Den Schuldbrief gibts zur Geburt

Kinder schulden ihren Eltern Fürsorge im Alter, Dankbarkeit für eine glückliche Kindheit? Im Gegenteil! Die Philosophin Barbara Bleisch plädiert für «eine längst überfällige Befreiung».

Was schulde ich meinen Eltern?

Wirft die Mutterliebe Zinsen auf? Bild: Nastia11, iStock, Thinkstock. 

«Meine Mutter macht mir das Leben zur Hölle!», beklagt sich die 32-jährige Daniela in einem Internetforum über ihre Mutter. Diese werfe ihr immerzu vor, dass sie undankbar sei. Nach allem, was sie für ihr Kind getan hätte, sollte sich Daniela nun dafür erkenntlich zeigen. Die Erwartungshaltung der Mutter belastet Daniela, ständig hat sie das Gefühl, nicht zu genügen. Dennoch schafft sie es nicht, ihrer Mutter den Rücken zu kehren: «Ich möchte so gerne stark sein und mich von ihr lösen. Doch wenn ich schon daran denke, habe ich ein schlechtes Gewissen», schreibt sie. Die 32-jährige scheint nicht die einzige zu sein, die von solchen Gefühlen geplagt ist. Zahlreiche weitere Forenbeiträge zeigen die tief sitzenden Schuldgefühle erwachsener Kinder, ihren Eltern nie zurückgegeben zu haben, was diese für sie geopfert haben. 

Sie alle können sich komplett entspannen, ginge es nach Barbara Bleisch, Philosophin und Moderatorin der «Sternstunde Philosophie» beim SRF. Denn Kinder schulden ihren Eltern nichts, findet die 44-jährige.

Keine Pflicht zur Pflege

Zwar vermitteln unsere sozialen und rechtlichen Praktiken ein anderes Bild, wie Bleisch in einer Kolumne für das «Philosophie Magazin» im Januar 2017 (Artikel online nicht verfügbar) schreibt. Viele Kinder kümmern sich um ihre betagten Eltern, aus Zuneigung und Dankbarkeit, moralischer Verpflichtung oder aufgrund der gesellschaftlichen Erwartungen. Auch das Recht kennt beispielsweise die Verwandten-Unterstützungspflicht, die erwachsene Kinder zwingt, für ihre pflegebedürftigen und mittellosen Eltern aufzukommen. Doch laut Bleisch irrt sich, wer meint, Kinder zu kriegen sei «garantierte Sozialvorsorge», um die man sich später nicht mehr zu kümmern habe.

«Kinder haben nicht um ihre Erziehung gebeten»

Grund für diese Ansprüche ist das naturgemässe Ungleichgewicht in der Eltern-Kind-Beziehung. Als Kind muss man für Liebe nicht viel tun. Elternsein im Gegenzug bedeutet Verzicht und Aufopferung. Doch dieser Blick auf die Beziehung, der die Schuldigkeit des Kindes betont, ist nach Bleischs Überzeugung nicht hilfreich. Schliesslich haben Kinder weder um ihre Leben noch um ihre Erziehung gebeten. Jemanden in die Pflicht zu nehmen, weil man ihm etwas geschenkt hat, wovon man nicht weiss, ob er es haben wollte, ist unfair, meint Bleisch.

Familie ist kein Tauschgeschäft

Auch bleibt immer unklar, woraus genau die kindliche Gegenleistung für die Fürsorge der Eltern besteht. Familie ist eben kein Tauschgeschäft. Anders als in einer Gläubiger-Schuldner-Beziehung fehlt im Eltern-Kind-Verhältnis schlicht der Vergleichsmassstab. «Eltern werden ihren Kindern nicht vorrechnen, dass sie sie noch fünf Mal besuchen und ein Jahr pflegen müssen, bis die kindliche Schuld beglichen ist – und täten sie es doch, würde dies eher das Ende der Beziehung markieren als deren Fortgang stützen.» Viel wahrscheinlicher ist für Bleisch, dass Kinder sich lebenslang in der Schuld ihrer Eltern sehen – eine grausame Vorstellung! Ist die Beziehung zu den Eltern nicht mehr wertvoll oder gar schädlich, haben Kinder allen Grund, den Kontakt abzubrechen.

Im Gespräch mit dem St. Galler Tagblatt Online führt Bleisch ihren Gedankengang weiter: Angenommen, es gäbe eine Pflicht zur Rückerstattung, könne auch das Kind den Eltern sagen: Ihr schuldet mir etwas, denn ich habe euch zu Eltern gemacht und euch viel Liebe geschenkt.

Dankbarkeit kann man nicht einklagen

Die Eltern-Kind-Beziehung gehört zu den verletzlichsten und prägendsten Banden des Lebens, wie Bleisch schreibt. Wenn man möchte, dass sie fortdauert, muss man sie pflegen. Gerät sie ins Stottern, ist die Enttäuschung oft besonders gross, und der Vorwurf der Undankbarkeit wird geäussert. Doch selbst wenn es möglich wäre, Dankbarkeit einzuklagen, folgen daraus keine konkreten Forderungen. Zu welchen Dankbarkeitsgesten sollten Kinder wie Daniela auch verpflichtet sein? Ähnlich ist der Tenor im Forum, wo andere User Daniela Mut zusprechen: «Auch wenn du deiner Mutter dankbar bist für das, was sie getan hat, musst du dich nicht schuldig fühlen, wenn du deinen eigenen Weg gehst.»

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