Leben > Arbeit & FamilieVäter unter Druck Sigrid Schulze Beruf und Familie im Alltag miteinander zu vereinbaren, fällt nicht leicht. Oft stehen Mütter im Fokus, wenn es um Überlastung geht. Doch auch Väter geraten unter Druck – und zwar so stark, dass die Gesundheit leiden kann. Entscheidend ist: Du musst das nicht still aushalten. Es gibt Warnzeichen, alltagstaugliche Entlastungsschritte und (in der Schweiz) klare Rechte und Hilfewege. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Nicht nur Mütter, sondern auch Väter fühlen sich von Beruf und Familie oft überfordert. Foto: Lifesize - Thinkstock Vater geworden! Ein tolles Gefühl. Und gleichzeitig kann der Start in den Familienalltag holprig sein: kurze Nächte, ein Baby, das viel weint, und ein Alltag, der plötzlich nach neuen Regeln funktioniert. Viele Väter wollen heute präsenter sein, Verantwortung übernehmen und die Mutter zu Hause entlasten. Doch wenn das Arbeitssystem wenig Flexibilität zulässt, entsteht ein Spagat, der zermürbt. Genau davor warnt die Nationalrätin Yvonne Gillis in einem Postulat: Engagierte Väter geraten dabei in gesundheitsgefährdenden Stress. Service: Das hilft dir sofort, wenn der Druck gerade hoch ist Wenn heute alles zu viel ist: 3 Schritte für die nächsten 60 Minuten Runterregeln: 6 langsame Atemzüge (4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus) oder kurz ans Fenster/auf den Balkon. Ziel: Nervensystem beruhigen, nicht «funktionieren». Minimalplan: Entscheide dich für nur eine Aufgabe, die heute wirklich nötig ist (z. B. Kind versorgen, essen, schlafen). Alles andere ist «nice to have». Ein Satz Hilfe holen: Schreibe oder sage: «Ich bin gerade überlastet. Kannst du heute X übernehmen?» Oder: «Kannst du bitte 30 Minuten kommen/telefonieren?» Im politischen Vorstoss wird der Unterschied zwischen Mutter- und Vaterauszeit betont. Wichtig für dich heute: Seit 2021 ist die Lage in der Schweiz eine andere als damals beschrieben (Details weiter unten im Abschnitt «Rechte und Möglichkeiten in der Schweiz»). Trotzdem bleibt die Belastung real, wenn Erwartungen zu Hause und Anforderungen im Job gleichzeitig steigen. Was Stress bei Vätern auslöst – und warum es oft unsichtbar bleibt Stress entsteht nicht nur durch «zu viel Arbeit», sondern vor allem durch dauerhafte Überforderung ohne ausreichende Erholung. Bei Vätern kommt häufig eine Mischung zusammen: Du willst ein verlässlicher Partner und präsenter Vater sein, gleichzeitig Leistung im Beruf bringen – und hast vielleicht das Gefühl, dass dir Fehler weniger «verziehen» werden, wenn du wegen Familie ausfällst. Das Forum «Männergesundheit» unterstützt die Auffassung der Politikerin: «Wenn Männer, die eine partnerschaftliche Rollenteilung anstreben und auch im Alltag der Kinder präsent sein wollen, in einem wertkonservativen Arbeitsmilieu arbeiten, kann Vatersein zum Gesundheitsproblem werden», sagt René Setz. So geraten Väter, denen Arbeitgeber wenig zeitliche Flexibilität einräumen, immer wieder unter starken Druck. «Da kommt ja unser Ferientechniker wieder», derart abschätzende Bemerkungen lösen ebenfalls Stress aus. Engagierte Väter laufen dem Forum Männergesundheit zufolge auch Gefahr, schlechtere Arbeit zu bekommen. «Der ist ja nicht da, wenn man ihn braucht», werde dann argumentiert. Was es zusätzlich «unsichtbar» machen kann: Viele Männer haben gelernt, Stress zu überspielen oder erst dann zu reagieren, wenn es nicht mehr geht. Fachlich gut belegt ist aber, dass chronischer Stress psychische und körperliche Beschwerden begünstigt – und dass frühes Gegensteuern wirksamer ist als späteres «Reparieren». Stress wird gesundheitlich relevant, wenn Belastungen andauern und Erholung fehlt. Warnzeichen: Wenn Druck krank macht Stress zeigt sich nicht immer als «klassische» Angst oder Traurigkeit. Häufiger sind Mischbilder: gereizt, müde, angespannt, innerlich getrieben. Nimm Warnzeichen ernst – nicht als persönliches Versagen, sondern als Signal deines Körpers. Körperliche Signale Schlafprobleme: Ein- oder Durchschlafstörungen, sehr frühes Erwachen, keine Erholung trotz Schlaf. Daueranspannung: Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen, Kieferpressen, Magen-Darm-Beschwerden. Erschöpfung: Du fühlst dich schon am Morgen «leer», kleine Aufgaben werden riesig. Reizbarkeit: Du fährst schneller hoch, bist ungeduldig, lauter als du willst. Verhalten im Alltag Rückzug: Du «funktionierst» nur noch, vermeidest Gespräche, bist innerlich abwesend. Mehr Konflikte: Häufigere Streitigkeiten, verletzende Worte, eskalierende Diskussionen. Mehr Konsum: Alkohol, Nikotin, Beruhigungsmittel oder Schmerzmittel werden zur «Abkürzung», um runterzukommen oder durchzuhalten. Arbeitsmodus rund um die Uhr: Keine echten Pausen, Gedankenkreisen, ständiges Checken von Mails/Chats. Stress macht krank Die volkswirtschaftlichen Kosten von Stress in der Schweiz betragen rund 4 Milliarden Franken jährlich, wie eine Schweizer Studie ergab. 37 Prozent der Befragten leiden besonders unter der Schwierigkeit, die Anforderungen im Erwerbs- und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Der Stress, der sich daraus ergibt, hat für Männer und Frauen gesundheitliche Folgen. «Stress führt nicht nur zu psychischen Problemen wie Schlaflosigkeit, Anzeichen von Depressionen und Burnout, sondern auch zu körperlichen Leiden wie Kopf- und Rückenschmerzen. Das Risiko für Rückenschmerzen ist bei starken Schwierigkeiten, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinbaren, drei Mal grösser als bei guter Vereinbarkeit», heisst es in dem Bericht «Gesundheit und Vereinbarkeit von Erwerbs- und Privatleben» der gemeinnützigen Stiftung «Radix». Wenn du zusätzlich merkst, dass Hoffnungslosigkeit, starke innere Leere oder Gedanken an Selbstverletzung auftauchen: Das ist ein medizinischer Notfall (siehe Abschnitt «Notfallzeichen»). Du musst da nicht allein durch. «Arbeitsbedingungen müssen sich so ändern, dass sie eine partnerschaftliche Rollenverteilung ermöglichen», betont René Spitz vom Forum «Männergesundheit». Deshalb fordert er gleiche Stundenlöhne für Voll- und Teilzeitarbeitende. Gleichzeitig wünscht er sich, dass abwertende Äusserungen gegen teilzeitarbeitende Männer nicht mehr akzeptiert werden. Notwendig ist seiner Meinung nach ein gut ausgebautes Netz familienexterner Kinderbetreuung. «Auch ein Bauarbeiter soll die Chance haben, im Alltag seiner Kinder anwesend zu sein.» Erste Hilfe im Alltag Du musst nicht erst «am Limit» sein, um etwas zu verändern. Oft helfen kleine, konsequente Schritte: weniger Reibung im Alltag, klarere Absprachen und ein realistisches Bild davon, was in einer intensiven Familienphase überhaupt möglich ist. Micro-Entlastung Wähle deine Kernzeiten: Lege 1–2 fixe Zeiten fest, in denen du verlässlich für dein Kind da bist (z. B. Morgenroutine, Abendfenster). Das reduziert Schuldgefühle und gibt Struktur. Aufgaben kleiner machen: Statt «Wohnung aufräumen» nur «10 Minuten Küche» oder «Wäsche starten». Kleine Schritte senken die mentale Hürde. Erholung einplanen wie einen Termin: 20 Minuten Bewegung oder Ruhe sind in Stressphasen kein Luxus. Die BZgA betont regelmässige Erholungsphasen als zentralen Schutzfaktor. Hilfe annehmen ist aktive Fürsorge: Grosseltern, Gotte/Götti, Nachbar:innen, Babysitter, Kita – nicht erst fragen, wenn nichts mehr geht. Schlaf pragmatisch denken: In Babyphasen gilt oft: «Schlaf, wenn es geht.» Kurze Nickerchen können die Belastung spürbar senken. Partner-Check-in: 10-Minuten-Gesprächsleitfaden Ein kurzer, wiederkehrender Check-in kann Spannungen abbauen, bevor sie explodieren. Stell dir einen Timer auf 10 Minuten – und bleib bei konkreten Beobachtungen statt Vorwürfen. 2 Minuten: «Wie geht es dir auf einer Skala von 0–10?» 3 Minuten: «Was war heute am schwierigsten?» 3 Minuten: «Was brauchst du morgen konkret von mir?» (eine Bitte, nicht fünf) 2 Minuten: «Was übernehme ich fix?» + «Was lassen wir diese Woche bewusst liegen?» Wichtig: Wenn das Gespräch in Streit kippt, stopp bewusst. Sag zum Beispiel: «Ich merke, ich werde laut. Ich will das nicht. Lass uns in 20 Minuten nochmals starten.» Väter: Gespräch mit Betrieb suchen Auch wenn politische Reformen wichtig sind: Im Alltag hilft oft ein gutes Gespräch mit dem Arbeitgeber. Immer wieder wird in der Schweiz diskutiert, wie Vaterschaftsurlaub finanziert oder Elternurlaub reformiert werden kann. Bis neue Lösungen greifen, kannst du trotzdem aktiv werden. «Väter sollten das Gespräch mit dem Betrieb suchen, wenn die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zur Belastung wird, weil ein Baby da ist, ein Kind krank oder ein Familienmitglied pflegebedürftig wird», rät Daniel Huber, Geschäftsführer der schweizerischen «Fachstelle UND Familien- und Erwerbsarbeit für Männer und Frauen». Viele Betriebe hätten die Möglichkeit, Ferien, Teilzeitarbeit oder unbezahlte Ferien zu gewähren. Hilfreich für das Gespräch: Geh mit einem konkreten Vorschlag hinein (z. B. 80 Prozent für 6 Monate, Homeoffice an zwei fixen Tagen, Beginn/Ende verschieben, klar geregelte Abwesenheiten bei kranken Kindern). Je klarer dein Plan, desto eher kann der Betrieb zustimmen. Rechte und Möglichkeiten in der Schweiz Viele Väter unterschätzen, was rechtlich möglich ist – oder wissen nicht, wo sie verlässliche Informationen bekommen. Diese Übersicht ersetzt keine Rechtsberatung, hilft dir aber, die richtigen Begriffe zu kennen. Vaterschaftsurlaub In der Schweiz gibt es seit dem 1.1.2021 einen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen (10 Arbeitstage) für den anderen Elternteil, der als Vater gilt. Er kann am Stück oder tageweise bezogen werden. Kurzabsenzen bei kranken Kindern/Angehörigen + Betreuungsurlaub bei schwer beeinträchtigtem Kind Wenn ein Kind krank ist oder kurzfristig Betreuung nötig wird, sind Kurzabsenzen im Arbeitsrecht ein wichtiges Stichwort (u. a. OR/SECO-Praxisinformationen). Zusätzlich gibt es in der Schweiz einen Betreuungsurlaub, wenn Eltern ein gesundheitlich schwer beeinträchtigtes Kind betreuen müssen. Wo es in der Schweiz Hilfe gibt Wenn du merkst, dass Stress, Streit oder Erschöpfung deinen Alltag bestimmen, ist Unterstützung ein Schritt von Stärke – nicht von Schwäche. Du kannst je nach Dringlichkeit niedrigschwellig starten oder medizinisch abklären lassen, was du brauchst. Niederschwellige Beratung Für erste Entlastung und Orientierung eignen sich: telefonische/online Beratung (z. B. Pro Juventute, Elternnotruf), regionale Familien- und Erziehungsberatungsstellen sowie deine Hausärzt:in. Gerade bei Schlafproblemen, anhaltender Erschöpfung, Angst oder depressiver Stimmung ist eine medizinische Einschätzung sinnvoll, um körperliche Ursachen auszuschliessen und passende Hilfe zu bekommen. Notfallzeichen Gedanken, dir etwas anzutun oder nicht mehr leben zu wollen Kontrollverlust (du hast Angst, dem Kind oder dir etwas anzutun) Gewalt in der Familie oder akute Eskalation starker Substanzkonsum, um den Alltag zu überstehen In diesen Situationen: Hol sofort Hilfe (Notruf 144 bei medizinischen Notfällen, Polizei 117 bei akuter Gefahr). Du musst nicht warten, bis es «noch schlimmer» wird. Rechte, Urlaub und Hilfewege Vaterschaftsurlaub: 2 Wochen (seit 1.1.2021), Informationen beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Betreuungsurlaub bei gesundheitlich schwer beeinträchtigtem Kind: geregelt, Informationen ebenfalls beim BSV. Kurzabsenzen bei kranken Kindern/Angehörigen: arbeitsrechtliche Grundlagen und Praxisinformationen (u. a. Obligationenrecht/SECO). Erste Anlaufstellen: Pro Juventute Beratung, Elternnotruf, Telefonseelsorge 143, Hausärzt:in, kantonale Familienberatung.