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Urlaub des andern Elternteils: Alle Fakten zum Anspruch

Seit 2021 haben erwerbstätige Väter in der Schweiz Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Urlaub nach der Geburt. Viele Familien sprechen heute allgemeiner vom «Urlaub des andern Elternteils» – gemeint ist der gesetzliche Anspruch für den zweiten Elternteil nach der Geburt. Hier erfährst du, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, wie der Bezug (am Stück oder tageweise) funktioniert, wie hoch die Entschädigung ist und was in Sonderfällen wie Teilzeit, Arbeitslosigkeit oder Adoption gilt.

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Genau wie die Mutter braucht auch der Vater Zeit, sich in der neuen Rolle zu finden. Bild: dusapetovic, Getty Images

Hurra, das Kind ist da! Die erste Zeit nach der Geburt ist intensiv: neue Routinen, wenig Schlaf, viele Gefühle – und für viele Familien auch die Frage, wie ihr die Betreuung organisiert. Der gesetzliche Urlaub des andern Elternteils schafft dafür Raum: für Bonding, Unterstützung der Mutter nach der Geburt und einen gemeinsamen Start als Familie. 

Vaterschaftsurlaub: Wie war es früher?

Früher war Elternzeit für Väter in der Schweiz nicht gesetzlich geregelt. Im Durchschnitt blieben Väter nach der Geburt ihrer Arbeit für zwei bis drei Tage fern. Erwerbsersatz für mehrere Wochen war nur für Mütter vorgesehen. Eine Volksinitiative forderte eine Neuregelung. Die Vaterschaftsurlaubs-Initiative wurde im September 2020 von über 60 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung angenommen. Das Parlament verabschiedete daraufhin eine neue Regelung für Väter.

Wer hat Anspruch?

Vater, Ehefrau der Mutter – was bedeutet «anderer Elternteil»?

Gesetzlich ist der Anspruch nach der Geburt in der Schweiz als Vaterschaftsurlaub geregelt und knüpft an die rechtliche Vaterschaft an. In der Praxis wird im Familienalltag oft von «Urlaub des andern Elternteils» gesprochen, weil Familien unterschiedlich leben (z.B. in einer gleichgeschlechtlichen Ehe oder in Patchwork-Konstellationen). Entscheidend ist rechtlich, wer als Vater gilt (z.B. durch Ehe mit der Mutter, Anerkennung der Vaterschaft oder gerichtliche Feststellung). Wenn du die Ehefrau der Mutter bist, gilt für dich nicht automatisch Vaterschaftsurlaub – je nach rechtlicher Elternschaft und Konstellation können andere Regelungen greifen. Wenn du unsicher bist, klär das frühzeitig mit deiner Ausgleichskasse oder einer Fachstelle (z.B. bei deiner Arbeitgeber:in oder der zuständigen Ausgleichskasse).

Wichtig: Bei der Adoption besteht kein Anspruch auf Vaterschaftsurlaub. Dafür gibt es seit 2023 einen eigenen Adoptionsurlaub (mehr dazu unten).

Voraussetzungen 

Du hast Anspruch, wenn du bei der Geburt rechtlicher Vater bist und die sozialversicherungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllst. Dazu gehört insbesondere, dass du in den Monaten vor der Geburt AHV-versichert warst und in dieser Zeit erwerbstätig warst (als Angestellter oder Selbstständiger). Unter bestimmten Bedingungen können auch Arbeitslose oder wegen Krankheit arbeitsunfähige Personen eine Entschädigung erhalten – entscheidend sind dabei deine Beitragszeiten und dein Status rund um die Geburt.

Bezug & Planung im Betrieb

Am Stück oder tageweise – so funktioniert die Berechnung

Du hast Anspruch auf zwei Wochen Urlaub, also 10 freie Arbeitstage. Du kannst diese Tage am Stück beziehen oder tageweise, je nachdem, was zu deiner Familiensituation und zu deinem Betrieb passt. Gesetzliche Feiertage dürfen nicht von deinen Urlaubstagen abgezogen werden.

Wenn du den Urlaub tageweise beziehst, ist für die Entschädigung wichtig: Die EO rechnet in Taggeldern. Bei einer üblichen 5-Tage-Woche entspricht eine «Urlaubswoche» 5 Arbeitstagen, für die insgesamt 7 Taggelder angerechnet werden. Darum werden beim tageweisen Bezug auf den jeweils fünften bezogenen Arbeitstag zwei Taggelder angerechnet. Für dich in der Planung heisst das: Du kannst flexibel beziehen, solltest aber die Übersicht über bezogene Arbeitstage und angerechnete Taggelder behalten (siehe Muster-Mail und Checkliste unten).

Frist: innerhalb von 6 Monaten nach Geburt

Du musst den Urlaub innerhalb von 6 Monaten nach der Geburt beziehen. Plane möglichst früh: Viele Familien nutzen die ersten Tage direkt nach der Geburt (z.B. für die Organisation zu Hause, Wochenbett-Unterstützung, Geschwisterbetreuung) und behalten ein paar einzelne Tage für später (z.B. nach Ende des Mutterschaftsurlaubs oder bei einem Entwicklungsschub, Arztterminen oder dem Wiedereinstieg).

Teilzeit: wie viele Tage/Taggelder?

Bei Teilzeit geht es nicht um «50 Prozent = 5 Tage», sondern um deine effektiven Arbeitstage. Entscheidender Richtwert: Der Urlaubsanspruch entspricht zwei deiner normalen Arbeitswochen.

Beispiele (typisch, wenn du immer an denselben Wochentagen arbeitest):

  • Du arbeitest 3 Tage pro Woche: Anspruch auf 6 Arbeitstage Urlaub (2 Wochen à 3 Arbeitstage).
  • Du arbeitest 2 Tage pro Woche: Anspruch auf 4 Arbeitstage Urlaub.
  • Du arbeitest 4 Tage pro Woche: Anspruch auf 8 Arbeitstage Urlaub.

Wenn dein Pensum unregelmässig ist (z.B. im Stundenlohn oder Schichtbetrieb), lohnt sich eine frühe Absprache mit der Arbeitgeber:in und ggf. der Ausgleichskasse, damit klar ist, wie die bezogenen Tage und Taggelder korrekt erfasst werden.

Geld: Entschädigung (EO)

80% bis max. 220 CHF/Tag

Während des Urlaubs erhältst du in der Regel eine Vaterschaftsentschädigung über die Erwerbsersatzordnung (EO). Diese beträgt 80% deines durchschnittlichen Erwerbseinkommens, maximal 220 Franken pro Tag. Praktisch bedeutet das: Verdient jemand so viel, dass 80% über 220 Franken pro Tag lägen, wird trotzdem maximal 220 Franken pro Tag ausbezahlt.

Wichtig für deine Planung: Je nachdem, wie dein Betrieb Lohnfortzahlung und EO organisiert, kann der effektive Betrag, den du im jeweiligen Monat auf dem Konto hast, schwanken (z.B. wenn EO nachträglich abgerechnet wird). Klär am besten vorab, ob dein Lohn während des Urlaubs weiterläuft und wie die EO intern verrechnet wird.

Beantragung über Arbeitgeber/Ausgleichskasse

Die Entschädigung muss bei der zuständigen Ausgleichskasse geltend gemacht werden. Angestellte beantragen die Zahlung in der Regel über die Arbeitgeber:in. Väter, die selbstständig, arbeitslos oder arbeitsunfähig sind, stellen einen Antrag direkt bei der Ausgleichskasse.

Ist der Vater Angestellter bei einem Unternehmen und bekommt während des Vaterschaftsurlaubs weiter Lohn gezahlt, erhält der Arbeitgeber die Zahlungen. In allen anderen Fällen erfolgt die Auszahlung an den Vater direkt.

Sonderfälle

Mehrere Kinder (Zwillinge) – was gilt?

Bei Mehrlingen (z.B. Zwillingen) bleibt der gesetzliche Anspruch beim Urlaub nach der Geburt gleich: Es gibt nicht automatisch zusätzliche Urlaubstage. Wenn ihr mehr Zeit braucht, gibt es zwei praxisnahe Wege: (1) tageweisen Bezug über mehrere Wochen strecken, solange du innerhalb der 6-Monats-Frist bleibst, und/oder (2) eine individuelle Vereinbarung mit der Arbeitgeber:in (z.B. unbezahlter Urlaub, Bezug von Überzeit, Ferien oder betriebliche Zusatzregelungen).

Adoption: eigener Adoptionsurlaub seit 2023 

Bei der Adoption eines Kindes besteht kein Anspruch auf Vaterschaftsurlaub. Seit 2023 gibt es aber einen gesetzlichen Adoptionsurlaub von zwei Wochen (mit Adoptionsentschädigung über die EO), wenn ein Kind unter vier Jahren zur Adoption aufgenommen wird und die Voraussetzungen erfüllt sind. 

Wenn die Mutter stirbt – besondere Regelungen 

Kurzbox: Wenn die Mutter nach der Geburt stirbt

Wenn die Mutter rund um die Geburt stirbt, stehen der Familie zusätzliche sozialversicherungsrechtliche Regelungen zu (u.a. im Zusammenhang mit Mutterschaftsentschädigung und Betreuungsaufgaben). In dieser Situation zählt vor allem schnelle Unterstützung: Nimm früh Kontakt mit deiner Ausgleichskasse und deiner Arbeitgeber:in auf, damit Ansprüche rasch geklärt und organisatorische Lasten reduziert werden.

Wer den Urlaub finanziert

Der Urlaub wird über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert.  Der Arbeitgeber übernimmt die Hälfte der Beiträge für Arbeitnehmende.

Muster-Mail & Checkliste

Muster-Mail: Urlaub anmelden und Bezugstage festhalten

Du kannst diese Vorlage an deine Situation anpassen:

Betreff: Anmeldung Urlaub nach Geburt (Vaterschaftsurlaub) – Bezugstage

Hallo [Name]

Unser Kind wurde am [Datum] geboren. Ich melde hiermit meinen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub an. Ich plane, den Urlaub wie folgt zu beziehen:

  • [z.B. am Stück] von [Datum] bis [Datum] (insgesamt [Anzahl] Arbeitstage)
  • [oder tageweise] am [Datum], [Datum], [Datum] … (insgesamt [Anzahl] Arbeitstage)

Bitte bestätige mir kurz den Bezug und das Vorgehen zur EO-Anmeldung/Abrechnung. Falls für die Ausgleichskasse Unterlagen nötig sind (z.B. Geburtsbestätigung/Familienbüchlein), gib mir bitte Bescheid.

Danke und freundliche Grüsse
[Dein Name]

Mini-Checkliste: Übergabe & Abwesenheitsinfo

  • Wichtigste Aufgaben priorisieren: Was muss zwingend laufen, was kann warten?
  • Stellvertretung klären: Wer entscheidet bei Rückfragen?
  • Kurze Übergabe: Status, nächste Schritte, relevante Kontakte, Deadlines.
  • Abwesenheitsnotiz: Zeitraum, Stellvertretung, Notfallkontakt.
  • Nach dem Urlaub: 30-Minuten Slot im Kalender für «Wieder-Einstieg» blocken (Postfach, Termine, To-dos).

FAQ

Gilt das auch in der Probezeit?

Ja: Der Anspruch ist gesetzlich geregelt und gilt grundsätzlich auch während der Probezeit, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind. Aus praktischer Sicht lohnt sich aber eine besonders frühe und transparente Planung mit der Arbeitgeber:in, damit es im Team keine Überraschungen gibt.

Was gilt bei Kündigung/Arbeitslosigkeit?

Wenn du zum Zeitpunkt der Kündigung noch nicht alle Urlaubstage bezogen hast, kann sich die Kündigungsfrist um die verbleibenden Tage verlängern. Bei Arbeitslosigkeit kann unter Umständen trotzdem eine Entschädigung möglich sein – entscheidend sind deine Beitragszeiten und dein Status rund um die Geburt. Klär das am besten direkt mit deiner Ausgleichskasse, damit du keine Fristen verpasst.

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