Zum Inhalt
Baby > Stillen & Ernährung

Schützt Stillen Kinder vor Übergewicht? Was die Studien zeigen

Gestillte Kinder sind später etwas seltener übergewichtig – das zeigen viele Beobachtungsstudien. Die einzige grosse randomisierte Studie zum Thema fand allerdings keinen Effekt. Was heisst das für dich, und wie lange solltest du stillen?

Stillen kann helfen beim Baby das Risiko für Übergewicht zu senken.
Ob Stillen wirklich vor späterem Übergewicht schützt, ist wissenschaftlich weniger klar, als es oft klingt. Foto: iStock, Thinkstock

Seit Jahrzehnten wird untersucht, ob zwischen Stillen und späterem Übergewicht ein Zusammenhang besteht. Die Antwort fällt je nach Studientyp unterschiedlich aus – und genau das ist der Kern der Sache. Kurz zusammengefasst: Ein Zusammenhang ist gut belegt, eine Ursache-Wirkungs-Beziehung dagegen nicht. Die Eidgenössische Ernährungskommission formuliert es deshalb vorsichtig: Stillen «kann neben anderen Vorteilen auch zu einer Risikominderung für eine spätere Adipositas beim Kind beitragen» [1].

Was die Beobachtungsstudien zeigen

Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von 2003 wertete elf Studien mit jeweils mindestens 100 Kindern pro Ernährungsgruppe aus. Acht davon fanden bei gestillten Kindern ein geringeres Übergewichtsrisiko, auch nachdem mögliche Störfaktoren herausgerechnet worden waren; den drei Studien ohne Zusammenhang fehlten Angaben dazu, wie ausschliesslich gestillt worden war [2]. Die Autorin schrieb allerdings schon damals dazu: Falls der Zusammenhang ursächlich ist, dürfte der Effekt des Stillens klein sein – verglichen mit anderen Einflüssen auf das Gewicht wie dem Übergewicht der Eltern [2].

Eine der bekanntesten Einzelstudien stammt aus den USA: Bei gut 15'000 Jugendlichen zwischen 9 und 14 Jahren war die Chance auf Übergewicht bei denen, die als Säuglinge überwiegend Muttermilch bekommen hatten, um rund 22 Prozent geringer als bei überwiegend mit der Flasche ernährten Kindern (Odds Ratio 0,78) [3]. Wer mindestens sieben Monate gestillt worden war, lag gegenüber höchstens drei Monaten bei einer Odds Ratio von 0,80 [3]. Das ist der viel beschriebene «Dosis-Wirkungs-Zusammenhang»: mehr Stillzeit, etwas weniger Risiko. Er zeigte sich aber längst nicht in allen Studien [2].

Warum diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen sind

Beobachtungsstudien vergleichen Familien, die stillen, mit Familien, die nicht stillen – und diese Familien unterscheiden sich in vielem: in Bildung, Einkommen, Rauchverhalten und auch im Gewicht der Mutter – bei Müttern mit Adipositas treten zudem häufiger Stillschwierigkeiten auf [1]. Rechnet man solche Faktoren heraus, schrumpft der Effekt deutlich.

Genau das zeigt eine im Auftrag der WHO erstellte Übersichtsarbeit von 2015: Über alle 113 ausgewerteten Studien hinweg lag die Chance auf Übergewicht oder Adipositas bei gestillten Personen bei einer Odds Ratio von 0,74. Betrachtet man nur die elf methodisch hochwertigen Studien, bleibt eine Odds Ratio von 0,87 – also noch rund 13 Prozent [4]. Für Typ-2-Diabetes fand dieselbe Arbeit einen deutlicheren Zusammenhang (Odds Ratio 0,65), für Cholesterin und Blutdruck dagegen keinen [4].

Die randomisierte Studie fand keinen Effekt

Den bisher stärksten Test lieferte eine cluster-randomisierte Studie in Belarus, kurz PROBIT. 31 Geburtskliniken wurden per Zufall zugeteilt: Die eine Hälfte führte ein intensives Stillförderungs-Programm ein, die andere behielt die übliche Betreuung bei. Insgesamt 17'046 Mutter-Kind-Paare nahmen teil [5].

Das Programm wirkte deutlich – mit drei Monaten wurden in den Förder-Kliniken 43 Prozent der Babys ausschliesslich gestillt gegenüber 6 Prozent in den Vergleichskliniken. Bei der Nachuntersuchung von 13'879 Kindern im Alter von im Median 11,5 Jahren zeigte sich trotzdem kein Vorteil: kein Unterschied beim BMI, beim Körperfettanteil, beim Bauchumfang. Für Übergewicht lag der Wert in der Förder-Gruppe sogar leicht höher (Odds Ratio 1,18) [5]. Das Fazit der Forschenden: Stillen habe viele Vorteile, aber Programme zur Verlängerung der Stillzeit würden die Übergewichts-Epidemie voraussichtlich nicht bremsen [5].

Das heisst nicht, dass Stillen dick macht. Es heisst: Der in Beobachtungsstudien gefundene Vorsprung gestillter Kinder liess sich nicht reproduzieren, als das Stillverhalten gezielt verändert wurde. Ein Teil des Zusammenhangs geht also vermutlich auf die Unterschiede zwischen den Familien zurück – und nicht auf die Muttermilch.

Wie lange stillen? Das empfehlen Schweizer Fachstellen

Unabhängig von der Übergewichtsfrage bleibt die Empfehlung eindeutig, denn Stillen hat eine ganze Reihe anderer, gut belegter Vorteile. Die Eidgenössische Ernährungskommission schliesst sich der WHO-Empfehlung an: rund sechs Monate ausschliesslich stillen und danach – mit Beikost – weiterstillen, so lange Mutter und Kind das möchten [1]. Beikost soll frühestens nach dem vollendeten 4. Lebensmonat und spätestens zu Beginn des 7. Lebensmonats dazukommen [1].

Eine feste «optimale» Stilldauer, ab der das Übergewichtsrisiko am tiefsten wäre, lässt sich aus der Studienlage nicht ableiten. Wann für euch der richtige Zeitpunkt zum Abstillen ist, hängt von euch beiden ab – nicht von einer Monatszahl aus einer Studie.

Sprechzimmer

Drei Erklärungen, die diskutiert werden

Falls Stillen tatsächlich einen eigenständigen Beitrag leistet, kommen dafür vor allem diese Mechanismen in Frage:

  • Das Baby bestimmt die Menge selbst. An der Brust muss dein Baby aktiv saugen und hört auf, wenn es satt ist. Aus der Flasche fliesst die Milch leichter nach, und viele Eltern möchten die Flasche gerne leer sehen. Dazu kommt: In der Muttermilch steckt das Hormon Leptin, das dem Körper Sättigung signalisiert.
  • Der Eiweissgehalt. Säuglingsnahrung enthält mehr Eiweiss als Muttermilch. Eine frühe, hohe Eiweisszufuhr steht im Verdacht, das spätere Gewicht zu beeinflussen. Deshalb empfiehlt die Eidgenössische Ernährungskommission für nicht oder nicht voll gestillte Säuglinge ausdrücklich Säuglingsnahrung mit einem eher niedrigen Eiweissgehalt, der dem der Muttermilch angenähert ist [1].
  • Die Familie drumherum. Eltern, die stillen, unterscheiden sich statistisch in Bildung, Einkommen und Lebensstil von Eltern, die nicht stillen. Das ist streng genommen keine Wirkung des Stillens, sondern die wichtigste Alternativerklärung für den beobachteten Zusammenhang [5].

Was das für dich bedeutet

Stillen ist empfehlenswert – aber nicht, weil es dein Kind zuverlässig vor Übergewicht bewahren würde. Andere Einflüsse auf das Gewicht im Kindesalter – allen voran das Übergewicht der Eltern – wiegen nach heutigem Wissensstand deutlich schwerer [2]. Wenn dein Kind später zu viel zunimmt, liegt das also nicht daran, dass du zu kurz gestillt hast; und wer nicht stillen kann oder will, muss sich deswegen keine Vorwürfe machen. Wenn das Stillen wehtut oder nicht klappt, helfen Stillberaterinnen, Hebammen und die Mütter- und Väterberatung weiter – die häufigsten Stillprobleme lassen sich meist gut lösen.

Und falls dein Kind bereits zu viel wiegt: Fachleute raten bei Kindern klar von Diäten ab und setzen stattdessen bei Alltag, Bewegung und Familienessen an – mehr dazu im Beitrag Übergewicht bei Kindern.

Quelle des ursprünglichen Textes: Sprechzimmer

Quellen

  1. Eidgenössische Ernährungskommission (EEK): «Ernährung in den ersten 1000 Lebenstagen – von der Konzeption bis zum 3. Geburtstag». Zusammenfassung und Empfehlungen, 2015, herausgegeben vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV. PDF auf blv.admin.ch (abgerufen am 09.08.2026)
  2. Dewey KG: «Is breastfeeding protective against child obesity?» Journal of Human Lactation, 2003;19(1):9–18. Abstract auf PubMed (abgerufen am 09.08.2026)
  3. Gillman MW et al.: «Risk of overweight among adolescents who were breastfed as infants.» JAMA, 2001;285(19):2461–2467. Abstract auf PubMed (abgerufen am 09.08.2026)
  4. Horta BL, Loret de Mola C, Victora CG: «Long-term consequences of breastfeeding on cholesterol, obesity, systolic blood pressure and type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis.» Acta Paediatrica, 2015;104(467):30–37. Abstract auf PubMed (abgerufen am 09.08.2026)
  5. Martin RM et al.: «Effects of promoting longer-term and exclusive breastfeeding on adiposity and insulin-like growth factor-I at age 11.5 years: a randomized trial.» JAMA, 2013;309(10):1005–1013. Abstract auf PubMed (abgerufen am 09.08.2026)

0 Kommentare

?

Meistgelesene Artikel

Anmelden oder Registrieren

Melde dich kostenlos an und diskutiere mit anderen Eltern und speichere deine Artikel.
Anmelden Registrieren

Speichere deine Artikel

Logge dich ein oder erstelle einen Account und du kannst deine Artikel für später speichern.
Anmelden Registrieren