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Essstörungen: Magersucht und Übergewicht bei Jugendlichen

Miriam Eisenhauer ist Expertin in Sachen Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Im Interview erklärt sie, dass dünn sein nicht mit Magersucht gleichgesetzt werden darf und warum gesunde Ernährung vorgelebt und weniger propagiert werden soll.

Gesunde Ernährung ist bei Jugendlichen ein schwieriges Thema.

Weil sich viele Jugendliche nicht gesund ernähren und wenig bewegen, leiden sie an Übergewicht. Foto: moodboard, Thinkstock

Sind Essstörungen in der Pubertät normal?

Miriam Eisenhauer: In der Pubertät verändert sich der Körper eines Mädchens sehr schnell, schneller als der der Jungen. Bis sich der kindliche Körper in einen Weiblichen verwandelt, vergeht nicht viel Zeit - vor allem bei dem gegenwärtigen energiereichen Nahrungsangebot. Die Brüste wachsen, die Hüfte wird breiter. Die Psyche kommt da oft nicht nach. Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist daher üblich, genauso wie eine Diät durchführen zu wollen. Ein Grossteil der pubertierenden Mädchen, aber auch viele Jungen, beschäftigen sich mit diesem Thema. Inbesonders, wenn sie sich für Sendungen interessieren in denen ein Leben als Topmodel propagiert wird. Wenn sich das Mädchen negativ über den Körper äussert und dünner werden möchte, müssen Eltern nicht gleich in Panik geraten. Aber sie sollten aufmerksam und mit dem Kind in Kontakt bleiben. Als gestörtes Essverhalten gilt, wenn sich der Mensch ständig mental mit Essen, Nahrung und Gewichtsreduktion beschäftigt. Wenn häufig über den Sättigungspunkt hinaus oder aus Scham heimlich gegessen wird. Und wenn erste extreme Handlungen wie Erbrechen, Hungern über einen längeren Zeitraum, Abführen oder exzessiver Sport betrieben wird, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken.

Welche Rolle spielt das «Schlank-sein-wollen»?

Viele junge Mädchen, die in die Pubertät kommen, möchten der schnellen Körperveränderung entgegen wirken. Durch die allgemein bekannten Schlankheitsideale lassen sich viele Mädchen und auch Jungen beeindrucken und beeinflussen. Als erste Intervention versuchen sie, eine Nulldiät zu machen. Dies scheitert natürlich und endet nicht selten in massiven Essattacken. Kommen noch Probleme in der Familie, Schule oder im Freundeskreis dazu, so ist ein Abrutschen in die Bulimie oder Magersucht möglich.

Wie wirkt sich Bulimie auf die Gesundheit aus?

Durch das Erbrechen verliert der Körper sehr viel Flüssigkeit und Elektrolyte. Ausserdem werden die Speiseröhre und Zähne durch die Magensäure beschädigt. Da aber häufig kein massives Untergewicht auftritt, ist diese Krankheit nicht so gravierend wie die Magersucht. Im krankhaften Untergewichtsbereich ist das Immunsystem geschwächt und somit die Infektionsanfälligkeit erhöht. Der Betroffene verliert Muskelmasse, und das auch an den Organen. Die Knochen lagern Kalzium eher aus als ein. Das erhöht das Osteoporoserisiko. Auch Haarausfall und Unfruchtbarkeit sind Folgen der langen Essenskarenz. Kurzum es ist eine tragische Geschichte. Nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Familien kommen an die Grenzen des Belastbaren, wenn ihr Kind trotz gefülltem Kühlschrank nichts isst.

Arten von Essstörungen

Es gibt verschiedene Störungen des Essverhaltens. Folgende wurden klar deklariert. Daraus gibt es auch Mischformen.

  • Binge Eating Disorder: Beim Binge Eating disorder essen die Betroffenen während einer mehrmals wöchentlich auftretenden Heisshungerattacke unkontrolliert sehr grosse Nahrungsmittelmengen bis ihnen schlecht ist. Die Betroffenen lagern die übermässige Energie in Form von Körperfett ein und leiden somit bald unter Adipositas.
  • Bulimie: Bei der Bulimie essen die Betroffenen auch sehr viel in kürzester Zeit und befreien sich danach aber sofort wieder in Form von Erbrechen. Bei vielen Menschen, die unter Bulimie leiden, hat diese körperliche Befreiung auch einen seelischen Befreiungseffekt.
  • Magersucht: Bei der Anorexia nervosa, übersetzt Magersucht, essen die Betroffenen sehr wenig und werden im Laufe der Zeit untergewichtig.

Quelle: Miriam Eisenhauer

Sollten Eltern, wenn sich ihr Kind für eine Diät entscheidet, diese zum Thema machen?

Genau! Sie sollen nachfragen. Warum machst du Diät? Was bedeutet Diät? Ist Diät gesund? Was passiert dabei im Körper? Eltern können die Gelegenheit nützen, gesunde Ernährung zum Familienthema zu machen. Sie können dann mit ihrem Kind überlegen, wie das Essverhalten in der Familie verbessert werden kann. Sie können fragen, ob das Kind Lust hat etwas Gesundes zu kochen, ein Buch darüber zu lesen oder gemeinsam einen Ernährungsberater aufzusuchen. Wenn die Eltern aber merken, dass sie keinen Zugang zu ihrem Kind finden und sie das Ernährungsverhalten ihres Kindes stark verunsichert, ist es empfehlenswert, sich bei den entsprechenden Beratungsstellen für Essstörungen oder direkt bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Hilfe zu holen. Dies ist aber nur in bestimmten Fällen zu empfehlen. In erster Linie würde ich das «Diät-halten-wollen» nicht überbewerten, und das Kind auf keinen Fall zum Essen zwingen. Dadurch kann eine Negativschleife ausgelöst werden. Bei vielen Pubertierenden geht es darum, neue Grenzen auszutarieren und den eigenen Körper mehr zu beherrschen.

Wann ist der Moment, um hellhörig zu werden?

Eltern sollten beobachten. Isst das Kind regelmässig und normal, wird aber trotzdem dünner, kann es sich auch um einen Wachstumsschub handeln. Der Mädchenkörper verändert sich in dieser Phase von einem kindlichen Körper zu dem Körper einer schlanken jungen Frau. Wenn Eltern aber beobachten, dass das Mädchen zuhause nichts mehr isst, und häufig erzählt, sie hätte ausser Haus gegessen, zum Beispiel bei der Freundin, rate ich wieder zum vorsichtigen Gespräch mit ihr. Nichts mehr essen wollen, um schlank zu werden, ist hilfloses Verhalten, welches von Unwissenheit gegenüber der Wirkung von gesunder Ernährung zeugt.

Miriam Eisenhauer ist Ernährungsberaterin.

Miriam Eisenhauer (Master of Science Ökotrophologe und Ernährungsberater/DGE) betreibt seit 2005 eine eigene Praxis in Frankfurt am Main/Deutschland.

Ihr Angebot umfasst unter anderem personenzentrierte Ernährungsberatung, Ernährungsunterricht, Seminare, Workshops, Vorträge, Gesundheitsförderung in Gemeinschaftseinrichtungen (Schule, Jugendzentrum, Kita, Hort usw.) und Betriebliche Gesundheitsförderung.

Mehr Informationen über Miriam Eisenhauer gibt es unter www.ernaehrungsberatung-eisenhauer.de

Foto: privat

Mit welchen Essstörungen werden Sie am häufigsten in Ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen konfrontiert?

Übergewicht und Adipositas sind die am häufigsten auftretenden Fälle, manchmal bedingt durch Binge Eating, häufig aber einfach durch zu energiereiche Ernährung und Bewegungsmangel. Die Gründe sind vielschichtig, aber ich beobachte oft, dass viele Betroffene aus Trennungsfamilien kommen. Das sind aber wie gesagt nur meine Beobachtungen aus der Praxis. Ich berufe mich hierbei nicht auf Studienergebnisse. Im Rahmen meiner Tätigkeiten in der Vorsorge, also der Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen, spielt die soziale Herkunft die grösste Rolle. Wenn Eltern bezüglich gesunder Ernährung nicht oder falsch aufgeklärt sind und ihren Kindern minderwertiges Essen servieren – im Sinne von stark zucker- und fetthaltig - dann kommt es zu Übergewicht und Adipositas und den damit verbundenen Erkrankungen. Folgen von Adipositas im Wachstumsalter sind unter anderem die Beeinträchtigung des Haltungsapparates, Knochen- und Gelekdeformierungen, sowie Atemwegsbeeinträchtigung, ganz abgesehen von der psychischen Belastung durch Hänseleien und sozialem Ausschluss.

Wenn ich mein Kind vom Babyalter ab an gesunde Ernährung gewöhne und es mit einbeziehe, kann so späteren Problemen beim Essverhalten und Übergewicht vorgebeugt werden?

Auf jeden Fall. Es geht darum gesunde Ernährung in der Familie zu etablieren. Drei bis fünf Mahlzeiten täglich, frisch, gesund, mit Freude gemeinsam zubereitet und verzehrt. So wird ihnen der Wert des Essens vermittelt und die Mahlzeiten werden wichtig. Man trifft sich am Tisch, erlebt Gemeinschaft und Kommunikation. Auch der Umgang mit Süssigkeiten gehört dazu. Diese sind lecker. Sie sollten jedoch als etwas Besonderes angesehen und nur hin und wieder als Nachspeise bewusst genossen werden. Nicht etwa vor dem Fernseher aus Langeweile oder bei Traurigkeit. Süssigkeiten sollten daher auch niemals als Belohnung oder Trost eingesetzt werden, sonst können falsche Konditionierungen entstehen. Gesunde Ernährung sollte von den Eltern und weiteren Erziehern mehr vorgelebt und weniger propagiert werden.

Interview: Natascha Mahle

 

Buch-Tipps zum Thema Essstörungen

  • Kinderernährung gesund & richtig: Essen am Familientisch genießen von Gabi Eugster
  • Wege aus der Essstörung: Magersucht und Bulimie: Wie sie entstehen und behandelt werden. So finden Sie zu einem normalen Essverhalten zurück von Monika Gerlinghoff

 

 

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