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Hochbegabt: Viele Kinder brauchen spezielle Förderung

Hochbegabte Kinder haben ein ausserodentlich logisches und abstraktes Denkvermögen. Doch häufig wird überdurchschnittliche Intelligenz bei Kindern nicht erkannt. Woran das liegt, weiss die Co-Leiterin der Stiftung für Hochbegabte Zürich, Jolanda Pfaff. 

Hochbegabte Kinder sollen gefördert werden

Auch Hochbegabte sollen eine spezielle Förderung erhalten. Bild: Kali9, E+, Getty Images Plus

Hochbegabung: Das Wichtigste in Kürze

  • Rund 2,3 Prozent der Bevölkerung gilt als überdurchschnittlich begabt.
  • Das Entdecken und Fördern von Hochbegabung bei Kindern ist eine Kollektivaufgabe zwischen Eltern und Lehrpersonen.
  • Häufig versteckt sich eine Hochbegabung bei Kindern hinter psychosomatischen Leiden und Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität.
  • Hochbegabung wird unter anderem mit einem IQ-Test ermittelt.

Frau Pfaff, viele Kinder entwickeln schon früh erstaunliche Fähigkeiten. Eltern fragen sich dann, ob ihr Kind hochbegabt ist. Woran lässt sich Hochbegabung erkennen?

Yolanda Pfaff: Für eine Hochbegabung gibt es verschiedene Anhaltspunkte. Je mehr dieser Kriterien auf ein Kind zutreffen, umso wahrscheinlicher ist es, dass es überdurchschnittlich begabt ist. Zu den Anhaltspunkten gehören unter anderen ein allgemeiner Entwicklungsvorsprung, ein hohes Interesse an Buchstaben und Zahlen schon im Kindergarten-Alter, eine schnelle Auffassungsgabe, grosse Neugierde, ein verblüffendes Gedächtnis, eine Vorliebe für komplexe Fragestellungen und Interesse an philosophischen Fragen. Viele hochbegabte Kinder orientieren sich stark an älteren Kindern und Erwachsenen.

Wird jede Hochbegabung erkannt?

Leider nicht. Denn oft versteckt sich eine Hochbegabung hinter Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Leiden. Viele Kinder, die im Alltag unterfordert sind oder in der Schule unter Langeweile leiden, bringen durch aggressives Verhalten ihren Frust zum Ausdruck, werden zum Klassenclown oder schalten im Unterricht ab. Hochbegabte Mädchen reagieren oft mit Rückzug, Jungen eher extrovertiert. Wenn es Lehrpersonen gelingt, die besondere Begabung zu erkennen, fallen die Eltern oft aus allen Wolken …

Eine Hochbegabung muss entsprechend gefördert werden, wenn das Kind sich über eine längere Zeit über Langeweile in der Schule äussert.

Was ist zu tun, wenn Eltern ihr Kind für hochbegabt halten?

Erst einmal ist eine Hochbegabung ein Anlass, sich zu freuen. Es ist doch schön, wenn ein Kind ein grosses Potential hat! Und solange das Kind fröhlich und ausgeglichen ist, besteht kein Anlass, etwas zu ändern. Viele hochbegabte Kinder fühlen sich in ihrer Klasse und im Unterricht durchaus wohl.

Wann brauchen hochbegabte Kinder eine besondere Förderung?

Eine Hochbegabung muss entsprechend gefördert werden, wenn das Kind sich unter anderem über eine längere Zeit über Langeweile in der Schule äussert und dadurch signalisiert, dass es mehr Herausforderung braucht als es hat. Der Wissensdurst muss gestillt werden – das gilt grundsätzlich für jedes Kind.

Wie kann eine solche besondere Förderung aussehen?

Wo ist das Kind gelangweilt oder unterfordert? Wichtig ist, dass Eltern und Lehrpersonen sich zusammensetzen, um eine Bestandsaufnahme zu machen, die diese Frage beantwortet. Aus dieser Bestandsaufnahme heraus lässt sich leicht erkennen, wo das Kind mehr Förderung benötigt. Dies kann durch eine mehr individuelle Förderung innerhalb des Unterrichts, durch ein Förderprogramm für hochbegabte Kinder und durch projektartiges Arbeiten erfolgen. Auch kann ein Ressourcenzimmer eingerichtet werden, ein Unterrichtsraum, in dem spezielle Lernmaterialien zur Begabungsförderung zur Verfügung stehen.

Wer ein IQ-Testergebnis ab 130 erzielt, gilt als hochbegabt. 

Müssen Eltern die Hochbegabung testen lassen?

Nicht unbedingt. Ein Intelligenzquotient (IQ)-Test wird dann notwendig, wenn die Schule beim Schulträger finanzielle Mittel für spezielle Förderung beantragen will, um zum Beispiel eine Förderlehrperson zu engagieren, die in der Klasse zusätzlich mit dem Kind arbeiten soll. Ein Test ist auch meistens Voraussetzung für das Überspringen einer Klasse oder eine frühzeitige Einschulung. Die Eltern oder Lehrpersonen melden das Kind beim Schulpsychologischen Dienst zu einer Abklärung an. Die Hochbegabung wird anerkannt, wenn der Test einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 ergibt.

Hochbegabte Kinder sollen gefördert werden

Hochbegabte Kinder verhalten sich in der Schule häufig auffallend. Bild: pixdeluxe, iStock, Getty Images Plus

Was sagt ein IQ-Test aus?

Getestet wird nicht die Hochbegabung, sondern das Potential, das im Kind steckt. Ermittelt wird unter anderem der Intelligenzquotient (IQ). Der durchschnittliche IQ liegt bei einem Wert von 100. Werte um 115 sind schon sehr gut. Wer ein Testergebnis ab 130 erzielt, gilt als hochbegabt.

Oft werden Eltern hochbegabter Kinder Eitelkeit und übertriebener Ehrgeiz unterstellt. 

Wie zuverlässig ist ein solcher Test?

Hat das Kind zum Zeitpunkt des Tests einen schlechten Tag, kann das Ergebnis natürlich niedriger ausfallen als es der Realität entspricht. Der Test kann aber nie ein höheres Ergebnis anzeigen. Das heisst: Ein Messwert von 130 bedeutet, dass das Kind mindestens einen IQ von 130 hat. Wichtig ist, nicht nur das isolierte Endergebnis anzuschauen, sondern auch die Einzelergebnisse. Wo hat das Kind besondere Stärken? Wo bestehen Defizite? Eine Potentialanalyse kann, wenn sie richtig interpretiert wird, als gute Grundlage für ein Förderkonzept dienen.

Können Eltern den Test auch zu Hause mit ihrem Kind durchführen?

Nein, weil dazu eine Ausbildung in Testdiagnostik gehört und die verschiedenen angewendeten Tests nur den ausgebildeten Fachpersonen zur Verfügung stehen.

Hochbegabung kann Neid hervorrufen …

Ja. Oft reagiert die Umwelt freundlich auf hochbegabte Kinder, aber durchaus nicht immer. Es bestehen gegenüber der Hochbegabung noch immer Vorurteile: So glauben manche Lehrpersonen nach wie vor, hochbegabte Kinder bräuchten keine spezielle Förderung. Andere meinen, eine Hochbegabung müsse sich in guten Noten ausdrücken und glauben nicht an das besondere Potential des Kindes, wenn es in der Schule keine gute Leistung erbringt. Oft werden Eltern hochbegabter Kinder auch Eitelkeit und übertriebener Ehrgeiz unterstellt.

Was können Eltern tun, um Vorurteilen zu begegnen?

Meiner Erfahrung nach wird die Hochbegabung eines Kindes von der Umwelt dann gut akzeptiert, wenn Eltern signalisieren: «Wir sind der Meinung, dass jedes Kind spezielle Fähigkeiten hat. Das eine Kind kann gut tanzen, das andere ist besonderes kreativ, unseres hat seine Stärken im intellektuellen Bereich.»

Wie lassen sich hochbegabte Kinder im Alltag stärken?

Eltern sollten spüren, welche Bedürfnisse ihr Kind hat. Alle Kinder sind wissensdurstig, wollen die Welt, in die sie hineinwachsen, verstehen lernen. Sie in ihren Experimenten zu unterstützen und auf ihre Fragen einzugehen, ist Aufgabe aller Eltern.

Zur Person:

Yolanda Pfaff aus Muttenz (BL) ist ausgebildete Lehrerin und Schulleiterin

Yolanda Pfaff aus Muttenz (BL) ist ausgebildete Lehrerin und Schulleiterin. Vor gut 25 Jahren wurde sie durch ihren Sohn auf das Thema Hochbegabung aufmerksam. Nebst der Gründung des Elternvereins für hochbegabte Kinder und der Leitung von Elterntreffs für betroffene Eltern, bildete sie sich kontinuierlich weiter. Das grosse Wissen und die vielen Erfahrungen führten vor 12 Jahren zur Installation der Anlaufstelle Hochbegabung, getragen von der Stiftung für hochbegabte Kinder in Zürich, in welcher sie als Co-Leiterin Ratsuchenden beisteht und ihnen Wege aufzeigt, wie sie in ihrer Situation vorgehen können.

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