«Viele Eltern haben ihre Intuition verloren»: Tipps für die richtige Frühförderung

Haben Sie nicht auch schon mit dem Gedanken gespielt Ihr Kind in eine zweisprachige Krippe zu geben? Oder ihm möglichst früh Musikunterricht zu ermöglichen? Viele Eltern wollen die Talente ihrer Kinder nicht unentdeckt lassen und machen Frühförderung möglich. Wie Eltern die Balance zwischen Unter- und Überforderung finden, erklärt Erziehungswissenschaftlerin Prof. Margrit Stamm im Interview.

Manche Eltern übertreiben es mit der Frühförderung.

Wer sein Kind optimal fördern will, sollte auf seine eigene Intuition hören. Foto:  iStockphoto, Thinkstock, Bearbeitung: Zimmerling

Heute sind die meisten Kinder Wunschkinder. Da ist es doch verständlich, wenn Eltern nur das Beste für Ihr Kind wollen. Stehen Ihnen trotzdem die Haare zu Berge, wenn Sie von zweisprachigen Krippen, Lern-DVDs oder Musikkursen für Babys hören?

Prof. Margrit Stamm: Diese gesellschaftliche Entwicklung, die Frühförderung betont, ist nichts schlechtes. Das Hauptproblem ist, dass viele Eltern ihre eigene Intuition verloren haben. Sie getrauen sich nicht, in sich zu hören und selbst zu bestimmen, was gut für ihr Kind ist.

Warum nicht?

In den letzten zehn Jahren haben Trends zu Globalisierung, Leistungswettbewerb und Rationalisierung der Arbeitsplätze dazu geführt, dass der Bildungsabschluss immer wichtiger geworden ist. Besonders bildungsnahe Eltern sind sensibilisiert. Sie wollen alles tun, um ihrem Kind Nachteile zu ersparen. Hinzu kommt, dass es im medizinisch-pädiatrischen Bereich Veränderungen gegeben hat. Entwickelt sich ein Kind nicht nach Tabelle, wird es therapiert. 60 Prozent der Vorschulkinder sind bereits in Therapie.

Aber gerade Eltern mit hoher Bildung müssten doch wissen, dass eine übertriebene Frühförderung zur Überförderung führen kann.

Wenn Sie Eltern fragen, werden die meisten antworten: «Nein, wir überfordern unser Kind nicht. Es macht ihm viel Spass.» Solche Eltern vergleichen sich sehr stark mit Eltern aus dem selben Milieu, in dem es einen unausgesprochenen Standard gibt: Man möchte nicht hinten anstehen und macht mit. Es ist fast nicht möglich gegen diesen Strom zu schwimmen. Zudem haben viele Eltern ein schlechtes Gewissen, weil sie beide berufstätig sind und zu wenig Zeit für das Kind haben.

Wenn das Kind in der Musikschule ist, verbringt es noch weniger Zeit mit den Eltern.

Viele Eltern glauben zu wenig Zeit zu haben, das Kind selbst zu fördern. Deshalb lassen sie ihre an speziellen Förderprogrammen, wie etwa der Musikschule, teilnehmen. Es vermittelt den Eltern, dass ihr Sohn oder ihre Tochter trotz ihrer Abwesenheit in seinen Kompetenzen gefördert wird.

Wann überfordern Eltern ihr Kind?

Das ist nicht so einfach. Jedes Kind entwickelt sich anders.  Das eine kann man enorm fördern, das andere nicht. Eine gute Förderung können Eltern nur anhand ihrer Intuition feststellen: Ist mein Kind glücklich? Ist es im Gleichgewicht? Oder muss ich es antreiben? Wenn ja, wird es sich eventuell verweigern, es wird aggressiv oder bekommt psychische Probleme, die sich manchmal erst nach ein paar Jahren zeigen.

Es ist doch normal, dass Kinder keine Lust haben und Eltern sie antreiben müssen.

Ich würde hier zwischen dem Vorschul- und dem Schulalter unterscheiden. Ein Kleinkind lernt über das Spiel. Es ist gefährlich, Vorschulkinder unter Druck zu setzen. Sie verstehen nicht, warum sie sich durchbeissen sollen. Im Schulalter ist diese Frustrationstoleranz jedoch eine Fähigkeit, die ein Kind bereits erworben haben sollte. Auch hier ist die Intuition wichtig. Eltern sollten ein Fingerspitzengefühl dafür haben, ob es eine momentane Unlust ist oder ob ihr Kind über längere Zeit Schwierigkeiten hat, sich zu motivieren.

«Ziele müssen so gesteckt werden, dass deren Erreichung zwar anstrengend, aber nicht unmöglich sind», haben Sie einmal gesagt.  Was meinen Sie damit?

Ich spreche von Kindern ab etwa vier bis fünf Jahren. Wenn ein sechsjähriges Kind beispielsweise im Hochsprung talentiert ist, schafft es einen halben Meter mühelos. Wenn Sie ihm keinen Anreiz setzen, wird es schon nach zwei Wochen keine Lust mehr haben, über diese Höhe zu springen. Sie müssen die Latte höher setzen, aber nur so hoch, dass das Kind sie noch erreichen kann. Wenn Sie die Latte auf einen Meter setzen, wird es nie darüber springen, weil das viel zu hoch ist. Aber vielleicht sind 60 Zentimeter eine gute Höhe. Das steigert die Motivation. Kinder sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefördert werden. Die Anforderungen sollten nicht zu banal sein, aber auch nicht so, dass sie dem Kind nicht entsprechen. Diese Balance müssen Eltern finden.

Glauben Sie, dass Eltern dieses Gefühl schon abhanden gekommen ist?

Nein. Es wird verstärkt Eltern geben, die sich die Frage stellen, ob sie ihre Kinder zu sehr unter Druck setzen. Es gibt viele pädagogische Konzepte, die der Fördereuphorie widersprechen. Zum Beispiel die Maria Montessori Pädagogik. Aber es wird immer Eltern geben, die ihre Kinder antreiben und davon überzeugt sind.

Zur Person

Margrit Stamm hat sich mit Frühförderung beschäftigt.Margrit Stamm ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg. Sie forscht schon seit vielen Jahren zum Thema frühkindliche Bildung.

Vor über einem Jahr hat sie das Universitäre Zentrum für frühkindliche Bildung Fribourg gegründet. Es beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Förderung, Betreuung und Integration von Kindern im Alter bis zu sechs Jahren.

Margrit Stamm ist es ein Anliegen, die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig diese erste Lebensphase für die spätere Entwicklung ist.

Mehr zu Margrit Stamm erfahren Sie in ihrem Blog unter margritstamm.blogspot.ch

Foto: unifr.ch

 

Wie ist das bei Ihnen? Besuchen Ihre Kinder Sprachkurse, Ballettschule und Musikunterricht? Schreiben Sie uns! Hier geht es zum Kommentarbereich?

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