«Kinder sind unschlagbar»: Wie Erziehung ohne Gewalt gelingen kann

Kinder können Eltern zur Weissglut treiben. Aus Überforderung und Hilflosigkeit rutscht manchen dann die Hand aus. In der Erziehung hat Gewalt aber nichts verloren. Darauf machte die Stiftung Kinderschutz Schweiz an ihrer Tagung aufmerksam. Experten diskutierten, wie Eltern bei einer Erziehung ohne Gewalt unterstützt werden können.

Erziehung ohne Gewalt ist möglich.

Gewalt hat in der Erziehung der Kinder nichts zu suchen. Foto: iStockphoto, Thinkstock

«Sind so kleine Hände, winz‘ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.» Die bewegenden Worte aus dem Lied «Kinder» der deutschen Sängerin Bettina Wegner stammen zwar aus dem Jahr 1978, an Aktualität haben sie trotzdem nichts eingebüsst. Die Stiftung Kinderschutz Schweiz wählte dieses Lied aus, um an der Tagung zu ihrem 30. Geburtstag am 20. November in Bern ihre Forderung nach gewaltfreier Erziehung zu unterstreichen.

Eigentlich wissen viele, dass Erziehung ohne Gewalt besser ist. Die UN-Kinderrechtskonventionen, welche die Schweiz unterzeichnet hat, verbietet sie sogar: «Niemand darf ein Kind misshandeln oder schlagen, weder zu Hause, noch in der Schule, im Hort oder auf dem Pausenplatz», heisst es dort. Doch 68 Prozent der Schweizer finden nach einer Umfrage des Institut Isopublic aus dem Jahr 2007 einen Klaps auf den Hintern oder eine Ohrfeige als Erziehungsmassnahme in Ordnung.

Schläge auf den Hintern

Eine vergleichende Studie der Uni Fribourg aus den Jahren 1990 und 2004 erfasste wie oft Körperstrafen tatsächlich in der Erziehung eine Rolle spielen. Sie stellten fest, dass rund 18 bis 23 Prozent der Kinder bis vier Jahren manchmal bis sehr häufig mit Schlägen auf den Hintern bestraft werden. Bei den über Zwölfjährigen sind es elf Prozent.

Eine Ohrfeige habe noch niemandem geschadet, sagt schliesslich der Volksmund. Zählen Erziehungsmassnahmen wie ein Klaps auf den Po, eine Ohrfeige, Liebesentzug, Herabsetzen oder Anschreien wirklich zu Gewalt? In den Augen der Stiftung Kinderschutz ist das ganz klar: Gewalt habe in der Erziehung nichts zu suchen, weder physische noch psychische Gewalt.

Gewalt in der Erziehung kann zu Entwicklungsverzögerungen führen

Denn Körperstrafen sorgen nicht für bessere Noten oder ein weniger aggressives Kind. Im Gegenteil, Gewalt in der Erziehung kann die Beziehung zwischen Eltern und Kind stören. So verliert das Kind das Vertrauen in seine Eltern. Sein Selbstvertrauen wird gestört. Im späteren Leben wird es eventuell Schwierigkeiten haben, tiefe und dauerhafte Bindungen zu anderen Menschen einzugehen. Körperstrafen können zudem zu Entwicklungsverzögerungen führen und dazu, dass ein Kind später selbst Gewalt als legitimes Mittel der Erziehung einsetzt.

Deshalb hat die Stiftung Kinderschutz Schweiz das Thema Erziehung ohne Strafen und Gewalt an ihrer Tagung ins Zentrum gestellt. Auch eine dreijährige Kampagne zur gewaltfreien Erziehung unter dem Motto «Kinder sind unschlagbar» ist ab 2013  geplant. «Die Befähigung der Eltern und dem sozialen Umfeld der Kinder, gewaltfrei zu erziehen und die Integrität der Kinder in all seinen Ausprägungen zu schützen, ist selbstredend eine der zentralen, wenn nicht die zentrale Aufgabe einer Kinderschutzorganisation», erklärte Präsidentin Jacqueline Fehr.

In Schweden schlagen Eltern ihre Kinder viel seltener

Im Gegensatz zu 32 Ländern gibt es kein schweizerisches Gesetz, das Kindern ein Recht auf gewaltfreie Erziehung einräumt. In Schweden habe man seit der Einführung eines solchen Gesetzes positive Erfahrungen gemacht, sagte Sara Johansson von Save the Children Schweden. Nur drei Prozent der Eltern gaben in einer Umfrage 2011 an, ihr Kind im letzten Jahr geschlagen zu haben. 1980, kurz nach der Einführung, waren es noch 28 Prozent. Eltern und Kinder wurden auf das Thema Erziehung ohne Gewalt aufmerksam gemacht. Heute wissen viele Kinder, dass sie nicht geschlagen werden dürfen.

Auch in der Schweiz wissen viele Eltern, dass sie ihre Kinder nicht schlagen sollten. Doch wenn ein Baby nicht aufhören will zu schreien, ein Kleinkind einen Wutanfall bekommt und ein Schulkind frech wird, kommen viele an ihre Grenzen. Schnell sind sie überfordert und wollen in dem Moment trotzdem alles richtig machen. Doch was Eltern tun können, statt ihr Kind anzuschreien oder es zu schlagen, wissen sie meist nicht. Experten an der Fachtagung plädierten deshalb dafür Eltern in der Erziehung zu begleiten, sie darin zu bestärken, auf ihr Bauchgefühl zu vertrauen. Denn manchmal lastet ein unheimlicher Druck auf den Eltern, alles richtig machen zu müssen. «Es muss nicht immer alles perfekt sein, gut genug ist auch richtig», fasste Maria Mögel vom Marie Meierhofer Institut die Ergebnisse einer Gruppendiskussion zusammen. Zudem bräuchten Eltern ein Netzwerk, das sie in stressigen Situationen unterstützt. Das könnten Grosseltern, Nachbarn, aber auch ein Verein sein.

Die Präsidentin des Kinderschutzes Jacqueline Fehr ermunterte in ihrem Schlusswort alle dazu, einen Beitrag zu leisten, die gesellschaftliche Haltung gegenüber Gewalt in der Erziehung zu ändern. Denn die Politik in der Schweiz sei nicht so avantgardistisch wie in Schweden. Deshalb müsse die Gesellschaft beginnen.

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