Der schmale Grat als Hobby

Slacklinen boomt seit einigen Jahren als Sportart für den Sommer. Dabei ist die Disziplin mehr als ein kurzfristiger Trend. Der mehrfache Weltrekordhalter Samuel Volery sagt, was es braucht, damit es mit dem Balancieren klappt.

Slacklinen ist ein beliebter Sport im Sommer

Wer genug Geduld aufbringt, kommt mit der Zeit hoch hinaus: Eine Frau balanciert auf einer Slackline. (Bild: Kasto80/iStock, Thinkstock)

Ob als kleines Kind auf einer schmalen Gartenmauer, während der ersten Verliebtheit an der romantischen Seepromenade oder bei einem Waldspaziergang auf einem Baumstamm: Auf Hindernissen balancieren gehört zu den Grundfaszinationen des Menschen. Kein Wunder also, dass Slacklinen – also das Gleichgewicht halten auf einem rund zwei Zentimeter breiten Polyester-Band – sich seit der Jahrtausendwende einer so grossen Beliebtheit erfreut.

In der Schweiz üben Schätzungen zufolge rund 100'000 Leute diesen Sport mehr oder weniger regelmässig aus. Manche probieren an einem Grillfest zum Zeitvertrieb aus, ob sie es schaffen, über das Band zu gehen, einige Hobbysportler spannen ihr Set regelmässig in einem öffentlichen Park auf, aber auch Spitzensportler wie etwa Skirennfahrer trainieren auf der Slackline ihr Gleichgewicht.

Von der Reha zum Weltrekord

Einer, der regelmässig wortwörtlich auf einem schmalen Grat geht, ist Samuel Volery. Der 33-jährige Extremsportler hat international für Aufsehen gesorgt, als er 2016 auf einer sogenannten Highline zwischen den beiden Churfirstengipfeln Schibenstoll und Zuestoll balancierte – mehrere hundert Meter über der Erde, über eine Distanz von 540 Metern. Volery hat bereits mehrere Weltrekorde im Highlinen aufgestellt. Erst im Mai diesen Jahres setzte er mit einer 1210 Meter langen Strecke im ostanatolischen Malatya (Türkei) eine neue Weltbestmarke. Das Beachtliche dabei ist, dass Volery nicht etwa schon seit Kinderbeinen auf einer Highline steht, sondern erst nach einem Kreuzbandriss am Knie 2008 mit dem Slacklinen als Rehabilitationsmassnahme begann.

Slackline-Profi Sam Volery

Zur Person

Samuel Volery studierte an der ETH Zürich Bewegungswissenschaften und gründete 2006 mit einem Studienfreund die Firma Slacktivity. Diese entwickelt und vertreibt Slackline-Material und bietet Kurse an. Der 33-jährige Ustemer ist mehrfacher Weltrekordhalter im Slacklinen und trainiert pro Woche rund 15 Stunden auf dem Band.

Samuel Volery auf seiner Highline zwischen den Churfirsten

Unerwegs zwischen zwei Berggipfeln: Samuel Volery auf seiner Highline zwischen den Churfirsten. (Bilder: zVg/Slacktivity, Tobias Rodenkirch)

Man mag das Highlinen als waghalsig und gefährlich bezeichnen und Volery selbst vielleicht gar für lebensmüde halten. Doch der junge Freestyle-Sportler selbst findet, seine Sportart sei ungefährlich. «Ich zähle es nicht zu den Extremsportarten, weil ich sehr gut gesichert bin», sagt er. «Wenn ich das Gleichgewicht verliere, falle ich sehr weich in mein Sicherungsseil und kann problemlos wieder auf die Slackline aufsteigen.» Sogar wenn das Band reissen würde, ist der Slackliner gesichert und stürzt nicht ab. Volery sagt, ihm sei nur ein Unfall bekannt, der leider tödlich ausging. Der Freestyler verwendete damals falsches Material, das man heute nicht mehr verwende. Trotz der vielen Sicherheitsmassnahmen ist das Highlinen keine Disziplin für jedermann: Es braucht jahrelanges Training, um sich das Können anzueignen und bedarf einer intensiven Vorbereitung eines ganzen Teams, damit ein Highline-Walk erst möglich ist.

Durch Geduld zum Erfolg

Volery ist überzeugt, dass sich das Slacklinen für jedermann eignet und sowohl Kindern als auch Erwachsenen gut tut. «Man weiss heute, dass das Balancieren auf dem Band nicht nur gut für das Gleichgewicht ist, sondern auch die Körperkoordination insgesamt und die Konzentrationsfähigkeit verbessert», so der studierte ETH-Bewegungswissenschaftler. Wenn Kinder die Möglichkeit haben, im heimischen Garten das Balancieren zu üben, sind sie laut Volery ab etwa vier Jahren fähig, auf der Slackline zu balancieren. «Bei jüngeren Kindern würde ich erst versuchen, dass sie im Sitzen das Gleichgewicht halten können.»

Doch die Sportart erfordert in einem ersten Stadium vor allem eins: Geduld. «Viele Leute glauben, es sei das oberste Ziel, möglichst schnell eine weite Strecke auf der Slackline gehen zu können», stellt Volery fest, wenn er in seiner Firma Kurse leitet. Dabei gebe es 50 bis 100 verschiedene Positionen auf dem Band, die teilweise sogar leichter seien als das Gehen. «Das wichtigste ist, dass man nicht nach drei Mal Gleichgewicht verlieren sagt ‹kann ich nicht› und aufgibt.» Stürze seien beim Slacklinen normal und es bestehe auch keine grosse Verletzungsgefahr, wenn man richtig vorgehe. Wichtig sei vor allem, dass man das Band zu Beginn nur etwa auf Kniehöhe straff spanne, damit man problemlos auf- und wieder absteigen kann. Und Volery ermutigt: «Mit dem nötigen Durchhaltewillen schaffen es auch bislang Unsportliche, nach einer Stunde eine fünf Meter lange Strecke auf der Slackline zu gehen.»

Slackline-Tipps für Anfänger vom Profi

Ausrüstung

  • Wenn Sie selbst eine Slackline spannen wollen, lohnt sich der Kauf eines Komplett-Sets (Kosten: zirka 100 bis 200 Franken). Darin enthalten ist ein 15 Meter langes Polyester-Band, ein teppichähnlicher  Baumschutz, eine Schlinge, um die Slackline am Baum zu befestigen und eine Rätsche zum Spannen. Obwohl ein Baumschutz nicht obligatorisch ist, sollte man sorgsam mit der Natur umgehen. Weil die Belastung am Baum sehr hoch ist, kann er ungeschützt ernsthaften Schaden davontragen.
  • Für Anfänger ist ein Band von 2,5 – 3,5 Zentimetern Breite ideal. Breitere Bänder kippen leichter zur Seite, was das Balancieren erschwert.

Sicherheit

  • Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) rät, zum Slacklinen keine Spannsets aus dem Baumarkt oder Komponenten von Kletterausrüstungen zu verwenden. Die Spannsets halten den Belastungen möglicherweise nicht stand, Alu-Karabiner aus dem Kletterbereich können möglicherweise brechen.
  • Spannen Sie das Band im Freien über einem weichen Untergrund um einen stabilen Baum (mindestens 30 Zentimeter Durchmesser). Spannen Sie die Slackline nicht um einen Laternenpfahl oder ähnliches! Dieser könnte unter der Belastung brechen.
  • Wenn Sie die Slackline in einer Sporthalle spannen wollen, klären Sie mit dem Hallenwart vorher ab, wo sie das Band verankern können. Achtung: Sprossenwände halten dieser Belastung nicht stand!
  • Ratschen müssen nach dem Spannen richtig geschlossen werden und der Hebel sollte nach unten zeigen
  • Stellen Sie sicher, dass sich im möglichen Fallwinkel von zirka 1,5 Metern links und rechts von der Slackline keine Gegenstände befinden
  • Spannen Sie die Slackline zu Beginn auf einer Höhe von rund 30 Zentimetern und einer Distanz von drei bis fünf Metern

Erste Schritte

  • Spannen Sie das Band straff, das erleichtert es zu Beginn, das Gleichgewicht zu halten
  • Steigen Sie schwungvoll auf und stossen Sie sich mit dem Fuss am Boden leicht ab
  • Stellen Sie den Fuss gerade auf das Band und halten Sie den Körper aufrecht
  • Richten Sie den Blick auf den gegenüberliegenden Ankerpunkt
  • Gehen Sie leicht in die Knie und versuchen Sie, auf einem Fuss stehen zu bleiben
  • Versuchen Sie, mit vollem Körpereinsatz auf der Slackline zu bleiben und sich nicht beim ersten Wackler vom Band fallen zu lassen
  • Wenn Sie den einbeinigen Stand sicher beherrschen, können Sie ein paar Schritte gehen

Weitere Informationen und Adressen

Slacklinen im Verein:

Schweizer Dachverband der Slackliner:

 

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