Erziehung ohne psychische Gewalt: Tipps für den Alltag

Eltern sollten auch bei Kindern in der Trotzphase nicht zu psychischer Gewalt greifen.

Die Trotzphase ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Psychsiche Gewalt hilft nicht weiter. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Ich habe zwei Fallbeispiele mitgebracht: Ein Kleinkind bekommt im Supermarkt einen Tobsuchtanfall, wirft sich auf den Boden und schreit unermüdlich. Die Mutter wird wütend und schreit: «Jetzt ist aber mal Schluss! Du gehst mir auf die Nerven.» Würden Sie in diesem Fall von psychischer Gewalt sprechen?

Daniel Barth: Es kommt aufs Ausmass an. Heftiges Anschreien trägt ja sowohl Züge physischer wie psychischer Gewalt. Kinder sind in diesem Zustand aber nicht erreichbar. Weder durch Strenge, noch durch Liebe, weder laut, noch leise.

Wie sollten Eltern in solchen Konfliktsituationen reagieren?

Jedes Kind ist wieder anders. Es kann helfen, das Kind auf den Arm zu nehmen, raus zu gehen und zu warten, bis es sich beruhigt hat. Eltern kommen nicht darum herum das Schreien und die Blicke der anderen einen Moment auszuhalten. Das geht leichter, wenn sie wissen, dass die Trotzphase eigentlich einen Entwicklungsschritt anzeigt, der erfreulich ist. Wenn Kleinkinder trotzen, haben sie frisch entdeckt, dass sie Dinge selbst bestimmen können. Aber sie halten es noch sehr schlecht aus, wenn das nicht jederzeit gelingt. Geduldige Eltern können darauf vertrauen, dass der Schritt dem Kind nach und nach von alleine gelingt.

Dann habe ich noch ein anderes Beispiel: Der Sohn wünscht sich eine Spielzeugpistole. Die Eltern finden das nicht gut, sagen ihm auch warum. Er lässt aber nicht locker und spricht das Thema immer wieder an. Die Eltern ignorieren ihn daraufhin.

Auch hier überschätzen Eltern meist ihren direkten Einfluss und befürchten, Aggressivität oder sogar Kriegslust im Kind zu fördern. Wenn sie auf den Wunsch überhaupt nicht eingehen, besteht ein gewisses, aber wohl nicht allzu grosses Risiko, dass der Wunsch eine überdimensionierte Bedeutung erlangt und somit das Gegenteil der beabsichtigten Entwicklung erreicht wird. Wesentlich für die Entwicklung ist aber weniger die Frage, ob es nun die Pistole haben darf oder nicht, als vielmehr das Modell der Eltern, was den Umgang mit Waffen und Aggressivität anbelangt.

Was sollten sich Eltern in schwierigen Situationen bewusst sein?

In der konkreten Situation ist es oft schwierig, optimal zu reagieren. Eine Erziehung ohne Fehler kann nicht gelingen. Wenn immer wieder kritische Situationen auftreten, empfiehlt es sich, in einem ruhigen Moment mit dem Partner darüber zu sprechen, sich von aussen Rat zu holen, mit Freunden darüber zu reden. Oder je nach Alter auch mit dem Kind selbst. Zum Beispiel mittels der Frage: «Hast du eine Idee, wie wir diese Situationen, in die wir immer wieder geraten, ändern könnten?» Meistens richten wir uns ja bei unseren spontanen erzieherischen Bemühungen nach dem, was wir in der eigenen Kindheit erlebt haben. Das ist aber nicht immer der geeignete Weg. Es ist für Eltern eine grosse Herausforderung allmählich einen stimmigen eigenen Erziehungsstil zu entwickeln.

Eltern sollten sich der eigenen Erziehung bewusst werden.

Eltern sollten sich zusammensetzen und sich über ihre eigene Erziehung austauschen und überlegen, wie sie ihre Kinder erziehen wollen. Nicht selten sind beide der Überzeugung, nur sie - und nicht der Partner - wüssten genau was richtig ist. Aber ohne kreativen Austausch wird es schwierig, gemeinsam Kinder zu erziehen.

Zur Person

Daniel Barth ist seit 25 Jahren Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Solothurn. Er begegnet in seinem Arbeitsalltag immer wieder Kindern mit Gewalterfahrung und stellt fest, dass sich die Erwachsenen oft gar nicht Rechenschaft darüber geben, wenn sie zu Mitteln psychischer Gewalt greifen. Sowohl Fachleute wie auch Eltern und Lehrpersonen müssen aus seiner Sicht vermehrt für die Thematik sensibilisiert werden.

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Interview: Angela Zimmerling im Dezember 2012

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