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«Wer seine Ansprüche reduziert, kann glücklich werden»

Trotz hoher Scheidungs- und niedriger Geburtenraten ist Schweizern die Familie für das persönliche Glück wichtig. Der Soziologe François Höpflinger hat jetzt untersucht, was Familienglück bedeutet. Im Interview erklärt er, warum es so entscheidend ist, eigene Ansprüche an die Lebensrealität anzupassen.

Familienglück und Glücklichsein bedeutet, seine Ansprüche zu reduzieren.

Die Familie ist wichtig, um glücklich zu sein. Ausserdem hilft es, keine unrealistischen Ansprüche an das Familienglück zu haben. (Bild: Bowden Images/iStock, Thinkstock)

Warum beschäftigen Sie sich in Zeiten hoher Scheidungsraten und einer wachsenden Zahl Kinderloser mit dem Familienglück?

François Höpflinger: Meine Kollegen und ich hatten die Idee etwas Positives zu untersuchen, weil sich Medien und Forschung bisher häufig nur den negativen Zusammenhängen gewidmet haben. Eine hohe Scheidungsrate heisst übrigens nicht, dass es weniger Familien gibt. Und Kinderlosigkeit nimmt in den jüngsten Generationen wieder ab.

Was bedeutet Familienglück?

Das hängt von den Lebensphasen ab. In jungen Jahren liegt das Familienglück in der Partnerbeziehung, in den eigenen Kindern und in Zukunftsperspektiven. Später sind es Erinnerungen an frühere Lebensphasen. Bei vielen alten Menschen hängt das Glück auch vom Erfolg der Kinder ab.

In welcher Lebensphase ist das Familienglück am grössten?

Bei Paarbeziehungen ist das Glück u-förmig. Am Anfang ist das Glück gross, dann sinkt es, in späteren Lebensphasen nimmt es wieder zu. Denn glückliche Paare bleiben länger zusammen. Bei Familien mit Kindern ist die Kleinkindphase gleichzeitig die stressigste, aber auch glücklichste Phase.

In Ihrem neuen Buch «Familienglück – was ist das?»* schreiben Sie aber, dass die Lebenszufriedenheit bei jungen Eltern mit steigender Kinderzahl sinkt.

Viele Eltern haben hohe Ansprüche und Glückserwartungen. Schliesslich haben sie sich bewusst für Kinder entschieden. Früher, als Eltern noch viele Kinder hatten, ging es ums Überleben, nicht um Glück. Familienglück ist heute aber vielfach ein Ziel, das nicht immer realisiert wird.

Welche Glückserwartungen meinen Sie?

Es sind zum Teil sozialromantische Vorstellungen eines Familienlebens: die Erwartung einer romantischen Liebe, einer Partnerbeziehung, dass mit den Kindern die eigene Persönlichkeit gestärkt wird.

Solche Vorstellungen, wie die von der romantischen Liebe, werden aber oft nicht erfüllt.

Lebenszufriedenheit hat mit der Anpassung seiner Erwartungen an die Lebensrealität zu tun. Wer seine Ansprüche reduziert, kann glücklich werden. Zudem hilft es, sich bewusst zu sein, dass jede Familienphase ein Ende hat. Wenn Kinder in der Pubertät Schwierigkeiten machen, können Eltern damit rechnen, dass es wieder besser wird, wenn sie erwachsen sind. Familienglück hängt heute auch damit zusammen, die individuellen Interessen und die der Familie unter einen Hut zu bringen. Jemand, der sich zu stark für die Kinder oder den Partner aufopfert, kann kein Familienglück erreichen.

Gelingt das den meisten?

Ja, überraschend gut. Das liegt daran, dass viele heute die Möglichkeit haben mehrere Partnerschaften einzugehen. Früher gaben Frauen bei schlechter Ehe die Hoffnung auf, heute geben sie die Ehe auf. Das entlastet.

Sie haben viel über die individuellen Einflüsse auf das Familienglück gesprochen. Welche Rolle spielen gesellschaftliche Rahmenbedingungen?

Soziale Netzwerke und wirtschaftliche Absicherung spielen eine grosse Rolle. Wohlstand, Föderalismus, zivilgesellschaftliche Strukturen, Wohnbedingungen mit viel Grün und Sicherheit erhöhen die Lebenszufriedenheit in der Schweiz. Schwierigkeiten macht dagegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Manche greifen deshalb auf traditionelle Familienverhältnisse zurück. Die Frau übernimmt die Mutterrolle, der Mann ist erwerbstätig.

Familienglück, ein Buch über das Glücklichsein.Buchtipp

«Familienglück – was ist das?» von Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger, Christof Kübler und Andreas Spillmann. Die Idee zum Buch lieferte die Ausstellung «Familien, alles bleibt, wie es nie war» 2009 im Schweizerischen Landesmuseum. Besucher wurden befragt, was Glück in der Familie bedeutet. Im Buch werden die Ergebnisse der Befragung dargestellt. Wissenschaftliche Beiträge zur Entwicklung der Familie und zur aktuellen Familienforschung sowie Kinderzeichnungen ergänzen die Untersuchung.

Aber dann muss die Frau bei der Karriere zurückstecken.

Es ist nicht gesagt, dass Karrierestreben sehr viel Glück bringt. Das kommt auf die eignen Ansprüche an. Familienglück heisst im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu leben und eine gewisse Schicksalshaftigkeit des Lebens zu akzeptieren.

Besser wäre es doch, es würde noch mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan.

Da hat sich in der Schweiz schon einiges verbessert. Aber die familienexterne Kleinkindbetreuung hat man lange vernachlässigt. Deshalb ist die Kinderlosigkeit angestiegen. Die Gesellschaft ist nicht kinderfreundlicher, sondern rücksichtsloser gegenüber Familien und Kindern geworden.

Woran merken Sie das?

Dass es fast keine Vorschulkinder mehr gibt, die nicht von Erwachsenen begleitet werden. Heute müssen Kinder intensiv betreut werden. Um die Familie zu entlasten, sind soziale Netzwerke wie Kinderkrippen oder Grosseltern entscheidend. Ausserdem müsste es eine Existenzsicherung für Alleinerziehende geben. Im Tessin gibt es ein Modell für einkommensschwache Familien. Das Familienglück hängt auch davon ab, dass nicht zu viel in die Familie hinein gepackt wird, sondern, dass gewisse Aufgaben sozialstaatlich gelöst werden.

Glücklichsein in der Familie - das ist vielen wichtig.

Familienglück heisst, die Individualität des anderen zu akzeptieren. Foto: Hemera, Thinkstock

Sie haben in einer Umfrage herausgefunden, dass für die meisten Familienglück primär darin besteht, Sicherheit und Fürsorge für sich selbst garantiert zu sehen. Erst an zweiter Stelle stehen Wir-Bedürfnisse wie lieben und geliebt werden oder gegenseitiger Respekt. Ist das nicht sehr egoistisch?

Familienglück heisst, die Individualität zu akzeptieren. Die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern wird zum Beispiel dadurch erhöht, dass sie nicht im gleichen Haushalt leben. Familienglück kann auch bedeuten, dass die Mutter das Zimmer ihres zwölfjährigen Sohnes nie besucht. Es ist sein Dreckhaufen.

Funktioniert das so besser als früher?

Ja, denn man hat mehr Wohnraum zur Verfügung, die Toleranz ist grösser. Man erwartet nicht, dass sich der Partner aufopfert. Ausserdem funktioniert es gut, weil verschiedene Aufgaben aus den Familien ausgelagert werden, wie die Betreuung durch Grosseltern.

In Ihren Forschungen haben Sie festgestellt, dass wir ein sehr positives Bild von Grosseltern und Grosselternschaft haben. Warum?

Die Generationenbeziehungen haben sich sehr stark verbessert, weil es wenig Wertdifferenzen zwischen Jung und Alt im Vergleich zu früheren Epochen gibt. Hinzu kommt, dass mehr Grosseltern sich engagieren ohne sich einzumischen. Für Grosseltern sind Enkelkinder die Möglichkeit an frühere Lebensphasen anzuknüpfen, aber ohne Verantwortung. Sie haben quasi das Gelbe vom Ei.

Ist das Familienglück bei Grosseltern deshalb grösser als bei jungen Eltern?

Ja, denn die Geburt von Enkelkindern heisst, dass ihre eigenen Kinder erfolgreich Eltern geworden sind, zumindest biologisch. Zudem lebt das Familienglück im Alter von der Erinnerung. Familiensituationen werden idealisiert, weil man sich nur an die goldenen Momente erinnert.

Haben Sie Tipps, wie jeder sein persönliches Familienglück erreichen kann?

Für Familienglück gibt es keine Rezepte, weil die Individualität eine grosse Rolle spielt. Allgemein gilt: Man sollte keine irrealen Ansprüche haben, ein Gleichgewicht zwischen Eigeninteressen und Familieninteressen anstreben, sich bewusst werden, dass jede Lebensphase ihre Vor- und Nachteile hat, gute Sozialbeziehungen und Aktivitäten pflegen. Ewiges Glück kann nicht erreicht werden. Es braucht auch Stress, sonst wird es langweilig.

François Höpflinger untersuchte, was Familienglück bedeutet.Zur Person: François Höpflinger

François Höpflinger ist Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Altersforschung, Generationenfragen, die Familiensoziologie und die Bevölkerungsentwicklung. 2003 wurde er zusammen mit Valérie Hugentobler mit dem Vontobel-Preis für Altersforschung ausgezeichnet.

Mehr zu François Höpflinger finden Sie unter www.hoepflinger.com

Foto: privat

 

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