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Kind > Erziehung

Eltern unter Druck: Erziehungskurse können helfen

Erziehung ist ganz und gar nicht kinderleicht. Immer mehr Eltern fühlen sich durch gestiegene Ansprüche an eine gute Erziehung unter Druck gesetzt. Du musst das nicht allein stemmen: Elternkurse, Beratung und Krisenangebote können entlasten und dir konkrete Werkzeuge geben. An einer Fachtagung kamen Expert:innen zum Schluss, dass die Kompetenz der Eltern zum Beispiel durch Elternkurse gestärkt werden muss.

Kurse können Eltern helfen, Erziehung zu meistern.
Eltern wollen in der Erziehung ihrer Kinder nichts falsch machen und setzen sich unter Druck.

Eltern fühlen sich im Erziehungsalltag oft gestresst. Zeitmangel, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Bildungserwartungen an ihre Kinder setzen die Eltern unter Druck. Elternschaft wird als immer schwerer zu bewältigende Gestaltungsaufgabe wahrgenommen, «die zudem mit steigenden Erwartungshaltungen verknüpft ist», so die Stiftung.

Hinzu kommt, dass die Veränderung des Erziehungsstils Elternschaft anspruchsvoller macht. Heute werden Kinder häufig als gleichberechtigte Partner gesehen. Viele Eltern interessieren sich für ihre Kinder, hören ihnen zu und diskutieren mit ihnen gemeinsam. Dabei werden auch verbindliche Regeln aufgestellt.  «In der Praxis zeigt sich jedoch, dass gerade diese Aushandlungsprozesse im Familienalltag Eltern immer mehr an die Grenzen ihres erzieherischen Handelns bringen.

Hilfreich ist ein realistischer Blick: Konflikte und Trotzphasen sind nicht automatisch ein Zeichen für schlechte Erziehung, sondern oft Ausdruck von Entwicklung (z.B. Autonomie, Frusttoleranz, Identität). Entscheidend ist, dass du Grenzen klar setzt, ohne dein Kind abzuwerten, und dass ihr nach einem Streit wieder in Verbindung kommt. Genau hier bringen Elternkurse und Beratung häufig spürbare Entlastung: Du bekommst Sprache, Struktur und Strategien für Situationen, in denen du sonst nur noch reagierst.

Diese Studie nahmen Teilnehmer der Tagung «Eltern unter Druck – Kompetenzen sind gefragt», die am 9. September in Solothurn stattfand, zum Anlass, sich mit dem Thema Kurse zur Erziehung  auseinanderzusetzen. «In einer Gesellschaft, in der man alles erlernt, ist es erstaunlich, dass man der Ausbildung der Eltern so wenig Bedeutung beimisst », erklärte Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, Geschäftsführerin der Pro Familia Schweiz, welche die Tagung mit organisierte. Sie sei überzeugt davon, dass man Eltern hochqualifizierte Unterstützung zukommen lassen müsste. Familien bräuchten Orte der Eltern-Bildung und –Begleitung sowie Raum, um sich austauschen zu können (Lesen Sie dazu auch das Interview mit Kathie Wiederkehr).

Kathie Wiederkehr stellt einen Kurs zur Erziehung vor.

Kathie Wiederkehr, Geschäftsleiterin der Stiftung Kinderschutz Schweiz, macht sich für gewaltfreie Erziehung stark. Foto: Zimmerling

Gewaltfreie Erziehung fördern

Ein Projekt, welches Eltern in der Erziehung fördern möchte, stellte Kathie Wiederkehr, Geschäftsleiterin der Stiftung Kinderschutz Schweiz vor. Der Kurs «Starke Eltern – Starke Kinder», der von der Stiftung getragen wird, stellt das Thema gewaltfreie Erziehung in den Mittelpunkt.

Heute sehen noch 80 Prozent der Eltern Gewalt als geeignetes Erziehungsmittel an, sei es in Form einer Ohrfeige oder durch psychische Gewalt wie nicht mehr mit dem Kind reden. Vielen sei dabei aber nicht bewusst, dass ihre Art der Erziehung schon eine Form von Gewalt ist, sagte Wiederkehr. «Viele Eltern denken, eine Ohrfeige oder ein Kind anzuschreien, macht noch nichts.»  Damit Eltern gewaltfrei erziehen könnten, bräuchten sie die Einsicht, dass Gewalt kein geeignetes Erziehungsmittel sei.

Das ist Gewalt an Kindern

  • Physische Gewalt (Ohrfeige, Klaps auf den Po)
  • Psychische Gewalt (Kinder heruntermachen, anschreien, ignorieren)
  • Sexuelle Gewalt
  • Vernachlässigung (Kinder sich selbst überlassen)
  • Strukturelle Gewalt (Armut, kein Ort zum Spielen)

Um die gewaltfreie Erziehung zu fördern, will die Stiftung Kinderschutz Schweiz demnächst eine Kampagne  zum Thema lancieren.

Der Elternkurs «Starke Eltern – Starke Kinder» will das Selbstvertrauen stärken und aufzeigen, wie Eltern Probleme im Alltag lösen können. Ziel ist, dass Eltern gewaltfrei erziehen lernen, also weder Druckmittel einsetzen noch ihre Kinder sich selbst überlassen, sondern anleitend und verständnisvoll erziehen. Wichtig dabei: «Gewaltfrei» heisst nicht «grenzenlos». Kinder brauchen klare Leitplanken – und du darfst Nein sagen. Gewaltfreie Erziehung bedeutet, Grenzen ohne Demütigung, Angst oder körperliche Strafen durchzusetzen und nach Konflikten wieder Beziehung aufzubauen.

Welche Unterstützung gibt es heute in der Schweiz?

Der Tagungsbericht ist von 2011 – heute ist Hilfe in vielen Regionen schneller und niederschwelliger erreichbar. Wenn du merkst, dass dich Wut, Erschöpfung oder Dauerstreit belasten, lohnt sich frühe Unterstützung. Das ist keine Schwäche, sondern ein Schutzfaktor für die ganze Familie.

Pro Juventute Elternberatung 24/7 – wann anrufen, was wird besprochen 

Die Pro Juventute Elternberatung ist rund um die Uhr erreichbar. Du kannst anrufen, wenn du unsicher bist, wie du reagieren sollst, oder wenn du schnell eine zweite Perspektive brauchst. Typische Themen sind Wutanfälle, Geschwisterstreit, Grenzen und Regeln, Medien, Schule, Schlaf, Essenssituationen oder «Ich bin am Limit».

Kurzfälle, wie sie viele Eltern kennen: (1) Dein Kind (4) schreit im Laden, weil es etwas will, du spürst, wie du innerlich hochfährst. (2) Dein Teenager kommt wiederholt zu spät nach Hause und lügt, du willst Konsequenzen, aber ohne Eskalation. (3) Du bist alleinerziehend, seit Wochen übermüdet, und du merkst: Die Geduld ist weg.

In der Beratung geht es darum, die Situation zu klären (Was genau passiert? Wie alt ist dein Kind? Welche Stressfaktoren gibt es?), realistische nächste Schritte zu planen und bei Bedarf passende Stellen in deiner Region zu finden.

Elternnotruf – Krisen, Überforderung, Gewalt 

Der Elternnotruf ist für akute Krisen da: Wenn du Angst hast, die Kontrolle zu verlieren, wenn es zu Gewalt gekommen ist oder wenn die Situation zuhause eskaliert. Das betrifft körperliche Gewalt ebenso wie psychische Gewalt (z.B. massives Anschreien, Drohen, Beschämen, Einschüchtern). Du bekommst Hilfe zur Deeskalation und Orientierung, welche weiteren Schritte sinnvoll sind – auch wenn du dich schämst oder Angst hast, verurteilt zu werden.

Mütter- und Väterberatung – besonders 0–5 Jahre 

In den ersten Lebensjahren sind Eltern besonders belastet: Schlafmangel, Stillen/Ernährung, Schreiphasen, Autonomiephase, Kita-Eingewöhnung. Die Mütter- und Väterberatung (regional organisiert) ist hier eine sehr praxisnahe Anlaufstelle. Du kannst Themen besprechen wie Stillen und Abstillen, Schlaf und Einschlafbegleitung, Beikost, Entwicklungsschritte, Trotz und Grenzen im Kleinkindalter oder Entlastung im Alltag.

Kontaktbox Schweiz

Pro Juventute Elternberatung
Telefon: 058 261 61 61
Erreichbarkeit: 24/7
Online: www.projuventute.ch/elternberatung

Elternnotruf
Telefon: 0848 35 45 55
Erreichbarkeit: 24/7
Online: www.elternnotruf.ch

Wie finde ich den passenden Elternkurs?

Ein guter Kurs gibt dir nicht nur «Tipps», sondern hilft dir, Muster zu erkennen: Was triggert mich? Was braucht mein Kind in dieser Entwicklungsphase? Welche Regeln sind wirklich wichtig, und wie setze ich sie um, ohne zu drohen oder zu kippen? Überlege dir vorab, was du konkret erreichen willst (z.B. weniger Eskalation am Abend, klare Medienregeln, weniger Machtkämpfe beim Anziehen).

Kurs-Typen 

  • Allgemeine Elternkurse wie «Starke Eltern – Starke Kinder»: Fokus auf Beziehung, Grenzen, Konfliktlösung und Selbststärkung.
  • Elterntrainings zu konkreten Themen (z.B. starke Wut, Aggression, Schulkonflikte, Medien): häufig mit Übungen für klare Ansagen, Konsequenzen und Deeskalation.
  • Familienrat/Familienkonferenz: wenn viele Beteiligte betroffen sind (z.B. Patchwork, Trennung, Mehrgenerationenhaushalt) und ihr eine gemeinsame, tragfähige Lösung braucht.
  • Kommunikationskurse (z.B. Gewaltfreie Kommunikation): hilfreich, wenn ihr aus Kritik und Rechtfertigung aussteigen und klarer über Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen sprechen wollt.

Qualitätskriterien 

  • Leitung/Qualifikation: Achte auf eine fachliche Grundausbildung (z.B. Psychologie, Sozialarbeit, Pädagogik) und eine spezifische Weiterbildung im Kursprogramm.
  • Gruppengrösse: Kleinere Gruppen ermöglichen mehr Austausch und konkrete Rückmeldungen.
  • Praxisanteil: Rollenspiele, Alltagsskripte (Was sage ich in Situation X?) und Hausaufgaben bringen oft den grössten Effekt.
  • Kosten/Finanzierung: Je nach Gemeinde/Kanton können Kurse mitgetragen werden oder es gibt vergünstigte Angebote. Nachfragen lohnt sich.

Mini-Checkliste: «Bin ich eher Kurs- oder Einzelberatung-Typ?»

  • Eher Kurs, wenn du vom Austausch profitierst, dich normalisiert fühlst («Wir sind nicht allein») und gern in kleinen Schritten übst.
  • Eher Einzelberatung, wenn eure Situation sehr individuell oder belastend ist (z.B. Trennungskonflikt, psychische Erkrankung, Gewalt, hohe Scham), oder wenn du schnell einen massgeschneiderten Plan brauchst.
  • Kombination, wenn du zuerst Stabilisierung/Entlastung brauchst und danach im Kurs dranzubleiben willst.

Wenn es akut ist: Warnsignale & Soforthilfe

Manchmal geht es nicht mehr um die perfekte Erziehungsstrategie, sondern um Sicherheit und Entlastung. Wenn du dich selbst erschreckst, wenn dein Kind Angst bekommt oder wenn du merkst, dass du in grobe Muster rutschst: Hol dir Hilfe. Früh. Das ist Kinderschutz – und Selbstschutz.

Stress-/Eskalationszeichen bei Eltern 

  • Du hast häufig das Gefühl, gleich zu explodieren, oder du spürst inneren Kontrollverlust.
  • Du schreist, drohst oder beschämst häufiger, als du möchtest, und findest danach schwer zur Ruhe.
  • Du fühlst starke Scham oder Angst vor dir selbst («So will ich nicht sein»).
  • Du merkst, dass du dich emotional abkoppelst (Taubheit, Gleichgültigkeit) oder dass dich Kleinigkeiten extrem triggern.
  • Du hast das Gefühl, dein Kind sei «gegen dich» – statt dass ihr ein Team seid.

Notfallplan in 5 Schritten 

  1. Kind sichern: Sorge für unmittelbare Sicherheit (Gefahrenquellen weg, Kind in einen sicheren Raum).
  2. Abstand schaffen: Unterbrich die Situation. Sag kurz und klar: «Stopp. Ich brauche eine Pause.»
  3. Hilfe holen: Ruf Pro Juventute Elternberatung oder den Elternnotruf an. Wenn akute Gefahr besteht, zögere nicht, Notruf zu wählen.
  4. Nachbesprechen: Wenn alle ruhiger sind: benenne, was passiert ist, und übernimm Verantwortung («Ich war überfordert und zu laut. Das war nicht ok.»). Halte es kurz, ohne lange Rechtfertigungen.
  5. Unterstützung organisieren: Plane konkret: Entlastung, Schlaf, Betreuung, Beratung oder Kurs. Trag dir den nächsten Schritt sofort ein.
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Alain Clémence von der Universität Lausanne und Lucrezia Meier-Schatz von Pro Familia diskutierten über den Nutzen von Elternkursen. Foto: Zimmerling

Partnerschaftlicher Erziehungsstil fördert Schulleistungen

Dieser partnerschaftliche Erziehungsstil, der auch unter dem Namen autoritativer Erziehungsstil bekannt ist,  fördert die Selbstachtung der Kinder und hat einen positiven Einfluss auf ihre schulischen Leistungen. Das hat Professor Alain Clémence von der Universität Lausanne festgestellt. An der Tagung stellte er seine Forschungsergebnisse vor.

Er hatte wissen wollen, welchen Einfluss der Erziehungsstil auf die Schulleistungen hat. Dafür befragte er 500 Westschweizer Schüler im Alter zwischen 12 und 15 Jahren. Die autoritative Erziehung, bei der Kinder an familiären Entscheidungen beteiligt werden, wird von einem Drittel der Familien praktiziert. «Es wurde deutlich dass sowohl die schulische Integration als auch die Selbstachtung der Kinder steigt, wenn die Eltern sie bei Entscheidungen miteinbeziehen – dies unabhängig vom sozioprofessionellen Niveau der Eltern, der Sprache oder der familiären Situation», sagte Clémence.

Kinder, die zu Hause schon lernen, sich aktiv an Entscheidungen zu beteiligen und zu diskutieren, werden auch in der Schule motivierter sein, sich zu beteiligen. Doch Alain Clémence gibt mit einem Schmunzeln auch gern zu, dass das Diskutieren in der Familie, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen, sehr zeitaufwendig sein kann. Zeit, die Familien heute immer seltener hätten. Umso hilfreicher sind alltagstaugliche Regeln: Nicht alles ist verhandelbar. Sicherheit, Gesundheit und Respekt sind fixe Leitplanken. Innerhalb dieser Leitplanken kann Mitbestimmung aber helfen, dass Kinder sich gesehen fühlen – und eher kooperieren.

 

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