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Erschöpft und depressiv: Burnout bei Jugendlichen

Wenn von einem Burnout die Rede ist, denkst du vielleicht zuerst an Erwachsene, die sich im Job aufreiben. Doch auch Kinder und Jugendliche können in einen Zustand geraten, in dem nichts mehr geht: Sie sind über längere Zeit erschöpft, wirken niedergeschlagen oder ziehen sich zurück. Auslöser können Leistungsdruck, soziale Belastungen oder auch eine konfliktreiche Trennung der Eltern sein.

Ein Jugendlicher bei der Erledigung der Hausaufgaben.
Wenn der Leistungsdruck zu hoch wird, erleiden manche ein Burnout: Ein Jugendlicher bei der Erledigung der Hausaufgaben. (Bild: Monkey Business Images/iStock, Thinkstock)

Leistungsdruck in der Schule und im Sport, eine belastende Situation zu Hause oder Probleme mit Freund:innen: Viele Jugendliche erleben heute Phasen, in denen sie sich dauerhaft überfordert fühlen. Im Alltag wird dafür oft das Wort «Burnout» verwendet. Fachlich wird bei Kindern und Jugendlichen aber genauer hingeschaut: Hinter Erschöpfung können unter anderem eine depressive Episode, eine Angststörung, ein Anpassungsproblem nach belastenden Ereignissen, Schlafmangel oder auch körperliche Ursachen stecken. Wichtig für dich als Elternteil: Du musst nicht zuerst «die richtige Bezeichnung» finden. Entscheidend ist, wie lange die Beschwerden dauern, wie stark sie den Alltag beeinträchtigen und ob Warnsignale dazukommen.

In der Schweiz zeigen Daten, dass psychische Belastungen im Jugendalter häufig sind. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) berichtete bereits, dass ein relevanter Anteil der Kinder und Jugendlichen depressive Symptome zeigt. Heute raten Fachstellen zudem besonders dazu, bei anhaltender Erschöpfung auch Schlaf, Bildschirmzeiten, Stressoren in Schule/Lehre und mögliche Konflikte im sozialen Umfeld systematisch mitzuprüfen.

Burnout bei Jugendlichen: Gesellschaft sensibilisiert

«Tu nicht blöd und mach vorwärts», hiess es früher oft, wenn ein Jugendlicher melancholisch und bedrückt war. Heute sind viele Eltern und Pädagog:innen sensibilisierter. Wenn Eltern wahrnehmen, dass Erschöpfung schon im Kinder- und Jugendalter auftreten kann, suchen sie oft früher Unterstützung. Dadurch werden Schwierigkeiten zwar häufiger sichtbar – das bedeutet aber nicht automatisch, dass es «mehr Erkrankungen» geben muss, sondern auch, dass Warnsignale besser erkannt werden.

Leistungsdruck verursacht Burnout bei Jugendlichen

Die Ursachen für Erschöpfung und depressive Symptome sind vielfältig. Zu den wesentlichen Faktoren gehören Leistungsdruck und anhaltender Stress, den Jugendliche in der Schule, in der Lehre, im Sport oder auch im Elternhaus erleben. Manchmal ist schwer zu erkennen, woher der Druck genau kommt: Häufig spielt auch die Peergroup eine Rolle. In der Pubertät vergleichen sich Jugendliche stärker, eifern sich gegenseitig nach und wollen «mithalten» – bei Noten, Aussehen, Sport oder Beliebtheit. Zusätzlich können Perfektionismus und unrealistische Erwartungen (auch befeuert durch Social Media) Stress verstärken: Wer das Gefühl hat, ständig funktionieren zu müssen, verliert eher den Zugang zu Erholung, Freude und Selbstwirksamkeit.

Stressige Trennungen belasten enorm

Auch komplizierte Trennungsgeschichten sind für Kinder und Jugendliche sehr belastend. Streit, Abwertungen und Loyalitätskonflikte können das Sicherheitsgefühl erschüttern und das Risiko für psychische Probleme erhöhen. Besonders schwierig ist es für Jugendliche, wenn sie das Gefühl haben, zwischen Mutter und Vater wählen zu müssen oder wenn ein Elternteil versucht, den anderen aus dem Leben des Kindes zu drängen.

Hilfreich ist, dir immer wieder bewusst zu machen: Wenn du den anderen Elternteil vor dem Kind abwertest, trifft das dein Kind oft mitten ins Selbstbild. Viele Jugendliche erleben sich als «halb Mama, halb Papa» – Kritik an einem Elternteil kann sich für sie wie Kritik an ihnen selbst anfühlen. Eine faire, möglichst konfliktarme Trennung (und klare Abmachungen, die nicht ständig neu verhandelt werden) nimmt spürbar Druck aus dem System.

Burnout bei Jugendlichen: Weitere Faktoren

Meist sind es mehrere Faktoren, aus denen sich Depression und Erschöpfung entwickeln. Neben Leistungsdruck, Perfektionismus und schwierigen Trennungen können auch Mobbing, Traumatisierungen und Misshandlungen Auslöser oder Verstärker sein. Solche Erfahrungen wirken auf das Selbstwertgefühl, das Vertrauen in andere und das Gefühl von Sicherheit. Auch individuelle Vulnerabilität spielt eine Rolle: Manche Jugendliche bringen von Anfang an mehr psychische Widerstandskraft mit, andere brauchen früh mehr Stabilisierung, gute Bindungserfahrungen und verlässliche Unterstützung.

Burnout, Depression oder «nur» Erschöpfung? So unterscheidest du es grob

Viele Eltern fragen sich: «Ist das noch eine Phase – oder brauchen wir Hilfe?» Eine grobe Orientierung kann dir helfen, ohne dass du selbst diagnostizieren musst. Leitlinien aus dem deutschsprachigen Raum betonen: Entscheidend sind Dauer, Schweregrad und Funktionsniveau (also: Was geht im Alltag noch, was nicht mehr?).

Dauer, Funktionsniveau, Interessenverlust vs. Überforderung

Diese Fragen können dir eine erste Einordnung geben:

  • Dauer: Hält die Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Erschöpfung über mindestens zwei Wochen fast täglich an?
  • Funktionsniveau: Schafft dein Kind Schule/Lehre, Hobbys, Freundschaften und Alltagspflichten deutlich schlechter als vorher – oder gar nicht mehr?
  • Interessenverlust: Sind Dinge, die früher Freude gemacht haben, plötzlich «egal» (Rückzug, kein Antrieb, «nichts macht Spass»)?
  • Körperliche Zeichen: Kommen Schlafprobleme, anhaltende Bauch- oder Kopfschmerzen, Appetitveränderungen oder starke Erschöpfung dazu?
  • Gedankenwelt: Wirkt alles aussichtslos, stark selbstabwertend oder hoffnungslos?

Bei «Überforderung ohne Interessenverlust» kann es sein, dass Stress, Schlafmangel, Prüfungsphasen oder Konflikte im Vordergrund stehen. Bei einer Depression stehen oft anhaltende gedrückte Stimmung oder deutlicher Interessenverlust plus weitere Symptome im Zentrum. Das Wort «Burnout» kann im Familienalltag als Beschreibung passen, ersetzt aber keine Abklärung, wenn dein Kind leidet oder der Alltag kippt. 

Wann du sofort handeln solltest

Warte nicht ab, wenn eines dieser Zeichen auftritt:

  • Dein Kind spricht über Suizid, «nicht mehr da sein wollen» oder Selbstverletzung – auch «nebenbei».
  • Es gibt konkrete Pläne, Abschiedsbriefe, Verschenken wichtiger Dinge oder eine plötzlich «ruhige» Stimmung nach langer Verzweiflung.
  • Starke Verwahrlosung, massive Schlaflosigkeit über Tage, deutlicher Gewichtsverlust oder Substanzkonsum als Bewältigungsversuch.
  • Akute Gewalt zu Hause oder ausserhalb, oder du hast Sorge um unmittelbare Sicherheit.

In einer akuten Krise gilt: Lieber einmal zu früh Hilfe holen als einmal zu spät.

Was Eltern tun können

Nicht immer ist es leicht zu entscheiden, wann dein Kind fachkundige Hilfe benötigt. Manche Verstimmung hängt mit einem konkreten Problem zusammen, das sich nach einer Zeit wieder legt. Auch die Pubertät kann vorübergehend zu Rückzug, Stimmungsschwankungen und Unsicherheit führen, ohne dass eine Behandlung nötig ist.

Unterstützung ist dann wichtig, wenn «Aufmuntern», Ablenken und Aktivieren über Wochen nicht mehr greifen, oder wenn körperliche Beschwerden (Kopfweh, Bauchweh), Schlafstörungen oder plötzlich auftretende Schulprobleme dazukommen. Dann ist es sinnvoll, mit deinem Kind eine erste medizinische oder psychologische Abklärung zu machen – zum Beispiel beim Kinderarzt oder bei einer Therapeut:in. Leitlinien empfehlen zudem, körperliche Ursachen (z.B. Eisenmangel, Schilddrüsenprobleme) mitzuprüfen, wenn Erschöpfung im Vordergrund steht.

Was Eltern konkret tun können 

Wenn dein Kind erschöpft wirkt, kannst du in den ersten zwei Wochen viel tun, ohne gleich alles umzukrempeln. Ziel ist: Druck reduzieren, Sicherheit erhöhen, Schlaf stabilisieren und Unterstützung aktivieren.

Konkretes Tool: «Belastungsbarometer» 

Setzt euch einmal täglich (z.B. nach dem Abendessen) kurz zusammen. Dein Kind bewertet die Belastung auf einer Skala von 0 bis 10.

  • 0–3: gut stabil / Alltag möglich
  • 4–6: angespannt / braucht Entlastung und klare Struktur
  • 7–8: kritisch / aktiv Hilfe organisieren, kurzfristig Termine suchen
  • 9–10: Krise / sofortige Unterstützung

Dazu drei feste Fragen (ohne Diskussion, nur zuhören):

  • «Was hat heute am meisten Energie gezogen?»
  • «Was hat heute auch nur ein wenig geholfen?»
  • «Was brauchst du von mir bis morgen: mehr Ruhe, mehr Struktur oder mehr Nähe?»

Du erkennst damit Muster (z.B. bestimmte Fächer, Trainings, Social Media, Konflikte) und siehst, ob es besser oder schlechter wird. Das hilft auch bei Gesprächen mit Ärzt:innen oder der Schule.

Druck rausnehmen ohne alles fallen zu lassen 

Viele Eltern schwanken zwischen «Zähne zusammenbeissen» und «alles stoppen». Oft ist ein dritter Weg am wirksamsten: gezielt entlasten, aber Grundstruktur halten.

  • Wählt 1–2 Prioritäten für die nächsten 14 Tage (z.B. Anwesenheit in der Schule an drei fixen Tagen, oder nur die wichtigsten Prüfungen).
  • Pausiert Zusatzstress (z.B. vorübergehend weniger Trainings, weniger Nebenjob-Stunden, weniger Verpflichtungen am Wochenende).
  • Teilt Aufgaben: Du übernimmst Organisatorisches (Telefonate, Termine), dein Kind übernimmt nur kleine, machbare Schritte.
  • Formuliert «minimal machbar» statt «perfekt»: «Heute reichen 20 Minuten Lernzeit plus Abgabe» kann realistischer sein als ein kompletter Nachmittag.

Wichtig: Mach den Plan gemeinsam, nicht über den Kopf deines Kindes hinweg. Das erhöht Kooperation und Selbstwirksamkeit.

Schlaf, Bewegung, Tagesstruktur – die grossen Hebel

Schlaf ist bei Erschöpfung und depressiven Symptomen ein zentraler Hebel. Die BZgA betont in ihren Empfehlungen zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen die Bedeutung von regelmässigem Schlaf, Bewegung, verlässlicher Struktur und unterstützenden Beziehungen als Schutzfaktoren (BZgA, 2024).

  • Schlafrhythmus stabilisieren: möglichst konstante Aufstehzeit, auch am Wochenende (kleine Abweichung ist ok). Kein «Ausschlafen bis mittags» als Dauerlösung.
  • Runterfahren am Abend: 30–60 Minuten vor dem Schlafen eher ruhig; wenn möglich Bildschirmzeit reduzieren und Benachrichtigungen aus.
  • Tageslicht und Bewegung: täglich nach draussen, idealerweise vormittags; Bewegung muss kein Sport sein (Spaziergang, Velo, kurzer Weg zur Schule).
  • Regelmässig essen und trinken: Unterzuckerung und unregelmässige Mahlzeiten verstärken Reizbarkeit und Erschöpfung.

Wenn Schlafstörungen stark sind (z.B. Einschlafzeit über Stunden, häufiges Erwachen, Albträume über Wochen), lohnt sich eine frühzeitige Abklärung.

Gespräch mit Schule/Lehrbetrieb

Warte nicht, bis alles eskaliert. Ein kurzes, sachliches Gespräch kann Entlastung bringen. Du kannst sagen:

  • «Unser Kind ist im Moment gesundheitlich stark belastet. Wir möchten für die nächsten 2–4 Wochen einen reduzierten Plan, damit es stabil bleiben kann.»
  • «Welche Anpassungen sind möglich: weniger Prüfungen, Fristverlängerungen, Teilpensum, Lernzielanpassungen, Pausenregelungen?»

Hilfreich ist, konkrete Abmachungen schriftlich festzuhalten (wer, was, bis wann) und nach zwei Wochen gemeinsam zu prüfen. Bei Jugendlichen in der Lehre kann auch die Berufsbildner:in eine wichtige Rolle spielen, wenn es um vorübergehende Anpassungen und realistische Erwartungen geht.

Vertrauen zwischen Therapeut und Jugendlichem wichtig

Ein Grundpfeiler der Behandlung ist Vertrauen zwischen Therapeut:in und Patient:in. Dazu gehört: zuhören, ernst nehmen, Verständnis zeigen und signalisieren: «Hier darfst du sein, wie du bist.» Auch Zuverlässigkeit ist wichtig. Und ja: Die «Chemie» muss stimmen. Wenn dein Kind sich bei einer Fachperson gar nicht öffnen kann, darfst du (nach Rücksprache) einen Wechsel anregen. Das ist nicht «undankbar», sondern manchmal nötig, damit Therapie wirken kann.

Behandlung von «Burnout» bei Jugendlichen

Zu Beginn versucht die Fachperson, das Problem einzugrenzen: Was genau belastet, seit wann, welche Symptome sind da, was hilft, was verschlechtert es? Eltern werden – je nach Alter und Situation – einbezogen. Bei Kindern können Zeichnungen oder andere kreative Methoden helfen, Gefühle auszudrücken.

Als wirksame Ansätze gelten insbesondere Psychotherapie-Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie; je nach Situation können auch familienbezogene Interventionen zentral sein. Leitlinien empfehlen ausserdem, Schweregrad und Risiko (z.B. Suizidalität) systematisch zu erfassen und die Behandlung daran auszurichten (AWMF, 2022). In manchen Fällen kann zusätzlich eine medikamentöse Behandlung erwogen werden – dies gehört zwingend in die Hand von spezialisierten Ärzt:innen und wird bei Jugendlichen sorgfältig abgewogen.

Hilfe in der Schweiz: Wegweiser

Viele Familien erleben: Einen Termin zu bekommen, kann dauern – vor allem bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das BAG beschreibt seit einigen Jahren eine angespannte Versorgungslage und Engpässe in der psychischen Gesundheitsversorgung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Wenn du Wartezeiten befürchtest, ist es sinnvoll, mehrere parallele Wege zu nutzen (medizinische Abklärung, schulnahe Angebote, Beratung, Gruppenprogramme), statt nur auf «den einen» Termin zu warten.

Hausarzt/Kinderarzt als Start

Der Kinderarzt oder die Hausärztin ist oft der beste erste Schritt: Dort kannst du körperliche Ursachen mitprüfen lassen, eine erste Einschätzung zur Dringlichkeit erhalten und dich gezielt weiterweisen lassen (Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Abklärungsstellen). Nimm – wenn möglich – dein «Belastungsbarometer» oder eine kurze Symptomliste mit (seit wann, wie oft, was ist anders als früher).

Schulpsychologischer Dienst/Schulsozialarbeit

Schulnahe Angebote können früh unterstützen, besonders wenn der Stress stark mit Schule, Klasse oder Mobbing zu tun hat. Schulsozialarbeit kann bei Konflikten und Entlastung im Alltag helfen, der Schulpsychologische Dienst bei Abklärungen und bei der Koordination mit Lehrpersonen. Diese Wege sind oft schneller verfügbar und können die Zeit bis zur spezialisierten Behandlung überbrücken.

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