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Baby-led-weaning (BLW): Wenn Babys Fingerfood statt Brei bekommen

Brauchen Kinder Babybrei? «Nein», meinen die Verfechter einer Art der Baby-Ernährung, die immer mehr Eltern begeistert. Bei Baby-led-weaning (BLW) gibt’s Fingerfood, mit dem sich Babys von Anfang an selbstbestimmt ernähren. Mit Baby-led-weaning können Sie starten, sobald Ihr Kind selbstständig im Hochstuhl sitzt. Das Vorurteil, dass die Methode gefährlich sei, hält sich hartnäckig: Aber wenn man einiges beachtet, profitiert das Kind von Baby-led-weaning. 

Baby-led-weaning: Baby isst Fingerfood

Fingerfood statt Brei: Bei Baby-led-weaning lernen Kinder von Anfang an selbstbestimmt zu essen. Bild: GettyImages Plus, CStorz

Baby-led-weaning (BLW): Das Wichtigste in Kürze

  • Kinder, die nach der Baby-led-weaning-Methode ernährt werden, werden nicht mit Brei gefüttert. Sie essen von Beginn an selber – vor allem Fingerfood. Diese Lebensmittel eignen sich für den Start.
  • Mit Baby-led-weaning können Sie beginnen, wenn Ihr Kind im Hochstuhl sitzen kann. Mehr zur Beikosteinführung mit BLW. 
  • Baby-led-weaning ist für kleine Kinder weniger gefährlich als man meint: Der Würgereflex sitzt bei Babys weiter vorne und schützt sie vor dem Verschlucken. Mehr. 
  • Baby-led-weaning hat den Vorteil, dass Kinder eine gesunde Einstellung zum Essen und zu Lebensmitteln entwickeln. Ein Experte erklärt warum.

Laura ist ein halbes Jahr alt. Zeit für den ersten Babybrei, oder? Nein, Laura wird breifrei ernährt. Statt Brei erhält sie Fingerfood, das sie selbst in die Faust nehmen kann. Zufrieden mümmelt sie gerade ein Stück Banane. Laura bestimmt selbst, wie viel und was sie isst. Ihre Eltern setzen auf Baby-led-weaning.

Das ist Baby-led-weaning

Baby-led-weaning (BLW), so heisst das Programm, das auf Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt wurde. Übersetzt bedeutet es «vom Baby geführtes Abstillen». Das Baby wird nicht gefüttert, sondern nimmt von Anfang an statt Babybrei feste Nahrung in Form von Fingerfood zu sich, ganz selbstbestimmt. Das Programm basiert auf einer Studie, die Gill Rapley, Mütterpflegerin, Hebamme und Stillberaterin aus Kent in England, 2004 durchgeführt hat.

So funktioniert Baby-led-weaning: Die Grundlagen

Bei Baby-Led-Weaning bekommt das Kind keinen Brei. Es bekommt von Anfang an Fingerfood. Die Idee dahinter: Kinder haben einen natürlichen Entdeckergeist. Sie wollen selbst herausfinden, was es mit den Nahrungsmitteln auf sich hat. Anders als bei Babys, die Brei erhalten, entscheiden sie so selbst was und wie viel sie davon essen. Und anders als Brei-Kinder erkunden sie selbstständig erst Geschmack und Konsistenz der Nahrung. Erst nach und nach lernt das Kind, kleine Stückchen abzubeissen und schliesslich zu kauen und zu schlucken.

Beikost einführen mit Baby-led-weaning: So geht's

Sie wollen mit Baby-led-weaning starten? Lassen Sie Ihr Baby am Familientisch teilhaben. Offerieren Sie Ihrem Baby veschiedene Lebensmittel und lassen sie es erkunden und experimentieren. Wichtig ist: Weich sollte das Fingerfood am Anfang sein! Harte Stückchen beinhalten die Gefahr, dass sich das Baby gefährlich verschluckt.

Ab wann Sie mit Baby-led-weaning starten können

Sie können mit Baby-led-weaning starten, sobald Ihr Kind selbst im Hochstuhl sitzen kann. Bei den meisten Kindern ist dies ungefähr im sechsten Monat der Fall. Das Kind sollte dann alle motorischen Fähigkeiten haben, die es braucht. Sinnvoll ist es, das Baby von Anfang an in die Familienmahlzeiten zu integrieren. So lernt es nicht nur am Vorbild, was essbar ist, es wird auch neugierig. 

Mitessen am Familientisch: Wenn Kinder im Hochstuhl sitzen können, können sie dank Baby-led-weaning selbstständig an der Familienmahlzeit teilnehmen. Bild: TommL

Die ersten Lebensmittel bei Baby-led-weaning

Rohe Rüebli und Äpfel sind erst einmal tabu. Sinnvoll ist stattdessen weich gekochtes Gemüse wie Brccoli-Röschen, Zucchetti, Kartoffeln oder auch weiche Früchte. Je geübter der kleine Esser wird, desto breiter wird die Palette an Nahrungsmitteln. Auch bei Nudeln, Hähnchensticks, Linsenpuffern, Spiegeleiern und Fischküchlein greifen Babys gern zu. Klar, dass das Fingerfood keine für Babys gefährlichen Bestandteile wie Salz, Zucker und Kuhmilch enthalten darf.

Lassen Sie Ihr Baby ausprobieren. Es ist dabei auch ganz egal, wie viel Ihr Kind ist. Die Autorin des Ratgebers «Die neue Baby-Ernährung» (GU-Verlag), Susanne Klug, warnt: «Stecken Sie Ihrem Baby nichts in den Mund, um es so zum Essen zu animieren. Beim Selbstständig-essen-lernen bestimmt nur Ihr Kind, wann was im Mund landet!»

Der Würgereflex als Schutz

Sie werden sehen, wenn Sie das Abenteuer BLW wagen: Ihr Kind wird oft lautstark würgen. So gruselig und erschreckend das ist – bleiben Sie ruhig und haben Sie Vertrauen in Ihr Kind, rät George Marx, Leitender Gastroenterologe am KISPI St. Gallen und Autor des Buchs «Kinderernährung- Expertenwissen für den Alltag». Der Würgereflex ist bei kleinen Kindern viel weiter vorne als bei Erwachsenen. Das schützt das Kind in den meisten Fällen gut vor der Gefahr, etwas zu verschlucken. Ein Vorteil von Baby-led-weaning: Kinder lernen den Umgang mit fester Kost früher. Bekommt ein Baby Brei, gewöhnt es sich daran, alles sofort zu schlucken. Den Lernprozess macht es also erst später. Falls Sie sich unsicher fühlen, besuchen Sie einen Kurs für Notfälle bei Kleinkindern. Dort lernen Sie, wie Sie reagieren müssen, wenn sich Ihr Kind verschluckt. 

Zuerst grosse Stückchen, später kleine

Was kommt zuerst bei Baby-led weaning? Die eigentliche Frage ist wie. Denn ob Gemüse, Fleisch oder Früchte: Zunächst sind die Stückchen des Fingerfoods so gross, dass das Baby sie gut in seiner Faust halten kann. Schön, wenn der Rest der Familie das Gleiche isst. So erfährt das Baby: Ich gehöre dazu!

Je besser das Kind greifen kann, desto kleiner werden die Stücke. Babys müssen erste den sogenannten Pinzetten-Griff lernen. Damit können sie dann auch kleine Stücke greifen. Nach und nach werden die Stückchen kleiner. Eltern staunen oft, mit wie viel Geduld das Baby kleine Essensstücke dank Pinzetten-Griff aufpickt. Nach und nach werden die Mengen immer grösser. Gleichzeitig wird die Menge an Milch, die es trinkt, immer kleiner.

Keine Angst vor der Sauerei: Essen will gelernt sein

Baby-led-weaning wird für Geschmiere sorgen. Auch wenn Laura isst, entsteht oft eine grosse Mantscherei. Klar, dass sie die Konsistenz der Nahrungsmittel erforschen will und manches dabei komplett zerdrückt. Immer wieder landet auch Essen auf dem Boden. Ihre Mutter legt daher immer eine abwaschbare Unterlage unter den Stuhl und hängt Laura einen grossen Latz um. 

Mit allen Sinnen: Bei BLW lernen Kinder die Konsistenz, den Geschmack und die Form des Essens kennen und damit umzugehen. Bild: lisegagne, GettyImages Plus

Ist Baby-led-weaning gefährlich?

Bis heute hält sich das Vorurteil, das Baby-led-weaning gefährlich sei, da Kinder mit dem Essen eher spielen würden und so nicht genügend Nährstoffe bekommen. Ausserdem besteht natürlich immer die Gefahr des Verschluckens. Doch wenn die Beikostreife abgewartet wird, ist die Gefahr nicht grösser als bei Brei. Kinder profitieren sogar von BLW: Sie lernen nämlich früher als Brei-Babys, Nahrung im Mund bewusst zu manövrieren und zu bearbeiten.

Das sagt der Experte:

Baby-led-weaning beinhaltet den Beginn der Einnahme von fester Nahrung zu einem frühen Zeitpunkt, meist zwischen dem 6. und 8. Lebensmonat – je nach Fähigkeiten des Säuglings. Der Säugling muss dazu bereit sein, die motorischen und neurologischen Fähigkeiten haben. Gleichzeitig müssen die Eltern ein grosses Vertrauen in ihr Kind haben. Das sind die Voraussetzungen.

Die Vorteile von Baby-led-weaning sind, dass die Kinder frühzeitig lernen, mit fester Nahrung umzugehen, sie lernen Strukturen, Farben und Konsistenzen besser kennen und werden früher autonom. Zudem ist es oft so, dass sie früher lernen das Hungergefühl zu regulieren und neigen weniger zu frühkindlichen Ess- und Futterstörungen. Ebenfalls sind Kinder, die so ernährt werden weniger häufig übergewichtig. Zudem werden sie auch oft  länger gestillt. Das ist alles sehr positiv.

Aber Baby-led-weaning ist wirklich nur eine Methode ist für gut entwickelte Säuglinge. Schwächere oder unreifere Säuglinge sind dafür nicht geeignet, sie verschlucken sich öfter und bekommen auch nicht genügend Nahrung und neigen zur Mangelernährung. Kinder die krank, oder neurologisch auffällig, oder von ihrer Entwicklung etwas verzögert oder vom Wachstum eher verzögert sind, eignen sich nicht fürs BLW. Auch bei Säuglingen mit eher ängstlichen Eltern sollte diese Methode nicht angewendet werden.

George Marx, Leitender Gastroenterologe am KISPI St. Gallen und Autor des Buchs «Kinderernährung- Expertenwissen für den Alltag»