Hochbegabt: Viele Kinder brauchen spezielle Förderung

Ist unser Kind hochbegabt? Das fragen sich Eltern, wenn der Nachwuchs bereits mit zwei Jahren fröhlich das «ABC» hinauf und hinunter trällert. Wie sich Hochbegabung erkennen lässt, weiss Yolanda Pfaff, die zusammen mit Wolfgang Stern, beide ausgebildete Lehrpersonen und Schulleiter, die Anlaufstelle Hochbegabung leitet.

Hochbegabte Kinder sollen gefördert werden

Auch Hochbegabte sollen eine spezielle Förderung erhalten. Bild: Wavebreak Media-Thinkstock

Frau Pfaff, viele Kinder entwickeln schon früh erstaunliche Fähigkeiten. Eltern fragen sich dann, ob ihr Kind hochbegabt ist. Woran lässt sich Hochbegabung erkennen?

Yolanda Pfaff: Für eine Hochbegabung gibt es verschiedene Anhaltspunkte. Je mehr dieser Kriterien auf ein Kind zutreffen, umso wahrscheinlicher ist es, dass es tatsächlich überdurchschnittlich begabt ist. Zu den Anhaltspunkten gehören unter anderen ein allgemeiner Entwicklungsvorsprung, ein hohes Interesse an Buchstaben und Zahlen schon im Kindergarten-Alter, eine schnelle Auffassungsgabe, grosse Neugierde, ein verblüffendes Gedächtnis, eine Vorliebe für komplexe Fragestellungen, auch Interesse an philosophischen Fragen. Viele hochbegabte Kinder orientieren sich stark an älteren Kindern und Erwachsenen, weniger an Gleichaltrigen.

Wird jede Hochbegabung erkannt?

Leider nicht. Denn oft versteckt sich eine Hochbegabung hinter Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Leiden. Viele Kinder, die im Alltag unterfordert sind oder in der Schule unter Langeweile leiden, bringen durch aggressives Verhalten ihren Frust zum Ausdruck, werden zum Klassenclown oder schalten im Unterricht ab. Mädchen reagieren oft mit Rückzug, Jungen eher extrovertiert. Wenn es Lehrpersonen gelingt, dennoch die besondere Begabung zu erkennen, fallen die Eltern oft aus allen Wolken …

Was ist zu tun, wenn Eltern ihr Kind für hochbegabt halten?

Erst einmal ist eine Hochbegabung ein Anlass, sich zu freuen. Es ist doch schön, wenn ein Kind ein grosses Potential hat! Und solange das Kind fröhlich und ausgeglichen ist, besteht kein Anlass, etwas zu ändern. Viele hochbegabte Kinder fühlen sich in ihrer Klasse und im Unterricht durchaus wohl.

Wann brauchen hochbegabte Kinder eine besondere Förderung?

Eine Hochbegabung muss entsprechend gefördert werden, wenn das Kind sich unter anderem über eine längere Zeit über Langeweile in der Schule äussert und dadurch signalisiert, dass es mehr Herausforderung braucht als es hat. Der Wissensdurst muss gestillt werden – das gilt grundsätzlich für jedes Kind.

Wie kann eine solche besondere Förderung aussehen?

Wo ist das Kind gelangweilt oder unterfordert? Wichtig ist, dass Eltern und Lehrpersonen sich zusammensetzen, um eine Bestandsaufnahme zu machen, die diese Frage beantwortet. Aus dieser Bestandsaufnahme heraus lässt sich leicht erkennen, wo das Kind mehr Förderung benötigt. Dies kann durch eine mehr individuelle Förderung innerhalb des Unterrichts, durch ein Förderprogramm für hochbegabte Kinder und durch projektartiges Arbeiten erfolgen. Auch kann ein Ressourcenzimmer eingerichtet werden, ein Unterrichtsraum, in dem spezielle Lernmaterialien zur Begabungsförderung zur Verfügung stehen.

Müssen Eltern die Hochbegabung testen lassen?

Nicht unbedingt. Ein Intelligenzquotient (IQ)-Test wird dann notwendig, wenn die Schule beim Schulträger finanzielle Mittel für spezielle Förderung beantragen will, um zum Beispiel eine Förderlehrperson zu engagieren, die in der Klasse zusätzlich mit dem Kind arbeiten soll. Ein Test ist auch meistens Voraussetzung für das Überspringen einer Klasse oder eine frühzeitige Einschulung. Die Eltern oder Lehrpersonen melden das Kind beim Schulpsychologischen Dienst zu einer Abklärung an. Die Hochbegabung wird anerkannt, wenn der Test einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 ergibt.

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