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Die Lüge vom Christkind und Weihnachtsmann: Schadet sie Kindern?

Wer bringt an Weihnachten die Geschenke? Natürlich das Christkind oder der Weihnachtsmann! So erzählen es viele Eltern ihren Kindern. Aber schadet die Lüge den Kleinen vielleicht? Die Kinderpsychologin Ina Blanc gibt Entwarnung.

Die Lüge vom Weihnachtsmann oder Christkind ist weit verbreitet.

Dürfen Eltern ihren Kindern das Märchen vom Weihnachtsmann oder Christkind erzählen? Bild: clu, iStock, Getty Images Plus

Ina Blanc, viele Eltern erzählen ihren Kindern, das Christkind oder der Weihnachtsmann bringe die Geschenke an Weihnachten. Es wird eine Fantasiewelt aufgebaut, die nichts mit der Realität zu tun hat. Ist das nicht eine Art von Machtmissbrauch?

Imagination allein ist kein Machtmissbrauch! Es kommt immer darauf an, mit welcher Absicht man Geschichten erzählt. Falls man sagt: Wenn du nicht brav bist, dann kommt der Weihnachtsmann, steckt dich in den Sack und nimmt dich mit, sind diese Drohungen sicher eine Art von Machtmissbrauch. Aber wenn man dem Kind Geschichten erzählt, um seinen Alltag zu verzaubern, würde ich nicht von Machtmissbrauch sprechen, solange man dem Kind die Freiheit lässt, daran zu glauben oder nicht. Dann ist das eine Inspiration, die dem Kind hilft, Kreativität und Fantasie zu entwickeln. Geschichten sind sehr wichtig für Kinder. Mit Hilfe von Geschichten und Bildern können sie Emotionen besser verarbeiten und lernen mit ihren Impulsen konstruktiver umzugehen.

Dennoch: Bei Märchen und anderen Geschichten erzählt man dem Kind nicht, es gebe wirklich zauberhafte Gestalten, Drachen oder Hexen. Beim Christkind oder Weihnachtsmann verknüpft man die Realität bewusst mit der erfundenen Geschichte.

Es gibt tatsächlich Studien, die sagen, das sei schlimm und das Urvertrauen der Kinder werde damit zerstört. Ich bin da skeptisch. Geschichten zu erzählen, ist sicher nicht schädlich, höchstens wenn die Eltern darauf beharren, dass es wahr sein muss. Es gibt nämlich auch Studien, die sagen, dass es positiv ist, den Alltag der Kinder mit Geschichten zu bereichern. Die Kinder greifen spontan aus den Geschichten die Botschaft heraus, die sie im Moment brauchen.

Viele Eltern haben das starke Bedürfnis, ihren Kindern diese weihnachtlichen Geschichten zu erzählen. Warum eigentlich?

Ich denke, es hat einfach etwas Magisches. Der Weihnachtsmann, das Christkind, die Dekoration, das tut in dieser dunklen Jahreszeit allen gut.

Wenn man lügt und darauf besteht, die Figur existiere wirklich, wird es problematisch.

Sie sagen, man soll mit dem Weihnachtsmann nicht drohen. Aber kann die Gestalt nicht auch helfen, den Kindern Werte zu vermitteln?

In Märchen geht es immer ganz klar um Gut und Böse. Für die kindliche Entwicklung ist das sehr hilfreich. Die Geschichten helfen ihnen, mit den eigenen und ganz verschiedenen Aspekten ihrer Persönlichkeit umzugehen. Der Weihnachtsmann hat natürlich auch einen moralischen Aspekt, die Gestalt geht zurück auf den Heiligen Nikolaus: Ein guter und grosszügiger Mann, der den armen Kindern etwas schenkt. Er hat eine Vorbildfunktion. Das ist etwas Gutes, aber eine moralische Bestraffunktion damit zu verknüpfen, halte ich für ungünstig.

Wie reagieren Eltern am besten, wenn Kinder erste Zweifel an der Existenz der Figur äussern?

Wenn sie nicht mehr an den Weihnachtsmann oder das Christkind glauben wollen, dürfen sie das. Die Eltern müssen das akzeptieren. Ich denke, Ehrlichkeit ist das Beste. Man kann erklären, dass die Geschichte ein schönes Ritual ist. Wenn man lügt und darauf besteht, die Figur existiere wirklich, wird es problematisch.

In welchem Alter fangen Kinder für gewöhnlich an, das Theater zu durchschauen?

Das ist ganz individuell verschieden. Es hängt auch von der Geschwisterreihe ab. Das erste Kind glaubt oft noch länger an den Weihnachtsmann oder das Christkind, das letzte Kind kennt die Wahrheit oft früher. Generell werden viele Kinder zu Beginn des Primarschulalters skeptisch.

Wenn die Kinder herausfinden, dass ihre Eltern ihnen quasi jahrelang ein Lügenmärchen aufgetischt haben, fangen sie dann auch an, vieles andere zu hinterfragen?

Ich glaube, wenn die Eltern ehrlich sind und das Kind in seinem natürlichen Rhythmus wachsen lassen, dann ist die Erkenntnis dass der Weihnachtsmann keine reale Person ist, ein ganz normaler Entwicklungsschritt, der nicht alle Bereiche erschüttert. Na gut, den Osterhasen oder die Zahnfee vielleicht noch, aber das Kind wird nicht allgemein an der Autorität oder Ehrlichkeit der Eltern zweifeln. Doch wenn die Eltern auf der Geschichte bestehen, dann lassen sie ja das Kind an sich selber zweifeln, obwohl es tatsächlich Recht hat. Das ist ungesund. Dann wird es auch eher die Glaubwürdigkeit der Eltern in anderen Bereichen in Frage stellen.

Wen macht es trauriger, wenn die Wahrheit ans Licht kommt? Die Eltern oder die Kinder?

Vermutlich die Eltern. Für die Kinder ist es ein normaler Entwicklungsprozess. Die Kinder finden es eher lustig und sind stolz, wenn sie herausgefunden haben, dass es den Weihnachtsmann oder das Christkind nicht gibt. Aber für die Eltern wird deutlich, das Kind wird grösser, eine besondere Zeit ist vorbei.

Ina Blanc gibt Tipps, wie Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen können.

Ina Blanc ist Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel und ist dort Leiterin der Weiterbildungen in Kinder- und Jugendpsychologie.