Adoptieren: Tipps für zukünftige Adoptiveltern

Wer ein Kind adoptieren möchte, wird sich mit vielen Fragen auseinandersetzen. Neben der administrativen Seite einer Adoption machen sich adoptionswillige Paare auch Gedanken über das Zusammenleben und Zusammenwachsen als Familie. Wir haben uns mit Adoptionsexpertin Brigit Stähelin unterhalten.

Ein Kind zu adoptieren geht mit vielen Fragen einher.

Familien, die aus einer Adoption entstanden sind, können eine ebenso enge Bindung haben wie Familien mit leiblichen Kindern. Foto: iStock, Thinkstock

Frau Stähelin, Sie beraten und betreuen Paare vor, während und nach einer Adoption. Was sind die berührendsten Momente, die Sie in Ihrer Arbeitspraxis erleben?

Brigit Stähelin: Mich berührt es, mit welchem Stolz manche Adoptiveltern nach der Aufnahme ihr Kind bei mir vorstellen kommen oder ein Foto schicken. Es berührt mich, wenn ich in einem Beratungsgespräch merke, dass Adoptiveltern wieder Zugang zu den Gefühlen des Kindes finden. Mich berührt es, wie gross die Sehnsucht des adoptierten Kindes ist, von seinen Eltern geliebt zu werden – unabhängig davon, ob die Beziehung gut oder belastet ist!

Erleben Sie auch traurige Momente?

Mich beschäftigt es, wenn wartende Paare geeignet wären, aber äussere Umstände für eine Adoption nicht optimal sind, beispielsweise wenn eine ernsthafte Erkrankung der Frau oder des Mannes mit ungewisser Prognose vorliegt oder wenn beide viel und unregelmässig arbeiten müssen, um genügend Geld zu verdienen. Ein verunsichertes Kind sollte bei seiner neuen Familie in keine unruhige Situation kommen.

Mit welchen Fragen sollten sich Paare vor der Adoption befassen?

Wollen beide ein Kind adoptieren? Ist das Paar bereit, für den Bindungsaufbau viel Zeit zu investieren und eventuelle berufliche Einschränkungen in Kauf zu nehmen? Bei welcher Vermittlungsstelle oder für welches Herkunftsland erfüllen sie die Kriterien? Kann das Paar eine positive Haltung zum Herkunftsland des Kindes entwickeln?

Welche Eigenschaften sollten Adoptiveltern mitbringen?

Gute Adoptiveltern interessieren sich für die Gedanken und Gefühle des Kindes. Sie nehmen seine Bedürfnisse wahr, reagieren feinfühlig darauf und sind bereit, so viel Zeit wie möglich mit ihrem Kind zu verbringen. Adoptiveltern müssen keine perfekten Eltern sein. Sie sollten keine fixen Vorstellungen vom Kind haben oder davon, wie sich das Kind zu jedem Zeitpunkt verhalten sollte. Stattdessen sollten sie neugierig sein und sich gerne mit dem Kind auseinandersetzen.

Und wenn das Kind zu Beginn noch kein Vertrauen hat?

Hat das Kind eine unsichere Bindung, so brauchen Adoptiveltern viel Selbstbewusstsein, damit sie weder am Kind noch an sich zweifeln und sich durch eine eventuell kritische Beobachtung durch die Umwelt nicht verunsichern lassen. Zudem benötigen sie eine gewisse Frustrationstoleranz. Die wichtigste Eigenschaft einer Mutter oder eines Vaters ist die Geduld.

Haben Adoptiveltern die gleichen Probleme wie Eltern mit leiblichen Kindern?

Adoptierte Kinder sind normale Kinder. Es stimmt nicht, dass alle adoptierten Kinder Probleme haben. Viele entwickeln sich völlig unauffällig. Nicht jedes Verhalten sollte mit der Adoption gedeutet werden. Zu einem Kinderalltag gehören neben Freude auch Sorgen und Ärger.

Welche sind das bei Adoptivkindern?

Auch ein Kind, das direkt nach der Geburt zur Adoption gegeben wurde, wird sich irgendwann die Frage stellen: „Warum?“ Einige Kinder kann diese Frage so belasten, dass sie in der Kindheit und Jugend Unterstützung brauchen. Es macht Sinn, sensibel auf diese Verletzlichkeit einzugehen. Eventuell hat das Kind besonders Angst davor, verlassen oder abgelehnt zu werden. Dies kann zu einer konfliktreicheren Erziehung führen. Es ist falsch, mit einer besonders strengen oder sehr verhaltenstherapeutischen Erziehung zu reagieren. Eine heilpädagogische Erziehung, die jedem Kind gut tut, kann in dieser Situation helfen, dass das Kind in sich und seine Eltern Vertrauen gewinnen kann.

Was ist hilfreich für das Zusammenwachsen einer Familie, wenn Adoptiveltern und Kinder aus unterschiedlichen Kulturen oder derselben Kultur kommen?

Auch wenn das Kind aus einer anderen Kultur kommt, kann die Bindung genau so eng werden wie bei einem leiblichen Kind. Da der Bindungsaufbau gemeinsam verbrachte Zeit braucht, ist es für das Zusammenwachsen als Familie wichtig, dass die Eltern viel Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Die Herkunftskultur sollte weder künstlich betont noch tabuisiert werden. Hilfreich ist ein entspannter Umgang, eine neugierige Haltung und Offenheit beim Kennenlernen von Menschen aus dem Herkunftsland. Wenn der Jugendliche oder junge Erwachsene später sein Herkunftsland kennenlernen will, so ist es sehr empfehlenswert, wenn die Adoptiveltern ihn unterstützen und das Kind begleiten. Adoptiveltern sollen dem Kind ein positives Bild seines Herkunftslandes vermitteln. Ebenso wichtig ist aber auch, dass das Kind spürt, dass es 100% Schweizer ist und dass man als Schweizer verschieden aussehen kann.

Wie können Eltern mit Sprachbarrieren umgehen?

Spricht das Kind eine andere Sprache, so ist das in der Regel kein Problem. Kinder lernen eine Sprache sehr schnell. Viel wichtiger ist in der Anfangszeit und auch später die nonverbale Kommunikation! Einige Kinder brauchen wegen der mangelnden Betreuung bei der Sprachentwicklung  Unterstützung. Das hat aber nichts mit ihrer Herkunft zu tun, denn das würde einem Schweizer Kind auch so gehen.

Sie beraten auch Adoptierte. Gibt es oft eine grosse Sehnsucht, die leiblichen Eltern kennenzulernen?

Fast jedes adoptierte Kind beschäftigt sich während des Aufwachsens mit seiner leiblichen Mutter. Es gibt alterstypische Phasen. Einige Kinder haben eine grosse Sehnsucht nach ihrer leiblichen Mutter, für andere spielt es nur vorübergehend eine Rolle oder sie haben kein Bedürfnis, sich damit auseinanderzusetzen. Es ist nicht so, dass jedes adoptierte Kind seine leibliche Mutter kennenlernen muss, weil ihm sonst ein Puzzleteil fehlt und es dadurch kein glückliches Leben führen kann.

Wie können Adoptiveltern mit dieser Sehnsucht umgehen?

Das Kind sollte spüren, dass es mit seinen Eltern über seine leibliche Mutter reden kann, ohne Angst zu haben, dadurch die Liebe der Adoptiveltern zu verlieren.

Das adoptierte Kind darf mit 18 Jahren die Identität seiner leiblichen Eltern (sofern bekannt) erfahren – vorher nur mit Zustimmung der Adoptiveltern. Die leibliche Familie sollte beim Aufwachsen ein Teil der Adoptionsgeschichte sein. Sehr wichtig ist die Haltung der Adoptiveltern der leiblichen Mutter gegenüber. Das Kind spürt diese Haltung. Ist sie von Respekt und Dankbarkeit geprägt, so wird das Kind mehr mit seinen Adoptiveltern reden und es wird sich angenommen und geliebt fühlen.

Viele Adoptiveltern fürchten sich vor dem Moment, in dem ihr Kind seine leiblichen Eltern kennenlernt.

Will ein Kind seine leibliche Mutter beziehungsweise leibliche Familie kennenlernen, so hat das Kind neben Hoffnungen auch Ängste. Deshalb sollten die Adoptiveltern ihm dabei helfen. Sie müssen keine Angst haben, die Liebe des Kindes zu verlieren. Unterstützen sie das Kind, so wird die Bindung gestärkt.

Zur Person

  • Brigit Stähelin ist ausgebildete Heilpädagogin und selbst dreifache Adoptivmutter. Sie berät und begleitet Adoptionsinteressierte, Adoptiveltern, Adoptierte und Fachleute.
  • Mehr Informationen über ihre Arbeit finden sich auf ihrer Website: www.adopt-beratung.ch

im Oktober 2013

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