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«Das Leben ist kein Zuckerschlecken!» Warum Sie Ihre Kinder nicht verwöhnen sollten

Am besten gewöhnt man Kinder früh daran, dass Anstrengung zum Leben dazu gehört, erklärt der Schweizer Pädagoge Andreas Müller. Das kann auch für die Eltern unbequem sein.

Das Leben ist kein Zuckerschlecken; Kindererziehung auch nicht.

Zuckerwatte sollte die Ausnahme bleiben. Bild: iStock - Getty Images Plus

In Ihrem neuen Buch «Schonen schadet» beklagen Sie eine «fürsorgliche Belagerungskultur» der Eltern, die Kindern die Chance nimmt, selbst an den «Zumutungen des Lebens» zu wachsen. Wieso muten Eltern ihren Kindern heute nichts mehr zu?

Weil wir immer weniger Kinder haben, stehen sie immer mehr im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Und weil es uns heute materiell auch viel besser geht, können wir unsere Kinder auch viel mehr verwöhnen. Einfach mal «Nein» zu sagen, ist viel schwieriger geworden, weil es viel mehr Verlockungen gibt.

Was passiert mit Kindern, die zu sehr verwöhnt werden?

Inzwischen leben wir in einer Gesellschaft, in der es immer selbstverständlicher wird, dass es uns gut geht. Kurzfristig mag das angenehm sein, langfristig schadet es. Menschen brauchen Herausforderungen, um sich zu entwickeln. Das sieht man beispielsweise körperlich sehr gut: Je weniger ich mich bewege, desto schlechter ist es um meinen Körper bestellt. Grundsätzlich sind Menschen auch zufriedener, wenn sie gefordert werden.

«Das Leben ist kein Zuckerschlecken», schreiben Sie. Wo fehlt es den Kindern denn am meisten an Saurem?

Als ich in die Schule ging, war es beispielsweise normal, dass man nach dem Unterricht und in den Ferien im Haushalt oder in der Landwirtschaft mithalf. Wenn man sich etwas wünschte, musste man sich das erarbeiten. Durch die technische und mediale Entwicklung müssen sich Kinder heute aber immer weniger für etwas anstrengen. Hinzu kommt, dass das heutige Zeitmodell der Schulen der veränderten Lebenssituation keine Rechnung trägt.

Auf das gesamte Jahr gerechnet verbringen Schüler in der Schweiz durchschnittlich jeden Tag nur drei Stunden in der Schule. Was machen sie aus der frei gewordenen Zeit, in der sie nicht mehr im Haushalt mithelfen müssen? Kinder gewöhnen sich immer mehr daran, in ihrer Freizeit nichts zu tun und Medien zu konsumieren. Beides hat nur kurzfristig einen angenehmen Effekt und fördert eine oberflächliche Einstellung zum Leben.

Welchen Tipp würden Sie Eltern geben, damit Kinder lernen ihre Zeit sinnvoller zu nutzen?

Das Beste, was man Kindern mitgeben kann, sind gute Gewohnheiten. Das hat den geringsten Aufwand und wirkt am nachhaltigsten. Denn Zweidrittel unseres Alltagverhaltens wird durch Gewohnheiten gesteuert. Beispielsweise sollten sich Kinder nicht daran gewöhnen mit dem Auto zur Schule gebracht zu werden, Kinder sollten das Zufussgehen als normal empfinden.

Übergewicht und zu wenig Bewegung sind ein gesellschaftliches Problem, dass Sie besonders umtreibt. Wie lässt sich der Trend zur Bequemlichkeit wieder umkehren?

Wir wissen: sich zu bewegen, sich sportlich zu betätigen, das tut gut. Wir wissen aber auch: es ist anstrengend. Deshalb braucht es ein Bekenntnis zur Freude an der Anstrengung. Das fällt am leichtesten, wenn sich zu bewegen und sich anzustrengen zur Gewohnheit werden.

Auch ein wichtiges Thema für Sie als Schulleiter; Kinder bekommen heute immer häufiger Medikamente bei auffälligem Verhalten verschrieben. Vor allem bei einer ADHS-Diagnose. Warum sind Sie kein Fan davon?

Die Medizin bring viel Segenreiches. Meine Frage ist vielmehr: Müsste man nicht viel früher eingreifen? Hätten andere Lebensgewohnheiten wie viel Bewegung, eine gesunde Ernährung oder ein anderer Umgang mit Widerständen nicht eine viel nachhaltigere Wirkung? Mit dieser Frage verbindet sich auch ein Auftrag an die Erwachsenen, der auch sehr unbequem sein kann.

Was können Eltern tun, wenn sich schlechte Angewohnheiten bei den Kindern bereits eingeschlichen haben?

Sicher ist, dass es für Eltern heute viel schwieriger ist ihre Kinder zu guten Gewohnheiten anzuhalten, da es unglaublich viele Verlockungen gibt. Deshalb sollte man einerseits möglichst früh ein bewusstes Verhalten vorleben. Das heisst, sich beispielsweise bewusst zu machen, dass das, was ich jetzt esse oder die Zeit, in der ich mich nicht bewege, mich später wieder einholt. Der Coupe sollte die Ausnahme sein, nicht die Regel! Denn je regelmässiger, desto schwieriger wird es damit umzugehen. Andererseits ist es auch eine Frage der Einstellung. Wenn ich Anstrengung als Aufwand begreife, werde ich versuchen, dem auszuweichen. Wenn ich es aber als etwas Cooles begreife, mache ich es auch viel lieber.

Zur Person

Andreas Müller ist Gründer und Leiter des Instituts Beatenberg, eine der innovativsten Modellschulen der Schweiz. Müller ist daneben Autor verschiedener pädagogischer Bücher. Jetzt erscheint sein neues Buch «Schonen schadet. Wie Eltern ihre Kinder verziehen».