Leben > Krisen & Hilfe«Wer seine Ansprüche reduziert, kann glücklich werden» Angela Zimmerling Trotz hoher Scheidungs- und niedriger Geburtenraten ist die Familie vielen Menschen in der Schweiz für das persönliche Glück wichtig. Der Soziologe François Höpflinger hat untersucht, was Familienglück bedeutet. Im Interview erklärt er, warum es so entscheidend ist, eigene Ansprüche an die Lebensrealität anzupassen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Familie ist wichtig, um glücklich zu sein. Ausserdem hilft es, keine unrealistischen Ansprüche an das Familienglück zu haben. (Bild: Bowden Images/iStock, Thinkstock) Das Wichtigste in Kürze Familienglück ist kein Dauerzustand: Zufriedenheit schwankt je nach Lebensphase – und das ist normal. Perfektionsdruck (auch durch Social Media) kann Erwartungen verzerren und Stress verstärken. «Good enough» ist für Kinder oft besser als «perfekt». Warnzeichen für Überlastung sind ernst zu nehmen: anhaltende Erschöpfung, Reizbarkeit, Rückzug, Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden. Du musst nicht alles allein tragen: Entlastung durch Aufgabenverteilung, Betreuung, soziale Unterstützung und professionelle Hilfe kann entscheidend sein. Perfektionsdruck heute – woher kommt er? Viele Eltern erleben heute eine besondere Mischung aus hohen Erwartungen und knappen Ressourcen: Job, Kinderbetreuung, Haushalt, Beziehung, «Quality Time», Selfcare – alles gleichzeitig. Dazu kommt ein starker Vergleichsdruck. Social Media zeigt oft kuratierte Familienmomente, nicht den echten Alltag mit Streit, Müdigkeit, Unsicherheit und Wäschebergen. Das kann unbemerkt dazu führen, dass du deine eigene Familie an unrealistischen Idealen misst. Fachlich ist gut belegt: Chronischer Stress entsteht besonders dann, wenn Anforderungen dauerhaft höher sind als die verfügbaren Ressourcen (Zeit, Schlaf, Unterstützung, Geld, Gesundheit). Die Stressforschung beschreibt ausserdem, dass nicht nur die Situation zählt, sondern auch die Bewertung: Wenn du glaubst, «ich müsste das doch schaffen», steigt die Belastung. Diese Perspektive passt auch zu Höpflingers Kerngedanken im Interview: Erwartungen an die Realität anzupassen, kann entlasten. Good-enough statt perfekt: Was Kinder wirklich brauchen Viele Eltern wollen «alles richtig machen». Verständlich – aber «perfekt» ist weder realistisch noch nötig. In der Entwicklungspsychologie ist die Idee des «good enough» anschlussfähig: Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen, die grundsätzlich feinfühlig reagieren, nicht lückenlose Perfektion. Gerade im Kleinkindalter kann es sogar hilfreich sein, wenn Kinder erleben, dass Beziehungen Reparatur können: Es gibt Konflikte, und danach findet ihr wieder zueinander. Orientierung geben dir wissenschaftlich fundierte Basisprinzipien: Sicherheit, Bindung, altersgerechte Autonomie, stabile Tagesstruktur, Schutz vor Gewalt und eine Umgebung, in der Gefühle benannt werden dürfen. Mini-Check: Was du loslassen darfst Jeden Tag «pädagogisch wertvoll»: Es darf auch mal nur funktionieren. Ständige Harmonie: Konflikte sind normal – wichtig ist, wie ihr sie klärt. Gleichzeitig top im Job und top zuhause: Phasenweise Prioritäten zu setzen ist gesund. Perfekte Ernährung, perfekter Schlafplan: Ziele sind gut – aber ohne Schuldgefühle, wenn es nicht immer klappt. Mini-Check: Was wirklich zählt Verlässlichkeit: Du bist emotional erreichbar – nicht 24/7, aber grundsätzlich. Reparatur: Nach Streit wieder verbinden («Es tut mir leid, ich war laut.»). Alltagssicherheit: Rituale, klare Übergänge, wiederkehrende Abläufe. Entlastung: Du sorgst auch für dich – weil Kinder von regulierten Erwachsenen profitieren. Warnzeichen & Selbsttest: Stress normal – oder schon zu viel? Stress in Familien ist normal, besonders in intensiven Phasen (Kleinkindzeit, Schulstart, Pubertät, Trennung, Krankheit, Jobwechsel). Wichtig ist, ob du dich trotz Stress immer wieder erholen kannst – oder ob sich Überlastung festsetzt. Wenn Symptome über Wochen anhalten oder sich verschlimmern, lohnt sich ein genauer Blick. Häufige Warnzeichen bei chronischer Überlastung Anhaltende Erschöpfung trotz Schlaf, «nie richtig erholt» Reizbarkeit, schnelle Wut, geringe Stresstoleranz Rückzug, Gefühl von Distanz zu Partner:in oder Kindern Zynismus oder Schuldgefühle («Ich kann nicht mehr», «Ich bin eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater») Schlafprobleme, Grübeln, frühes Erwachen Körperliche Beschwerden (Kopf, Magen/Darm, Verspannungen) Mehr Konflikte im Familienalltag, weniger Freude an Dingen, die sonst guttun Wenn du zusätzlich merkst, dass du zunehmend «funktionierst», aber innerlich leer wirst, oder wenn du Gedanken hast, dir oder anderen etwas anzutun: Hol dir sofort Hilfe. In akuten Krisen ist die Notfallnummer 144 (Sanität) oder 117 (Polizei) da. Tools für den Alltag: Weniger Druck, mehr echte Entlastung 1) Werte-Check Frag dich: Was soll in unserer Familie in einem normalen Monat spürbar sein? (z.B. «Respekt», «Humor», «Zeit draussen», «Verlässlichkeit», «Ruhe am Abend»). Wähle drei Werte. Alles, was nicht zu diesen Werten beiträgt, darf kleiner werden. Das ist kein Egoismus, sondern Fokus. 2) Mental-Load-Liste Mental Load ist nicht nur «machen», sondern auch «dran denken»: Termine, Geschenkideen, Kleidergrössen, Impfungen, Elternchat, Zahnarzt, Znüni. Schreib eine Liste mit allen wiederkehrenden Aufgaben (inklusive Planungsaufgaben) und markiere, wer wofür zuständig ist. Wichtig: Zuständigkeit bedeutet Planung + Ausführung, nicht «sag mir einfach, was ich tun soll». Ein wöchentliches 15-Minuten-Familien-Check-in kann helfen. 3) Mikro-Erholung statt «wenn dann»-Pausen Wenn du auf «irgendwann Ferien» wartest, bleibt dein Nervensystem oft im Daueralarm. Mikro-Erholung heisst: mehrmals täglich 1–3 Minuten bewusst runterregulieren, z.B. am Fenster atmen, Schultern lockern, kurzer Gang ums Haus, Musik für einen Song. Das ist klein, aber physiologisch wirksam – besonders, wenn du es regelmässig machst. 4) Grenzen bei Erreichbarkeit Viele Überlastungen werden durch ständige Unterbrechungen verstärkt: Messenger, Schulapps, Arbeitschat, Push-Nachrichten. Du kannst entlasten, indem du feste Check-Zeiten definierst (z.B. 2× täglich) und sonst stumm schaltest. Für Elternchats hilft ein Standardsatz wie: «Ich lese später nach, wenn es passt.» 5) «Genug» neu definieren Ein hilfreiches Familienmantra ist: «Wir machen es heute so gut, wie es heute möglich ist.» Das schützt vor Perfektionsspiralen und passt zu der Idee im Interview, Erwartungen an die Lebensrealität anzupassen. Herr Höpflinger, warum beschäftigen Sie sich in Zeiten hoher Scheidungsraten und einer wachsenden Zahl Kinderloser mit dem Familienglück? François Höpflinger: Meine Kollegen und ich hatten die Idee etwas Positives zu untersuchen, weil sich Medien und Forschung bisher häufig nur den negativen Zusammenhängen gewidmet haben. Eine hohe Scheidungsrate heisst übrigens nicht, dass es weniger Familien gibt. Und Kinderlosigkeit nimmt in den jüngsten Generationen wieder ab. Was bedeutet Familienglück? Das hängt von den Lebensphasen ab. In jungen Jahren liegt das Familienglück in der Partnerbeziehung, in den eigenen Kindern und in Zukunftsperspektiven. Später sind es Erinnerungen an frühere Lebensphasen. Bei vielen alten Menschen hängt das Glück auch vom Erfolg der Kinder ab. In welcher Lebensphase ist das Familienglück am grössten? Bei Paarbeziehungen ist das Glück u-förmig. Am Anfang ist das Glück gross, dann sinkt es, in späteren Lebensphasen nimmt es wieder zu. Denn glückliche Paare bleiben länger zusammen. Bei Familien mit Kindern ist die Kleinkindphase gleichzeitig die stressigste, aber auch glücklichste Phase. In Ihrem neuen Buch «Familienglück – was ist das?»* schreiben Sie aber, dass die Lebenszufriedenheit bei jungen Eltern mit steigender Kinderzahl sinkt. Viele Eltern haben hohe Ansprüche und Glückserwartungen. Schliesslich haben sie sich bewusst für Kinder entschieden. Früher, als Eltern noch viele Kinder hatten, ging es ums Überleben, nicht um Glück. Familienglück ist heute aber vielfach ein Ziel, das nicht immer realisiert wird. Welche Glückserwartungen meinen Sie? Es sind zum Teil sozialromantische Vorstellungen eines Familienlebens: die Erwartung einer romantischen Liebe, einer Partnerbeziehung, dass mit den Kindern die eigene Persönlichkeit gestärkt wird. Solche Vorstellungen, wie die von der romantischen Liebe, werden aber oft nicht erfüllt. Lebenszufriedenheit hat mit der Anpassung seiner Erwartungen an die Lebensrealität zu tun. Wer seine Ansprüche reduziert, kann glücklich werden. Zudem hilft es, sich bewusst zu sein, dass jede Familienphase ein Ende hat. Wenn Kinder in der Pubertät Schwierigkeiten machen, können Eltern damit rechnen, dass es wieder besser wird, wenn sie erwachsen sind. Familienglück hängt heute auch damit zusammen, die individuellen Interessen und die der Familie unter einen Hut zu bringen. Jemand, der sich zu stark für die Kinder oder den Partner aufopfert, kann kein Familienglück erreichen. Gelingt das den meisten? Ja, überraschend gut. Das liegt daran, dass viele heute die Möglichkeit haben mehrere Partnerschaften einzugehen. Früher gaben Frauen bei schlechter Ehe die Hoffnung auf, heute geben sie die Ehe auf. Das entlastet. Sie haben viel über die individuellen Einflüsse auf das Familienglück gesprochen. Welche Rolle spielen gesellschaftliche Rahmenbedingungen? Soziale Netzwerke und wirtschaftliche Absicherung spielen eine grosse Rolle. Wohlstand, Föderalismus, zivilgesellschaftliche Strukturen, Wohnbedingungen mit viel Grün und Sicherheit erhöhen die Lebenszufriedenheit in der Schweiz. Schwierigkeiten macht dagegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Manche greifen deshalb auf traditionelle Familienverhältnisse zurück. Die Frau übernimmt die Mutterrolle, der Mann ist erwerbstätig. Buchtipp «Familienglück – was ist das?» von Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger, Christof Kübler und Andreas Spillmann. Die Idee zum Buch lieferte die Ausstellung «Familien, alles bleibt, wie es nie war» 2009 im Schweizerischen Landesmuseum. Besucher wurden befragt, was Glück in der Familie bedeutet. Im Buch werden die Ergebnisse der Befragung dargestellt. Wissenschaftliche Beiträge zur Entwicklung der Familie und zur aktuellen Familienforschung sowie Kinderzeichnungen ergänzen die Untersuchung. Aber dann muss die Frau bei der Karriere zurückstecken. Es ist nicht gesagt, dass Karrierestreben sehr viel Glück bringt. Das kommt auf die eignen Ansprüche an. Familienglück heisst im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu leben und eine gewisse Schicksalshaftigkeit des Lebens zu akzeptieren. Besser wäre es doch, es würde noch mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan. Da hat sich in der Schweiz schon einiges verbessert. Aber die familienexterne Kleinkindbetreuung hat man lange vernachlässigt. Deshalb ist die Kinderlosigkeit angestiegen. Die Gesellschaft ist nicht kinderfreundlicher, sondern rücksichtsloser gegenüber Familien und Kindern geworden. Woran merken Sie das? Dass es fast keine Vorschulkinder mehr gibt, die nicht von Erwachsenen begleitet werden. Heute müssen Kinder intensiv betreut werden. Um die Familie zu entlasten, sind soziale Netzwerke wie Kinderkrippen oder Grosseltern entscheidend. Ausserdem müsste es eine Existenzsicherung für Alleinerziehende geben. Im Tessin gibt es ein Modell für einkommensschwache Familien. Das Familienglück hängt auch davon ab, dass nicht zu viel in die Familie hinein gepackt wird, sondern, dass gewisse Aufgaben sozialstaatlich gelöst werden. Familienglück heisst, die Individualität des anderen zu akzeptieren. Foto: Hemera, Thinkstock Sie haben in einer Umfrage herausgefunden, dass für die meisten Familienglück primär darin besteht, Sicherheit und Fürsorge für sich selbst garantiert zu sehen. Erst an zweiter Stelle stehen Wir-Bedürfnisse wie lieben und geliebt werden oder gegenseitiger Respekt. Ist das nicht sehr egoistisch? Familienglück heisst, die Individualität zu akzeptieren. Die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern wird zum Beispiel dadurch erhöht, dass sie nicht im gleichen Haushalt leben. Familienglück kann auch bedeuten, dass die Mutter das Zimmer ihres zwölfjährigen Sohnes nie besucht. Es ist sein Dreckhaufen. Funktioniert das so besser als früher? Ja, denn man hat mehr Wohnraum zur Verfügung, die Toleranz ist grösser. Man erwartet nicht, dass sich der Partner aufopfert. Ausserdem funktioniert es gut, weil verschiedene Aufgaben aus den Familien ausgelagert werden, wie die Betreuung durch Grosseltern. In Ihren Forschungen haben Sie festgestellt, dass wir ein sehr positives Bild von Grosseltern und Grosselternschaft haben. Warum? Die Generationenbeziehungen haben sich sehr stark verbessert, weil es wenig Wertdifferenzen zwischen Jung und Alt im Vergleich zu früheren Epochen gibt. Hinzu kommt, dass mehr Grosseltern sich engagieren ohne sich einzumischen. Für Grosseltern sind Enkelkinder die Möglichkeit an frühere Lebensphasen anzuknüpfen, aber ohne Verantwortung. Sie haben quasi das Gelbe vom Ei. Ist das Familienglück bei Grosseltern deshalb grösser als bei jungen Eltern? Ja, denn die Geburt von Enkelkindern heisst, dass ihre eigenen Kinder erfolgreich Eltern geworden sind, zumindest biologisch. Zudem lebt das Familienglück im Alter von der Erinnerung. Familiensituationen werden idealisiert, weil man sich nur an die goldenen Momente erinnert. Haben Sie Tipps, wie jeder sein persönliches Familienglück erreichen kann? Für Familienglück gibt es keine Rezepte, weil die Individualität eine grosse Rolle spielt. Allgemein gilt: Man sollte keine irrealen Ansprüche haben, ein Gleichgewicht zwischen Eigeninteressen und Familieninteressen anstreben, sich bewusst werden, dass jede Lebensphase ihre Vor- und Nachteile hat, gute Sozialbeziehungen und Aktivitäten pflegen. Ewiges Glück kann nicht erreicht werden. Es braucht auch Stress, sonst wird es langweilig. Interview: Angela Zimmerling Hilfe holen in der Schweiz: Du musst nicht warten, bis gar nichts mehr geht Wenn du merkst, dass ihr als Familie im Dauerstress steckt, ist es kein Zeichen von Schwäche, Unterstützung anzunehmen. Oft hilft schon ein früher Schritt, bevor sich Erschöpfung verfestigt. Gute erste Anlaufstellen Hausärzt:in: für medizinische Abklärung (z.B. Schlaf, Erschöpfung, Depression/Angst, körperliche Ursachen) und Koordination weiterer Schritte; das entspricht auch der Rolle, wie sie die SGAIM (2020) beschreibt. Erziehungsberatung / Familienberatung (kantonal oder kommunal): bei Konflikten, Überforderung, Fragen zu Entwicklung, Grenzen, Medien, Schule. Mütter- und Väterberatung (regional organisiert): besonders hilfreich mit Babys und Kleinkindern (Schlaf, Stillen/Ernährung, Schreien, Alltag). Psychotherapie: wenn du merkst, dass Stress, Angst, depressive Symptome, Trauma oder Paarkonflikte anhalten. Elternnotruf: als niedrigschwellige Anlaufstelle für akute Überforderung, Konflikte und Krisensituationen im Familienalltag. Wenn es zu Hause zu Eskalationen kommt oder du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren: Geh aus der Situation, bring Abstand rein (z.B. Kind kurz sicher unterbringen, in ein anderes Zimmer), und hol Unterstützung. Sicherheit geht immer vor. Schneller Selbstschutz bei akuter Überlastung (alltagstauglich) Stopp-Satz: «Ich merke, ich bin am Limit. Ich brauche 10 Minuten Pause.» Atmung: 4 Sekunden ein, 6 Sekunden aus – 2 Minuten lang. Minimalprogramm: Essen, trinken, kurz bewegen, dann erst Probleme lösen. Entscheidung vertagen: Grundsatzdiskussionen nicht nachts oder im Streit führen. Zur Person: François Höpflinger François Höpflinger ist Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Altersforschung, Generationenfragen, die Familiensoziologie und die Bevölkerungsentwicklung. 2003 wurde er zusammen mit Valérie Hugentobler mit dem Vontobel-Preis für Altersforschung ausgezeichnet. Mehr zu François Höpflinger finden Sie unter www.hoepflinger.com Foto: privat