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Teil 2 - Erziehung ohne Strafen: Logische Folgen sind der Schlüssel zum Erfolg

Strafen sind oft erfolgreiche und rasch anzuwendende Mittel, um schwierige oder gar überbordende Situationen im Erziehungsalltag zu meistern. Welchen Preis Eltern aber dafür zahlen müssen und warum logische Folgen der Schlüssel zum Erfolg sind, erklärt die Individualpsychologische Beraterin Martina Wieland.

Erziehung: Statt ein Kind zu strafen, sollten Sie logische Folgen anwenden.

Versuchen Sie im Erziehunsgalltag auf Strafen zu verzichten. Foto: Stockbyte, Thinkstock

Nennen wir die uns bekannten Strafen beim Namen:

  • Zimmerarrest
  • ohne Znacht ins Bett
  • TV-, PC-, Playstation- etc. Verbot
  • nicht mehr draussen spielen dürfen
  • Sackgeldentzug
  • den Teller leer essen müssen
  • Handy  abgeben müssen
  • Staubsaugen, Schuhe putzen, etc.
  • Liebesentzug
  • Sätze 100 mal auf ein Blatt schreiben
  • Belohnungen wieder abgeben müssen

Nicht zu vergessen die «kleinen Handgreiflichkeiten»:

  • einen Klaps geben
  • am Ohr ziehen
  • die Haare «zwirbeln»
  • Wegschupfen
  • an den Kleidern reissen
  • «Fuditätsch»
  • Kneifen
  • am Arm ziehen
  • Schütteln
  • eine Ohrfeige

Vielleicht haben Sie und Ihr Kind schon die eine oder andere der oben genannten Bestrafung kennen gelernt? Sei es, weil Ihr Kind eine Strafaufgabe aus der Schule mit nach Hause brachte, die Sie dann unterschreiben mussten? Oder Sie haben die eine oder andere Methode schon selbst angewendet oder im Zusammensein mit anderen Eltern und deren Kinder beobachten können? Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Weshalb Strafen langfristig gesehen nicht die erwünscht Wirkung haben

Bestrafungen lösen keine positiven Gefühle aus. Das Kind fühlt sich erniedrigt, blossgestellt, hilflos, allein, ausgeschlossen, verletzt. Es reagiert mit Zorn, Wut, Rachegedanken oder mit Trauer, Selbsthass und - im schlimmsten Fall - mit Resignation. Dann hat man zwar ein pflegeleichtes angepasstes Kind, doch zu welchem Preis? Ein solch fatales Gemisch von Gefühlen und Gedanken kann kaum zur Entwicklung von positiven Eigenschaften wie Selbstsicherheit und Mut beitragen!

Positive Eigenschaften, die wir unseren Kindern wünschen

Wir alle wollen nur das Beste für unsere Kinder. Wenn Sie sich Ihre Tochter oder Ihren Sohn als junge Erwachsene vorstellen – welche positiven Eigenschaften sollten sie Ihrer Meinung nach haben? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit um für sich eine kleine Liste zu erstellen.

Ich vermute, darunter sind Eigenschaften wie: selbstsicher, mutig, loyal, freundlich, hilfsbereit, aufmerksam, humorvoll, eigenverantwortlich, offen für Neues, lernfreudig, rücksichtsvoll, durchsetzungsfähig, liebevoll, respektvoll, stark... um nur einige zu nennen.

Die meisten Erwachsenen wissen, dass Strafen nicht zur Entwicklung dieser positiven Eigenschaften beitragen.  Sie fühlen sich, nachdem sie ein Kind bestraft haben, erwiesenermassen alles andere als entspannt und glücklich. Bevor Sie sich nun mit negativen Gedanken plagen - «Ich bin eine Rabenmutter!» – «Wieso hab ich meine Kinder nicht besser im Griff?» – «Ich bin ein Versager.» -  sollten Sie besser zu Ihrem Kind hingehen (natürlich erst wenn die Emotionen sich gelegt haben!), mit ihm zusammen die Situation klären und sich entschuldigen. Kinder sind unendlich grosszügig, wenn Sie bereit sind Fehler einzugestehen und an sich selbst zu arbeiten!

Wenn ihr Kind beim Essen trödelt, wäre die Logische Folge eine Eieruhr.

Wenn ein Kind beim Essen trödelt und immer zu spät kommt, können Sie ihm eine Eieruhr hinstellen, damit es sieht, wieviel Zeit noch bleibt. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Selbstverständlich ist eine Friede-Freude-Pustekuchen-wir-haben-uns-alle-suuuuper-lieb- Erziehung undenkbar! Zu einem Alltag mit Kindern gehören Auseinandersetzungen, heftige Gefühle, Grenzüberschreitungen und Tränen ganz normal dazu. 

Logische Folgen sind der Schlüssel, um erzieherische Herausforderungen auf positive und ermutigende Art zu meistern:

  1. Logische Folgen sind logisch, einleuchtend, sofort verständlich.
  2. Logische Folgen sind immer logisch mit dem Fehlverhalten verknüpft.
  3. Logische Folgen befassen sich nur mit dem, was gerade jetzt geschieht.
  4. Logische Folgen enthalten kein Element moralischen Urteils.
  5. Logische Folgen haben nichts mit Macht zu tun.
  6. Logische Folgen sind sachlich und beruhigen den Sturm der Emotionen.
  7. Logische Folgen verbessern die Beziehung.

Fünf Beispiele für logische Folgen aus dem Erziehungsalltag

Morgens ist Simon (9) im Schneckentempo unterwegs, mit dem Resultat, dass er immer ermahnt werden muss, damit er nicht zu spät kommt. Logische Folge: Auf dem Frühstück steht eine Eieruhr, die die Zeit anzeigt, die ihm noch bleibt. Er ist selbst verantwortlich für sein Pünktlichsein. Da die Lehrerin bestimmt etwas zu sagen hat, wird er höchstens ein- bis dreimal zu spät kommen.

Mehmet (5) verlegt dauernd seine Sachen. Die ganze Familie muss ihm beim Suchen helfen. So hält er alle auf Trab. Logische Folge: Mehmet ist wie jedes Familienmitglied selbst verantwortlich für seine Sachen. Hilft man ihm nicht mehr mit Suchen, wird er sich früher oder später dazu entscheiden sich die Plätze, an denen er seine Sachen hinlegt, zu merken und sie so wieder finden.

Leonie (7) hat keine Lust ihre Hausaufgaben zu machen (genau genommen ein Teil ihres Schülerinnen-Jobs). Logische Folge: Der Vater bereitet kein Zvieri für Leonie zu, weil er auch keine Lust hat (obwohl das Teil seines Papa-Jobs ist). Sind die Hausaufgaben gemacht, dann kann man gemeinsam das Zvieri geniessen.

Wenn Emma (14) nach Hause kommt, schmeisst sie ihre Jacke, Mütze, den Pullover einfach im Entrée auf den Boden, anstatt sie aufzuhängen. Logische Folge: Ihr die Kleider vor die Zimmertüre legen. Da sind sie ihr selber im Weg und nicht der ganzen Familie. Bald wird sie sich selbst über den Haufen auf ihrer Schwelle nerven und die Kleider in der Garderobe aufhängen.

Nuria (4) will ihre Zähne nicht putzen. Jeden Morgen und jeden Abend das gleiche Drama! Logische Folge: Nuria muss die Zähne ab sofort nicht mehr putzen. Da aber alle Arten von Süssigkeiten und Milchprodukte schlecht sind für die Zähne, muss sie darauf verzichten. Es wird wohl höchstens ein paar Tage dauern, bis sie ihre Zähne gerne wieder putzt.

Hier können Sie mehr zum Thema Erziehung ohne Strafen und Logische Folgen erfahren

  • Buchtipp: «Kinderkram – Kindererziehung fängt mit Selbsterziehung an» von Claudia und Holger Przybyla. Ein praktisches Buch mit vielen Beispielen, wie man ohne Strafen erziehen kann.

Text: Martina Wieland

Martina Wieland ist psychologische Beraterin.Martina Wieland ist seit 2006 als Individualpsychologische Beraterin tätig. Sie ist Mitglied der SGIPA (Schweizerischen Gesellschaft für Individualpsychologie nach Alfred Adler) und der SGfB (Schweizerische Gesellschaft für Beratung). Im Zürcher Seefeld bietet sie unter anderem Erziehungsberatungen und Beratungen bei Burnout an. Zuvor arbeitete sie als Mittelstufenklassenlehrerin in Zürich und im Kanton Aargau.

Mehr über Martina Wieland erfahren Sie auf ihrer Webseite unter www.wieweiter.com

 

Wie gelingt es Ihnen, Ihre Kinder ohne Strafen zu erziehen? Schreiben Sie uns. Hier geht es zum Kommentarbereich. Und hier zum Forum Gewalt in der Erziehung.