse realisierbar sei. «So führt beispielsweise die stärkere Beteiligung der Frauen (Mütter) am Erwerbsleben nur dann zu mehr gelebter Gleichstellung, wenn gleichzeitig die Männer (Väter) mehr Verantwortung für den familiären und häuslichen Bereich tragen», erklärt Markus Theunert in seinem Beitrag. Das sieht auch Mitautor Andreas Borter, Theologe und Fachmann in der Väterarbeit, so. Er engagiert sich seit Jahren für die Anliegen der Väter, zum Beispiel in Projekten wie dem Schweizer Vätertag. Markus Theunert und Andreas Borter von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, wollten 2012 die Leidenschaft der Männer und Väter für das Projekt Gleichstellung wecken. Foto: Zimmerling Borter geht in seinem Beitrag zu Väterpolitiken auf eine damals aktuelle Studie von Pro Familia ein. Demnach seien 90 Prozent der Männer bereit, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Dafür würden sie sogar Lohneinbussen in Kauf nehmen. Dennoch arbeitet die Mehrheit Vollzeit. Daran hat sich wenig geändert: Väter sind laut Bundesamt für Statistik nach wie vor meist vollzeiterwerbstätig, während Mütter mehrheitlich Teilzeit arbeiten.[4] Warum zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine derart grosse Lücke klafft, kann Andreas Borter schnell begründen: «Eine Lohnerhöhung oder die generelle finanzielle Besserstellung als Mann treibt die Väter in die Ernährerfalle.» Zudem seien die Erwartungen am Arbeitsplatz hoch. Die Väterthematik werde in Unternehmen tabuisiert. Ein Austausch finde nicht statt. Ausserdem gebe es nur wenige Chefs, die Teilzeit arbeiten und als Vorbild dienen könnten. Kurz: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stelle für viele junge Männer eine grosse Hürde dar. Woran sich familienfreundliche Arbeitgeber erkennen lassen, ist bis heute eine der praktischen Fragen dahinter. Beratungsangebote im frühkindlichen Bereich gehen zu sehr von Mütterlichkeit aus Wie wenig die Anliegen der Väter beachtet werden, zeigt sich auch in anderen Bereichen. Borter hat festgestellt, dass Beratungsangebote zur Familiengründung oder zur Kleinkindphase fast ausschliesslich auf Frauen ausgerichtet sind. Selbst Beratungsstellen, welche die Väter im Namen mittragen, wie die Väterberatungsstellen, würden den Bedürfnissen der Väter nicht gerecht. «Väter brauchen auch Väter, die sie beraten und die als Vorbild dienen», sagt der Fachmann und ergänzt gleich seine Forderung: «Ich bin für Quoten im frühkindlichen Bereich.» Sei es in der Beratung, in Kitas oder in der Primarschule. Wo Männer und Väter heute Rat bekommen: männer.ch bietet eine kostenlose telefonische Erstberatung zu Männer- und Väterfragen an. Das Gespräch dauert eine Stunde. Bei Bedarf vermitteln die Berater danach an weiterführende oder spezialisierte Stellen. Finanziert wird das Angebot vom Bundesamt für Sozialversicherungen.[5] Termine gibt es über maenner.ch. Ein grundlegendes Problem sieht Borter darin, dass sich männliche Politiker davor scheuen, sich für Väter einzusetzen: «Für sie ist das wie ein Coming Out.» Sie wollen sich nicht dem Verdacht aussetzen, den patriarchalen Rückschritt zu propagieren. Deshalb haben bisher vor allem Frauen politische Vorstösse in Bezug auf Familienpolitik eingebracht. Doch nicht nur männliche Politiker sind gefragt, findet Andreas Borter. Väter müssten sensibilisiert werden, selber die Anwaltschaft für ihre Anliegen zu übernehmen. «Es braucht mutige Väter, die zu ihrem Chef gehen und Familienzeit einfordern und selbstbewusste Väter, die gegenüber ihren Partnerinnen zu ihrem Weg, die Windeln zu wechseln, stehen.» Wie sich ein solcher Weg anfühlt, erzählt ein Vater, der den Rollentausch gewagt hat. Buchtipp: Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht von Markus Theunert (Hrsg.) 18 Autoren und 2 Autorinnen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich liefern in diesem Buch einen Überblick über die wichtigsten männer-, väter- und jungenpolitischen Herausforderungen und Wünsche. Sie wollen damit einen Bezugspunkt für eine intensive Debatte bilden. Angesprochen werden Themen wie eine geschlechterbewusste Gestaltung der Schule, Lohnunterschiede, die Untervertretung der Männer in der Nutzung von Unterstützungsangeboten wie Psychotherapie oder Männer als Täter und Opfer von Gewalt. Foto: Springer VS Was sich seit 2012 verändert hat Als dieser Beitrag erschien, kannte das Schweizer Recht keinen bezahlten Vaterschaftsurlaub. Das hat sich geändert. In der Volksabstimmung vom 27. September 2020 nahmen die Stimmenden die Vorlage mit 60,3 Prozent Ja an. In Kraft trat sie am 1. Januar 2021.[1] Erwerbstätige Väter haben seither Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Urlaub, also auf zehn Arbeitstage. Beziehen müssen sie ihn innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt, am Stück oder tageweise. Die Ferien darf der Arbeitgeber dafür nicht kürzen.[2] Die Erwerbsersatzordnung zahlt 80 Prozent des vor der Geburt erzielten Durchschnittseinkommens, höchstens 220 Franken pro Tag.[3] Seit dem 1. Januar 2024 heisst der Urlaub im Gesetz nicht mehr «Vaterschaftsurlaub», sondern «Urlaub des andern Elternteils». Hintergrund ist die Einführung der Zivilehe für alle. Anspruch hat nun auch die erwerbstätige Ehefrau der Mutter, die als anderer Elternteil gilt. Am Anspruch der Väter ändert die neue Bezeichnung nichts.[2] Wie du ihn Schritt für Schritt beziehst, steht im Ratgeber zum Urlaub des andern Elternteils. Zwei Wochen sind allerdings kein Elternurlaub. Wo die Schweiz beim Mutterschaftsurlaub und der Elternzeit im Vergleich steht, ist deshalb ein Thema für sich – und die Frage, die das Buch 2012 aufwarf, ist damit nicht beantwortet. Weitere Informationen zu Männerpolitik und Gleichstellung Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen: maenner.ch Schweizer Vätertag, seit 2007 am ersten Sonntag im Juni: maenner.ch/mencare/vaetertag Diskussionsforum zum Buch aus dem Jahr 2012: maennerpolitiken.wordpress.com Welchen Herausforderungen musst du dich als Mann oder Vater stellen? Schreib uns! Hier geht es zum Kommentarbereich. Quellen Bundesamt für Sozialversicherungen BSV: Vaterschaftsurlaub / Änderung des Erwerbsersatzgesetzes (EO) (abgerufen am 24.08.2026) Bundesamt für Sozialversicherungen BSV: EO bei Vaterschaft (abgerufen am 24.08.2026) Informationsstelle AHV/IV: Merkblatt 6.04 – Entschädigung des andern Elternteils, Stand 1. Januar 2024, PDF (abgerufen am 24.08.2026) Bundesamt für Statistik BFS: Vereinbarkeit von Beruf und Familie (abgerufen am 24.08.2026) männer.ch: Kostenloses Beratungstelefon (abgerufen am 24.08.2026)