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Weshalb Allan Guggenbühl Kinderarbeit in der Schweiz fordert

Der Psychologe Allan Guggenbühl will, dass sich im Umgang mit Kindern viel ändert. Deshalb fordert er die Einführung der Kinderarbeit ab 9 Jahren in der Schweiz. Denn er ist der Meinung, dass Kinder ein Recht auf Arbeit haben.

Kinderarbeit in der Schweiz statt Schule? Allan Guggenbühls Forderung.

Langeweile in der Schule? Dagegen könnte laut Allan Guggenbühl Kinderarbeit in der Schweiz helfen. Foto: Courtneyk, E+, Getty Images Plus

Allan Guggenbühl kennt sich aus mit den Bedürfnissen Schweizer Kinder und Jugendlicher. Der Psychologe und Experte für Jugendgewalt veröffentlicht Bücher, spricht auf Podien und wird mitunter als «Jugenderklärer der Nation» betitelt.

Nun hat er ein Buch geschrieben, das den gegenwärtigen Umgang mit Kindern auf den Prüfstand stellt. Der Titel lautet: «Für mein Kind nur das Beste». Der Untertitel: «Wie wir unseren Kindern die Kindheit rauben». Der Inhalt ist polarisierend.

Der Psychologe hat einen aussergewöhnlichen Vorschlag: Er fordert die Einführung der Kinderarbeit in der Schweiz ab 9 Jahren.

Wie Kinderarbeit in der Schweiz aussehen könnte

Und nicht nur das: An den Kinderarbeitstagen soll der Schulbesuch ausfallen. An ein bis zwei Tagen pro Woche sollen die Kinder Geld verdienen können, zum Beispiel indem sie Lager einräumen oder Zeitungen austragen. Das bedeutet: Die Buben und Mädchen würden nur noch an drei oder vier Tagen in die Schule gehen.

«Das Verbot der Kinderarbeit ist heute ein Mittel, Kinder und Jugendliche vom Leben auszuschliessen und sie in die Anpassungstempel zu verbannen», schreibt er. Und weiter: «Sie sollen ihre Zeit damit verbringen, die Vorgaben der «Alten» zu übernehmen und zu gehorchen. Aus psychologischer Sicht ist diese Stellung schwer zu ertragen.»

Der Psychologe argumentiert, Kinderarbeit verhelfe zu Selbstwertgefühl und Geld sei auch für Kinder Macht, Erlebnis und Prestige.

Allan Guggenbühl fordert Kinderarbeit in der Schweiz

Allan Guggenbühl ist ein Schweizer Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Jugendgewalt. Er hat zahlreiche Fachbücher und Artikel zu Konfliktmanagement, Gewaltprävention, Bildung sowie Jungen- und Männerarbeit geschrieben.

Allan Guggenbühl, Ihr Vorschlag, Kinderarbeit in der Schweiz einzuführen, ist ein Schocker und hat bis jetzt vor allem ablehnende Reaktionen in den Medien ausgelöst. Das müssen Sie doch geahnt haben. Was ging in Ihnen vor, als Sie diesen Vorschlag aufgeschrieben haben?

Allan Guggenbühl: Ich habe nicht an die Reaktionen gedacht. Die Idee ist aus meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen heraus entstanden. Kinder und Jugendlichen sagen mir immer wieder, dass sie sich in diesem Bereich diskriminiert fühlen.

Aber Kinderarbeit wurde aus gutem Grund verboten. Kinder haben ein Recht auf Bildung. Wollen Sie das nun einschränken?

Allan Guggenbühl: Ich rede nicht von Zwangsarbeit, sondern von freiwilligen Einsätzen. Sie soll auch nicht die Bildung ersetzen. Aber Kinder sollten sich am Erwerbsleben beteiligen dürfen, wenn sie das möchten, und nicht bloss Pseudotätigkeiten wie Tafel putzen oder Tische decken übernehmen, bei denen ihnen keine Verantwortung übertragen wird.

Trotz Kinderarbeit ein freies Wochenende

Der Psychologe stellt sich die Kinderarbeit in der Schweiz so vor: Für begrenzte Zeiträume von mehreren Wochen oder Monaten könnten Kinder ab 9 Jahren an einem Tag pro Woche arbeiten, ab 12 Jahren an zwei Tagen pro Woche. Das Wochenende soll für die Freizeit reserviert bleiben.

Seinen Vorschlag hat er bereits ausgetestet. Als Experte für Konfliktmanagement berät er Schulen und interveniert bei schwierigen Klassensituationen. Es gehört zum Berufsalltag des Psychologen, neue Wege im Umgang mit Schulverweigerern, rebellischen Kindern und ratlosen Lehrern zu finden.

Welchen konkreten Effekt können ein oder zwei Arbeitstage pro Woche auf Schüler haben?

Allan Guggenbühl: Viele Kinder blühen in der Schule auf. Aber andere erdulden den Unterricht bloss, vor allem wenn sie 12 Jahre und älter sind. Ich habe einmal mit einer ganzen Klasse gearbeitet, die nicht mehr in die Schule gehen wollte. Die Schüler konnten sich dann eine Arbeit für ein bis zwei Tage pro Woche suchen. Die Wirkung war sensationell. Sie waren auch in der Schule viel motivierter, weil sie gemerkt haben, dass sie mit ihrer Arbeit einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Einer hat zum Beispiel in einer Autogarage mitgearbeitet, jemand anderes im Service.

Sie sagen, Kinder sollen durch die Arbeit Verantwortung übernehmen. Aber das ist doch bei kleinen Hilfstätigkeiten kaum möglich.

Allan Guggenbühl: Es geht darum, dass Missgeschicke geschehen können und das Kind Verantwortung fürs eigene Handeln übernimmt. Ich habe einmal mit Kindern an einem Stand Ballons aufgeblasen, die sie dann verkauft haben. Zwei von ihnen, die sonst sehr problematisch waren, haben einen unglaublichen Einsatz gezeigt. Die Ballons können platzen, wenn sie zu voll sind, oder der Verschluss könnte sich lösen und dann wäre der Kunde unzufrieden. Sie hatten die alleinige Verantwortung. Kein Erwachsener hat die einzelnen Ballons noch einmal überprüft. Deshalb haben sie sich sehr viel Mühe gegeben.

Warum nicht soziale Kinderarbeit?

Man könnte kritisieren, dass die Kinder und Jugendlichen ausgerechnet Ballons verkaufen, Lager einräumen oder Zeitungen austragen sollen. Warum liegt der Fokus bei der möglichen Kinderarbeit in der Schweiz nicht auf sozialen Tätigkeiten? Besteht am Ende die Gefahr, dass die Wirtschaft billige Arbeitskräfte gewinnt, der gesellschaftliche Nutzen aber gering bleibt?

Allan Guggenbühl, die Kinder könnten doch auch alten Menschen Bücher vorlesen oder mit Behinderten spazieren gehen, um Geld zu verdienen.

Allan Guggenbühl: Das ist eine Möglichkeit, doch es muss sich nicht um einen sozialen Einsatz handeln. Hauptsache ist, dass die Arbeit bezahlt wird und die Kinder wirklich Verantwortung  übernehmen. Sie sind zuständig. Aber es geht doch darum, dass Kinder auch den Teil unserer Gesellschaft erleben, in dem sie ihren Beitrag leisten können. Tätigkeiten in allen Bereichen sollten möglich sein, nicht nur im sozialen Feld. 

Was ist so schlimm daran, bei der Kinderarbeit soziale Tätigkeiten in den Vordergrund zu stellen? Wäre das nicht eine sinnvolle Wertevermittlung?

Allan Guggenbühl: Wir sind eine kapitalistische Gesellschaft, ob uns das gefällt oder nicht. Man muss Geld verdienen, um zu leben und zu erleben. Wir müssen unsere Kinder auch auf diese Realität vorbereiten und nicht so tun, als wäre alles gratis. Kinder sind nicht blöd. Sie sehen Uhrenläden, Klamottengeschäfte, Supermärkte. Sie wissen: Man hat in unserer Gesellschaft nur eine Funktion, wenn man arbeitet und Geld hat.

Viele Erwachsene stehen einem harten Kapitalismus skeptisch gegenüber.

Allan Guggenbühl: Ich auch! Wir leben jedoch in einer Welt, in der der Einsatz für die Gemeinschaft entlohnt wird und man bezahlen muss, wenn man etwas will. Wir leben nicht Clangemeinschaften, wo alle sich kennen und gegenseitig helfen. Die Erwachsenen neigen dazu, ihre Ideale auf Kinder zu projizieren. Wir verpassen es so, die Kinder auf das Leben vorzubereiten und die Problematiken unserer Gesellschaft zu erkennen. Kinder und Jugendlichen werden infantilisiert, von der Realität des Lebens ausgeschlossen.

Was die UN-Kinderrechtskonvention sagt

Wer das Beste für seine Kinder will, lässt sie arbeiten, wenn sie das wollen – dafür tritt Allan Guggenbühl in seinem Buch ein. Aber ist das rechtlich überhaupt möglich? In der UN Kinderrechtskonvention ist Kinderarbeit nicht explizit verboten.

Dort steht: «Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes an, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringen, die Erziehung des Kindes behindern oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen könnte.»

Die Staaten sollen dafür «ein oder mehrere Mindestalter für die Zulassung zur Arbeit festlegen». Wie hoch das Alter ist und welche Tätigkeiten als kindgerecht betrachtet werden, ist nicht genau geregelt. In der Schweiz dürfen Jugendliche ab 13 Jahren jobben. Allan Guggenbühls Einschätzung: «Für viele ist das zu spät.»

Allan Guggenbühls neues Buch heisst Für mein Kind nur das Beste

Allan Guggenbühls neues Buch heisst «Für unsere Kinder nur das Beste» und ist im orell füssli Verlag erschienen. ISBN: 978-3-280-05692-9

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